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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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18. Die Schöpfungsgeschichten der Javaner

1. Wie die Naturgläubigen sie erzählen

Als Ridjalu 'l Ghahib den Himmel, Sonne, Mond und die Erde erschaffen hatte, beschloß er, nachdem er in geraumer Zeit alle Vorbereitungen getroffen hatte, auch für Lebewesen auf der Erde zu sorgen; so wollte er denn Menschen schaffen.

Er nahm ein wenig Lehm und knetete daraus eine menschliche Gestalt. Darauf rief er einen der von ihm erschaffenen Geister, um der Gestalt Leben zu geben, und setzte ihn in das Haupt des Wesens. Die Lehmform war jedenfalls zu schwer, denn der Geist konnte sie nicht tragen; sie fiel hin und zerschmetterte auf dem Boden in tausend Stücke; und da die Form durch den Geist bereits beseelt gewesen war, so besaß jede Scherbe Leben. Sie verbreiteten sich über die Erde und wurden zu den scheusäligen bösen Geistern, denen die Menschen hernach den Namen Teufel gaben.

Der Schöpfer bedachte sich und merkte, daß er dem von ihm gebildeten Wesen keine Lebenskraft gegeben hatte, die doch nötig war, damit es als ordentlicher Mensch wirken konnte; und so formte er ein neues Gebilde aus Lehm, das war besser als das erste; er gab ihm das Aussehen eines Mannes und die Kraft der Dreieinigkeit, nämlich: das lelembutan und das adji, d.i. das Leben und das Gemüt; die juni und die perwatek, d.i. den Willen und den Charakter; den sukma und den jiwa, d.i. den Geist und die Seele. Als er dem Wesen diese Eigenschaften verliehen hatte, wurde es lebendig, und der Mensch war erschaffen.

Der Schöpfer verfiel nun wieder in Nachdenken und meinte: »So habe ich also den Mann erschaffen, doch vermag er allein nicht die Erde zu bevölkern. Ich will ihm also eine Djodo, eine Gemahlin, geben, damit er sich ihres Besitzes erfreut.«

Und als nun der Schöpfer ein Gebilde schaffen wollte, das zur Frau werden sollte, da merkte er, daß all der Stoff bei der Bildung des ersten mißglückten Wesens aufgebraucht worden war. Doch wußte der Schöpfer sich nach ernstlichem Nachdenken zu helfen und dem Manne eine schöne Gattin zu erschaffen.

Er nahm die Rundung des Mondes, das Winden der Schlange, das Umarmen der Schlingpflanzen, das Zittern des Grases, die Schlankheit der Gerte, den Duft der Blumen, die Leichtigkeit und Beweglichkeit der Blätter, den Blick des Rehs, die Freundlichkeit und Fröhlichkeit des Sonnenstrahls, die Geschwindigkeit des Windes, die Tränen der Wolken, die Zartheit der Flaumfedern, die Schreckhaftigkeit eines Vogels, die Süßigkeit des Honigs, die Eitelkeit des Pfaus, die Schlankheit der Schwalbe, die Schönheit des Demantens und das Girren der Turteltaube. Alle diese Eigenheiten mengte er durcheinander und bildete daraus ein weibliches Wesen, dem er auch die vorhin schon genannten Eigenschaften verlieh. Und als es Leben geworden, da übertraf es alle Schöpfungen an Anmut, Liebreiz und Schönheit. Der Schöpfer gab das Wesen dem Manne zum Weibe, damit nunmehr die Erde bevölkert werde.

Nach einigen Tagen kam der Mann zu Ridjalu 'l Ghahib und sagte:

»Herr, die Frau, die Ihr mir gabt, vergiftet mir das Leben. Sie schwatzt, ohne aufzuhalten, sie nimmt meine ganze Zeit in Anspruch, sie klagt bei den geringsten Anlässen und ist alleweil krank.«

Da nahm der Schöpfer die Frau wieder zu sich, um den Gatten zu schlagen. Schon nach einer Woche kam der Mann wieder und sagte:

»Herr, ich bin einsam, seit Ihr mir die Frau fortnahmt. Sie tanzte und sang bei mir. Ich muß immerfort daran denken, wie lieblich sie mich ansehen und liebkosen konnte, wie schön sie mit mir spielte und bei mir Schutz suchte.«

Da gab der Schöpfer ihm die Frau zurück.

