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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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Einleitung

 

Berdjalan bertemu kampoṅ sa-buwah
serta deṅan taman jaṅ endah
ija berkata kapada teman
endah-nja tuwan buṅa di-taman

Sie standen plötzlich vor einem Schloß;
Rings herum war ein herrlicher Garten.
Da sprach der eine zu seinem Gefährten:
»Sieh doch, mein Lieber, die schönen Blumen!«

Aus der »Bidasari«

 

Die folgenden »Malaiischen Märchen« sind eine Auswahl. Aus einer ungemein reichen Fülle von Dokumenten, für deren Zusammentragen, Sammeln, Aufzeichnen, textkritischer Behandlung, Veröffentlichung man vor allen andern den Holländern, ihren Beamten, Missionaren und Gelehrten nicht genug danken kann, ist sie getroffen worden. Einer besonders langen, ausführlichen Einleitung bedarf es diesmal nicht. Es würde dann vieles wiederholt werden müssen, was in den Einführungen zu den »Indischen Märchen« von Johannes Hertel, zu den »Buddhistischen Märchen« von Heinrich Lüders, zu den »Afrikanischen Märchen« von Carl Meinhof gesagt ist und was ich zumal in meinen »Südseemärchen« ausführte. – Bilden die »Malaiischen Märchen« durch ihre Träger den Vermittler zu den stammverwandten Südseemärchen, und unterstehen sie in allerstärkstem Ausmaße indischen und nordafrikanischen, arabischen Einflüssen, so befruchteten sie ihrerseits die Literatur Madagaskars. Allerdings sind die Literaturen Insulindes, seiner zerrissenen Gestaltung entsprechend, nicht gleichwertig. In ihnen spiegelt sich die Kulturhöhe ihrer Träger und Bewahrer wieder. Und da darf man nicht vergessen, daß neben hochkultivierten Völkerschaften, die Meisterwerke der Baukunst errichteten, wie z. B. Borobudur, halbwilde Völker wie die menschenfressenden Batak oder kopfjagenden Dajak stehen, alle doch eines Blutes sind und verwandte Sprachen reden.

Einen Vorsprung hat die Malaiische Literatur vor dem größten Teil der afrikanischen und überhaupt der Südsee- und australischen Literatur; sie hat frühzeitig aus eigener Kraft, dann unter indischem, später auch arabischem Einfluß Schriftsysteme entwickelt, die auch zur Aufzeichnung ihrer literarischen Denkmäler Verwendung fanden. Und vor allem macht darin die arabische, den malaiischen Lauteigenheiten angepaßte Schrift bald einen überragenden Einfluß geltend. Aus dem Jahre 1603 ist die erste malaiische Handschrift, die moralisierende Erzählung Makota segala radjaradja »Die Krone der Könige«, bekannt geworden. So wurde denn im Laufe der Jahrhunderte eine Fülle Handschriften niedergelegt, die das prächtigste Literaturgut der Malaien sicherten, ein Gut, das es wohl verdiente, weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu werden, von dem man bedauern muß, in der folgenden Auswahl, z. B. der Kalang-Legende, der Geschichte der Hi Dreman, vom Sultan Indjilai usw. dem Leser nur einen kleinen Vorgeschmack geben zu können. Gern hätte ich das ursprünglich indische, doch gänzlich im malaiischen Sinne umgestaltete Râmâyana aufgenommen – es hätte den ganzen Band ausgefüllt.

Die Raumbeschränkung gebot die Auswahl. Die 61 Stücke mit den 105 Erzählungen werden vielleicht imstande sein, dem Leser einen Eindruck von der eigenartigen malaiischen Literatur zu geben, von der einfachsten, anspruchslosesten Erzählung, den Tier-Geschichten, den Kosmogonien, den moralisierenden Erzählungen, Heilbringer-Sagen, Parabeln zur Rahmenerzählung und zum Epos. Alle literarischen Denkmäler werden in den verschiedensten Vertretern vorgestellt, auch das Sprichwort, in dessen Prägung der Malaie ein Meister ist, ist nicht vergessen. Es ist nach der Gewohnheit des Erzählers in manche Geschichte eingestreut.

