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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Und das war das Ergebnis der dringend erbetenen Audienz: Wagner, in der tieftragischen Stimmung Siegmund-Wehwalts, öffnete dem königlichen Freunde die Augen, damit er erkennen mochte, wie in der Alltagswelt seine opfervolle Güte für den Künstler und sein Lebenswerk gedeutet wird. Ein unsäglich trübes Bild. Die reinsten Absichten hehrer Heldenkameradschaft verdunkelt und besudelt von gemeinen Werktagsnaturen. Voll Bitternis erkannte darin der Meister sein altes Schicksal. Er erinnerte den König an Siegmunds verzweiflungsvolles Wort.

»Mißwende folgt mir
Wohin ich fliehe;
Mißwende naht mir
Wo ich mich neige –«

und schloß mit einer Variante.

»Dir, Freund, doch bleibe sie fern!
Fort wend' ich Fuß und Blick!«

Es war schwer zu fassen, wie dies alles gekommen und sich zum unentrinnbaren Verhängnis geformt. Gleich nachdem Ludwig den Meister an seinen Hof gerufen, orakelten die Organe der öffentlichen Meinung: der junge König ist Freund eines revolutionären Hidalgos, des verwegensten Umsturzkünstlers geworden. Alles in Dichtung und Politik, in Kunst und Leben werde hinfort auf den einzigen neuen Wagnerton gestimmt. Niemand vermöge mehr das geringste über den Willen des Monarchen außer diesem gefährlichen Menschen, der bis jetzt, ein Geächteter, durch Europa geirrt.

Welche giftigen Instinkte krochen nun zutage!

Angestammte Dummheit und Bosheit der einen verbanden sich mit der plötzlichen Furcht und dem Neide der anderen, und die alten gekränkten Wortführer der Literatur, Musik und Kirchturmpolitik von gestern verschworen sich mit ihnen zu Eidgenossen wider den Freund des Königs, von dem sie wähnten, daß er die kümmerlichen Reste ihrer Nutznießungen schlimm bedrohe.

Die alten Höflinge ließen die Köpfe hängen, die alten Hofgelehrten und Hofpoeten murrten, denn nach ihrem Umgange gelüstete dem jungen Könige nicht. Es gelüstete ihm nicht einmal nach dem anderen Geschlechte. Sogar das Ewigweibliche schien für seine herbe Keuschheit und Verschlossenheit abgetan. Wie sollten sie sich das zusammenreimen?

Sie fragten heimlich bei dem allwissenden Weltgeschichtserklärer Leopold von Ranke. Und geheimnisvoll murmelte er ihnen zu. »Ludwig ist noch immer ein Mensch der Zukunft, mehr als die Musik, die er pflegt, das ist – ich erfahre, daß gerade dieses Wort Zukunft ihn für die Wagnersche Musik gewonnen hat.« Woher diese Kunde, verriet Pythia nicht. Nun waren die Dümmlinge so klug wie zuvor.

Die braven gelehrten Rückwärtsformalisten spürten zum erstenmal etwas wie elementare Kraft in ihrem Busen, der ihnen bis jetzt als Ordenskissen heilig war: Wut über die jungkönigliche Zurücksetzung. »Regulus, warte!« knirschten sie. Und sie stachelten sich gegenseitig auf zu dem furchtbaren Schwur: diesem Herrscher hinfort nichts zu schenken aus dem Tabernakel ihres Geistes. Wer Gnadengehälter bekam, steckte sie freilich vorläufig noch ein und quittierte untertänigst-treugehorsamst.

Auch in den Pfarrhöfen und klerikalen Redaktionsstuben und Adelskasinos fand man sich angesichts der Zukunftsmusikketzerei zu jeder heroischen Tat fähig und rüstete zum Kreuzzug wider den schrecklichen Kunsttürken Richard Wagner, als gälte es, die christliche Majestät aus den Krallen des Satans zu retten.

»Er hat den König behext!«

»Er entfremdet den König seinem Volke und bannt ihn in die Einsamkeit. Er hält ihn hinter Schloß und Riegel. Was treibt er dort? Vertieft er sich in die Vorträge seiner Minister? Studiert er Kriegskarten? Arbeitet er neue Kurse für die Politik aus? Spintisiert er über Reformen in der Verwaltung? Niemand weiß Sicheres!«

Man wollte zwar wissen, daß er berühmte Schauspieler und Sänger zu sich bescheide und daß er sie durch seine tiefe Kenntnis der dramatischen Literatur in Erstaunen und oft in Verlegenheit setze. Wo sie stockten, wußte er ganze Rollen wie am Schnürchen. Geht dieses fabelhafte Gedächtnis nicht weit über die ästhetischen Traditionen seines Hauses hinaus? Ist das nicht ein höchst bedenkliches Symptom? Und wer bestärkt ihn in diesen Exzentrizitäten? Immer der eine, der Allmächtige!

»Neue Kunstketzerschulen läßt der böse Zauberer durch den König auftun und mit seinen Kreaturen besetzen!«

»Paläste will er sich bauen lassen und Feststraßen und auf den Isarhöhen sogar einen eigenen Kunsttempel für seine Aftermuse! Ist das nicht eine Affenschande für unser gutes, seither so wohl regiertes Land?«

»Er schändet den Hof, entehrt das Land, kehrt das Unterste zu oberst!«

Dann tuschelten die Philister und Kleinbürger und schüttelten ihr untertäniges Herz aus und was darüber war.

»Die früheren Monarchen waren doch auch große Männer und echte Bürgerkönige, die auf die Stimme des Volkes achteten. Die hätten solche Geschichten bleiben lassen. Das Volk zahlt ja gern, wenn es nur sieht, wofür und wenn die Sache einen guten Zweck hat. Aber das ist der helle Wahnsinn, diese Wagnerei.«

Die Krakeeler mit einem Schuß Demagogenblut im bierschweren Gehirn höhnten: »Ihr versteht halt nix von der neumodischen Majestät: alles für sich und den Günstling – blutwenig für die anderen, und wenn's zum Krachen kommt, dürft ihr die Katz' halten und die Schulden bezahlen – 's feit si nix!«

Und dann trotteten sie ihrem Erwerb und Vergnügen nach, die gemütlichen Lästermäuler des Kleinbürgertums, rafften an sich, was es zu erraffen gab, schliefen ihren dicken Schlaf und freuten sich morgen wieder aus »die Hetz'«. So verstanden sie ihren königstreuen, residenzstädtischen Kulturlebenslauf.