Kaum waren drei Tage vergangen, war der Mann wieder beim Schöpfer, um Klage zu führen.

»Herr,« sagte er, »ich verstehe es einfach nicht; und wenn ich darüber nachdenke, dann fühle ich, daß die Frau mir mehr Ärger als Freude macht. Bitte, befreie mich von ihr.«

Aber der Schöpfer sprach zu ihm:

»Tu nur dein Bestes. Damit du im Einverständnis mit deiner Frau lebst und du sie leiden kannst, soll sie dir gehorsam sein.«

Doch der Mann antwortete hoffnungslos:

»Ich kann nicht mit ihr zusammenleben.«

»Kannst du denn ohne sie leben?« fragte der Schöpfer.

Da ließ der Mann bekümmert das Haupt auf die Brust sinken und sagte:

»Weh' mir! Ich kann nicht mit ihr, aber auch nicht ohne sie leben.«

 

2. Wie die Buddhisten sie erzählen

Drei Menschenarten waren geschaffen, und da sie unvollkommen waren, wieder vernichtet worden; nun betraute Brahma Wischnu mit der Schöpfung der vierten Menschenrasse. Die Gottheit fuhr zur Erde nieder und knetete aus Lehm ein Wesen, das sein Ebenbild war. Als sie damit fertig war, setzte sie einen der von Brahma erschaffenen Geister (sukma) und eine Seele (jiva) in den Körper, um ihm Leben (laueng) einzuhauchen. Sie befahl dem Geist, solange in dem Körper zu bleiben, bis der Tod ihn wieder befreite. Dann sollte der Geist bei Brahma über sein Tun und Lassen während seiner Lebzeiten auf Erden Rechenschaft ablegen.

Als nun Wischnu den Geist in den Körper eingesetzt hatte, fehlte es demselben noch am Atem (prana), und so zerfiel er in viele Stücke. Die Scherben dieses mißglückten Schöpfungsversuches, welche jedoch von dem Geiste schon beseelt worden waren, nutzten die dunkle Nacht, zerstreuten sich in alle Winde und wurden dem Brahma abspenstige Geister.

Wischnu wollte jedoch den Auftrag von Brahma so gut wie möglich ausführen, und er sah ein, daß er seinem Gebilde außer einem Geiste und einer Seele noch andere Eigenschaften verleihen mußte, damit der Geist über den Körper herrschen konnte.

So knetete er denn zum andern Male aus Lehm ein menschliches Gebilde; das war besser als das erste, so daß es, als er der Gestalt samt anderen verschiedenen Eigenschaften auch einen Geist schenkte, zum lebendigen Wesen wurde. Diesen Menschen nannte er Adina.

Wischnu brachte Adina in einen großen, schönen Garten und setzte sich darauf ans Meer, um über seine Schöpfung nachzusinnen. Als er so in Gedanken versunken war, deuchte es ihm, daß es wohl nicht genügte, einen Mann erschaffen zu haben; es müßte auch eine Frau geben, damit die Erde sich bevölkern könnte. Als er aus seinem Denken erwachte, erblickte Wischnu, gerade als die Sonne aufging, eine wunderprächtige Lotosblume.

»Dem Manne, den ich schuf,« dachte Wischnu bei sich, »gab ich von allen Schöpfungen die beste Gestalt, doch sehe ich jetzt, daß die Lotosblume die schönste ist. An Schönheit überragt sie ja alle Schöpfungen. Wie prächtig erschließen sich ihre Blüten vor den Strahlen der aufgehenden Sonne, es gibt auf Erden nichts, das dem an Schönheit und Lieblichkeit gleich ist.«

Und wiederum versank Wischnu in Nachdenken. Als er sich dann erhob, sagte er: »Ich muß für den Mann noch ein Wesen schaffen, das der Lotosblüte unter den Blumen gleicht, damit der Mann sich des Besitzes einer schönen Lebensgefährtin erfreut.«

So redete Wischnu zur Lotosblume:

»Verwandele dich in eine schöne Frau und erscheine vor mir.«

Bei diesem Befehl erbebte die Oberfläche des Wassers, und die Lotosblume erschien in der Gestalt einer schönen Frau vor Wischnu. So wurde die Frau geschaffen.

