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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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9. Der Alte mit den sieben Söhnen

Ein Mann hatte sieben Söhne; als sie herangewachsen waren, verließen sie das Haus; niemand blieb beim Vater. Als er schneeweiß geworden war, rief er seine Kinder wieder zu sich und befahl ihnen, einen Stier zu töten. Nachdem dies geschehen war, beauftragte er den Ältesten mit der Verteilung des Fleisches. Doch der Sohn lehnte es ab, denn er wußte nicht, wie er teilen sollte. Da sprach der Vater: »Teile es in drei gleiche Teile, ein Drittel gibst du den Verwandten meiner Knochen, ein Drittel den Leuten von drinnen, die nach draußen gehen und ein Drittel den Leuten von draußen, die nach drinnen kommen.« Die sieben Söhne waren ob dieses Rates, ebenso wie die Umstehenden, recht verwundert, und der Älteste fragte den Vater nochmals: »Herr Vater, erklärt Euch doch, bitte; wen meint Ihr mit den Verwandten Eurer Knochen? Wen mit den Leuten von drinnen, die nach draußen gehen und wen mit den Leuten von draußen, die nach drinnen kommen?« – »Die Verwandten meiner Knochen,« erwiderte der Greis, »seid ihr selber, denn nach eurem Tode werdet ihr bei mir im Grabe unserer Ahnen beigesetzt, nicht in einem andern Grabe; wenn nicht in einem andern Lande; doch dann lebt ihr ja nicht bei mir. Die Leute von drinnen, die nach draußen gehen, sind eure Schwestern, die sich mit den Männern aus einem andern Hause oder andern Lande verheiratet haben, und die Leute von draußen, die nach drinnen kommen, sind die Schwestern der Fremden, die sich mit euch verheiraten und in unserm Hause wohnen werden. Die Frauen werden hier empfangen und die Kinder, die sie auf die Welt bringen, werden die Nachkommen unserer Ahnen sein.«

Als die Teilung des Fleisches beendet war, sagte der Greis zu seinen Söhnen: »Holt unsern Jagdhund, wir wollen auf die Jagd gehen.« Der Vater zog also in der Begleitung seiner Söhne und des Hundes los; sie erblickten mehrere Perlhühner; sofort machte sich der Hund an ihre Verfolgung, aber, als er sie erreicht hatte, stürzten alle über ihn her, schlugen ihn mit den Flügeln, hackten ihm mit den Schnäbeln die Augen aus und machten ihn blind. Blutend flüchtete sich der Hund zu seinem Herrn. Der Vater sagte kein Wort; er nahm die Hand seines ältesten Sohnes, band den Daumen mit den drei folgenden Fingern zusammen, nur den kleinen Finger ließ er frei, und befahl ihm, mit diesem Finger ihm eine Laus vom Kopf zu nehmen. Der Sohn schaute wohl die Laus, aber es gelang ihm nicht, sie fortzuholen; er sagte: »Herr Vater, wenn ich die Laus fortnehmen soll, dann müßt Ihr mir die Finger wieder losbinden.« Der Greis, der merkte, daß seine Söhne die Unterweisung verstanden hatten, sprach: »Liebe Söhne, nun wißt ihr, daß viele Perlhühner nicht von einem Hund allein auseinandergejagt werden können, und daß man eine Laus nicht mit einem Finger entfernen kann.«

So entstanden die beiden Sprichwörter.

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