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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der König freute sich über seinen intelligenten Kammerdiener. Einfach vornehm war der Bursche und von einer phrasenlosen Gescheitigkeit. Ein solches Wesen gefiel dem König. Er setzte es bei allen Menschen seines intimeren Umganges voraus. Seit er an der Herrschaft war, schien es ihm unmöglich, daß sich Unedles und Gemeines in seine Nähe wage. Nur in reiner Lust konnte er atmen. Seelenschmutz war ihm ärger als die Pest. Der König übersonnte mit seinem heiligen Idealismus seine ganze Umgebung, und wenn ihm vom Reichtum seiner eigenen Sonnigkeit der Widerschein zurückstrahlte, so glaubte er, daß die anderen adlige Gnade verschenkten und mit ihm auf der gleichen Höhe ständen. Der Seelenzauber seiner Natur war so stark in jugendlicher Innigkeit, daß er die Niedrigsten zu reichen Verschenkern machte und den König über ihr wahres Vermögen täuschte.

Der Kammerdiener hatte dem König ein gutes, treffendes Wort gesagt. Als ihm der König eine seiner letzten Photographien zeigte, stutzte die kammerdienerliche Diplomatie über den wundersam naiven Ausdruck des königlichen Bildes. Fast mädchenhaft. Einen Finger an die Wange des lächelnd geneigten Kopfes gelegt, den Ellbogen in die flache Hand gestützt. Im Knopfloch des Sammetjacketts eine vollerblühte Rose. Die Haarfrisur in schwungvollen, glänzenden Lockenwellen. Das ganze Bild süße Holdseligkeit in jedem Zug. Wie aus einer schöneren Welt, als der neuzeitlichen, aus einem ferneren Jahrhundert, aus einem traumhaften Lebenskreise. Umsungen von stiller, erhabener Musik. Umduftet von seltsam wohlriechenden Blumen.

Der König wollte ein Urteil hören, und da der Kammerdiener in diplomatischer Einfalt zögerte, half er ihm darauf.

»Stolz, nicht wahr? Zu stolz dieser lächelnde Seitenblick? Nun, was sagte die kammerdienerliche Weisheit dazu?« scherzte der König.

»Ja. Majestät, das ist echter königlicher Stolz.«

»Was ist das für eine Sorte nach der Meinung Eurer Hochwohlgeboren?«

Nun kam dem Kammerdiener das glückliche Wort. »Das ist jener Stolz, der sich selbst genug ist, wie er ist, dem gar nicht daran liegt, wie er anderen erscheint. Ein Stolz, Majestät, der's nicht nötig hat, daß er sich viel um den Beifall der anderen bewirbt.«

»Das ist gut erklärt,« sagte der König, »das andere wäre Bettlerstolz oder dummer Hochmut.«

»Jawohl, Majestät,« setzte der Kammerdiener nach einer gut gespielten Pause des lächelnden Nachsinnens beherzt ein. »wie man ihn den Spaniern zuschreibt.«

Der König schenkte dem Kammerdiener für dieses Wort einen neuen Dukaten.

Es war das zehnte Geschenk innerhalb vierundzwanzig Stunden. So voll Wonne war sein Herz an diesem Tage, daß er jedem Dümmling Zucker gestreut hätte. Warum sollte er nicht Dukaten an die Klugen verschenken? Er wunderte sich aber doch. »Gibt es zehn Kluge an meinem Hof?«

Sein prinzlicher Bruder hatte ihm auch so viel Morgenluft beschert mit einer phantastischen Geschichte. Natürlich wieder von der Waldfrau. Und ein geheimnisvoller Egeriabrief war gekommen. Und der Meister hatte eine Schrift geschickt, frisch aus der Werkstatt des Genies heraus, eine Abhandlung über Kunst und Religion, funkelnd von Juwelen erhabener Gedanken. Und von der jugendlichen Schwester der Kaiserin war ein Blumenstrauß gekommen, hundert Grüße in einen gebunden, von der Roseninsel. Sollte ihm da das Herz nicht lachen? So viel des Glückes und der Schönheit!

Der blonde Prinz tollte herein, außer Atem.

»Du, draußen im Graswangtal sollen Zigeuner liegen. Eine ganze große Bande. Sie haben Hochzeit gefeiert. Es soll unaussprechlich lustig sein. Wollen wir nicht hinüberreiten? Heut abend? Es kennt uns kein Mensch, und wir lassen uns wahrsagen. Du hast deinen Wotan schon lange nicht mehr geritten, ich meine Brünnhilde nicht, die sind feuriger als alle anderen. Wir sausen hinüber. Soll ich Befehl geben?«

Der König schüttelte den Kopf und schwieg.

»Ach, du hast wieder Staatsgeschäfte. Dieses ewige Regieren. Wenn ich König wäre, ich wollt' mir's ganz anders vereinfachen. Gib doch mehr an den Onkel ab, der besorgt's so gern.«

»Nein, mein lieber Prinz Vogelfrei. Der gute Onkel bekommt so noch genug zu tun. Aber sag' nur, was für Irrwische sind dir wieder über den Weg gehüpft? Vor einer Stunde die Waldfrau – nun die Zigeuner. Was gabelst du denn noch auf?«

»Alles, was mir das Glück schickt und das Ungefähr, mein hoher Herr. Ach, die süße Waldfrau! Ja. ihretwegen möcht' ich auch einmal die Zigeuner befragen. Ich kenn' mich nicht mehr aus.«

Und der Prinz sang im Schnaderhüpfelton, improvisierend wie ein echter Gebirgler:

»Der Nix und die Nixin,
Die Waldfrau und ich,
Die hab'n dir a Schneid',
Fürcht'n koa Kugel, koan Stich.«

»Nein,« rief der König heiter, »mit deinem Gesang verschone mich. Den Besuch der Zigeuner können wir uns überlegen. Eine Frage ans Schicksal wollen wir lieber doch nicht tun. Es geht uns ja ganz gut. Nur als Bild interessieren mich die fremden Leute mit ihrer wilden Romantik.«

»Dazu gehört notwendig ihre Wahrsagerkunst. Wir werden schon sehen. Also wir reiten! Bravo!«

Und die königlichen Menschen sprengten in den Abend hinein. Auf der weißen, einsamen Landstraße.