Wischnu freute sich über seine Schöpfung, doch war die Freude nicht ungetrübt, denn die in ein Weib verwandelte Lotosblume stand unbeweglich vor ihm. Er sah, daß die Frau auch alle Eigenschaften eines vollkommenen Lebewesens haben müßte, und so sprach er denn zu dem von ihm erschaffenen Weibe:

»Bis jetzt warst du die Blüte des Sees, von heute ab sollst du aber die Blüte des Menschengeschlechtes sein. Hewa soll dein Name sein. Du sollst dich vermehren und zur Mutter eures Geschlechtes werden. Sprich, schöne Blume, was du noch haben möchtest, und es soll dir gewährt werden.«

Und leise wie der sanft dahinsäuselnde Wind antwortete Hewa: »Herr, Ihr habt aus mir ein lebend Wesen gemacht, nun sagt, wo soll ich wohnen? Vergeßt nicht, daß jeder Windhauch mich erbeben läßt. Auch fürchte ich mich vor den Stürmen, dem Regen, den Blitzen, dem Donner, sogar vor der Wärme der Sonne bin ich bange. Ich ängstige mich vor den wilden Tieren, die mich verschlingen möchten. Welche Wohnung, Herr, habt Ihr mir bestimmt?«

Wischnu dachte nach und sagte: »Willst du auf den Spitzen der Berge wohnen?«

»Herr, dort ist es zu kalt, das mag ich nicht.«

»Nun, dann will ich dir mitten im Meer ein Schloß bauen.«

»Dort stürmt es, und im Meere gibt es viele Schlangen und Ungeheuer, die fürchte ich.«

»Willst du denn ein Haus in der Wüste haben, das fern von allen wilden Tieren?«

»Nein, Herr! Auch dort wehen die Sandstürme und begraben mich unter sich.«

»Nun, wo soll ich dir denn ein Haus bauen? Willst du im Innern der Erde, im Herzen der Felsen hausen, fern vom irdischen Gewühl?«

»Herr, dort ist es zu dunkel.«

Wischnu setzte sich auf einen Stein und verfiel in tiefes Nachsinnen. Hewa blieb voller Erwartung vor ihm stehen. Inzwischen war die Sonne vollends aufgegangen, ein Strahl leuchtete über die Oberfläche des Wassers und über die Bäume; alles erstrahlte in seinem Glanze. Die Vögel sangen ihr Morgenlied.

Adina war beim ersten Morgenrot erwacht; er erging sich in seinem Garten, und als er beim See angelangt war, erblickte er dies Weib, das Wischnu erschaffen hatte. Er war ganz verzückt im Anschauen des Lebewesens, das da vor ihm stand.

Als Wischnu Adinas verwunderten Blick bemerkte, war es mit seiner Gelassenheit zu Ende, und er sagte zu Hewa: »Liebliche Schöpfung, jetzt habe ich einen Platz gefunden, der deiner würdig ist. Du sollst im Herzen dieses Mannes wohnen,« und gleichzeitig ließ Wischnu sie einen Blick in das Herz Adinas tun.

Kaum hatte Hewa in das Herz des Adina geschaut, da zitterte und bebte sie, es wurde ihr angst, und sie erblaßte. Wischnu wunderte sich darüber und fragte: »Blume in Menschengestalt, fürchtest du dich auch vor dem Herzen dieses Mannes?«

»O Herr!« antwortete Hewa, »welch eine Wohnstatt weist Ihr mir an! In diesem einen Herzen spüre ich die Kälte der Bergspitzen, die Stürme des Meeres, die Orkane der Wüsten, die Finsternis der Höhlen und die Gier des wilden Tieres. Deshalb fürchte ich mich.«

Sprach nun der große und weise Wischnu:

»Fürchte dich nicht, Blume in Menschengestalt. Ist Adinas Herz kalt, soll dein Atem es erwärmen. Erscheint es dir als ein tiefes Wasser, so findest du darin Perlen. Siehst du einen Sturm nahen, so verjage ihn durch deine Lieblichkeit. Erblickst du kahle Felsen, so wisse, darauf wachsen die Blumen des Glücks; glaubst du eine dunkle Höhle gefunden zu haben, so weißt du auch, daß der Sonnenstrahl die Finsternis erhellt.« Und als Adina merkte, daß Hewa noch immer ängstlich war, sagte er zu ihr: »Ja, tue dies, liebliches Wesen, nimm deinen Platz in meinem Herzen ein und werde zur Mutter des Menschengeschlechtes.«

