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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Tagelang trug der König den großen Nachklang der Bülowschen Musikabende in seiner Seele. Er fühlte sich fest und getrost. Die Geschäfte des Tages ließen ihn wenig zur Einkehr in sich selbst und zur Beschäftigung mit seinen Lieblingsangelegenheiten kommen. In den Staatssachen gab es jetzt angestrengt zu arbeiten. Er mußte die Nächte für sich nehmen, wenn er mit sich selbst nicht zurückbleiben wollte.

Mit einer wahren Tristansehnsucht begrüßte er die Nacht, die ihm gestattete, ganz er selbst zu sein und sein eigenes Leben zu entfalten. Dem lärmenden zerstreuenden Tage galt sein Haß und seine Klage. Seiner eitlen Pracht, seinem prahlenden Schein sich enthoben zu fühlen, war ihm Seelenlabsal. Im Reiche des Tagesscheines gebieten freche Täuschungen und Lügen: Ruhm, Ehre, Macht, Gewinn, das Hasardspiel eitler Gewalten und nichtiger Werte. Wie kalt und öde, schamlos und geschwätzig drängen sich die meisten Dinge in die Seele, die der Tag uns wichtig nehmen heißt!

Ja, trotz alles Pflichteifers, auch das Alltägliche, Geschäftlich-Konventionelle ernst zu erledigen: er haßte den Tag.

»Gibt's eine Not,
Gibt's eine Pein,
Die er nicht weckt
Mit seinem Schein?«

In der Dunkelheit der heiligen Nacht reden die Geheimnisse der Seele und die tiefsten Brunnen werden laut. Die alte Mitternacht, mit welchen runenkündenden Urweltmutteraugen blickt sie ihre Lieblinge an! Und wie bringt sie die höchsten Geister der Menschheit, durch Zeit und Raum voneinander geschieden, einander nahe, fast bis zur Empfindung körperlicher Nähe, wenn die heilige Nachtstunde ihre Beschwörungen raunt, daß alle Erdenlast von der Seele fällt und ihre Ewigkeitsschwingen sich leise rauschend heben!

Aber alles Entzücken über die Befreiten im hohen Geisterraum entbindet nicht der harten Sorge, derer zu gedenken, die noch in leidvoller Körperlichkeit mit Not und Pein im Kampfe ihr Lebenswerk wirken. Das Martyrium der Großen, das ihm Bülow erst wieder mit so grotesker und doch so edel empfundener Mitleidsberedsamkeit in Wort und Ton geschildert, fordert's nicht stündlich seine Opfer unter den Mitlebenden, Mitstrebenden?

Zwei Namen traten dem König plötzlich in den Sinn, auf die ihn ein Zufall aufmerksam gemacht. Niemals hatte er von seinen Lehrern sie gehört: Ludwig Feuerbach und Anselm Feuerbach. Nur in einem antiquarischen Kataloge erinnerte er sich, einen anderen Feuerbach mit einer Schrift über den Apoll von Belvedere erwähnt gefunden zu haben. Apoll von Belvedere! Wäre ihm altes Griechische und Römische durch die qualvolle Schulmeisterei nicht so verleidet gewesen, hätte er sich sicher nach dieser Schrift umgesehen. Das hatten sie glücklich fertig gebracht, daß ihn das Hellenische anmutete wie eine verstaubte Gipsmodellsammlung. Dazu kamen noch die wenig erfreulichen Verse und gräzisierenden Konstruktionen und Satzungeheuer seines Großvaters, die anzuhören seinen Ohren den nämlichen Schmerz bereitete, wie die gipsernen Abgüsse marmorner Bildwerke, oft noch in grausamen Verstümmlungen, seinen Augen. Lebte darin noch ein Schimmer von der von Schulpedanten in banalen Tiraden angejauchzten klassischen Schönheit? Und benutzten eben jene Schulpedanten nicht die hellenischen Herrlichkeiten, um daran ihren archäologischen Scharfsinn aufzuhängen und mit kalter Seele durch Wissenskram die letzten Reste der Schönheit zu verhüllen und dem Schüler zu verekeln?