Nun bogen sie auf Seitenpfade ab, gegen den Wald hin, ihre edlen Tiere verschnaufen zu lassen. Zunehmender Dämmer. Auf der einen Himmelshälfte der blasse Mond, auf der andern die zarten Lichtreflexe hinabgleitender heißer Leuchtkraft des Sonnenballs. Ein Glimmern, ein roter Schein, ein letzter Gruß durch die Blätter der Waldbäume, ein Gruß aus dem Himmelreich an die Lebenswilligen der Erde.

Jetzt ritten sie so nahe dem Wald, daß sie das Spielen und Flüstern der Blätter vernahmen.

»Wie doch die Bäume diskret sind,« bemerkte der König, ohne aufzublicken, »die Vögel, ihre lieben Spielkameraden, wollen schlafen gehen, da halten sie den Atem an und flüstern nur ganz leise, um nicht zu stören. So viel gütige Rücksicht. Ein so herzliches Ineinanderfügen.«

Der Prinz Wildfang schmunzelte. »Und wie die unvernünftige Kreatur dankbar ist. Für das gewährte Nestrecht und allen gastfreundlichen Schutz. Die Vögel, na, sagen wir einmal präzis die Spechte und Häher, klopfen den alten Bäumen die eingeschlafene Rinde ab. Weißt du, ich glaube, das ewige Auf-einem-Beine-Stehen tut den Bäumen auch nicht immer wohl. Und dann laufen sie ihnen die Blätter ab, ziehen die Mitesser und anderes Ungeziefer aus den Hautritzen. Die Bäume müssen ja verrückt werden von dem Jucken. Und dann singen sie den Baumpatriarchen allerlei Schelmenlieder vor, damit sie auch noch einen Spaß haben und nicht vor Ernsthaftigkeit und Langeweile sterben. So ein steinalter Baum hat doch auch nicht mehr viel von seinem Dasein.«

»Ich kann's nicht mit ansehen, wie man Bäume in ihren besten Jahren niederschlägt«, sagte der nachdenkliche König.

Heftig der Prinz. »Oder wie man gleich einen ganzen Wald mordet. Das ist schauerlich, wenn so Stamm auf Stamm gefällt wird. Man sollte den Wald ganz alt werden lassen und dann anzünden. Ein alter Wald, der in Flammen aufgeht, das, denk' ich mir, ist ein schönes Ende. Überhaupt das Verbrennen. Das hat was Jähes, Grandioses.«

»Um Gottes willen, du, hör' auf. Die wabernde Lohe um den Brünnhildefelsen, die flammende Flut bei der Götterdämmerung, angefacht von der Glut des Holzstoßes, darauf Siegfried verbrennt! Hojoho!« Und der König spornte sein Pferd und raste davon.

Der Prinz jagte lachend hinterdrein.

Nach einer Weile hielten sie wieder, stellten die schnaubenden Rosse Kopf gegen Kopf. Ein duftiges, blaßpurpurn durchhauchtes Grau in durchgeistigten, sanften Tönen schläferte Himmel und Erde ein. Friedvolle Ruhe, durchzogen vom starken Atem und Nüsterngeräusch der Pferde.

»Und unsere Zigeuner?« fragte der König.

»Die kriegen wir noch.«

»Siehst du, ich finde, das sind die königlichen Menschen, die Zigeuner. Weil sie die Freiheit lieben über alles, wie das Leben selbst. Die anderen Menschen sind für jede Knechtschaft zu haben. Zumal die Mammonssklaven in den großen Städten. Sie brauchen den faustharten Druck im Nacken. Der Tyrann ist ihr Wohltäter. Da bekommt man Respekt vor den großen Herrschernaturen, die nicht müde werden, dem unfreien Volk diese Wohltat zu erweisen. Wie käme sonst Sinn und Inhalt in die Masse? Soll sich das Chaos aus seiner eigenen Trägheit zur Ordnung und Schönheit formen? Wie willst du das anfangen?«

»Ich?« fuhr der Prinz zerstreut auf.

»Woran dachtest du jetzt?«

Träumerisch wandte der Blonde sein volles Gesicht dem Dunklen zu und lächelte verlegen. Er streichelte das Pferd, sich im Sattel aufrichtend.

»Woran ich dachte? An etwas Kleines. In einem weißen Bettchen. Zwischen Mitternacht und Hahnenschrei.«

»An ein kleines Kind?« fragte der König verwundert.

»Na, nicht so ganz klein. Schon etwas ausgewachsen. An die tausend Wochen alt. Nicht ganz so blaß wie die Lilie und nicht ganz so keusch und kalt.«

»Und was spricht das Kind?«

»Na, Goethe und Schiller oder Richard Wagner zitiert's gerade nicht. Was es spricht, verstehe ich oft nicht. Es ist wie im Traum, wenn ein Vogel singt. Aber verständliche schlanke Arme hat's und Lippen wie Honig –«

,.Jetzt hab' ich genug davon. Du bist ein verliebter Schalksnarr, viel zu erotisch für deine Jugend«, unterbrach ihn der König mit einem Anflug von komischer Altklugheit.

Stern um Stern sprang leuchtend aus dem Himmel.

»Mais oui. Vous avez raison, sire!« erwiderte der Prinz im parodierenden Ton des französischen Hofmeisters. Dann begann er mit schwärmerischem Augenaufschlag zu deklamieren:

»Sous les étoiles pâles
C'est la voix des cigales,
Elles chantent les fleurs,
La jeunesse et l'amour.
«

Und der König fuhr wie improvisierend fort:

»Cigales, je vous aime,
Car vous êtes mes soeurs,
Notre sort est le même:
Chanter, bercer les coeurs.
«

Wie wehende schwarze Schleier kam plötzlich ein Wolkenzug über die Berggipfel.

»Wir nehmen den Weg links!« rief der Prinz. »Noch zwei Kilometer und wir sind im Lager.«

Die Reiter setzten im schlanken Trabe ein. Auf der Straße nahmen sie schneidigen Galopp.

»Hier war's, mein ich!« Und der Prinz hielt mit einem Ruck, daß sich das Pferd bäumte.

»Ich sehe nichts.«

»Ich auch nicht. Sie sind weiter. Wir müssen nach. Wir holen sie ein.«

Und wieder begann eine abenteuerliche Hetze um die Wette. Die Pferde flogen. Die jugendlichen Reitergestalten in prachtvoller Haltung. Eine leichte Steige kam. Man nahm wieder ein gemächliches Tempo. Der Wald trat dunkel dicht an die Straße heran. Das Pferd des Königs stutzte.