Hewa freute sich über die männliche Schönheit Adinas, sie bedachte sich auch keinen Augenblick und sank ihm in die Arme. Als Wischnu sah, daß seine Schöpfung geglückt war, verließ er die Erde, um Brahma von der Ausführung des Auftrages zu berichten. Brahma hörte, daß die erste Schöpfung des sterblichen Menschen mißglückt war; und da er fürchtete, daß die aufrührerischen Geister auf sein Schöpfungswerk eifersüchtig werden würden, rief er sie zu sich und machte sie zu Engeln im Himmel (swarga).

 

3. Wie die Brahmaisten sie erzählen

Den Engeln, den Petris, war es dreimal nacheinander mißglückt, den Menschen zu schaffen. Nun wollte es Brahma selber versuchen. Aus seinen Lippen entsprang ein menschliches Wesen, sein Sohn, den er Brahmana nannte, das bedeutet Priester. Und ihm schenkte er die vier Wedas, das sind die vier Worte aus seinen vier Mündern, und gab ihm den Auftrag, sich aus diesen göttlichen Büchern zu belehren.

Brahmana ergab sich einem Klausnerleben; da er jedoch den Angriffen der wilden Tiere ausgesetzt war, welche die Welt bevölkerten, bat er seinen Vater, ihm zur Hilfe zu kommen. Und sofort erschuf Brahma aus seinem rechten Arm seinen zweiten Sohn. Den nannte er Kshatrya, das Krieger bedeutet. Aus seinem linken ließ er eine Frau entspringen, Kshatryani, und gab sie seinem Sohne zum Weibe.

Da nun Kshatrya die ganze Zeit über sich mit der Verteidigung seines Bruders abgeben mußte, erweckte Brahma aus seinem rechten Schenkel den dritten Sohn, Waisya, und aus seinem linken Schenkel dessen Weib, Waisyani. Beide bekamen den Auftrag, sich dem Ackerbau, dem Gewerbe und dem Handel zu widmen. Als die beiden die ihnen auferlegten Arbeiten nicht allein ausführen konnten, erschuf Brahma, um sein Werk zu vollenden, aus seinem rechten Fuß einen vierten Sohn, Sudra, aus seinem linken Fuß eine Tochter, Sudrani. Er verband die beiden miteinander und befahl ihnen, die niedrigen Sklavenarbeiten zu leisten.

Nur Brahmana war ohne Gesellin ausgegangen; er beklagte sich darob beim Schöpfer und sagte, das wäre unbillig. Vergeblich führte Brahma ihm vor Augen, daß er der Lehre, des Gebets und Gottesdienstes wegen erschaffen worden wäre, daß er daher von allen irdischen Banden frei sein müßte, die ihn von seinen strengen und schweren Pflichten abhalten könnten. Brahmana blieb trotzdem auf seiner Forderung bestehen. Deshalb zürnte ihm Brahma und gab ihm zur Strafe eine Tochter aus dem verfluchten Geschlechte der Riesen zum Weibe. Das waren die menschlichen Wesen, welche die Petris erschaffen hatten; es war ihr dritter, unvollkommener Versuch gewesen, und sie waren dreizehn Faden lang.

Diesen vier Menschenpaaren entstammen die vier Kasten: die Brahmanen, die Kshatryas, die Waisyas und die Sudras. Sie vermehrten sich und bevölkerten die Erde.

 

4. Wie die Muhamedaner sie erzählen

Als der Mensch noch nicht erschaffen war, wohnte Allah in Sawarega, im siebenten Himmel, und eine Schar Djins und Djims, die männlichen und weiblichen Engel der Djabanu-Djans, weilte stets um ihn. Die Höchsten von ihnen waren Eblis, der als Gesandter Allahs Asasil hieß, Djabarail, der ebenfalls ein Gesandter Allahs war und Idjadjil, der auch Idjadjilanat von Djadjalanat genannt wurde. Er war der Gebieter in der Hölle, Naraka, und gehörte auch zu den Gesandten Allahs.