Erst versteckt, vorsichtig tastend, in der Verborgenheit von tausend Winkeln und Hintertreppen, die heimtückischen Stachelreden, mit Grinsen und Geifern auf der einen Seite – auf der andern Seite mit Pamphleten, Pasquillen und Spottliedern und Karikaturen: so begann die Aktion gegen die »Wagnerei«. Und alle Buschklepper und Stegreifritter schlichen herbei und boten ihre menschenfreundlichen Dienste an zur Rettung des Staates, der Monarchie, der wahren Kunst und echten Moral.

Dann, als das Werk der Majestät im Theater aufstieg gleich einem Zauberfrühling, der in göttlicher Entfaltung aus dem Eise des Winters bricht: ein Schauspiel, nichts Dagewesenem vergleichbar, so überwältigend neu, so seelenweitend – und als die weiteren Pläne der lebendig gewordenen Zukunftskunst Knospengeheimnis sprengten und maienduftig enthüllten: da stampfte die reaktionäre Meute in wilder Hetze ohne Scham und Scheu die letzten Schranken nieder und umdrohte den König aus dem Kapplerbräu in der Promenadenstraße wie aus den Augsburger und Regensburger Redaktionsstuben, und selbst die »vornehmen Blätter« brüllten die Klage auf Verrat des Allerheiligsten über Stadt und Land.

»Über die Grenze mit dem Anstifter allen Unheils, fort mit ihm und seinen Spießgesellen! Wie räudige Hunde jagt sie fort, diese fremden Abenteurer!«

Und der Krawall war im Zuge.

Das Toben drang endlich in die stille Königsburg. An den Toren des Residenzschlosses wurden von frechen Bubenhänden Wagnerkarikaturen angeklebt.

Aber den treuesten Bericht über den Stand der Dinge hatte er von dem Meister empfangen, dessen Redlichkeit sich selbst nicht schonte und keine Lästerung und keine Afterrede, die über ihn im Schwange waren, dem königlichen Freunde vorenthielt.

Der junge Monarch erschrak und griff sich an den Kopf. Wer war er denn? Hatte je auch nur eine Sekunde lang ein unreiner Gedanke über ihn Gewalt gewonnen? Hatte er nicht stets seine Herrscherpflichten ordentlich erfüllt? Und sein Freund, der große, strenge Künstler, der mit eiserner Beharrlichkeit an dem hehren Werke der künftigen Gesamtkunst, diesem Ehrenmal deutscher Geisteskultur, baute, hatte er sich auch nur um Haaresbreite von seinem Wege verirrt? Was wollten also diese Tobsüchtigen? Wer hatte sie gekränkt? Wer hatte ihnen begründeten Antrieb zu ihrem unlöblichen Tun gegeben? Wessen Gesetz und Wille sollte im Königreiche gelten, wenn nicht Gesetz und Verfassung, die sich seither im Lande bewährt, und der verfassungstreue, auf die lautersten Ziele gerichtete Wille des Königs?

Der König berief seinen Staatsrat: »Werte Herren, erklärt mir doch –!«

Doch bevor er in die Sitzung ging, hörte er noch in der Frühe, nach liebgewordener frommer Gewohnheit, eine heilige Messe in seiner Hauskapelle. Nach Beendigung der religiösen Handlung trat der König festen Schrittes in die Sakristei, um den Geistlichen zu befragen, welches seine Meinung sei über die unglaublichen Wirren des Tages. Der ehrwürdige Priester entschuldigte sich mit seiner Stellung und seinem Alter, die ihm verböten, sich in die weltlichen Händel zu mischen. Nur das wolle er, da er nun doch einmal von seinem gnädigen Könige und Herrn der Frage gewürdigt sei, nicht verhehlen, daß ein Übermaß von Kunst, und zumal von dieser neumodischen sinnlichen und aufregenden Kunst, dem Geiste der Zucht und Sitte nicht förderlich sein könne. Der einfache Sinn des Volkes müsse stutzig werden vor diesem Taumel, der seit Wagners Hiersein alle Freunde des Theaters und der Musik augenscheinlich ergriffen habe. Die Kirche sei allezeit eine Schützerin der schönen Künste gewesen, die mit tausend Zungen das Lob Gottes und der heiligen Jungfrau verkünden und das Christenherz mit süßen Regungen und himmlischen Ahnungen erfüllte, allein die Wagnersche Kunst mit ihrer Verherrlichung des Venusberges und aller heidnischen Greuel – – dem Priester versagte der Atem.

Der König hatte ihm in Geduld zugehört. »Ehrwürdiger Vater,« begann er jetzt, »haben Sie selbst Gelegenheit gehabt, ein Musikdrama des Meisters im Theater auf sich wirken zu lassen? Oder haben Sie diesen merkwürdigen Werken Ihre eingehende Betrachtung gewidmet?«

»O Majestät, davor behüte mich Gott, wie sollte ich mich einer solchen Sünde schuldig machen, mich in diese Versuchung zu begeben!«

»Aber dann –« und der freundliche Zug schwand aus dem Blicke des Königs.

Eifrig fuhr der Priester fort: »Man liest und hört doch mehr darüber als einem lieb ist, und wir haben doch unsere guten Zeitungen und Zeitschriften, die fest auf dem Grunde unserer heiligen Kirche und ihrer Lehren stehen. So sind wir niemals unbelehrt über die Zeichen der Zeit. Ständig werden wir an die Anschläge des Antichrists erinnert, und wie er umhergeht wie ein brüllender Löwe und die sucht, die er verschlingen will. Apage rufe ich, apage!«

»Wagner, der Dichterkomponist, und Ihr brüllender Antichrist – seien Sie versichert, daß ich die niemals in einer Person gesehen und gehört habe. Und ich kann auch als Christenmensch, nicht bloß als König und Kunstfreund, meinen Augen und Ohren trauen. Damit lassen Sie uns, wenn auch nicht im Einverständnis, so doch im Frieden scheiden. Ich danke Ihnen.«

In seinem Gemach angekommen, eilte der König sofort an seine Bücherei, zog einen Band heraus, schloß die Augen, schlug eine Seite wahllos auf und drückte den Finger auf eine Stelle – er wollte von seinem Schiller ein Orakel haben. Als er zusah, fand er Fieskos Selbstgespräch bezeichnet: »Diese majestätische Stadt! Mein! Und darüber emporzuflammen gleich dem königlichen Tag . . . Gehorchen! Herrschen! Ungeheure schwindlige Kluft!«

Der König legte das Buch weg und ging nachdenklich auf und ab.

