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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 38
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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36. Recht muß Recht bleiben

Es war einmal ein Mann, der lebte im Süden, in Mazingong; er wurde Bua duho der Starke genannt. Er war ein großer Häuptling und besaß ein Kissen voller Nüsse, durch deren Rasseln er seine Mithäuptlinge erschreckte, wenn sie sein Haus betraten. Und ebenso machte er es mit allen starken Jünglingen. Der Zweck des Kissens war, die Wahrheit zu hehlen und das Recht zu beugen.

Eines Tages sandte Bua duho der Starke seine Leute aus, um Hühner zu stehlen. Da man sie im Dorfe gesehen hatte, wurden Boten an Bua duho den Starken abgefertigt, die sollten ihm sagen: »Bua duho, deine Leute haben uns Hühner gestohlen; wir sahen, wie sie sie griffen, und kommen nun als Abgesandte der Häuptlinge von Mazingong, um mit dir die Buße zu bereden.« Bua duho der Starke gab ihnen keine Antwort. Er lag in seinem Schlafgemach auf dem Deckel eines Schreins und schlief auf dem Nuß-Kissen. Da erhoben sie ihre Stimme nochmals und riefen: »Bua duho, hör' an! Wir sind die Gesandten der Häuptlinge von Mazingong und wollen uns die Entschädigung für den Diebstahl deiner Leute holen.« Hierauf erhob sich Bua duho der Starke und schlug auf das Kissen mit den Rasselnüssen, um die starken Jünglinge in die Flucht zu schlagen. Als die Gesandten das Rasseln vernahmen, erhoben sie sich von ihren Sitzplätzen und suchten ihr Heil in der Flucht. Sie begaben sich zum Gonzong, dem Bußeneinnehmer, und erzählten ihm, wie es ihnen im Hause des Bua duho ergangen wäre. »Wir wissen nicht,« sagten sie, »womit er in seinem Hause aufschlug, aber wir erschraken und fürchteten uns so sehr, daß wir die Flucht ergriffen.« Sie wußten ja nichts von dem Kissen mit den Rasselnüssen, mit dem man die Wahrheit hehlte und das Recht beugte.

Wieder sandte Bua duho der Starke Diebe in ein anderes Dorf. Wieder wurden sie von den Leuten gesehen, und als man ihnen das gestohlene Gut abnehmen wollte, sagten sie: »Wir sind Gesandte von Bua duho dem Starken.« Da ließ man ihnen den Raub. Er verhärtete aber sein Herz. Die Häuptlinge von Mazingong sandten zum andern Male starke Jünglinge als Boten. Als sie den Hauptraum im Hause Bua duhos betraten, redeten sie ihn an, doch er antwortete ihnen nicht. Viermal forderten sie ihn auf, herauszukommen und Sühne für den Diebstahl zu leisten; er hüllte sich in Schweigen. Und schließlich schlug er auf das Kissen mit den Rasselnüssen, das die Wahrheit hehlte, und die Gesandten flohen aufs neue. Alle Leute, die davon hörten, wunderten sich sehr; sie begriffen nicht, weshalb die Gesandten wegliefen, wenn sie das Rasseln vernahmen. Neunmal schickte der bestohlene Häuptling seine Boten; doch Bua duho der Starke kümmerte sich gar nicht darum; er hatte ja das Mittel, die Wahrheit zu hehlen und das Recht zu beugen.