»Dort vorn –«

»Wahrhaftig, das ist die Nachhut. Wir haben die Bande erwischt«, sagte der Prinz, fröhlich aufkreischend: »Heda! Hallo!«

Der König wehrte ihm. »Laß das! Das klingt nicht gut. Die nächtliche Begegnung ist ein Geheimnis.«

Sie sprengten schweigend an der Nachhut vorüber und waren bei der nächsten Biegung des Weges plötzlich mitten in der Bande, die sich zur Rast gelagert. Ein bunter Haufen, Wagen, Tiere, alte und junge Menschen, vom Waldesdunkel halb aufgesogen, von fahlem Mondlicht gespenstisch gestreift.

»Wir sind waffenlos«, flüsterte der Prinz dem König zu.

Dieser erwiderte ruhig ernst: »Niemals!«

Halbnackte Kinder, geputzte Weiber stürzten heran, ein Bursche wollte dem Pferd des Prinzen in die Zügel greifen.

Mit einem »Zurück!« richtete sich der König hoch auf im Sattel, lüpfte die Mütze und hielt sie wie grüßend mit hocherhobenem Arm. Instinktiv tat der Prinz das gleiche. Die Köpfe glänzten, vom Mond beleuchtet. Die Pferde standen wie aus Erz gegossen. Es war ein gebietendes monumentales Bild. Die Zigeuner traten zurück über den Straßengraben und ließen die Bahn frei. Inzwischen war die Nachhut angekommen und schob sich gleichfalls seitwärts, so daß die Straße vor- und rückwärts offen lag.

Taktmäßige Hufschläge in der Ferne, verhallend in der Einsamkeit des Waldes.

Der Prinz atmete auf. Er vermutete berittene Gendarmen.

Der König bedeckte sich und stemmte die Rechte in die Hüfte. Sein Bruder folgte ihm mechanisch. Eine Weile fiel von keiner Seite ein Wort.

Ein phantastisch geschmücktes Weib löste sich aus der Gruppe und trat einige Schritte vor die Reiter, einen nach dem andern fest ins Auge fassend.

Des Königs Blick hielt sie bezwingend fest. Es war ihm wie eine Vision der Kundry.

»Zwei Könige!« sagte das Weib mit fremdem Akzent.

Der Prinz lächelte. Der König blieb unbeweglich. Kein Zug veränderte sich in seinem mondblassen Gesicht.

Kinder drängten sich vor und streckten die Händchen aus.

»Zwei Könige!« wiederholte das Weib. Dann neigte sie sich rückwärts und sprach zu den Ihrigen in fremder Zunge. Die Gruppe belebte sich. Stimmen gingen durcheinander in halblauten Bemerkungen. Ein Mann riß an der Leine seinen knurrenden Hund zurück.

Frei und elastisch trat ein junges Mädchen von herrlichen Formen an die Reiter heran. Ganz nahe, zögerte sie einen Augenblick, dann reichte sie dem Prinzen, hierauf dem König ihre Hand.

Wie elegische Musik klang ihre Stimme, als sie sagte: »Ich grüße die Könige und bitte um eine Gnade.«

Der König feierlich, als präsidiere er seinem Staatsrat: »Wir danken euch. Einer ist Herrscher, einer ist König.« Dann fügte er aus griechisch einen ähnlich lautenden Vers Homers bei. Hierauf: »Wer ist der König?«

»Du bist der König«, antwortete das schöne Mädchen.

»Und ich?« fragte der Prinz vergnügt.

»Auch du!« gab die herangetretene Kundry zur Antwort.

»Da haben wir die Bescherung«, brach der Prinz in nicht mehr zu bändigender Lustigkeit los und überschüttete das Mädchen mit Scherzfragen. Er beugte sich herab und streichelte der Zigeunerin den Scheitel.

Der König ernst. »Otto, ich befehle dir, Würde zu bewahren.« Und er warf sein Pferd herum, als wolle er spornstreichs davon.

Aber der Prinz blieb fest. »Wir haben ja die Braut noch nicht gesehen. Wo ist die Braut?«

»Die bin ich gewesen«, sagte das schöne Mädchen mit frischer Unbefangenheit. »Dort, Pandor, der Stolze, ist mein König.«

Inzwischen hatte sich ein prachtvoll gewachsener junger Mann dem König genähert und mit beherzter, zugleich bewundernder und bittender Miene seine Hand auf des Königs Knie gelegt. So viel heiße Empfindung strömte aus dem Wesen des Fremdlings, daß es den König elektrisch durchzuckte.

»Was wünschest du?« fragte der König.

Der feurige Zigeuner drückte die rechte Hand ans Herz, dann an die Lippen, während die linke das Knie des Königs festhielt: »Ein Pferd, König, ein Pferd für braven Reiter.«

»Das sollst du morgen haben!« rief der König und jagte in seltsamer heftiger Erregung davon.

Hinter ihm drein sein Bruder, der auch der schönen Pandora ein königliches Hochzeitsgeschenk versprachen.

Links und rechts von ihm jagten zwei Zigeuner auf ungesattelten Mähren, als Ehrenbegleitung bis zum Ausgang des Waldes.

Wie eine mattgoldene heilige Gralsschale hing der Mond am Himmel über der Felseneinsamkeit der Berge.

Der König gebot seinem Bruder, mit ihm nie von diesem nächtlichen Zigeunerabenteuer zu sprechen. »Ein Wort darüber – und du wirst keinen frendlichen Blick mehr von mir erhalten.«

Ein heftiger Föhn hielt die Alpenvorlande unter seinem heißen Druck. Wie fauchender Atem eines Fiebernden ging der Wind in hastigen Rhythmen.

Der König kam aus einer hochpolitischen Staatsratssitzung. Er war erregt und fühlte sich doch ungewöhnlich schlaff. Seiner Unruhe eine Ablenkung zu verschaffen, plante er allerlei Besuche, die ohne viele Umstände auszuführen waren.

