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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 25
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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23. Wie Allah die guten und schlechten Taten der Menschen richtet

Eines Tages erhielt der Engel Djabaraël von Allah den Auftrag, als Mensch auf die Erde niederzusteigen und zwei Brüder zu besuchen. Der eine war sehr fromm und ein eifriger Diener Allahs, der andere war ein Räuber, der sich auch nicht im geringsten um die Gebote Allahs bekümmerte.

Djabaraël suchte zuerst den frommen Mann auf, der bereits vierzig Jahre lang ein einsames Klausnerleben führte und die Vorschriften Allahs sehr strenge einhielt. Der fromme Bruder empfing den Mensch gewordenen Engel gerade nicht sehr freundlich. Er bot ihm wohl eine Schlafstätte an, gab ihm auch einige Früchte, doch bekümmerte er sich sonst nur wenig um den Gast. Er vertiefte sich wieder in seine Gebete und kam seinen Pflichten als Wirt also recht schlecht nach.

Djabaraël verabschiedete sich daher bald wieder von dem frommen Gastgeber, der so wenig mit ihm gesprochen hatte, und begab sich zum anderen Bruder.

Der Räuber erwies seinem Besucher alle Höflichkeiten und bot ihm die weitgehendste Gastfreundschaft an. Djabaraël weigerte sich jedoch, sein Gast zu sein. Der Räuber bezeugte darob sein tiefstes Bedauern und nahm sich vor, den Besucher nachts unbemerkt zu bewachen.

Der Räuber behielt den Fremdling im Auge, und als er sah, daß er sich auf dem nackten Erdboden unterm bloßen Himmel zur Ruhe niedergelegt hatte und eingeschlafen war, spannte er eine Leinwand über dem Unbekannten aus, der somit also zum Gaste des Räubers wurde.

Als Djabaraël erwachte, freute er sich innerlich über das gute Herz seines Wirtes und beschloß, ihn ferner auf die Probe zu stellen.

Wie nun die Essensstunde herangekommen war, nötigte der Räuber seinen Gast, mit ihm zu essen; doch der weigerte sich und schützte ein Gelübde vor, nur von einem Gericht genießen zu dürfen, in dem sieben Herzen gekocht wären.

»Gut,« meinte der Räuber, »dann will ich Euch ein solches Gericht bereiten lassen, damit Ihr nicht hungrig von dannen geht.«

Der Räuber besaß fünf Ziegen; die ließ er schlachten und aus den fünf Herzen ein Gericht kochen. Das bot er seinem Gaste an, doch der wollte nichts davon essen, weil nur fünf Herzen darin gekocht waren.

Nun wußte der Räuber keinen Rat. Er besaß keine anderen Tiere, die er hätte schlachten können; schließlich dachte er an seine beiden Söhne, die draußen vor der Tür spielten. Was sollte er tun? Der Kampf zwischen seiner Vaterliebe und dem Wunsch, seinem Gaste eine Wohltat zu erweisen, war schwer. Und so beschloß er denn, seine beiden Söhne zur Wahrung der Gastfreundschaft zu töten.

Und zum andern Male bot er dann seinem Gaste, diesmal mit einem recht betrübten Gesichte, das Gericht an, in das er die Herzen der beiden Kinder getan hatte.

Der Engel hatte alles gesehen. Er griff nicht gleich zu, sondern bat seinen Wirt, seine beiden Söhne herbeizurufen, damit sie gemeinsam das Mahl verzehrten. Unter Tränen bekannte nun der Räuber seinem Gaste, daß er die beiden Söhne hätte töten lassen, um die Herzen zu bekommen, ohne die das Gericht nicht hätte gekocht werden können. Er hätte außer den fünf geschlachteten Ziegen kein anderes Viehzeug gehabt. Und das Verlangen seines Gastes hätte er so nur durch den Tod seiner beiden Söhne erfüllen können.

Der Engel tat, als ob er sehr böse wäre. Er ließ sich zu den entseelten Körpern der beiden Söhne führen, erweckte sie vor den Augen des ganz verstörten Vaters zu neuem Leben und verschwand. Auch die Ziegen liefen wieder im Grase herum. Das Gericht mit den sieben Herzen war ebenfalls verschwunden.

Djabaraël berichtete Allah, was er alles gesehen und erlebt hatte.

Als dann Allah die Taten der beiden Brüder gegeneinander abgewogen hatte, sandte er Djabaraël nochmals zu ihnen, um ihnen zu verkünden, was er von ihnen dächte.

»Ihr,« sagte Djabaraël zu dem frommen Bruder, der Allah seit vierzig Jahren gedient hatte, »wißt, daß Frömmigkeit eitel ist. Und wenn Ihr Allah hundert Jahre lang anbetet, könnt Ihr doch seine Gnade nicht erwerben, denn Ihr habt nicht gelernt, das Gebot der Gastfreundschaft zu achten.«

»Ihr dagegen,« sprach er zum Räuber, »habt sogar Eure Kinder hingegeben, um das Gebot der Gastfreundschaft zu befolgen, wie Allah es lehrt. Eure Missetaten sind Euch vergeben und nach Eurem Tode dürft Ihr Swarga, den Himmel, betreten, denn wißt, der Gast war Allah selber.«

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