Ludwig Feuerbach wurde ihm von der Schule vertuscht. Jetzt wußte er warum. Seit gestern wußte er's aus eigener Forschung. In aller Heimlichkeit hatte er sich des Philosophen »Wesen des Christentums« verschafft. Schon die Vorrede hatte ihm den gewünschten Aufschluß gewährt. Einer, der aus Kammerdienern des Himmels freie Bürger der Erde erziehen will. Einer, der das Jenseits lächerlich macht, um das Diesseits in Ehrwürdigkeit zu heben. Ein verwegener Dialektiker, ein glänzender Sprecher, der sich sein Thema mit unendlichem Geschick zurechtlegt, um alle Vorteile auf seiner Seite zu haben und die Standpunkte der Andersmeinenden schief und töricht erscheinen zu lassen. Vielleicht ein Philosoph. Jedenfalls eine glänzende Begabung, ein seltener Freimut im Dienste einer revolutionären Weltanschauung. Jedenfalls ein genialer Trotz, wissenschaftliche Abschlüsse zu erzwingen in einer geistigen Streitsache, deren Argumente noch nicht erschöpft sind, die also noch nicht abschluß- und spruchreif ist. Eine Todesverachtung, die, um vor sich selbst recht zu behalten, sich selbst bei Mit- und Nachwelt kaltblütig ins Unrecht setzt. Ein erstaunlicher Charakter, den zarter und vorsichtiger empfindenden Naturen kaum sympathisch in seinem Drauflosgängertum, aber ehrenwert. Von heftigen Gegnerschaften verfolgt, von Feinden bedrängt, um Geld und Gut und Stellung gebracht, ein todwunder Fechter, er und seine Familie in bitterster Not – und niemand kann ihn einer unvornehmen Handlung zeihen. Rastlos hat er gearbeitet ein starkes Mannesleben hindurch, bis seine Hand erlahmte. Auf dem Rechberg bei Nürnberg haust er mit den Seinigen in einer kalten Hütte, in dem Abseits qualvollen Verlassenseins von Gott und der Welt. Ein Höhenmensch in Jammer und Irrnis, zu stolz, in laute Klagen und Hilfeschreie auszubrechen.

»Bin ich nicht auch sein König? Sollte ich nicht zu Hilfe eilen, bloß weil er mich nicht angerufen? Da ich nun doch seine Not kenne?«

Trotz der vorgerückten Nachtstunde wollte der König sofort nach dem Rechten sehen.

Er hörte, daß sein Adjutant noch anwesend war. Ein tüchtiger, belesener Kopf. Dem wäre zunächst einmal auf den Zahn zu fühlen.

»Noch keinen Schlaf, mein lieber Graf?«

»Die Wahrheit zu gestehen, Majestät, ein wenig ja. Schwüle Temperatur in diesem Spätherbst, das geht auf die Nerven.«

»Lassen Sie doch einmal gründlich auslüften!«

Der Adjutant suchte ein pfiffiges Lächeln zu verkneifen, als wollte er andeuten, mit dem Stubenauslüften wär's allein nicht getan, um die Schwüle loszuwerden. »Da müßten nicht nur kräftig saugende Ventilatoren angebracht, sondern diverse stagnierende Elemente und andere Zweibeiner an die frische Luft gesetzt werden.«

Der König: »Man merkt Ihnen nichts an, Sie sehen sehr frisch aus, geradezu munter, trotz der späten Stunde.« Die Anspielung auf die schwüle Temperatur wollte er nicht weiter aufnehmen. »Hatten Sie angenehmen Zeitvertreib?«

»Ein Kamerad steckte mir ein Bändchen Gedichte zu, ich las darin und fand ausgezeichnet lustige Sachen.«

»Ah, Gedichte – Sie lesen auch gern Gedichte?« rief der König interessiert.