»Ja, so bezwing' ich's wohl: erst zur Mutter, dann zu meinem Hofvirtuosen, zu Hans von Bülow! Musik – Musik, ganz intime Musik, seine Rhapsodien, Stimmungszauber!«

Schnell raffte er eine Menge kleiner Geschenke zusammen und füllte sich damit die Taschen. Allerlei niedliche Kleinigkeiten aus den Ansichtssendungen von Hoflieferanten, Juwelieren, Kunsthändlern. Auf die Preisverzeichnisse warf er nur einen flüchtigen Blick. Bei Geschenken fragt man doch nicht nach dem Preis! Wenn sie nur Freude machen, dem Spender und Empfänger einen frohen Augenblick bereiten!

Ach, bei der guten Königin-Mutter hatte er sich wieder einmal geirrt. Sie war heute nicht in der Laune, seine Geschenkphantasie zu verstehen. Das Wetter schien ihr nicht gut zu tun, sie hatte ein merkwürdig kleinliches, pedantisches Wesen mit allerlei Ängstlichkeiten im Blick.

»Du darfst mir' s nicht übelnehmen, Kind, wenn mir deine Geschenkchen nicht passen. Ich hab' ja schon so viel davon.«

Dann griff sie nach einem kleinen blauseidenen Tuche, das schon ziemlich alt und verschlissen war, und begann in des Königs Gegenwart ihre Nippes abzustauben.

»Ach, Staub, nein – siehst du, das bringt mich um. Staub – hu!« Und sie wischte all die kleinen Dingerchen aus Porzellan, Glas oder Elfenbein zum hundertsten Male ab. Dabei wiederholte sie zärtlich eifrig oft gehörte Redensarten: »Dieses zierliche Schwänchen! Schön, schön! Ist's nicht zum Küssen? Und billig war's! Ich glaub', es hat keinen Gulden gekostet!« Sie schüttelte ihr Wischtuch aus. »Es gefällt mir etwas um so besser, wenn's schön ist und wenig kostet. Wozu denn das viele Geld ausgeben? Nicht wahr, ich hab' recht, mein Kind?«

Der König lächelte nervös: »Ja, gute Mutter.«

»Du wirst's schon auch noch lernen. Wirklich, das war nicht nötig – was soll ich denn mit dem Bücherchen da, sag' nur?«

»Drin blättern, lesen, anschauen, Mutter.«

»Sind's Gebete?«

»Gedichte.«

»Ach geh, das weltliche Zeug –« sie blickte ihn wehmütig an und faltete das Wischtuch zusammen, es in ein Handkörbchen zu stecken.

»Mutter, ich bitte dich, schöne Gedichte sind auch Gebete. Alle Schönheit ist ein gottgefälliges Opfer.«

»Wenn ich aber nicht lesen mag?« Dabei zog sie aus dem nämlichen Handkörbchen einen Strickstrumpf und ordnete die Nadeln.

Dem König ging's fiebernd durch die Nerven. Verstimmt sagte er, die letzte fliehende Innigkeit im Tone festhaltend: »Wenn du nicht lesen magst, dann anschauen, immer wieder anschauen. Die schön geformten Buchstaben, die schmückenden Zeichen, den köstlichen Einband, den leuchtenden Schnitt –«

Sie machte eine Bemerkung, ruhig strickend. Er überhörte sie und sprach, sich erhebend, mit lauter Stimme pathetisch vor sich hin die Worte des Türmers Lynkeus: »Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt – – Ich blick' in die Ferne, ich seh' in die Näh' –«

»Du, Ludwig –« sagte sie zaghaft, in das Geklirre ihrer Nadeln und in den sonoren Vollklang seiner Stimme hinein.

Er wiederholte noch tönender, jedes Wort verzückt genießend:»Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt!« Sein Auge erweiterte sich strahlend. »Ich blick' in die Ferne –«

Nun unterbrach sie ihn fast weinerlich: »Ja, ja, gewiß. Aber warum denn? Wenn mir meine Damen erzählen, das ist doch auch schön. Es passiert doch immer etwas in der Welt, worüber man plaudern kann. Oft Trauriges, oft Schnurriges. Gestern erzählte die Gräfin –«

Er legte eine Hand über ihren Strickstrumpf, die andere über ihren Mund und küßte sie auf den Scheitel, leis, kindlich: »Mutter, es sei, wie es sei – das Schöne bilden, das Schöne schauen, immer aufs neue, das ist das Höchste, das ist das Göttliche.«

Die Königin-Mutter in plötzlichem Weh, schluckend, als tränke sie bittere Tränen in sich hinein: »Du mußt doch auch Politik machen, Kind, wie dein seliger Vater –«

»Mach' ich doch auch. Ich komme soeben aus dem Staatsrat, bin noch wie gerädert. Es ist himmelschreiend. Das klare Recht des Augustenburgers sehen sie nicht. Nein, schlimmer: wollen es nicht sehen. Sehen es deutlich, wollen es nicht anerkennen. Der selige Vater kann sich im Grabe umkehren. Sprich mir von Politik, ach, du Unschuld – sprich du mir von Politik!«

Die Königin-Mutter zog ihn zu sich nieder und umhalste ihn. »Mein armes Kind, nein, nichts von Politik, das ist ja zu gräßlich.« Und sie strich ihm die Locken aus dem Gesicht und lächelte ihn voll tränenfeuchter Zärtlichkeit an. »Otto hab' ich auch schon lange nicht gesehen. Wo steckt er denn? Sag doch, Liebling –«

»Den haben sie wieder eingefangen. Prinz Wildfang muß wieder in der Schule schwitzen. Es ist zu Ende mit der Freiheit.«

»Das muß wohl sein. Der arme Junge. Die paar Jährchen werden auch herumgehen. Kleine Kinder – kleine Sorgen, große Kinder – große Sorgen. O Gott –«

So kam sie immer wieder auf ihre kleinen mütterlichen Ängste und Rührseligkeiten.

Der König, von einem anderen Gedanken festgehalten, antwortete zerstreut, einsilbig.

»Du bist so ganz ohne Zutrauen –« wollte sie wieder im Klageton beginnen.

Da riß er sich rasch los, reckte sich hoch aus und begann eilig seinen Rock zuzuknöpfen. »Adieu, gute Mutter, hab' Dank für den gnädigen Empfang.«

Der König verließ ihr Gemach mit großen, scheuen Schritten.