»Fiesko?« – Und plötzlich kamen ihm Posas Worte in den Sinn:

                                                Sanftere
Jahrhunderte verdrängen Philipps Zeiten:
Die bringen mildere Weisheit; Bürgerglück
Wird dann versöhnt mit Fürstengröße wandeln,
Der karge Staat mit seinen Kindern geizen,
Und die Notwendigkeit wird menschlich sein.«

Er blickte auf die Uhr und rüstete sich, in den Staatsrat zu gehen, entschlossen, als König, der seinem Volke Vorbild und Führer sein will, »den Widerstand der stumpfen Menge« zu besiegen.

Unterwegs warf er einen Blick hinauf nach dem Sanktuarium seines Vaters – und lächelte, als er daran gedachte, wie er da oben den Manen des Politikers und Weltweisen Maximilian II. sein leeres Portemonnaie geopfert. Was hatte er seit jenen jünglinghaften Anfängen seines Herrschertums erlebt! Und wie wollte ihn die Zeit nun plötzlich brutal in Zucht und Lehre nehmen, als sei er immer noch bloß Anfänger!

Der König präsidierte. Nie hatten ihn seine Räte so geschäftsmäßig kalt und kurzangebunden bei der Arbeit gesehen.

Nachdem die geringeren Dinge, die er auf die Tagesordnung gesetzt hatte, erledigt waren, brachte er mit festem Ansichhalten in kühlster Gelassenheit den Hauptpunkt zur Sprache und stellte die innere Lage, wie sie sich in seiner nächsten Umgebung entwickelt hatte, zur Diskussion. Keiner der im Staate und Königsdienste ergrauten Herren ließ sich durch des Herrschers Haltung täuschen, daß nunmehr seine leidenschafterfüllte Herzensangelegenheit zur Sprache komme, und daß es nun an ihnen sei, in diesem entscheidenden Augenblick kaltes Blut und unbeirrbare Festigkeit zu zeigen.

Zunächst wurde ihm mit verklausulierten Darlegungen, umständlich aufweichenden Reden geantwortet. Er saß still, folgte aufmerksam jedem Satz in all die wunderlichen Verschlingungen und Schnörkel staatsmännischer Beredsamkeit, fing all die schönen Gesten und diplomatischen Blicke mit königlicher Präsidialwürde auf. Die Zeit verstrich unter diesen oratorischen Exerzitien. Da riß ihm die Geduld.

»Die kahle Wahrheit will ich wissen, ohne Wenn und Aber, ohne Drum und Dran!« rief er mit dröhnender Stimme. »Keine Flausen!«

»Wie Majestät befehlen«, hob jetzt der Älteste in der Runde an. »Es erleichtert sicherlich die Sache. Jawohl, die Erregung ist groß allerorts. Die Ursache liegt klar zutage. Über psychologische Abwägungen zu debattieren, ist unnütz. Das Zuständliche ist das Wichtige, die Wirkung, die immer gefährlicher hervortritt und in alle Regionen des Staatslebens eindringt. Die heillose Unzufriedenheit –«

»Kurz!« rief der König.

»Kurz und gut, Majestät,« schloß der Redner, »der Friede des Landes erfordert ein rasches Opfer – die Beseitigung Richard Wagners. Es ist Gefahr im Verzuge.«

»Und die neuen künstlerischen Organisationen, meine Pläne –« kam es keuchend aus der Brust des Königs.

Der Vertreter der Finanzverwaltung rasch: »Soweit Eure Majestät sie aus die Zivilliste übernehmen, kommt unsere Meinung und Verantwortung nicht in Betracht. Soweit die Finanzen des Landes als in Mitleidenschaft gezogen zu erachten sind, bin ich verpflichtet zu erklären, daß diese künstlerischen Pläne, über deren innere Bedeutung ich schweige, zurzeit keine Aussicht auf Verwirklichung haben. Die Kräfte des Staates sind, angesichts der höchst bedenklichen politischen Stimmung im Bundestag, durchaus zu schonen, damit wir für alle Fälle gerüstet sind, mag uns der Friede erhalten bleiben oder die Furie des Krieges entfesselt werden, was Gott verhüten möge. Ich habe gesprochen.«

Die Herren nickten in der Runde: das war klar und überzeugend wie das Einmaleins.

Der König hob die Sitzung auf. Ohne Schlußwort, ohne Dank, mit kaltem, stummem Gruß.

In dem Bewußtsein, einer hohen Pflicht genügt zu haben, verließen alle den Saal. Nun war's an dem Könige, den Moment zu einem historischen zu machen durch die Weihe einer entscheidenden Tat.

»Ein rasches Opfer.«

Der König eilte zu dem Freunde. Zu seiner Überraschung fand er ihn mit lächelnder Miene zwischen Kisten und Koffern.

»Es ist keine Flucht«, sagte der Meister. »In aller Sorgfalt und Ruhe berge ich meine Habseligkeiten. Das Wertvollste, meine Partituren und Manuskripte, ist bereits in diese sichere Truhe gepackt. Ich bin bereit. Ich erwarte nur den Befehl meines Königs zur Abreise. Ich habe kein Recht, mich wie ein Dieb in der Nacht aus dem Staube zu machen. Ich habe nichts veruntreut, niemand um sein Gut gebracht.« Nun konnte er doch nicht weiter, Tränen erstickten seine Stimme. Ruckweise stieß er hervor: »Es ist wahrhaftig wie ein Kainsfluch, dieses Schicksal, das den deutschen Künstler verfolgt: Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden!«

»Also wieder hinaus, über die Grenzen des ungastlichen Reiches, in die Fremde, ins Ungewisse – und warum?« jammerte der König erschüttert.