Jeden Morgen mußten die Gesandten der Engel zu Allah kommen und ihm huldigen. Das Beisammensein wurde dann alleweil dazu benutzt, jedem seine Arbeit für den Tag und die Nacht anzuweisen.

Eblis war die rechte Hand Allahs und stand bei ihm in hoher Gunst.

Als eines Morgens alle Gesandten der Engel wieder einmal bei Allah versammelt waren, sagte Allah zu Eblis: »Begib dich auf die Erde, und nach deiner Rückkehr erzähle mir, was du dort alles gesehen hast.«

Am Nachmittag kam Eblis zurück und sagte zu Allah: »Ich habe mir die Erde angeschaut, sie ist schön; ich sah dort Berge, Seen, Bäume und auch strömend' Wasser.«

»Das schenke ich dir alles,« sagte Allah, »fortan sollst du nächst mir der Herrscher auf Erden sein.«

Da glaubte Eblis, daß er nun unabhängig und selbständig geworden wäre; seit jenem Tage erschien er nicht mehr, um Allah zu huldigen. Als Allah das gewahr wurde, entsandte er Djabarail, um Eblis zu fragen, weshalb er nicht mehr in den Sawarega käme.

Eblis antwortete: »Allah ist Gebieter des Sawarega, und ich herrsche auf Erden; so hat jeder sein eigenes Tätigkeitsfeld.«

Allah, der bis dahin weder Ungehorsam noch Undankbarkeit kennen gelernt hatte, betrübte sich über Eblis, den ersten Bewohner der Erde. Er nahm Eblis von der Erde fort und beschloß, sie mit Wesen zu bevölkern, die er nach seinem Ebenbilde schaffen wollte. So schuf er Adam. Und Adam war der erste Mensch auf Erden.

Allah setzte Adam in einen schönen Garten unter den Schatten eines Baums und nahm sich vor, dann und wann einmal nach ihm zu sehen.

Nach einiger Zeit erinnerte sich denn auch Allah des von ihm erschaffenen Wesens. Er begab sich auf die Erde und fand dort den Mann, den er erschaffen hatte, noch immer unter dem Baume sitzend. Da begriff Allah, daß Adam allein war und sich sehr langweilen mußte; er sah auch ein, daß ein Mensch nicht für die Erde genug war. So schuf er denn eine Frau und trug ihr auf, die Erde zu bevölkern. Er nannte sie Eva und brachte sie zu Adam.

Inzwischen hatte Eblis vernommen, daß die Erde sterblichen Wesen geschenkt war, und trotz des Verbots Allahs, nie wieder auf Erden zu erscheinen, beschloß er, doch die Erdbewohner zu besuchen und sie zu töten.

Als er auf die Erde kam, fand er Adam noch immer unter demselben Baume schlafend, unter den ihn Allah gesetzt hatte. Er vergaß ganz sein Vorhaben, Adam zu töten, und ließ ihn ruhig schlafen. Da erblickte er Eva, die war munterer als Adam und pflückte Blumen und jagte hinter Schmetterlingen her. Eblis war ob der Lieblichkeit Evas ganz entzückt und nahm menschliche Gestalt an. Er rief eine große Schlange herbei, gab ihr einen schönen Apfel ins Maul, stieg auf ihren Rücken und stellte sich so der Eva vor.

»Ihr seid ein schönes sterbliches Wesen,« sagte er zu Eva, »doch noch zu dumm, um wirklich als Erdenmensch zu leben. Geht mit mir, und ich will Euch zeigen und lehren, wie man sich vermehrt.«

Eva, die sich bei dem stets schlafenden Adam tötlich langweilte und daran erinnerte, daß Allah ihr befohlen hatte, sich zu vermehren, was sie bis dahin noch nicht recht verstanden hatte, ließ sich leicht bereden, mit Eblis zu gehen. Mit kindlicher Freude nahm sie den schönen Apfel an, den ihr die Schlange anbot, und setzte sich hinter Eblis auf den Rücken der Schlange. Die Schlange trug sie in die Berge. Eva blieb dort eine geraume Zeit bei Eblis und bekam Geschmack an der Liebeslust, die ihr bisher noch unbekannt gewesen war. Allmählich begann sie aber sich unbehaglich zu fühlen; das war die Folge des neuerlernten Genusses; sie sollte Mutter werden. Als Eblis noch dazu sich immer weniger um sie bekümmerte, überkam sie bittere Reue, den guten Adam verlassen zu haben; und eines guten Tages, als Eblis gerade fort war, nahm sie die Gelegenheit wahr, zu Adam zurückzukehren. Sie fand ihn noch immer unter demselben Baume schlafend liegen. Sie ließ sich bei ihm nieder und gebar einen Sohn, den sie Kain nannte.