Nachdenklich strickte die Königin-Mutter an ihrem Strumpfe weiter. Als die Hofdame eintrat, wurde sie erst aufmerksam, daß sie eine Anzahl Maschen hatte fallen lassen. Sie zogen gemeinschaftlich die Nadeln heraus und trennten das Fehlgestrickte wieder auf. Zur Unterhaltung kramte die Gräfin eine bunte Menge von Stadtneuigkeiten aus. So kam die Königin-Mutter wieder in behaglichere Stimmung. Es wurde beschlossen, den Tag nicht ohne eine gute Tat verstreichen zu lassen. Mit dem Abendspaziergang sollte ein Besuch im Waisenhaus verbunden und der Frau eines Schieferdeckers, der heute vom Dach einer Kaserne gestürzt, ein Gnadengeschenk überwiesen werden. Werke der Barmherzigkeit gewährten der Königin-Mutter stets einen milden Trost und halfen ihr über manchen bangen Gedanken hinüber. Der Abendsegen, den ihr der Hausgeistliche sprach, erfüllte sie dann mit um so tieferer Zuversicht. Ohne Zwiespalt klang aus ihrer evangelischen Kindheit wie ein ferner Gruß ihr Lieblingschoral in den neuen katholischen Glauben herüber: »Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege dess', der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« –

Der König trat gegen Abend unangemeldet bei seinem Hofpianisten ein. Der saß am Flügel und tobte in wildesten Phantasien. Obwohl mit dem Rücken gegen die Tür, gewahrte er im großen Wandspiegel sofort den leis und lächelnd Eintretenden. Hans von Bülow strich mit dem Daumen noch ein wuchtiges Glissando über die ganze Klaviatur, dann sprang er auf, mit einem mehr humoristischen als höfischen Knicks den König zu begrüßen.

»Majestät –!«

Der König winkte gnädig ab und streckte ihm die Rechte entgegen.

»Unvorbereitet – unangemeldet wollte ich sagen«, begann der König scherzhaft und neigte sich zu dem kleinen, schmächtigen, überaus beweglichen Manne mit der großen, leuchtenden Stirn und den scharfblitzenden Augen herab.

»Sie sehen, ich falle nicht in Ohnmacht, Majestät«, lachte der Künstler. »Trotz des Schirokko in Bajuwarien hab' ich heut meinen starken Tag. Alle Wetter, ist das ein Wetter! Was verschafft mir die Gnade –«

Der König nahm gemütlich in einem breiten Polsterstuhl in der dämmerigen Ecke unter einer hohen, kühlen Blattpflanze Platz und unterbrach den Sprudelnden. »Nur Musik, ein bissel Musik, bitte, ja?«

Er rückte sich bequem zurecht, stützte den Kopf in die Hand – der Künstler hatte schon die Linke präludierend auf die Tasten geworfen, noch ehe er seinen Sitz gefunden. Während er noch mit dem Bein an dem Klavierstuhl zerrte und schob, durchbrausten machtvolle Arpeggios gleich stürzenden Kaskaden den Raum. Der König fühlte sich sofort wohlig im Banne der flutenden Töne und legte den Kopf zurück, die Augen schließend, als wollte er in einen weichen Traum versinken.

Aber plötzlich ebbten die wilden Klänge zu düsterem Ernste und plastisch gebändigten Figuren von feierlicher Beredsamkeit. Alle stummen Heimlichkeiten tiefleidender Seelen gewannen Sprache und schwangen sich heraus in den erschauernden Tag.

Der König beugte sich lauschend vor. »Was ist das?« fragte er leis.

Erst nach einer Weile kam die Antwort des Künstlers, markiertes Parlando mit der Musik verbunden: »Sebastian Bach, B-Moll, Präludium – die Fuge – schließt gleich an – ein urprotestantisches Miserere – wappnen Sie sich, Majestät!«

Und die Hände, wie selbsttätige Schöpfungsmächte, enthüllen all die heiligen Wunder des sich selbst verklärenden Schmerzes. Mit blinder Sicherheit spinnt sich das erschütternde Tongewebe fort, während Bülow rezitativisch in Absätzen dazwischen spricht: »Heiliger Sebastian aller schmerzgeweihten Ketzer – unsterblicher glorioser Meister und Fürsprecher – das ist dein Reichtum – und dein Weib – stirbt im Armenhaus – und – deine Kinder verkommen – schöne Welt – saubere Wirtschaft – –«

Schlußkadenz. Beide Hände hoch, bis der letzte Ton im Raum verzittert, verharrt der Künstler eine Weile still. Schweratmend er und sein königlicher Zuhörer. Dann schlägt er wieder los. Eine übermütig tändelnde Weise, wie paradiesische Schalmeien, von Englein geblasen.

»Schubert!« schrie der Künstler dazwischen. »Der Schubert Franzl.« Die Töne rollen in eine Art Janitscharenmarsch hinüber, ein tolles Rhythmengehäcksel. Düster rezitiert der Künstler in die türkische Weise hinein: »Und – auch der lustige – Schubert Franzl – der gottbegnadete – ist – buchstäblich verhungert – buchstäblich verhungert – teretetä–tä–«

Zu dem Schlußakte ein tobendes Furioso in chromatischen Oktavenläufen herunterschlagend, daß der Flügel ächzte, warf sich der Pianist auf dem Sitze herum . »Macht nix, Majestät, Kunst und Künstler sind nicht umzubringen – niemals! – Wachsen wieder nach, immer! Hören Sie das!« Und eine wehmütig lächelnde Rokokoweise hob an: »Wissen Sie, woran bei diesem Himmelreich von Lieblichkeit zu denken ist? An ein Massengrab auf einem Armenfriedhof, darin wurde verscharrt der unsterbliche Sänger dieser wundersüßen Weise – der göttliche Wolfgang Amadeus Mozart – Holla, Welt, schämst du dich? Fällt ihr nicht ein – lira–tira–liratitum–« Und er schloß mit einem zärtlichen Morendo, die Finger wie liebkosend über die Tasten gebreitet.

Der König saß still in sich gekehrt, mächtig ergriffen von dem ungeheuren Schauspiel, das ihm Musik und Musiker geboten. Er fühlte den Blick des genialen Künstlers herausfordernd auf sich ruhen, aber er rührte sich nicht, sprach kein Wort. Er wollte den Zauber dieser Stunde bis zur Neige kosten.