»Warum?« fragte der Meister wieder gefaßt und mit gemütlich stolzem Ton. »Das will ich meinem Könige sagen. Weil wir immer noch wachsen sollen in Heldenkraft. Weil sich unser Werk in stärksten Proben als unzerstörbar erweisen soll. So unzerstörbar wie unsere Freundschaft. Berg und Tal können uns trennen, auseinanderreißen niemals!«

Der König und sein Meister-Freund umarmten und küßten sich stürmisch.

In der Nacht befahl der König seinen Extrazug und begleitete den Künstler bis an die Schweizer Grenze.

Stundenlang saßen die beiden Männer, Hand in Hand, im Dämmerlichte des Salonwagens, der durch die bergigen Gefilde des Allgäus dem Bodensee zujagte. Der König hatte seine Fassung wiedergewonnen. Wehmütig erzählte er aus seinem Jugendleben allerlei Eindrücke, die er von seinem Vater und Großvater und ihrem wechselnden Schicksal gewonnen. Wie übel man seinem Großvater mitgespielt, als er seine ersten großen Bauten begonnen, habe er als Kind oft aus dem Munde seiner Erzieher gehört. Die herrliche Glyptothek habe, nachdem sie kaum im Rohbau vollendet gewesen, der Münchener Volkswitz »Prinzen-Narrenhaus« getauft und mit allerlei häßlichen Inschriften besudelt. Seinem Vater, dem guten König Maximilian II., habe man die harmlosen Gesellschaftsabende mit einigen Gelehrten und Dichtern, die ständige Gäste in der Residenz gewesen, schlimmstens zu mißdeuten gesucht. Man habe darin eine förmliche Verschwörung gegen alles Einheimische und Urmünchnerische sehen wollen, und sich krampfhaft bemüht, dem Könige den Umgang mit seinen Freunden zu verleiden.

»Siehst du, Teuerster, das ist die Macht der Krone! Die arme Krone! Sobald eine neue, ungewohnte Schönheit sie umstrahlen will, kreischt das Volk auf.«

»Vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun! möchte man mit den Worten des Evangeliums sagen. Es scheint wirklich, als bliebe das Volk ein ewig unbelehrtes Kind. Was wir tun, ist im Grunde der nämliche Kampf um seine Bildung, der sich in wechselnden Formen durch die Jahrhunderte zieht.«

Der König verfiel wieder in seine nervöse Stimmung: »Ach, wie bin ich oft schon müde dieses Kampfes! Sollte ich meiner Lebtag mich herumschlagen mit dieser häßlichen Dummheit – wahrhaftig, der Ekel brächte mich um. Um diesen Preis will ich keine Krone tragen, nein, dreimal nein!«

Der Meister-Freund suchte seinen König mit herzlichen Worten zu beschwichtigen, der aber wühlte sich immer tiefer in die schmerzlichen Empfindungen der nahenden Abschiedsstunde hinein. Seine Erregung kannte kein Maß mehr.

»Nimm mich mit dir, Teuerster! Was gelte ich dem Volke, das dich verstößt? Was gilt mir das Volk, dem deine göttliche Kunst Gefahr und Abscheu ist? Nein, da ist meines Bleibens nicht, wo ich auf meine einzig fruchtbare Wirksamkeit verzichten muß. Nimm mich mit dir! Laß mich nicht mehr zurück in die gräßliche Einsamkeit – und zu diesen Schlammbeißern und Kotaufwühlern. Und wenn ich mich zwingen wollte, mit ihnen zu paktieren, du wirst sehen, es geht nicht. Ich kann mich nicht gemein machen mit dem Gemeinen. Ich kann mein Herz nicht dem Kodex des Gesindels unterwerfen. Ich kann nicht die furchtbare Schmerzenslast schleppen, die schon mein Vater und mein Großvater getragen. Ich kann nicht!« Schluchzend warf er sich dem Freunde an die Brust: »Einziger! Göttlicher!«

Dieser schwur dem Könige, daß er im Geiste stets die treueste Teilnahme an allen seinen Sorgen bewahren werde, daß die Entfernung nicht den Bund ihrer Seelen zu lockern vermöge. Bessere Zeiten würden anbrechen. Die Sonne neuer Kunst sei nun doch über der Residenzstadt aufgegangen, und alle Wolken der Welt könnten den Schimmer der ersten Triumphe nicht mehr von ihr nehmen. Wie mit säender Hand stehe die Schönheit auf dem Acker. Die Götter selbst breiten ihren Schutz über jede Furche, über jedes goldene Samenkorn. Die gemeinsame Not aller höheren Geister werde der Heilsbotschaft der ästhetischen Kultur die Seelen auch des widerstrebendsten Volkes bereiten helfen, bis sie alle einzögen in die Herrlichkeit der erlösenden Kultur.

So versuchte der Künstler mit guten großen Worten den König zu trösten, obschon er selbst im Innern bitteres Weh empfand und selbst eines starken Trostes bedurft hätte.

Und endlich schieden sie. Im Angesichte der morgendlich leuchtenden Gipfel der Schweizer Alpenwelt tauschten sie den letzten Gruß und Kuß.

»In Treue fest!« rief der Künstler mit den Worten des bayerischen Wappenspruchs.

»Auf Wiedersehen!« rief schwermütig der König.

Einer, dessen Lebenselement heiße Golfströmung im weiten Ozean, und der nun in eine Eishöhle eingekerkert, kann sich nicht unbehaglicher fühlen, als der junge Monarch nach der Abreise seines Meister-Freundes. Er verbat sich die Lektüre aller bayerischen und deutschen Zeitungen, wies auch alle fremden Journale zurück, die sich mit dieser Angelegenheit befaßten.