»Die Wahrheit zu gestehen, Majestät, für gewöhnlich nicht. Ausnahmsweise – und wenn sie erheiternd sind wie die von unserm Kobell.«

»Ach, Kobell lasen Sie soeben,« bemerkte der König um eine Nuance gleichgültiger.

»Nein, Majestät, von einem Frankfurter – wie heißt er nur gleich? – Komisch, den Namen hab' ich gar nicht beachtet, während ich einige lustige Verse gleich im Kopf behalten habe.«

»Machen die Frankfurter auch noch Gedichte? Nicht bloß Geschäfte und Politik?«

»Befehlen Majestät, hol' ich sofort das Buch.«

»Nein, lassen Sie die Verse hören, die Sie behalten haben!«

Der Adjutant besann sich eine Sekunde, der König saß mit abgewendetem Gesicht:

»Es is kä Stadt uff der weite Welt,
Die merr wie mei Frankfort gefällt,
Un es will merr net in mei Kopp enei:
Wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei.

Un wär'sch e Engel und Sonnekalb,
E Fremder is immer von außerhalb!
Der beste Mensch is e Ärgernis,
Wenn er net aach von Frankfort is.«

Der König: »Das ist so lustig wie tiefsinnig und treffend. Ein Beitrag zur Philosophie des bornierten Lokalpatriotismus. ›Der beste Mensch ist ein Ärgernis, wenn er nicht auch von Frankfurt ist‹ – das kann ebenso von Altmünchen gelten. Aber nicht von Lokalpatriotenphilosophie wollte ich jetzt mit Ihnen reden.« Dem Adjutanten das Gesicht voll zuwendend, mit fast düsterem Ausdrucke: »Kennen Sie das Leben und die Werke des Schriftstellers Feuerbach?«

»Feuerbach – Feuerbach – geruhen Majestät, ist das ein militärischer Schriftsteller oder –«

»In gewissem Sinne auch ein militärischer, ein höchst militärischer Schriftsteller, ein Clausewitz des Gedankenkrieges, einer, der das Schlachtfeld ins Gehirn verlegt, der mit Erkenntnissen Krieg führt, ein Gedankenstratege –«

»Majestät sind so gnädig, mir darauf zu helfen – Feuerbach – famoser Name –«

»Ludwig Feuerbach, ja.«

»Richtig, wo hatte ich nur gleich meinen Kopf! Ludwig Feuerbach, der berüchtigte Achtundvierziger, ein alter Heidelberger Professor! Na, in München hätten wir ihn nicht zum Professor gemacht.«

»Vermutlich. Aber er ist ein Philosoph, wenn er auch nicht zum Philosophieprofessor taugt – seiner militärischen Eigenschaften wegen. Näheres wissen Sie nicht? Leben? Werke? Landsmannschaft?«

»Bedaure, Majestät. Näheres ist mir über den Mann nicht bekannt. Möglich, daß er sogar aus Bayern stammt. Ich hörte, trügt mich nicht mein Gedächtnis, einmal in Landshut von einer Familie dieses Namens.«

»Danke, lieber Graf. Auf morgen also. Sehen Sie nach, ob mein Kabinettssekretär noch im Bureau ist, ich lasse ihn bitten. Gute Nacht.«

Nach einer Weile erschien der Kabinettssekretär. Er brachte gleich Briefschaften mit, die noch am späten Abend eingelaufen. Der König ließ zunächst die Mappe unberührt.