Bülow beugte sich über den Flügel, daß seine Stirn fast das Notenpult berührte. Es war, als spräche er eine Beschwörung in die Saiten. Dann hob er langsam den Kopf, und das Instrument begann zu klingen und zu singen, sphärenhaft: »Wie Todesahnung Dämmerung deckt die Lande« – Abendstern, Pilgerchor, Tannhäusers Erzählung von Rom. Es durchzuckte den königlichen Hörer. Dann ein stockender, eintöniger Übergang zu einer Paraphrase über Lohengrins Abschied. Der König vermochte kaum die Tränen zurückzuhalten, so schwoll ihm das Herz. Immer mehr verschwammen die bestimmten Umrisse der Melodie in einem begleitenden zierlichen Figurenwerk der linken Hand, bis sie nur noch wie Erinnerungsbilder einer fernen musikalischen Vision wirkten. Der ganze Raum schien wie in einen goldvioletten Schimmer getaucht, die Luft von zarten Ambradüften durchzogen.

Allmählich hoben sich die Töne des Basses zu plastischer Kraft und reihten sich zu orgelhaften Grundakkorden zusammen, aus denen sich in überweltlicher Ruhe und Klarheit eine Choralmelodie aufbaute. Der Spieler, im wachsenden Dunkel der sinkenden Nacht körperlich kaum noch sichtbar, wie ein Schemen, sang den Text leise mit. »O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn – o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr' und Zier, jetzt aber höchst schimpfieret – gegrüßet seist du mir.«

Und nun, als ob sich ein höllischer Sturm entfesselte, begann aus der Abgrundtiefe dieses leiderfüllten Passionsgrußes ein Zucken, Stoßen, Drängen, Jagen, Überstürzen von dämonischen Tongebilden, die mit alles vor sich niederwerfender Leidenschaft den höchsten Willen zum Leben, Wirken und Zerstören in die trauernde, entsagende Welt schleuderten. Was Schmerz, was Spott, was Hohn! Kraft, Siegertrotz, Überwindung, alle Herrlichkeiten gigantischer Neuschöpfung – das war die Losung! Immer toller wurden die Tonmassen, ein Meer in Raserei, ein klingendes Chaos, dazwischen kurz ausgestoßene menschliche Laute, die sich allmählich zu Worten und Sätzen formten. »Die Bande – die Zigeunerbande –«

Der König fuhr erregt empor. »Was ist mit der Bande? Was ist's mit den Zigeunern? Wo sind sie? Wer hat sie gesehen –?«

Der gespenstische Spieler und Rufer im Sturm unentwegt weiter: »Wer sie gesehen? Wer fragt noch? Aus allem Geklüft und Gewinkel – wimmeln sie heran – mit grinsenden Gesichtern – geifernden Mäulern – affigen Pfoten – die Hanswurste – die Tagediebe – hallo – hussa – nieder mit ihnen – Fußtritte – in die Hölle mit der Bande – mit der Schwefelbande – mit den Tröpfen – den Totenköpfen –!«

Der König brach in ein konvulsivisches Lachen aus: »Ach so – ach so – um Gottes willen, Bülow – ich kann nicht mehr – machen Sie wieder Musik – sanfte Musik!«

Und nun antwortete auf das Lachen vom Flügel herüber ein helles, klassisches, homerisches Gelächter – und aus den Saiten jauchzte eine olympisch hehre Schelmenweise, ein nackter, toller Götterreigen – es war, als hätte sich die Decke gehoben und man sähe und hörte in alle Himmel hinein, in alle siebenten Himmel eines nie zu besiegenden Übermuts, einer nie auszuschöpfenden Ewigkeits-Jubelfreude. Eine unerhörte neue divina commedia in Musik. – – –

»Sie sind ein Zauberer, Bülow.«

»Befehlen Majestät Licht? Es ist wahrhaftig stockfinster; rabenschwarze Münchener Nacht, Urnacht!« keuchte erschöpft der Künstler.

»Nein, nein,« sagte der König, »kein Licht, nie war es heller um uns. Ich danke Ihnen.«

Als der König davongeeilt war, fühlte sich der Künstler so ermüdet, daß er sich streckterlängs auf den Boden fallen ließ. Wie lange er so gelegen, wußte er nicht, als er plötzlich wie eine Feder aufschnellte, nach Stock und Hut griff, um zu Richard Wagner hinauszulaufen, Brienner Straße, bei den Propyläen. Ohne ein Wort zu sagen, nahm ihm der Diener unter der Haustür den Stock aus der Hand und drückte ihm dafür den Regenschirm hinein.

Der Künstler zog den Hut tiefer in die Stirn, nahm den Rockkragen hoch und stapfte in den strömenden Regen hinein. Die sprühende Feuchte erfrischte ihn. Zuerst war ihm der Besuch des Königs wie aus dem Gedächtnis gewischt, er kam sich in dem isolierenden Element des Regens und der von spärlichen Gaslaternen kaum angehauchten Dunkelheit der Straße wie in einer fabelhaften Unterwelt vor, in der der einzelne nur mit sich zu rechnen habe, keiner den anderen etwas angehe. Die trübseligsten Motive aus seiner eigenen, erst in den Hauptstücken konzipierten großen Tondichtung »Nirwana« rauschten ihm aus der feinen schwarzen Regenmusik entgegen. Im Weiterschreiten, das so unbedacht geschah, in voller Gedankenverlorenheit, daß eine vorüberjagende Kutsche ihn am Ärmel streifte und von den Beinen bis zum Kopf mit flüssigem Kot bespritzte, richtete sich die Wirklichkeit wieder in Lebensgröße vor ihm auf.

»Die Dreckstadt!« fluchte er. »Und nicht einmal Lutetia, immer nur Monaco Monachorum – äh, sie ist wahrhaftig kein besseres Latein wert. Wagner, der Teutomane, wird mich trösten, der Dreck im Teutoburger Wald sei auch nicht schöner gewesen, und die Römer mußten doch darin ersticken. Gott Strambach! Aber unsere modernen römischen Legionen ersticken ja nicht drin, er ist ihr Lebenselement, sie können gar nicht genug davon kriegen! Das ist ein absolut unmöglicher, ungleicher Kampf für uns – wer kann mit dem Dreck fechten? Kein König, kein Künstler kann das. Wagner, Wagner, komm doch zu Vernunft! Dieser blümerante Idealismus, der noch glaubt, am Dreck, am ganz gemeinen Dreck Wunder der Tapferkeit und Schönheit verrichten zu können.«

