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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 40
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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38. Teile, und dann herrsche!

Ein armer Mann, namens Mektir, besaß nur ein winziges Stück Land, auf dem er sich ein kleines Häuschen gebaut hatte. Es lag außerhalb des Dorfes. Das Landstück war wohl klein, doch der Boden war fruchtbar, und der Eigentümer bewirtschaftete ihn so gut, daß der Ertrag ihn mit den Seinen, einer Frau und zwei Kindern, reichlich versorgte. Rund um seinen kleinen Besitz hatte er Bananen gepflanzt und auf dem Felde gedieh allerlei Grünzeug, auch Früchte, die er von seiner Frau in der nahe gelegenen Stadt verkaufen ließ; mit dem Gelde wurden all' die anderen Dinge eingekauft, die nun einmal zu des Leibes Notdurft und Nahrung nötig sind.

Eines Morgens sah Mektir, wie vier Männer an seinem Zaune standen, ein Santri, ein Priesterschüler, ein Dukun, ein Arzt, ein ehemaliger Pradjurit, ein Soldat, und ein Orang tani, ein Bauer; sie zogen von einem Dorf zum andern, um Gelder für eine Pilgerfahrt nach Mekka ans Heilige Grab zusammenzubetteln. Jeder trug ein besonderes Gewand; so wußte man, welchem Berufe sie nachgingen. Denn früher war jedermann an seiner besonderen Berufskleidung kenntlich. Rücksichtslos taten sie sich, als ob es ihr gutes Recht war, an den großen Bananen, den pisang radja, gütlich, welche schon gelb zu werden anfingen.

»Was macht ihr hier?« fragte Mektir.

»Das siehst du doch,« antwortete lachend der Orang tani, »Wir futtern deine leckern Bananen.«

Da der Räuber aber vier waren, konnte er als einzelner Mann nicht daran denken, sie fortzujagen. Er wohnte zu einsam, um die Dorfpolizei herbeirufen zu können, um so mehr, weil seine Frau mit den Kindern schon auf den Markt gegangen war. Obendrein wußte er nur zu gut, daß die Dorfpolizei den umherziehenden heiligen Bettlern nichts anhatte, und für einen so armen Kerl wie ihn würde sie überhaupt keinen Finger rühren.

Er gab dem Orang tani keine Antwort, sondern wandte sich an die drei andern. Er verneigte sich tief vor ihnen und sagte: »Erlauchte Herren! Ihr erweist mir eine hohe Ehre, da ihr mein Land betretet, aber nun seid so gut und helft mir, diesen Lumpenkerl, den Orang tani, von meinem Felde zu jagen. Er paßt ja ganz und gar nicht in eure Gesellschaft.«

Die Worte schmeichelten den andern; sie stimmten ihm zu und warfen den Orang tani hinaus, was natürlich nicht ohne etliche Püffe und Stöße abging; er verzog sich eilig in der Richtung nach dem Dorfe.

Mektir ließ die drei sich nun einen Augenblick ausruhen; dann sagte er:

»Edle Herren, ihr glaubt gar nicht, wie ich mich freue, daß ihr hierher gekommen seid; nun können wir doch einmal ordentlich eins schwatzen. Ein Dukun und ein Santri – das ist ja die Verbrüderung der irdischen und himmlischen Wissenschaft! Aber was nun den gewesenen Pradjurit betrifft... paßt auf, ich glaube, der frißt die dicksten, besten, reifsten Bananen auf. Was bleibt aber dann für meine beiden hochgelehrten und geehrten Gäste übrig?«

Die beiden Gelehrten stimmten dem Mektir zu, der gewesene Pradjurit wäre wirklich ein Gierschlund, da er das Beste für sich nahm; so machte es Mektir wenig Mühe, die beiden Gelehrten gegen ihn aufzuhetzen und sie mit dem ehemaligen Pradjurit zu entzweien. Die Folge davon war, daß dieser frühere Diener des Königs ziemlich unsanft über den Zaun gesetzt wurde. Er machte sich schleunigst aus dem Staube.

Als er um die Wegebiegung verschwunden war, überlegte Mektir einen Augenblick, wie er nun wohl die beiden andern loswerden konnte.

Er tat, als ob er in dem Dukun einen alten Bekannten wiedersähe. »Was!« rief er, »seid Ihr nicht der Dukun, an dessen Kräutertränken ich mir beinahe einmal den Tod geholt hätte?« »Ich?« fragte der Dukun, »das ist ja das erste Mal, daß ich Euch überhaupt sehe.«

»Nein! Ihr lügt. Jedenfalls ist es jemand Euresgleichen gewesen; woher habt Ihr denn Eure Weisheit, jemand wieder gesund zu machen; Ihr seid nichts wert. Ich berufe mich auf diesen heiligen Mann; sagt, ist es nicht wahr, daß der Himmel allein uns Gesundheit geben kann?«

»Das mag wohl sein,« antwortete der Dukun, »aber ohne Medizin wird es gewiß nicht besser.«

Da mischte sich der Santri in das Gespräch und gab Mektir recht. Der verstand es, den Santri gehörig gegen den Dukun einzunehmen, und zum Schluß jagten beide den Dukun über den Zaun; verärgert und gekränkt trollte er sich von dannen.

Als der Dukun verschwunden war, dachte Mektir: »Was mußt du nun aussinnen, um diesen ausgehungerten Blutsauger los zu werden?« In dem Augenblick kam ein Bekannter und wollte etwas Gemüse von ihm kaufen. Das gab ihm Mut und in barschem Ton fragte er den Santri:

»Verbietet das Gesetz nicht, das Gut eines andern zu nehmen?«

»Das ist so, mein Sohn,« antwortete der Santri.

»Warum ißt du dann die Bananen, die dir gar nicht gehören?« Darauf wußte der Santri keine Antwort zu geben, und da er merkte, daß der Bekannte Mektirs ihn alles andere als freundlich ansah, erhob er sich schnell und machte, daß er wegkam.

So entledigte sich der Schlaue der vier Räuber und befolgte das Sprichwort: »Teile, und dann herrsche.«

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