»Haben Sie Feuerbach gelesen?«

Der Kabinettssekretär stutzte. Mit einem schüchternen Seufzer: »Majestät meinen wohl Auerbach, den Verfasser der berühmten Dorfgeschichten –«

Der König lächelte . »Den meinte ich neulich. Heute will ich von Feuerbach wissen, von dem Professor Ludwig Feuerbach, ehemals in Heidelberg, jetzt außer Dienst auf dem Rechberg bei Nürnberg.«

Der Kabinettssekretär schwieg, der König fuhr rasch fort. »Informieren Sie sich ohne Säumen, wie's dem berühmten Gelehrten geht und wie ihm auf diskrete Art zu helfen, falls er Hilfe bedarf. Die Sache ist dringend und durchaus vertraulich zu behandeln. Gute Nacht, mein lieber Hofrat. Noch eins: kennen Sie den Farbenton aschblau?«

Der Gefragte erholte sich von seinem Bückling unter der Tür, unterdrückte noch einen schüchternen Seufzer: »Majestät befehlen?«

»Aschblau!«

»Ich kenne bayerischblau, königsblau – dann enzianblau – dann eine Abtönung der Flachsblüte, deren genauere Bezeichnung ich leider nicht anzugeben vermag.«

»Aschblau nennt sich ein Farbenton, welcher dem bläulichen Schimmer, richtiger Flimmer der glühenden Asche gleicht. Sehen Sie einmal durchs Fenster jenen schönen Stern in der Ecke oben rechts. Sein Licht ist eine Zusammenstellung von violett, blau, rosa – nach dem regelmäßigen Aufstrahlen folgt die Abtönung in aschblau. Sehen Sie?«

»Zu Befehl, Majestät.«

»Gute Nacht also.«

Der König ließ sich einen frischen Leuchter bringen, um besseres Licht zum Lesen zu haben, machte einige eilige Gänge durch den Raum, reckte und dehnte sich, griff dann nach der Mappe, zog wahllos ein Stück heraus und setzte sich bequem zur Lektüre.

Format, Papier, Farbe, Duft prüfend: »Ah, endlich! Von E. – meiner Egeria!«

Er war ganz Andacht. Die beste Stelle mußte er noch einmal lesen. Diesmal halblaut:

»Ich halte ihn für einen Erlöser. Das Wort Tondichter oder Dichterkomponist bezeichnet nach meiner Meinung nur die äußere wahrnehmbare Form seiner Offenbarung, nicht aber das, was er selbst ist. Vor allem uns ist. Die dichterisch-musikalische Inkarnation einer Erkenntnis von unseren innersten Geheimnissen. Wie das geworden, zur Reife gekommen? Er ist eben einzig in unserer Zeit, eines der Mysterien unserer irdischen Existenz, jener Mysterien, die uns allgemach zum erlösenden Wissen werden. In seinem Werk fließen wie in einem Muschelbecken die großen Harmonien zusammen: alle Sonnenstrahlen, die nie erloschen, und die Träume, die noch nicht geboren sind, die Freuden der Blumen in den Zaubergärten, das Waldweben, die Schwermut des Herbstes, das Schweigen der Wolken, der Urton der Flüsse, das Rheingoldlied – – Wir müssen ihm lauschen, als beugten wir uns über das Herz der Erde selbst. So kehren wir zurück, woher wir gekommen. Auf diese Weise werden wir als Sieger über uns selbst siegen und schon im Leben vollbringen, was andere erst mit Hilfe des Todes vermögen.«

Und dann die Nachschrift:

»Sorge, daß der Einzige, Heilige, dem entwürdigenden Kampf entrückt wird, zu seinem und Deinem Heile. Lasse ihn fliehen, an einen der Gemeinheit unerreichbaren Schutzort, solange sein Fuß noch unbesudelt über die reine Schwelle schreiten kann.«

Der König eilte in heftiger Bewegung ans Fenster und warf stürmische Grußzeichen in das Schweigen der Nacht . »Hab' Dank, Kaiserin, hab' Dank!« –

Der König öffnete die Mappe und entnahm ihr einen großen Umschlag. »Von einem praktischen Arzt zu Regensburg: ›Richard Wagner, eine psychiatrische Studie‹ – ah!«