Auf dem Königsplatze blieb er stehen und starrte bald auf die Propyläen, bald auf die Glyptothek in ihrer regenverschleierten, griechischen Gliederung. Jetzt erst merkte er, daß er den Schirm gar nicht aufgespannt, sondern nur als Stock gebraucht habe, daß das Wasser von seiner Hutkrempe rann, wie aus einer übervollen Dachtraufe. Er fing das Wasser mit der hohlen Hand auf und rief: »Was ist das? Ist das flüssiger Lavendelgeist? Ist das Tau von Rosmarin und Thymian? Ist das Honigwasser vom Hymettos? Ganz gemeines bajuwarisches Dreckwasser ist es – und der Himmel ist nicht einmal ein Dudelsack, höchstens der Unterrock einer riesenhaften Frömmlerin, der zum Entwässern über unsern Kopf aufgehängt ist. Es ist scheußlich, grenzenlos scheußlich.« Und mit einem entsetzten Blick an sich hinab: »In dieser besudelten Huldgestalt kann ich mich vor keinem Menschen mehr sehen lassen.«

»Wem predigen Sie denn da, Monsieur de Bülow?« rief ihn plötzlich in der nächtigen Regeneinsamkeit des Königsplatzes eine bekannte französische Stimme an. »Sind Sie eine Inkarnation des heiligen Franziskus?«

»Zum Teufel ja, ich predige den Regenwürmern! Was wollen Sie hier?«

»Ich komme direkt von Paris. Ich muß in aller Eile zu Richard Wagner, ich muß den Meister sehen. Er wohnt doch hier in der Gegend? Bitte, sagen Sie mir wo? Ich habe keine Zeit, morgen muß ich wieder nach Straßburg.«

»Mein lieber Fahnenjunker des Wagnertums von Frankreich, links durch die Propyläen, in dem Häuschen unter dem hohen Nußbaum. Grüßen Sie den Meister von mir, und wenn Sie meine Frau bei ihm sehen, grüßen Sie auch meine Frau – und sagen Sie den Glücklichen, die im Trocknen sitzen, Hans von Bülow sei tot, am Ekel vor dem Münchener Dreck sei er gestorben. Ist das hier eine Atmosphäre für Künstler? Ist nicht die Luft gasförmiger Dreck? Grüßen Sie mir alle, auch Ihre Lutetia, die Strahlende, und sehen Sie, daß Sie mit heiler Haut wieder heimkommen. Ein Toter grüßt Sie, ein Maustoter. Adieu, Monsieur Eduard Schuré!«

Und die Finsternis hatte den rabiaten Hans verschlungen, wie ausgesogen vom Regen war er im Nu den Blicken des Franzosen entschwunden.

Schuré, einer alten elsässischen Familie entstammend, einer der tapfersten Vorkämpfer der neuen deutschen Kunst in Frankreich, hatte im Sommer die erste Aufführung von »Tristan und Isolde« in München miterlebt. Der Eindruck des epochemachenden Ereignisses ließ ihn damals einen begeisterungstollen Glutbrief an den Meister schreiben. Zu seiner unendlichen Freude erhielt er die Einladung, den Schöpfer des grandiosen Werkes zu besuchen. Seitdem hatte er das Glück nicht mehr gehabt, den Meister von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Beängstigende Nachrichten von einem nahenden Sturm gegen den siegreichen Künstler waren von München bis nach Paris gedrungen. Die dortige Wagnergemeinde geriet in Aufruhr. Wie, kaum hatte das Schiff, das die Götter der neuen Kunst an seinem Borde trug, am Hofe des herrlichen Bayernkönigs festen Ankergrund gefunden, und schon wieder soll es durch den Unverstand und die Bosheit der Vielzuvielen losgerissen und der tückischen Flut des Zufalls preisgegeben werden? Unerhört, unglaublich. Und der Flammendste der Pariser Wagnergemeinde machte sich, rasch entschlossen, noch im Spätherbste auf die Fahrt, um persönlich den Stand der Dinge zu erforschen, bevor der Winter neuen Mißvergnügens über die Anhänger des Meisters hereinbrechen könnte.

Seit das Wunderwerk »Tristan und Isolde« in München durch die Feuerprobe der ersten Ausführung der ganzen Kunstwelt als unverlierbarer Schatz gewonnen war, durfte das fernere Schicksal des Meisters und seiner neuen, der Vollendung entgegenreifenden Werke nicht mehr als eine begrenzte deutsche Angelegenheit gelten. Alle Zonen der höheren Menschheitskultur waren mit ihren heiligsten Lebensinteressen damit verknüpft. Wie Goldfäden zogen sich durch das dunkle Gewebe der unheimlich verwickelten internationalen Politik die Fragen der Kunst. Wagners Genius stand im Mittelpunkt aller ästhetischen Weltsorgen. Gespannten Blickes, mit Herzklopfen sahen die Höhenwanderer ewiger Schönheit aus allen irdischen Kunstzentren auf München – die Stadt der Meisteroffenbarung. Wird die Auserwählte ihre Mission nach dem Willen ihres Königs zu erfüllen vermögen? Die Antwort auf diese Frage wollte der Abgesandte der Pariser Kunstgemeinde aus dem Munde des Meisters zunächst selbst vernehmen.

Als er den dunklen Hallenraum des Propyläenprunktores durchquert hatte, fand er sich gleich zurecht. Jawohl, die niedliche Miniaturvilla dort an der linken Ecke, in Baumdickicht versteckt, von einem bescheidenen Garten umgeben, unmittelbar neben dem großen Grundstück des Kunstsammlers und Dichters Schack, der die ersten verachteten und verlachten Böcklinbilder um ein paar hundert Gulden für seine Galerie erworben und den jungen Lenbach als Kopisten beschäftigt hatte und dafür zum berühmten Mäzen ausgerufen worden war, jawohl, – jetzt erinnerte er sich so deutlich, als wäre er erst gestern hier gewesen, jeden Pflasterstein erkannte er wieder – dort war das stille Heim des Meisters.

So lebhaft wie damals pochte ihm heute das Herz, als er das eiserne Gitter öffnete und an der Türglocke zog. Gedämpfter Lichtschein fiel durch das große Giebelfenster und ließ die triefenden Baumäste spielend erglänzen. Auch der nämliche junge Mensch erschien wieder als Pförtner, ein als Diener verkleideter Mulatte. Die feindseligen Münchener und Augsburger Zeitungen hatten aus diesem einzelnen Fremdling eine ganze exotische Dienerschar gemacht; Sklaven in Prunk und Pracht, die dem verwöhnten Dichterkomponisten wie einem indischen Fürsten zu Willen sein und jedem launischen Winke unterwürfig gehorchen mußten. Bosheit der Krähwinklerphantasie.