»Mögen sie schreiben, was sie wollen, die Wahrheit treffen sie nie. Die Wirkung auf das sogenannte Volk rührt mich nicht. Der Künstler ist nicht geflohen, er wurde nicht verbannt, er kann jeden Augenblick zu mir, ich kann jeden Augenblick zu ihm – wie's uns gut dünkt. Vorläufig hat er sich zurückgezogen um seiner Gesundheit willen. Wie man sich zurückzieht, wenn in der Nachbarschaft die schwarzen Blattern ausgebrochen oder die Pest. Die Nachwelt wird den Fall sich in ihrer Weise auslegen. Sie wird sich nicht besinnen, von dem Rechte der Kritik den ausgiebigsten Gebrauch zu machen.«

So sprach der König zu seinem Leibdiener, als er sich nach stillen, arbeitsamen Stunden zur Ruhe begab. Aber es wurde ihm schwer, Schlaf zu finden.

Von München ging er an den Starnberger See, von da nach Hohenschwangau, um nach kurzer Rast wieder nach München zurückzukehren. Um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden, verlegte er die Reisezeit stets nach Mitternacht.

Die Minister und Räte schonte er nicht. Sie mußten ihm Vorträge über Vorträge halten. In der Politik wollte er bis ins kleinste auf dem laufenden erhalten sein. Zu dem Minister des Auswärtigen sagte er kurz nach einer langen, rosig gefärbten Auseinandersetzung der Dinge am Bundestag und über das Verhalten der beiden Vormächte Preußen und Österreich unter sich und zu den Mittelstaaten: »Die Geschichte ist nicht uninteressant, aber ekelhaft.« Der Minister versuchte seine Auffassung zu rechtfertigen. Der König wiederum kurz: »Ja, es gibt Idealisten, die solche traurige Zustände nett finden, weil sie mit ihrem Optimismus daran herumdoktorn können. Ob sie große Staatsmänner sind? Das mögen sie sich an den Ergebnissen ihrer Kurpfuscherei selbst beantworten.«

Der Justizminister brachte ein Todesurteil zur Unterschrift. Der König verweigerte den Vollzug. Sein absolutes Vertrauen auf den Gerechtigkeitssinn der Menschen sei erschüttert, er überlasse die Rache Gott, dem Allwissenden. Er hüte sich, durch seine Unterschrift Blutschuld auf sich zu laden. Er greife nicht weiter, als seine Sicherheit reiche.

Alle Geschäfte führte er mit peinlichster Gewissenhaftigkeit, wenn auch oft mit leisem Zähneknirschen darüber, daß sich ein nichtiger Bettel als Staatsangelegenheit bauschte, zu dessen Erledigung nicht mehr Grütze gehörte, als sie der erste beste Schreiber aufwenden kann. »Königlicher Luxus!« murrte er in sich hinein und gedachte seiner hochfliegenden Künstlerpläne, die inzwischen gebunden lagen wie Adler mit gebrochenen Schwingen.

Gewiß, der in aller Heimlichkeit betriebene Bau seines Wintergartens, einer entzückenden Märchenschöpfung auf dem Dache des westlichen Flügels des Festsaalbaues seines Großvaters, gegenüber dem Hofgarten, rückte jetzt sichtlich von der Stelle. Das wird schön, das wird feierlich werden, das wird Stimmungen aus reineren Sphären in die graue Alltäglichkeit zaubern – und die Menschen der Gasse werden nichts davon sehen als ein riesiges Eisengerippe mit runden Glaswänden, eine rätselhafte Wölbung hoch in der Luft, undurchdringlich jedem profanen Blick. Allen am Bau Beteiligten ist strengstes Schweigen auferlegt. Ja, es wird herrlich werden, eine Symphonie von malerischen Stimmungen. Aber ach – er verhehlte es sich nicht – von Stimmungen nur, nicht geistiger Inhalt von fortwirkender Kraft. Die Pein der Leere wird ihn immer wieder überfallen, das bittere Ungenügen. Nicht nach der Fata Morgana der Schönheit drängte seine Seele, sondern nach der Schönheit an sich, um das Leben in Höhe und Fülle zu erhalten. Nicht am blauen Dunste eines Künstlertraums wollte er sich berauschen, sondern den Himmel selbst, der mit all seiner seligen Befriedigung dahinter liegt, den wollte er zwingen, sich auf die Erde niederzulassen in ewigen Kunstschöpfungen, in Urtaten künstlerischer Kultur. Aber – jawohl aber! Der süße Pöbel! Rasch ein anderes Bild, damit er nicht in dieser Linie der Erinnerungen an seine beschämendsten Erlebnisse weiter denken mußte – und er vertiefte sich in neue Pläne, die seinen Geist aus der städtischen Enge und Qual hinaufführten auf die Gipfel des Hochgebirges, in die freie Alpenwelt!

In einem Minimum von Zeit war der Wintergarten vollendet.

Die Gaffer standen mit offenen Mäulern und starrten auf das Dach der Residenz. Wölbungen, Wasserrohre, Kamine – alles ungewohnt riesenhaft. Wundervolle Kähne wurden gebracht, exotische Pflanzen, Palmen und Zedern in wahrhaft königlichen Exemplaren, lebendige Schwäne. – Trotzdem alles wie ein schweres Staatsgeheimnis gehütet werden sollte, sickerte doch manche Ausplauderei ins Volk.

»Ein neuer Wintergarten nur? Nein, er will die Gärten der Semiramis übertrumpfen. Eine orientalische Landschaft mit See und Fluß und Brücken und heiligen Hainen, im Hintergrund eine wundervoll gemalte Riesenleinwand, die majestätischen Schneegipfel des Himalaja täuschend – Herrgott, was das wieder kosten wird! Dazu eine Beleuchtung wie von leibhaftigen Sternen in klarer Vollmondnacht – und das alles hoch oben auf dem Dach! Und für sich mutterseelenallein? Kein anderer darf den Fuß hinaufsetzen?«

»Doch, sein Lieblingssänger, dem er neulich eine silberne Lohengrinrüstung geschenkt, der darf hinauf. Der singt ihm hinter Rosenbüschen, während der König im goldenen Kahn auf dem See rudert. Unter einem kostbaren Purpurzelt wird dann getafelt. Überhaupt: kostbar, kostbar! – Na, jeder tröstet sich auf seine Weise.«