In diesem Ausruf drängte sich so viel Weh, Empörung, Hohn und Stolz zusammen, daß der König fast selbst erschrak vor dem Widerhall, den die Wände gaben. Dann sprach er, indem er das Schriftchen durchblätterte, hie und da an einer Stelle ein wenig verweilte: »Genie ist Wahnsinn, natürlich – Paranoia, weil's so gelehrter und autoritativer klangt. Das war stets ihrer Weisheit letzter Schluß: Normalmensch, soweit ihr kurzbeiniger Verstand folgen kann, ein Verrückter, sobald sie in ihrer Zwergausrüstung nicht mehr mitkönnen. So muß mein teurer Meister auch noch dieses Siegel, diese Weihe empfangen. Wie gern hätt' ich's ihm erspart! Ist's vielleicht doch Schicksalswille, diese beleidigende Huldigung der Kleinen zu buchen, damit der Name der Großen desto leuchtender auf der Tafel der Geschichte erscheine? Beugen wir uns vor dem Willen des Schicksals. Amen.«

Der König machte einen Riß durch die Broschüre, dann legte er sie abseits. Noch kochte es in ihm, daß er förmlich nach Luft rang, ans Fenster stürzte und den Flügel aufriß. Er wollte die Broschüre noch einmal in die Hand nehmen, um sich den Namen des Verfassers einzuprägen – zog aber rasch die Finger zurück, als hätten sie etwas Giftiges und Schmutziges berührt. »Nein, diese Genugtuung soll dieser gelehrte Pöbelmensch nicht haben, niemals soll seiner gedacht werden.«

Er klingelte dem Kammerdiener.

»Diesen Wisch hier auf dem Tisch sofort ins Feuer, aber ohne ihn weiter anzublicken oder darin zu lesen – bei meiner Ungnade! Sofort! Und Meldung!«

Nach einigen Minuten erschien der Kammerdiener, um zu melden, daß auf allerhöchsten Befehl der »Wisch« verbrannt sei.

»Hat er gerochen – und wie?« fragte der König.

»Wie ganz gemeines Papier, zu Befehl, Majestät.«

»Hat er dabei Musik gemacht, das heißt, hat er beim Verbrennen ein bestimmtes Geräusch entwickelt?«

»Viel nicht, dazu hat er keine Zeit gehabt.«

»Nun, wie?«

»Etwa wie ein Fisch, den man aus frischem Wasser in die heiße Schmalzpfanne wirft.«

»Sehr gut. Ab.«

In derselben Nacht noch wußte der Kammerdiener einem Kollegen unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit zuzuraunen: er wette, daß Wagner in allerhöchste Ungnade gefallen sei, Majestät habe ihn sinnbildlich verbrennen lassen in einem Wisch, darauf groß gedruckt gewesen: Richard Wagner. Majestät habe genau wissen wollen, wie er gerochen und was er dabei für Musik gemacht! –

Der König fühlte sich müde und wollte sich zur Ruhe begeben, als er bemerkte, daß die Mappe noch ein Stück enthielt, das er noch nicht angesehen. Er zögerte, es herauszunehmen. Schließlich überwand er den Widerwillen – was konnte noch Schlimmeres kommen nach der frechen Narrenbroschüre, die man ihm in die Hand gespielt? Er fand ein sauber gedrucktes, elegant verpacktes französisches Zeitungsblatt mit einem vornehmen Begleitschreiben. Dem französischen Blatte war noch ein elsässisches beigelegt, das den nämlichen Aufsatz in deutscher Übersetzung im Nachdruck brachte. »Ein Besuch bei Richard Wagner in München«.

Sofort überflog der König das Original, um zu prüfen, was ihm der Pariser für ein Geschenk gemacht. Er brach in Entzücken aus. Das war ja ganz herrlich. Nach dieser blödsinnigen Kränkung aus Regensburg eine solche strahlende Genugtuung aus Paris. Ach, daß ewig die Deutschen sich von den Ausländern beschämen lassen müssen, wenn es sich um die Würdigung des Genius handelt! Aber den vollen Genuß dieses Geschenkes wollte er sich für die Frühe aussparen. Das sollte ihm den ganzen Tag erhellen.

