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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 43
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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41. Die Geschichte einer Frau, die zum Manne und darauf König wurde

Es war einmal ein armer Mann, der heiratete eine Frau, die war ebenfalls sehr arm. Nach einigen Monaten bekam die Frau ein kleines Mägdlein; doch schon nach einigen Tagen starb der Vater, der Mann der armen Frau.

Als das Kind groß geworden war, sah es, daß seine Mutter eine arme Frau war. Und so sprach das Kind zur Mutter: »Sag', weshalb sind wir so arm? Immer müssen wir dasselbe essen, das ist doch nicht mehr zu ertragen.«

Die Mutter antwortete: »Deine Mutter hat es nie anders gekannt, weder früher noch heute.« Das Kind sagte: »Sei lieb und kaufe mir Stoff für ein Kleid.« Und die Mutter erwiderte: »Gut.« Sie kaufte Stoff für zwei Kleider, der war schwarz, und schenkte ihn ihr. Das Mädchen schnitt ihn zu und nahm sich dabei die Kleidung der Soldaten zum Muster. So machte es sich ein Wams und eine Hose. Dann sagte es zu seiner Mutter: »Sei lieb und schneide mir das Haar ab.« Die Mutter erwiderte: »Was soll das nützen?« Das Mädchen bat nochmals: »Bitte, schneide mir das Haar ab.« Da die Mutter nun die Bitten nicht immer wieder hören wollte, tat sie ihm den Gefallen.

Dann zog das Mädchen die Kleider an, die es sich genäht hatte, und ging zum König. Als sie beim Palaste war, fragte es: »Kann der Herr König mich als Soldat gebrauchen?« Der König sagte: »Ja, wenn du willst, kannst du bei mir Soldat werden.«

Nun hatte der König eine Tochter, die war ungewöhnlich schön, so daß viele Männer sie schon zur Frau begehrt hatten; sie hatte aber niemand leiden mögen.

Da geschah es eines Morgens in aller Frühe, daß die Soldaten auszogen und vor den Palast des Königs marschierten. Dabei bekam die Prinzessin auch den neuen Soldaten zu sehen. Und sie sagte zu ihrem Vater: »Vater, den da möchte ich zum Mann haben, niemals werde ich einen anderen heiraten.« Dabei zeigte sie auf den neuen Soldaten.

Als der König das gehört hatte, ließ er sogleich den Soldaten kommen und sagte zu ihm, daß er die Prinzessin heiraten sollte, einmal, weil der König es wollte, dann, weil es noch mehr der Wunsch der Prinzessin war. Als sie miteinander vermählt waren, ernannte der König seinen Schwiegersohn, den neuen Soldaten, zum Befehlshaber.

Einige Monate waren verstrichen, da begab die Prinzessin sich in den Palast ihres Vaters und erzählte ihm, wie es ihr in der Ehe erging. Und sie sagte zum Könige und ihrer Mutter: »Es ist herrlich, daß ich die Frau des neuen Soldaten geworden bin, aber... noch nicht einmal haben wir uns wie rechte Eheleute lieb gehabt.«

Darob wurde der König sehr besorgt und sann auf ein Mittel, wie er wohl die Ehe seines Kindes zu lösen vermöchte. Da fiel ihm ein, daß sich im Osten, da, wo die Sonne aufging, eine Stadt befand, die von Menschenfressern bewohnt wurde. Wer sich dorthin begeben hatte, war nie wieder heimgekehrt. Daher sandte der König den Mann seiner Tochter mit einigen Soldaten aus, die sollten sich nach dieser Stadt im Lande, wo die Sonne aufging, begeben, um ihm eine Flasche Lebenswasser zu holen.

Sie marschierten also nach dem Osten ab. Nach einigen Tagen kamen sie dort an. Als er bei dem Palaste des Königs ankam, nahm man ihn nicht gefangen, sondern die Leute behandelten den neuen Soldaten mit großen Ehren, er trug ja königliche Gewänder. Und als er mit seinen Gefährten gegessen und getrunken hatte, rüstete er sich, nachdem er auch eine Flasche mit dem Wasser des Lebens zum Geschenk bekommen hatte, zur Heimkehr. Sie hatten den Weg zur Hälfte zurückgelegt, da kamen sie mit ihrer Wegzehrung zu kurz. Und der Schwiegersohn des Königs sagte: »Wir wollen auf diesem Weg, den wir auf der Herreise benutzen, nicht weiter gehen, sondern wollen weiter ins Land hineinmarschieren.« Als sie so geradeaus gingen, kamen sie nach dem Hüttchen einer Witwe. Doch die Witwe war nicht zu Hause, sie holte aus ihrem Garten Kräuter. Daher warteten sie ein Weilchen in der Hütte. Und da sahen sie einen Topf mit Reis, den hatte die Witwe aufs Feuer gesetzt, damit er gar würde. Weil nun die Eigentümerin nicht da war, aßen sie den Reis schnell auf. Und als sie damit fertig waren, verließen sie eilig die Hütte und setzten ihren Weg weiter fort. Als sie an den Gartenzaun kamen, hörten sie die Witwe schreien. Sie verfluchte die Diebe und rief: »Fluch über die, welche mir den Reis aufgegessen haben! Wenn es Männer sind, sollen sie Weiber werden, und sind es Weiber, sollen sie Männer werden.« Da wurden die Soldaten bange, als sie das Rufen der Witwe vernahmen. Sie besahen sich und merkten, daß der Fluch der Witwe in Erfüllung gegangen war: die Soldaten waren zu Weibern und aus ihrem Befehlshaber war ein Mann geworden. Lachend und doch verwundert, setzten sie ihre Reise fort.

Als sie beim Palaste des Königs ankamen, händigten sie ihm das Geld und die Flasche mit dem Lebenswasser ein, die sie aus dem Lande, wo die Sonne aufging, geholt hatten. Der König war darüber sehr verwundert, denn er sah, daß alle, die er ausgesandt hatte, wiedergekommen waren, nicht einer fehlte.

Nach einigen Tagen begab sich die Prinzessin wieder zu ihrem Vater und erzählte ihm, daß sie in ihrer Ehe nun vollauf glücklich wäre, denn ihr Ehegemahl wäre doch ein wirklicher Mann. Der König war darüber so erfreut, daß er seinem Schwiegersohn nun einen hohen Rang verlieh. Und als er alt wurde, legte er seine Würde nieder, und der Mann seiner Tochter wurde an seiner Stelle König. So wurde die Tochter der armen Witwe König. Und das ist wirklich geschehen. Aus!

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