Inzwischen hatte der König eine Winterreise durch das Hochgebirge gemacht, jenseits der Zugspitze, bis an den Fernpaß, wo er unter einer verfallenen Tiroler Felsenburg ein entzückend einsames Wirtshaus entdeckte. Er besichtigte die kleinen Zimmer und wählte sich zwei davon für seine persönliche Benutzung aus. Er würde öfter als Gast hierher zurückkehren. In das Fremdenbuch schrieb er statt seines Namens El Rey – er wünschte aber nicht erkannt und als König angesprochen zu sein. Nur als unabhängiger Winterreisender möchte er hier ein ungestörtes Quartier finden. Alles wurde ihm bereitwillig zugesagt. Dann verweilte er noch einen Tag in Hohenschwangau, mit dem Blick auf den hochgelegenen Schwanstein, der über der Pöllatschlucht in alten Zeiten eine feste Burg getragen. Die Fundamente und einzelne Trümmer waren noch zu sehen. Schwanstein – Neuschwanstein! Wenn hier wie ein Phönix aus der Asche sich eine neue Schönheit erhübe und architektonische Form gewänne, von einer Vollendung, daß sie als würdiges Seitenstück zu des geliebten Meister-Freundes Musik- und Wortdichtungen Tannhäuser-Lohengrin-Parsifal himmelansteigen könnte, ein Symbol siegender Seelengröße in Lust und Leid . Ein ewiger Bergpsalm, dem Höchsten von dem bauenden Könige gesungen! –

Mit amtlichen Briefschreiben aus der Residenz und allerlei rasch zu erledigenden Schriftstücken überbrachte der Hofkurier einen Brief vom Meister und eine lange wunderliche Stilübung vom blonden Prinzen – Nichtmehrvogelfrei. Das war ein guter, gesegneter Tag.

»Prachtvolles Arbeitswetter in der Schweiz. Wotan und Siegfried – Sonnengruß!«

»Gott sei Dank!« jauchzte des Königs Seele. Und wie auf Eingebung setzte er auf ein Telegrammformular die Worte:

»Neuschwanstein erwidert Euren hehren Gruß.

Ludwig.«

Damit war gleichsam das königliche Insiegel auf den neuen Bauplan gedrückt und seine Ausführung durch den Meistergruß geweiht. Alles übrige wird die Zeit vollenden – nach dem alten Spruch auf der Hohenschwangauer Schloßuhr: »Die Zeit eilt, teilt, heilt.«

Die Stilübung des prinzlichen Bruders, die gleich in den ersten Zeilen recht drollig begann und Tolles vermuten ließ, versparte sich der König auf den Rückweg nach München. Auf der nicht kurzweiligen Fahrt ist eine Erheiterung immer willkommen. Wehmütig stimmte ihn die Erinnerung an den Vater, die in Hohenschwangau auf Schritt und Tritt lebendig wurde, und er begriff, warum die gute Königin-Mutter während der schönen Jahreszeit mit Vorliebe in diesem gotischen Schlößchen Aufenthalt nahm. Einen gar seltsam kühnen Flug nahm zuweilen hier die Phantasie seines Vaters, wenn er sich der Neigung zum Bauen hingab. Einmal träumte er von Räumen aus Quadern, deren jeder ein durchsichtiger Würfel von ungeheuren Dimensionen sein sollte. Eine eigene Glasfabrik sollte errichtet werden zur Herstellung solcher Quadern. Das Dach wollte er als ein Gewölbe von Glas konstruieren, so lichtdurchlässig, daß das Blau des Himmels und der Glanz der Gestirne durchdringen konnte, den Raum geheimnisvoll zu erhellen. Dann wurde er plötzlich wieder ernst und nüchtern, verwarf alle eigenen Träume und begnügte sich, einzelne Ideen, die er sich selbst nicht genügend klarzumachen wußte, staatlich angestellten Architekten zur Ausführung zu überweisen oder einen Wettbewerb zu ihrer Bearbeitung auszuschreiben. Auf diese wenig meisterliche Weise sind die Pläne zur Maximilianstraße und zum Maximilianeum entstanden, die später, als alles fix und fertig stand, mit geringen Ausnahmen keinen kunstverständigen Menschen mehr zu befriedigen vermochten. Warum hat der gute Vater nicht zu eigener höchster Wahrheit sich durchzuringen die Kraft und Ausdauer besessen und dann in der Ausführung ausschließlich seinen persönlichen Willen zum herrschenden gemacht? Verhängnis! Er trug zu viel Schwere und Bedenklichkeit in sich, so konnte ihm die Sehnsucht zum Leichten und Hochstrebenden nicht zu gesunden Werken gedeihen. Letzten Endes konnte er nichts unter seiner Regierung Geschaffenes als den vollen Ausdruck seiner persönlichen Überzeugung auf sein Gewissen nehmen. Ein steter Wechsel mit allerlei kleinlichen Auskunftsmitteln, nirgends energische Einheit des künstlerischen Gedankens. Vierzehn Tage vor seinem Tode gab er noch Befehl, an dem im Rohbaue fertigen Palast des Maximilianeums das Spitzbogen- in das Rundbogensystem umzuändern: »Ich will, daß beim Maximilianeum die Formen der Renaissance noch mehr zur Geltung kommen sollen, da ich von der mittelalterlich-gotischen Baukunst nur noch das Konstruktionsprinzip beibehalten wissen will.« So mußten hinterher alle Tor- und Fensterprofile und alle Gesimse abgeschlagen und neu aus Terrakotta hergestellt werden, um die Stiländerung notdürftig durchzuführen. Das Maximilianeum ist auch trotz der Millionen, die es verschlungen, alles andere eher, denn ein Kunstwerk geworden. Es ist eine ungeheure Steinmasse, in welcher die Poesie der architektonischen Raumgestaltung nirgends zu ihrem Rechte gekommen.

So übte jetzt der einsame junge König in seiner Rolle als Baukünstler strenge Kritik am Wesen seines bauherrlichen Vaters – unbewußt, in dem Drange, seine Seele zu festigen, damit sie, allen Widerständen zum Trotz, ihres Weges sicher sei und zum Ziele laufe wie ein Held.