Eva lehrte dann auch Adam die Art, wie die Menschen sich vermehren sollen, und nach einiger Zeit bekam sie einen zweiten Sohn, den sie Abel nannte. Seit der Zeit mochte Eva den gutmütigen Adam noch lieber leiden und freute sich ihrer Reue, Adam verlassen zu haben. Fortan blieb sie ihm treu und schlug Eblis alle Bitten, ihn doch noch einmal in den Bergen zu besuchen, ab.

Eblis ärgerte sich über diese Abweisung und verleitete seinen Sohn Kain, Abel, den Sohn Adams, zu erschlagen. Kain erfüllte seinen Wunsch und erschlug seinen Bruder Abel.

Als die Seele Abels sich nun bei Allah meldete und ihm erzählte, daß Kain ihn erschlagen hätte, wurde Allah sehr böse. Er begab sich auf die Erde, stellte eine Untersuchung an und verjagte Adam, Eva und Kain aus dem schönen Garten; er befahl ihnen, fortan selber durch ihrer Hände Arbeit für ihr Fortkommen zu sorgen.

Adam war sich keiner Schuld bewußt und hegte, als ihm klar geworden war, daß Kain nicht sein leiblicher Sohn war, einen gewaltigen Zorn gegen Eblis. Er beklagte sich bei Allah und sagte dem Allmächtigen, daß Eblis an allem schuld wäre. Eva wurde befragt, und sie bekannte, daß Eblis sie verleitet hätte. Allah ließ Eblis vor sich kommen und befahl ihm, Adam um Verzeihung zu bitten; doch Eblis weigerte sich und sagte, er wäre aus dem Feuer erschaffen, Adam dagegen bloß aus Erde, er stünde also höher als Adam. Darauf sprach Allah zu Eblis:

»Zur Strafe sollst du von jetzt ab ein Hund sein; von den Abfällen, die die Menschen fortwerfen, sollst du dich nähren; und hinter dem Menschen sollst du herlaufen, ihm folgen und gehorchen.«

Als Allah den Fluch ausgesprochen hatte, verwandelte sich Eblis in einen schwarzen Hund. Damit war Allah aber noch nicht zufrieden; er war böse, daß die bösen Taten des Eblis ihm nicht zu Ohren gekommen waren und die Engel die von ihm erschaffenen Wesen nicht beschirmt und beschützt hatten. Er kehrte nach Sawarega zurück, versammelte alle Engel um sich und sagte:

»Ihr habt alle ernstlich gesündigt und eure Pflichten vergessen. Von heute ab sollt ihr Buße tun, ihr sollt auf die Erde niederfahren und dort umherschweifen. Du, Idjadjil, sollst zu einem menschlichen Ungeheuer werden und dafür sorgen, daß nie eine Frau wieder verführt wird. Und ihr, Djins und Djims, eure Füße sollen zu Pferdehufen werden, damit der Mensch euch erkennt; und weil ihr ihn durch eure Pflichtvergessenheit habt sündig werden lassen, soll er das Recht haben, euch zu steinigen, wo er euch je begegnet.«

Als Allah die Engel so bestraft hatte, jagte er sie aus Sawarega hinaus. Und seitdem werden die Menschen aus Rache von den gefallenen Gesandten und Engeln, die jetzt zu Teufeln geworden waren, geplagt und gequält. Djabarail, der während all' dieser Geschehnisse nicht dagewesen war, weil er einen Auftrag Allahs auszuführen hatte, blieb der treue Diener Allahs. An die Stelle der verbannten Gesandten und Engel setzte Allah andere Gesandte und Engel. Er nannte sie Malekat und Nabi. Seinen getreuen Diener Djabarail machte er ebenso wie Mikail, Asrael und Israpil zu seinen Gesandten. Jeder von ihnen erhielt einen besonderen Wirkungskreis.

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