Nach dem Frühstück war für den jugendlichen Helden des Hoftheaters eine Danksagungsaudienz angesetzt, der Schauspieler wollte sich für die empfangene goldene Ludwigsmedaille bedanken. Das traf sich gut. Der König ersuchte den Künstler, ihm eine Probe seiner Vorlesekunst zu geben und überreichte ihm das elsässische Zeitungsblatt.

»Nicht den ganzen Artikel,« lächelte der König, »ich will Sie nicht zu sehr bemühen, nur die Absätze, die ich mit dem Stift bezeichnet. Im Deutschen klingt das ein wenig überschwenglich, was für den Franzosen nur warmherzig ist. Also nehmen Sie möglichst wenig Ton, um die Wirkung der Schilderung des Monsieur Schuré nicht durch Emphase zu beeinträchtigen.«

Der König ging mit leisen Schritten auf und ab, während der Schauspieler mit gutem Vortrage, genau der Weisung folgend, diese Stellen las: »Seine Unterhaltung war ein ununterbrochenes Schauspiel, denn bei ihm mußte jeder Gedanke zur Tat werden. Auf dieser mächtigen Stirn folgten sich die Gedanken und Empfindungen wie die Blitze und glichen sich nicht. Er trug in sich seine großen Helden. In wenigen Minuten konnte man in seinem Gesichtsausdrucke wiederfinden die schwarze Traurigkeit des Holländers, das zügellose Sehnen Tannhäusers, den unnahbaren Stolz Lohengrins, den eisigen Hohn Hagens und die Wut Alberichs. O, diesen seltsamen Wirbelsturm in diesem Gehirn zu betrachten!«

»Sehr gut!« schaltete hier der König voll gespannter Aufmerksamkeit ein.

Der Vorleser fuhr fort: »Und alle diese Gestalten beherrschend, die in ihm einander folgten, erschienen immer wieder zwei, die sich abwechselnd zeigten wie die beiden Pole seiner Natur: Wotan und Siegfried!«

»Wotan und Siegfried! Sehr fein!« rief der König. »Fahren Sie fort!«

»Ja, im Grunde seiner Gedankenwelt gleicht Wagner Wotan, diesem germanischen Jupiter, diesem nordischen Odin, den er nach seinem eigenen Bilde umgeschaffen – diesem launenhaften, philosophischen und schwarzseherischen Gott, der immer um das Ende der Welt bekümmert ist, immer wandert und über das Rätsel der Dinge nachgrübelt. Aber vermöge seiner jugendlichen stürmischen Natur gleicht er ganz auch ebenso Siegfried, dem kindlichen starken Helden ohne Furcht und Zweifel, der sich selbst sein Schwert schmiedet und hinauszieht, fort in die Welt, sie zu erobern. Das Wunder besteht darin, daß er diese beiden Urbilder verwirklicht, daß sie zu einem einzigen verschmolzen werden durch die beständige Vereinigung eines tiefen Nachdenkens und einer sprudelnden Tatenlust. Bei ihm hat das Übermaß der Gedankenwelt die Schwungkraft des Lebens nicht geschwächt, und welche Hindernisse das Leben auch bot, er hörte doch niemals auf zu philosophieren. Er verband einen berechnenden, das Übersinnliche beherrschenden Verstand mit der Freude und der ewigen Jugend der schöpferischen Geisteskraft. Seine Heiterkeit konnte in schäumendem Übermute das Höchste in tollen Phantasien und ausschweifenden Scherzen leisten. Aber der geringste Widerspruch reizt ihn zu unglaublichen Zornausbrüchen. Dann bekommt man Tigersprünge zu sehen und das Geheul wilder Tiere zu hören –«

»Echt französisch gesehen, nicht wahr?« rief der König vergnügt dazwischen.