Hochgemutet kehrte er von der kurzen Wintergebirgsreise in die Residenz zurück, von niemand gefragt, von woher er kehre und was er gesucht. Er trug seine Welt in seines Busens Tiefe.

Den Brief seines Bruders zu lesen, hatte er unterwegs vergessen, so lebhaft war er mit der Fülle eigener Gedanken beschäftigt.

Nun sollte es ihm in den stillen Nachtstunden ein doppelter Genuß sein, den Brieffabeleien des Prinzen zu lauschen. Er machte sich auf den buntesten Übermut des Schulhäftlings gefaßt und erteilte ihm für alle epistolarischen Exzesse, die doch nur der Schrei einer kindlichen Seele nach Freiheit waren, im vorauf Absolution.

Der König schloß sich in sein Arbeitskabinett ein und las:

»Majestät! Was auch Hermann mein Rabe Unheilvolles über mich krächzen möge, ich bin gesund. Der Zahn der Zeit, der an allem nagt, was nicht niet- und nagelfest, beißt mich täglich schöner heraus. Ich habe mit seiner unschätzbaren Hilfe mein Siebzehntes hinter mir und werde bald auch mein Achtzehntes im Rücken haben, geburtsrechtlich ausgedrückt, ich marschiere – betrachte Dir einmal diese Beine! – auf meine prinzliche Volljährigkeit los. Angeblich, nach altem Brauch und Herkommen, werde ich damit erst lebensberechtigt und befähigt, mich selbst zu regieren.

Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe
Und stürmt entzückt ins Hofbräuhaus.

Ich habe, wie Figura zeigt, meinen Schiller im Leib so gut wie einer. Ich hoffe, daß das ein Gewisser, nicht auch einer, sondern ein einzigster, mit besonderem Wohlgefallen bemerkt. Von ihm weiß ich, daß besagter Schiller der Weg zu allem ist. Mit ihm bin ich durch das rosenrote Tor des Schönen (bitte, nicht etwa nur an die klassisch geschwungenen Lippen der Waldfrau oder der Zigeunerin zu denken!) eingezogen in der Erkenntnis Land.«

Waldfrau – Zigeunerin – Der König ließ träumerisch den Brief sinken. Er kam nicht gleich zu einer plastisch klaren Vision. Die Magie des Weiblichen als Körperlichkeit hatte offenbar geringe Stärke für ihn. Der schöne Frauenleib war ihm nur die summarische Hülle, hinter der er keusch das Schönere suchte: die schöne Seele. Deutlich sah er jetzt nur zwischen den Briefzeilen das pfiffig schmunzelnde, holde Jünglingsgesicht des Bruders mit dem blauen Augenpaar und dem blonden Lockenhaar auftauchen. Er grüßte ihn – und las weiter:

»Verschiedene Knöpfe und Knoten sind mir aufgegangen, darunter der wichtigste: der griechische. Ich habe mich als Hellene entdeckt, als personifizierte Sinnen- und Formenfreude im klassischen Maß. Seit dieser Entdeckung, auf die ich so stolz bin wie ein Kolumbus auf sein Häufchen Amerika, geht mir alles Griechische, nach dem glaubwürdigen Zeugnis meines Schultyrannen, ein wie süßer Honigkuchen. Die Sprache der olympischen Götter hat bald kein Geheimnis mehr für mich. Ich bitte Dich, sag mir kein schlimmes Wort mehr über das Griechische. Es ist Dir, als dem geborenen Gotiker, einfach verschlossen geblieben, ein Buch mit sieben Siegeln, das Dir keine Schulweisheit zu öffnen vermochte. Da mußte jede Methode versagen; glaube mir, die Herren Pädagogen sind an Deinem Unvermögen unschuldig; der sublimste Philologe, mit und ohne Nürnberger Trichter, mußte seine Kunst an Deiner starren Gotik scheitern sehen.«

Der König lachte hellauf. »Wo der Wildfang das nur alles her hat. Diese Laune, diese Diktion! Seit wann wirkt die Schule solche Wunder?« Er fuhr mit Behagen in der Lektüre fort:

»Die schwierigsten griechischen Schriftsteller, die uns früher Schwielen im Gehirn gemacht beim Präparieren, und die uns Angstschweiß auspreßten, daß wir dampften und trieften wie gesottene Weißwürste – oder dampfen und triefen Bockwürste noch intensiver? dann Bockwürste! – die sind mir jetzt geläufig wie Schnadahüpfeln. Ich übersetze Pindars feierliche Gesänge, daß sie sich lesen wie die G'stanzeln unserer Gebirgler. Seitdem verstehe ich auch die autochthone Poesie unserer Münchener Hinterwäldler besser. Das ist der zweitwichtigste Knopf und Knoten, der mir aufgegangen: ich begreife überhaupt diese vaterländische Erscheinung, die man schlankweg den Urmünchener nennt, von Grund aus, was man angesichts der bekannten Ereignisse modernen Stils, Verzeihung! – nicht von allen Menschen, die mir am nächsten stehen, in gutem Glauben sagen kann.«

Der König warf das Briefblatt auf den Tisch. Mit einem Schlag war sein Mißtrauen rege. Nun war er ganz irr: »Ist das von ihm – oder mystifiziert man mich?«

Mit gerunzelter Stirn und eingekniffenen Augen las er weiter, jedes Wort prüfend, damit man ihm kein X für ein U mache:

»Ich wünsche bei allen Göttern nicht, Dich zu erregen oder zu erzürnen, wenn ich aus meinem brüderlichen Herzen keine Mördergrube mache, indem ich das Folgende in aller Gemütsruhe niederschreibe. Ich bin aufrichtig froh, daß der berühmte Mann, dessen Name mit Weh anfängt, fort ist. Der hat wirklich das Zeug dazu, die Münchener verrückt zu machen, vollständig und gefährlich verrückt, daß man sie nicht mehr frei hätte herumlaufen lassen können. Alle Münchener einzusperren wäre aber doch nicht möglich gewesen. Diese Menschen sind nun einmal keine Gotiker, da ist nichts zu machen. Die Spitzbogen und was sonst als Formenwerk dazugehört, ist so wenig ihre typische Grundform, wie es die Grundform des einheimischen Maßkruges ist. Ja, dieser Maßkrug selbst ist ihre natürliche Grundform, denn sie sind geborene Hofbräuhäusler. Schau doch, unser gotischer Münchener Dom, unsere uralte, so stilgerechte Frauenkirche, hat zwei Türme – gehen sie gotisch aus, haben sie gotische Helme und Spitzen? Nein. Um die gotische Frauenkirche den Münchenern erträglich zu machen, haben die klugen Baumeister die Türme als zwei riesige Maßkrüge gestaltet. In diesem Widerspruche gegen das Gotische sind sie zu dem lieben und weltberühmten Wahrzeichen von München geworden. Man mag in München bauen, was man will, sie werden diesen ihren höchsten Rang in alle Ewigkeit nicht verlieren. Ich habe mir geschworen, die Münchener zu nehmen und sie gelten zu lassen wie sie sind. Wer sie studieren will, der muß ins Hofbräuhaus und ins Ewige Licht und in die Kronfleischküche und an den Viktualienmarkt, wo die schwarzen Rettiche in Körben wachsen und der weiße Limburger und der gelbe Emmentaler und der runde Mainzer, mit Kümmel darauf. Mit der gotisch angehauchten Maximilianstraße, glaube ich, haben sich die Münchener nur befreundet, weil sie einen bequemen, breiten Zugang bietet zum Hofbräuhaus, ihrer nationalen Kultstätte, ihrem feuchtfröhlichen Festspielhaus.«

»Es ist doch eine Mystifikation!« rief der König. »So niedrige Gesichtspunkte – das ist nicht Wittelsbacher Art! Man hat den guten Menschen mißbraucht, eine Infamie!« Er trommelte mit der Faust auf der Tischplatte herum.

Allmählich kehrte seine Ruhe wieder und er bemühte sich, die verdächtige Epistel zu Ende zu lesen.

»Das ist mir alles mit dem Griechischen aufgegangen, das wohl darum eine so wunderbar klassische und ewige Sache ist, stets des Schweißes der Edlen wert, weil es selbst die Götter menschlich nimmt und bei aller philosophischen Erhabenheit die Kirche beim Dorf läßt. Es ist gut, daß Du, wie ich höre, entschlossen bist, die Straßenbauerei im großen zu unterlassen. Was haben unser Vater mit der Maximilianstraße und unser Großvater mit der Ludwigstraße für Ärger gehabt! Überhaupt Straßen! Sie liegen nun einmal dem Münchener nicht, wenn nicht jedes zweite Haus ein Wirtshaus ist – und die lange Ludwigstraße, was die Stilisten auch zu ihrem Lobe sagen mögen, sie hat zwar eine Universität, aber kein einziges Wirtshaus. Als ein Unikum von Naturwidrigkeit mag ja auch das interessant sein, anziehend für durstige Münchener und andere Musensäuglinge ist es sicher nicht. Ich grüße die Berge und ihren ragendsten, schönsten Gipfel – Dich!«

Der Zweifel an der Echtheit des Briefes regte das leidenschaftliche Herz des Königs so im Innersten auf, daß er stundenlang nicht zur Ruhe zu kommen und sich einer anderen Arbeit zuzuwenden vermochte. »Von Feinden umstellt! Des eigenen leiblichen Bruders nicht mehr sicher!« rief er wiederholt gegen die Fensterscheibe und starrte gegen den schmutziggrauen Himmel, als müßte ihm von dort eine Antwort in Flammenschrift erscheinen. Wie Verfolgungswahn war's plötzlich über ihn gekommen. Eine ängstliche Unrast schüttelte ihn. Er spähte mit weitaufgerissenem Auge in alle Ecken, er lauschte, ob sich nicht boshafte Stimmen, unbekannt woher, vernehmen ließen. Er flüchtete sich vor seiner eigenen Furcht in die Mitte des Zimmers und hielt sich krampfhaft mit beiden Händen an der hohen Lehne des Stuhles fest, als erwarte er den Feind oder irgend etwas Ungeheures. Aber es kam nichts. Alles blieb ruhig wie in einem stillen Tempel, nur die Uhr tickte hörbar.

Zwar der Gedanke an das Nächstliegende hatte sich prompt eingestellt: den Bruder persönlich unter vier Augen vorzunehmen und ihn auszuforschen, bis alles klar wie Sonnenlicht. Allein sein Stolz wies diesen Gedanken sofort ab. Eine Inquisitionsszene mit diesem Sausewind von einem Kindskopf! Nein, das ging aller königlichen Würde und seinem Selbstbewußtsein wider den Strich. Inquirieren und spionieren – das fehlte noch zu all dem Demütigenden, das er in dieser herben Zeit erfahren!

Das eine stand ihm fest, als die ruhige Überlegung wieder Raum gewann: Einflüsse fremder und feindseliger Natur hatten den Bruder vergewaltigt, daß er sich bestimmen ließ, in einem schülerhaften Schreibebrief den Rezensenten und Kritiker des Königs zu spielen. Die Epistel war ein förmliches Diktat, auch stilistisch, unter der Suggestion eines dritten. Davon ließ er sich nicht abbringen, also war jede weitere Untersuchung überflüssig. Wer dieser dritte eigentlich sei, war ihm im Grunde auch nebensächlich. Daß dieser dritte überhaupt existierte und durch irgendein Medium bis zu dem König dringen und seinen Geist beunruhigen konnte, das war das Verhängnisvolle. Der burschikose Bruder war das Medium, das unschuldige Werkzeug. Kann man dem Werkzeuge zürnen? Man kann ihm nur wehren, sich tätig zu erweisen –

»Er soll sich hüten, sich künftig als Sprachrohr gegen mich mißbrauchen zu lassen, gleichgültig, von wem! Ich will vor allen Zudringlichen Ruhe haben!«

Und er zerriß den Brief, steckte die Fetzen in einen Umschlag und schrieb dazu die begleitenden Zeilen: »Der König verbittet sich in aller Zukunft dergleichen Stilübungen. Im Wiederholungsfall hat jede Unbesonnenheit unnachsichtliche Ahndung zu gewärtigen.«

Er rief den Kammerdiener. »Sofort an Seine Königliche Hoheit, meinen Bruder!«

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