Vielleicht tragen die düsteren Zeitläufe dazu bei, daß ohne voreingenommene Absicht dem Ganzen ein freundliches Gewand gegeben wurde, daß die fröhlichere Seite der Erzählungen überwiegt, wie sie am besten im »Malaiischen Reineke Fuchs« und »Malaiischen Eulenspiegel« zum Ausdruck gebracht ist. Tatsächlich sind diese Geschichten ja auch die Lieblingserzählungen der Malaien, die überallhin mitgenommen wurden, deren Abbildern wir in Madagaskar und auch in der Südsee wieder begegnen. Das Hikajat Pelanduk Djinaka, der malaiische Reineke Fuchs, wurde als solcher nicht aufgenommen, – eine gute Gesamtdarstellung ist von Kläsi gegeben worden – sondern die Einzelerzählungen bevorzugt und gesammelt, die einmal mehr als das eben genannte Hikajat geben, dann auch verraten, mit welcher Liebe der Malaie gerade diese verschmitzte Tiergestalt sich zu eigen machte, zu einem Haupthelden in seiner Literatur gestaltete. Die Erzählungen des »Eulenspiegels« werden als solche zum ersten Male in ihrer Zusammenstellung einem deutschen Leserkreis zugänglich gemacht – auch sie hätten sich noch um etliche vermehren lassen.

Ob diese Eulenspiegelgestalt eine bodenständige Figur ist oder nicht, vielmehr von außen her in die malaiische Literatur hineingetragen wurde, ob nicht die Erzählungen vom Kara Gös oder Nas'r eddin hier Gevatter standen, mag späterhin entschieden werden. Wir werden sehen, daß die Malaien diese Figuren sich ganz aneigneten, wie sie denn überhaupt ein Geschick besitzen, fremde Erzählstoffe so umzugestalten, daß sie wie bodenständige wirken.

Die Stücke sind so ausgesucht, daß sie dem Leser ein Bild von der Wirklichkeit vermitteln; die malaiische Denkweise, Gemütsverfassung, ihre guten Seiten: Liebe, Mitleid, Freundschaft, Hingabe, ihre Schattenseiten: Haß, Eifersucht, Tücke, Grausamkeit, sie kommen gut zur Geltung. Lebendig ist der Natursinn, das Natürliche wird wiedergegeben, wie es benötigt wird, ungekünstelt, oft derb, oder dann häufig dem Ganzen eine komische Seite abgewinnend. Für rein phantastische, mythische Gebilde ist wenig Raum, wo sie auftreten – und in den Märchen werden wir ihnen begegnen –, sind sie das Kennzeichen für einen ursprünglich fremden, mit der Zeit völlig aufgesogenen Stoff, meist indischer Herkunft. Typisch ist der malaiischen Gestaltungsart ihr Hang zum Weichlichen; die auftretenden Personen sind überaus häufig weiche Naturen; energische, kraftvolle Gestalten sind selten; auch sie sind passiv; Weinen, Klagen, Jammern sind ihnen nicht fremd. Sie üben daher eine ganz andere Wirkung auf uns aus wie auf den malaiischen Zuhörer.

Wie wir uns überhaupt an einige Eigentümlichkeiten bei der Lesung gewöhnen müssen, die behagliche Breite, mit der erzählt wird, und die gelegentlichen ermüdenden Wiederholungen. Im großen und ganzen habe ich mich wie bei den »Südseemärchen« an Vorlagen gehalten, für welche die Eingeborenen-Texte in irgendeiner Form vorliegen. Eine freie Übertragung war nicht zu umgehen, doch versucht sie dem Urtext auf das gewissenhafteste gerecht zu werden. Unverständliches ist nach Möglichkeit ausgeschieden worden, bzw. enthalten die Anmerkungen die erforderlichen Erklärungen.

Die Initialen sind nach Vorlagen hergestellt, wie sie das hamburgische Museum für Völkerkunde in seinen reichen Schätzen aus Malaisien birgt. Sie vermitteln dem Beschauer eine zweite künstlerische Seite der Eingeborenen.

Die Vorlagen zu den Tafeln verdanke ich der Liebenswürdigkeit und Kunst des Herrn R. Schubert in Alt-Rahlstedt bei Hamburg.

tersebut-lah pula suwatu perkataan:
Jetzt höret wieder eine Geschichte:

Hamburg, am 14. Juli 1921

Dr. Paul Hambruch

*

 

Den
Gönnern und Förderern der
»Indo-Ozeanischen Gruppe für Auslandsstudien
an der Hamburgischen Universität«
Herrn Emil Helfferich ,
Direktor des Straits- und Sunda-Syndikats
und
Herrn E. L. Lorenz-Meyer
i. Fa. Arnold Otto Meyer

zugeeignet

 

*

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