»Er durchmißt das Zimmer wie ein Löwe seinen Käfig, seine Stimme wird heiser und die Worte stößt er wie Schreie hervor –«

»Köstlich!« rief der König wieder.

»Er scheint dann wie eine entfesselte Naturkraft zu sein, wie ein Vulkan in Tätigkeit. Alles an ihm ist riesenhaft und maßlos. Sein unermüdlicher Wille ist um so stärker, je mehr er augenblicklich unter der Vermittlung seiner mächtigen Einbildung handelt.«

»Einbildung hier als Inspiration genommen«, erklärte der König.

»Diese beiden vereinigten Mächte geben Wagner einen fast unwiderstehlichen magnetischen Einfluß. Was er denkt, was er will, stellt sich ihm als eindringliche Vision dar. Diese Wahnvorstellung, wahr oder falsch, gut oder schlecht, die in seinem Hirn entsteht, bringt er durch ein Wort, eine Gebärde, einen Blick anderen bei, und zwar mit einer Kraft, die seinem Überzeugung gleichkommt. Darum erliegen so viele Menschen dieser Macht der Suggestion, dieser fast unbegrenzten Gewalt, die namentlich auf jene Gemüter wirkt, die vorher durch seine Musik bezaubert worden sind –«

»Gut, gut«, sagte der König. »Das letzte ist die landläufige Übertreibung eines an sich richtigen Gedankens. Was für Schwächlinge gilt, verliert seine Wahrheit für die Starken. Wer selbst einer ist, unterliegt keinem andern. Es ist unrecht, aus der Suggestion einen Popanz zu machen. Das echte Genie ist niemals eine Gefahr. Ich danke Ihnen. Sie haben mir einen hohen Genuß bereitet. Die Übersetzung ist nicht tadellos, aber Ihr reiner Vortrag ließ mich die Mängel der Verdeutschung weniger fühlen.«

Nachdem der Schauspieler mit einem herzlichen Händedruck entlassen war, ließ der König den Kabinettssekretär zu sich entbieten.

»Ich habe gestern etwas vergessen, wir sind noch nicht mit den Feuerbachs zu Ende, mein lieber Hofrat. Haben Sie sich inzwischen informiert?«

»Über Professor Ludwig Feuerbach, zu dienen, Majestät.«

»Machen Sie nicht stets diese überschwenglichen Förmlichkeiten. Ein einfaches Ja oder Nein genügt mir. Wir müssen mit der Zeit geizen. Es ist sonst kein Fertigwerden. Also Sie haben schon Antwort?«

»Nein. Ich habe telegraphisch angefragt.«

»Bis wann glauben Sie?«

»Ich weiß nicht. Ein Telegramm braucht auch seine Zeit.«

»Richtig. Danke für die Aufklärung!« brach der König los. »Das hat der faule Bureaukratismus fertig gebracht, daß sogar der Blitzverkehr seine Vorteile einbüßt. Die Depesche läuft in ein paar hundert Minuten um den Erdball, in einem Vaterunser von hier nach Nürnberg, aber bis sie aufgegeben, abgenommen und zugestellt wird, dazu braucht's Stunden. Die glänzendste Erfindung ist nicht auszunutzen, wenn der bureaukratische Zweibeiner die Knochen nicht rühren mag. Skandalöser Schlendrian. Die anderen mögen's halten wie sie wollen – für mich hat der Telegraph rascher zu arbeiten, verstanden? Ich habe keine Zeit zu vergeuden. Was wissen Sie über den anderen Feuerbach?«

»Er heißt Anselm, ist Maler, lebt meist in Italien.«

»Was sonst?«

»Die Meinungen über seine Kunst sind geteilt. Die Zeitungskritik ist ihm nicht günstig.«