Zum dritten Male schickte Bua duho der Starke Menschenräuber ins Dorf. Auch sie wurden bemerkt. Und die Häuptlinge von Mazingong hielten einen Rat ab und fragten: »Wer will jetzt als Gesandter zum Bua duho gehen?« Da meldeten sich zwei starke Jünglinge Tabalonga li und Mangaraza, die sagten: »Wir wollen gehen und ihn uns erst einmal ansehen.« Jeder nahm einen großen Schild in die Hand, der war eine Spanne dick, und ein Schwert mit einem breiten, kräftigen Rücken, eine Lanze mit neun Widerhaken; sie zogen eine elffache Panzerjacke an und setzten einen kupfernen Helm auf. Als sie ihre Rüstung instand gesetzt hatten, begaben sie sich auf den Hof Bua duho des Starken. Dort lärmten und tobten sie mit den Schilden und Waffen und wollten Bua duho bange machen. Er sollte zu ihnen auf den Hof kommen. Doch der fürchtete sich nicht; er saß ja auf dem Deckel seines Schreins. Wieder riefen sie: »Komm doch herunter, du Menschenräuber! Du sollst Buße zahlen. Gibst du sie nicht, dann nehmen wir sie, gibst du sie freiwillig, nehmen wir sie auch.« Bua duho saß auf dem Deckel seines Schreins; es fiel ihm gar nicht ein, zu antworten. Wieder erhoben sie ihre Stimme, stiegen auf die Leiter; doch er antwortete ihnen nicht. Nun begaben sie sich in den Mittelsaal des Hauses und schlugen dermaßen mit den Waffen aufeinander, daß das ganze Haus erbebte. Bua duho rührte sich nicht. Da riefen sie wieder: »Bua duho, du Starker, komm doch heraus, Freundchen!« Nun schlug er kräftig auf den Deckel des Schreins, so daß das Nußkissen rasselte. Als die Gesandten den Lärm vernahmen, entsetzten sie sich ob des Getöses; sie liefen davon, sprangen eilends die Leitern hinunter und machten, daß sie wegkamen. Alle waren darüber erschrocken, wunderten und fürchteten sich. Da sagte Gonzong, der Bußeneinnehmer: »Leute von Mazingong, sorgt euch nicht; ich weiß ein Mittel. Wir wollen ihm die Wahrheit entgegenstellen. Großvater Henga'afo soll zum Bua duho gehen und die Buße für den Menschenraub einfordern. Die Zeichen der Wahrheit soll er mitnehmen, das geaichte Pikul-Maß, das gekerbte Schweinemaß, das Gewicht in Hühnchenform, einen Probierstein für Gold und die Schildpattwage. Damit begibt er sich vor seine Tür. Das vierkantige Schweinemaß legt er oben über die Tür, die Wagschalen hängt er auf, das Pikulmaß stellt er hin und tut das Gewicht in Hühnchenform samt dem Probierstein hinein. Wenn du dich vor die Tür stellst, Henga'afo, mache kein Geräusch; er soll dich nicht hören, erst wenn du dich auf deinem Sitzplatz niedergelassen hast, dann rufe ihn. Binde auch ein Seil um deine Brust, befestige es an den Gitterstäben seines Hauses und klammere dich mit den Füßen daran fest, damit du keinen Schreck bekommst.« Was war nun mit Großvater Henga'afo? Das Alter hatte seinen Rücken tief gebeugt; seine Nägel waren zweimal um seine Finger herumgewachsen, wenn er baden wollte, mußte man ihn ins Wasser tragen. Doch Großvater Henga'afo ging. Er nahm das besagte Pikulmaß, das Gewicht in Hühnchenform, das gekerbte Schweinemaß, den Probierstein und die Wagschalen. Als er beim Hause von Bua duho angelangt war, machte er kein Geräusch, weder unten im Hofe, noch auf der Leiter, noch im Hauptsaal des Hauses. Er setzte das Pikulmaß unter die Tür, legte das Schweinemaß darüber und brachte das Gewicht in Hühnchenform samt Wagschalen und Probierstein so unter, wie man ihm geheißen hatte. Als alles seinen rechten Ort gefunden hatte, begab er sich auf einen Sitzplatz, band sich mit einem Seile fest und klammerte sich mit den Füßen an die Gitterstäbe, damit er nicht weggeschleudert wurde.

Dann rief er: »O, Bua duho, du Starker! Du hast Menschen geraubt, ich komme, um von dir Buße zu fordern!« Doch Bua duho antwortete nicht; er lag auf dem Schreindeckel in seiner Schlafkammer. Zweimal rief Großvater Henga'afo nach ihm, doch er gab keine Antwort. Nun rief er nochmals, und als Bua duho ihn hörte, rasselte er mit den Nüssen auf dem Schreindeckel. Aber Großvater Henga'afo erhob sich nicht; auf ihn machte das Getöse keinen Eindruck, er rief nur um so mehr und lauter. Viermal rasselte Bua duho mit dem Kissen, doch Großvater Henga'afo blieb sitzen. Da erhob sich Bua duho, nahm Panzer, Schwert, Lanze, Helm und Schild, waffnete sich und wollte Großvater Henga'afo umbringen. Er sprang von seinem Schrein herunter und stürzte zur Tür heraus. Da stolperte er über das Pikulmaß, das gekerbte Schweinemaß legte sich ihm quer vor die Brust, die Hängsel der Wagschalen banden ihm die Hände, das Gewicht in Hühnchenform und der Probierstein wurden ihm zu Fußangeln. Da schrie Bua duho der Starke auf und rief: »Großvater, mach' mich los! Ich vergehe. So etwas habe ich noch nie erlebt und gesehen.« Henga'afo antwortete bedächtig: »Das macht das geaichte Pikulmaß, das unsere Väter uns übermittelten, das ist das Gegenmittel gegen das böse Kissen mit den Rasselnüssen, womit du die Leute fortjagst, wenn sie zu dir kommen.« Darauf erwiderte Bua duho der Starke: »Nun, ich will Sühne leisten, wie es sich gehört; ich will das Recht nicht ins Unrecht verkehren, befreie mich nur von den Fesseln, damit ich leben bleibe. Das Gute ist doch besser als das Schlechte, das Gerade besser als das Krumme.« Also geschah es. Henga'afo gab Bua duho den Starken los, und Bua duho zahlte seine Buße. Recht muß Recht bleiben.

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