Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Hambruch >

Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 44
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
Schließen

Navigation:

42. Das Makassarische Aschenbrödel

Vor alten Zeiten lebten einmal sieben Schwestern. Die wohnten im Lande Banteng auf Süd-Celebes. Als die Eltern gestorben waren, bekam die älteste Schwester die Schlüsselgewalt. Sie hielt Ordnung im Hauswesen und wies täglich ihre Geschwister an, was sie tun sollten.

Die Jüngste hatte die niedrigsten Arbeiten zu verrichten und mußte jeden Tag das Feuerholz in die Küche schaffen.

Eines Tages badete sie im Flusse. Da fing sie einen Djulungdjulung-Fisch. Sie nahm ihn mit und setzte ihn in ein Wasserbecken, das sich vor der Grotte Tja-lindo-lindo befand. Täglich fütterte sie den Fisch. Sie gab ihm die Hälfte ihrer Reismahlzeit. Und wenn sie ihn rief, sang sie:

»Djulung-djulung, komm zu mir,
Schönen Reis, den reich' ich dir,
Wurd' mit Milch gewaschen hier!«

Hörte der Fisch das Liedlein, kam er sogleich nach oben und verzehrte seine Mahlzeit. So erhielt der Fisch jeden Morgen von dem Mädchen sein Futter; er wuchs und gedieh und war bald so lang wie ein Kopfkissen geworden. Aber, o weh! Die Schwestern merkten nur zu bald, daß die Jüngste von Tag zu Tag magerer wurde. Sie konnten sich dies nicht erklären; um die Ursache herauszubekommen, verabredeten sie sich, die Jüngste genau, aber heimlich, in ihrem Tun und Treiben zu beobachten.

Und bald hatten sie es heraus, daß sie stets die Hälfte ihres Essens dem Fische gab und selber daher immer dünner wurde. Nun vermag niemand zu sagen, ob sie aus reiner Schwesterliebe dem Einhalt tun wollten, oder ob nicht der prächtige Djulungdjulung- Fisch ihre Begierde wachrief. Kurz und gut. Eines Tages fingen sie den Fisch und aßen ihn heimlich auf. Als am andern Morgen die Jüngste wieder nach der Grotte von Tja-lindo-lindo ging, um ihren Fisch zu füttern, sang sie wieder:

»Djulung-djulung, komm' zu mir,
Schönen Reis, den reich' ich dir,
Wurd' mit Milch gewaschen hier!«

Diesmal kam der Fisch nicht, und das Mädchen wartete vergeblich auf sein Erscheinen. Traurig und verzweifelt kehrte sie heim. Sie hüllte sich in ihren Sarong und schlief Tag und Nacht.

Eines Morgens wurde sie durch das Krähen eines Hahnes geweckt. Der erzählte ihr, daß die traurigen Überbleibsel ihres Fisches, die Gräten, in der Küche versteckt wären. Sie stand sofort auf, suchte nach den Gräten, und als sie die gefunden hatte, bestattete sie die Reste neben der Grotte von Tja-lindo-lindo. Dabei sang sie:

»Djulung-djulung wachse hier, wachse hier im Raume,
Werde zum prächtigen Baume;
Mögen deine Blätter dann fallen hin nach Java,
Wird sie sammeln dann ein König, ja der König von Java!«

Alsbald wuchsen die Gräten zu einem Baum zusammen, dessen Stamm Eisen, dessen Blätter Seide, dessen Dornen Nadeln, dessen Blüten Gold und dessen Früchte Diamanten wurden. Als der Baum groß geworden war, fiel auch ein Blatt, ganz so, wie es das Mädchen gewünscht hatte, auf die Insel Java. Wie das schöne Blatt vor den König gebracht wurde, faßte er gleich den Entschluß, das Land, in dem ein so prächtiger Baum wuchs, zu besuchen. Er machte sich also auf nach Celebes, und als er auf der Insel herumstreifte, traf er eines Tages auch auf den Wunderbaum von Tja-lindo-lindo. Gern hätte er da erfahren, wie es um diesen Baum bestellt war; seine Erkundigungen blieben sämtlich ohne Ergebnis.

Doch bekam er die Auskunft, daß in der Nähe sieben Schwestern wohnten, die ihm vielleicht etwas von dem Baume erzählen könnten. Er ließ die Mädchen vor sich kommen.

Die sechs ältesten Schwestern erschienen; wie der König sie nun aber über den Baum ausfragen wollte, vermochte keine ihm darüber etwas mitzuteilen.

Als der König nun so gar nichts erfahren konnte, fragte er zum Schlusse, ob sie vielleicht nicht noch eine Schwester hätten und wo die wäre. Da antworteten die Sechse: »Ja, wir haben noch eine Schwester. Sie ist die Jüngste. Sie ist im Hause, denn sie ist ein rechter Einfaltspinsel, der nur im Hause Bescheid weiß.«

Da ließ der König das Mädchen herbeiholen.

Und siehe da, welch' ein Wunder! Als es kam, neigte sich der Baum tief vor ihm zur Erde. Und das Mädchen pflückte einige Blätter und Früchte ab und überreichte sie dem König als Geschenk.

Der war ob dieses Wunders so erstaunt und über die Aufmerksamkeit so erfreut, daß er die Jüngste fragte, ob sie seine Frau werden wollte. Das Mädchen sagte ja. Es wurde die Gemahlin des Königs von Java. Und beide kehrten dann heim in ihr Reich. Auch die sechs anderen Schwestern durften mit dem Könige und der Königin reisen.

 << Kapitel 43  Kapitel 45 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.