»Was schließen Sie daraus?«

»Das entzieht sich doch wohl meiner Kompetenz, ich bin kein Kunstrichter, Majestät.«

»Das ist Ihre Sache. Ich schließe daraus, daß der Künstler über den Zeitungsschreibern steht, deshalb von ihnen nicht begriffen wird. In der Presse sitzen die Kleinen und Mittelwüchsigen nicht bloß über ihresgleichen, sondern auch über die Großen und Größten zu Gericht. Das ist die verkehrte Welt.«

Der Hofsekretär steifte sein Rückgrat. »Auch Große und Größte sollen zuweilen in Zeitungen schreiben und es nicht besser machen als die Kleinen und Mittelwüchsigen. Gerechtigkeit in allen Stücken ist eine fast übermenschliche Tugend. In der Kunst spielt dazu der Geschmack mit.«

Der König milder: »Und über Geschmack ist nicht zu streiten. Eine uralte Maxime. Was die Menschen nicht abhalten wird, ewig über den Geschmack zu streiten. Und Anselm Feuerbach? Zur Sache, bitte!«

»Auch die Kunsthändler machen nicht gern Geschäfte mit ihm. Seine Bilder erzielen keine Preise. Das Publikum beißt nicht an. Es findet seine Gemälde zwar sehr vornehm und groß gedacht, aber kalt, und findet sich durch die Farbe nicht angezogen. Soweit reicht meine Information über Anselm Feuerbach, Majestät.«

»Gut. Lassen Sie auskundschaften, was für Gemälde er fertig hat und welche sich für die Staatssammlung empfehlen ließen. Auch kann für meine Rechnung eins erworben werden. Mein persönlicher Geschmack soll in diesem Falle nicht in Betracht kommen. Mag sein, daß meine Sympathie für den Maler stärker ist als für seine Gemälde. Ich will nicht, daß der vornehme Mensch verkümmert und verbittert. Also in diskreter Weise vorgehen, mein lieber Hofrat.«

»Und Direktor Wilhelm von Kaulbach – wie soll da weiter vorgegangen werden, Majestät?«

»Gar nicht vorgegangen. Ist erledigt. Gibt's denn Einfacheres? Kaulbach macht mir Lohengrins Abschied mit einem unmöglichen Schwan, nicht Natur, nicht Heraldik, einen albernen Kretin von einem Schwan. Ich kritisiere das Mißgeschöpf. Sein Erzeuger ist gekränkt und verschmäht, mir seinen Genius für weitere Aufträge zur Verfügung zu stellen. Also unterbleiben weitere Aufträge. – Noch eins, lieber Hofrat. Über die Statue des jungen Goethe sind dumme Zeitungswitze im Umlauf. Sie wissen, ich bin an den Besonderheiten des Denkmals unschuldig. Mein Großvater wollte die Standbilder von Schiller und Goethe in München haben. Für jedes schrieb er die Auffassung vor. Für den jungen Goethe wollte er eigentlich nichts haben als die bekannte Sophoklesstatue, nur mit Goethes Kopf und einer Lyra dazu. Das wurde getreulich ausgeführt, mehr konnte ich nicht tun. Mein Goethe ist das auch nicht. Es ist die Liebhaberei meines Großvaters, den deutschen Dichter mit griechischem Korpus und Gewand aufs Postament zu stellen. Mein Großvater hat für München so viel getan, daß die Isar-Athener ein Auge zudrücken und die schnöden Witze unterlassen könnten. Sorgen Sie durch eine erinnernde Notiz dafür, daß ich wenigstens dabei aus dem Spiel bleibe. Sie werden das um so wirksamer tun, als Sie wissen, daß ich mich sonst nicht in Zeitungshändel mische und mir den Journalistenkram vom Halse halte. Damit Gott befohlen, lieber Hofrat.« –

Ein Brief vom Meister. Dringendste Bitte um eine Audienz.

»Neue Sturmzeichen! –«

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