Auch den kleinen, traulichen Salon des Meisters erkannte der Pariser in freudiger Erregung wieder: die schönen Teppiche, Bildsäulen und Gemälde, Vorhänge und Lampen, die den Antiwagnerianern als der Gipfel eines tollgewordenen Luxusbedürfnisses galten, die sich aber in Paris jeder in bessere Verhältnisse gekommene Bohemien zu leisten pflegte, ohne darum beschrien zu werden. Merkwürdig, wie schrullenhaft, kleinsinnig und nörglerisch dieses deutsche Geschlecht sich einem größten Künstler gegenüber gebärdete . Ein bißchen Wohnlichkeit, ein bißchen Sonnenschein lebendiger Schönheit im arbeitsvollen Alltag eines großen Ausnahmemenschen – und der Teufel ist los, die Dutzendware der Schöpfung zetert über dieses feierliche Stückchen veredelter Welt wie über Sodom und Gomorra und ruft Feuer und Schwefel vom Himmel herab über den gefährlichen Volks- und Fürstenverführer, über den satanischen Verschwender!

Ein Vorhang hob sich – der Meister erschien, ein müder, abgearbeiteter Mann, die feinen Lippen bitter lächelnd zusammengezogen, ein fieberhaftes Leuchten in den dunkelblauen Augen, Gewitterwolken auf der mächtigen, wie aus Alabaster gemeißelten Stirn.

Ein kräftiger Händedruck. »Meinen Dank für Ihren Brief und Besuch! Ja, ja, die Pariser! Ich weiß, daß ich dort treue Freunde habe. Ihr Brief hat mir außerordentliches Vergnügen gemacht. Ich hab' ihn dem Könige gezeigt und gesagt. ›Sie sehen, Majestät, daß noch nicht alles verloren ist. Noch brauchen wir nicht zu verzweifeln.‹«

»Verzweifeln, Meister? Nach diesem Triumph von ›Tristan und Isolde‹? Nach diesem Wunder der Münchener Aufführung? Nach dieser prachtvollen Haltung des Publikums?«

Wagner unterbrach ihn lebhaft: »Publikum? Sprechen Sie mir doch nicht von diesem Publikum! Es ist wie ein Rohr im Winde. Seine Begeisterung? Ein Strohfeuer. Ein jeder schlechte Zeitungsartikel kann es ausblasen. Dieses biertrinkende Grüblervolk, das sich plötzlich erregt und hernach jeder Erregung mißtraut und voll Ängstlichkeit sich wieder ausredet, jemals erregt gewesen zu sein! Das sich seiner großen leidenschaftlichen Momente schämt – ja, wahrhaftig schämt. Als hätte sich's auf einer heimlichen Sünde ertappt. Bei Deutschen folgt auf kurze Begeisterung lange Reue. Ha, dieses Publikum, diese Presse, diese Kritik! Alles so erbärmlich wie nur möglich. Es ist rein gar nichts!«

»Also Sie sind nicht zufrieden, Meister?«

»Zufrieden.« Er sprang empor von der Ottomane und rannte zornfunkelnden Blickes umher, ein rasender Ajax, dem in diesem Augenblicke niemand seine zweiundfünfzig Jahre voller Kämpfe und Arbeiten angesehen hätte. »Zufrieden? Ja, wenn ich einmal mein Theater, meine Festspiele, mein Publikum haben werde, wenn man einmal anfängt, den Sinn meiner Kunst zu begreifen! Was habe ich jetzt? Den König, jawohl, das ist wunderbar und außerordentlich genug. Aber wer weiß, wie lange ich ihn noch habe? Wie lange man mir ihn noch läßt? Ach, Sie finden mich in einer furchtbaren Lage. Für den Augenblick bin ich vollkommen zerrüttet. Es ist die schrecklichste Krisis meines Lebens. Ich fürchte, ich bin fertig, total fertig.«

Er warf sich auf das Ruhebett wie ein Verzweifelnder. Seine Gesichtsfarbe war gelblich, ein Ausdruck tiefer Ermattung war über seine Züge gebreitet. Aber die zitternden Lippen, die fieberhaften, ruckweisen Flüchtigkeiten des Wortes ließen die ungeheure Tatkraft erkennen, die sich nicht niederzwingen läßt, die Willensenergie, immer bereit, wieder aufzuspringen und den Kampf mit der ganzen Welt aufzunehmen.

Der französische Gastfreund fühlte, daß er diese leidenschaftlichen Ausbrüche eines so erstaunlich begabten, von den wildesten Gegensätzen bewegten Mannes nicht allzu tragisch nehmen dürfe. In allen entscheidenden Momenten war im Wesen dieses Titanen eine wunderbare Gedanken- und Gemütseinheit obenauf, ein unfehlbares Zusammendrängen aller Lebenselemente auf einen einzigen Punkt.

Und wieder war der Jünger entzückt von der natürlichen Art, wie sich der Meister stets allen Eindrücken der Stunde überließ. Sein Wesen schwankte zwischen einer vornehmen Zurückhaltung, einer ausgesprochenen Kühle und einer kameradschaftlichen Vertraulichkeit im vollständigen Sichgehenlassen – alles je nach dem Gegenstande und der Wendung der Unterhaltung. Niemals eine Pose, eine berechnete oder gewollte Haltung. Sobald ihn eine Frage erregte, brach er mit voller Gewalt los, wie ein Bergstrom, der seine Dämme mitreißt. So übertreibend, so glühend, so leidenschaftlich er schien, so hatte man doch das Gefühl, daß in allem ein wunderbares Gleichgewicht waltete, souveräne Macht seiner Persönlichkeit. Durchdringender Verstand wußte immer wieder Vorherrschaft zu behaupten.

Mit einem Male rief er aus: »Die Esel mögen sich doch nicht einbilden, daß sie mit ihrer dummen Politik mir ein Bein stellen könnten! Mein Verhältnis zum König spielt sich in einer im gemeinen Sinn so politikfreien, absolut erdenstaubreinen Kulturhöhe ab, daß die längsten Ohren nicht hinaufreichen, sie mögen sich anstrengen, so viel sie wollen. Ja. selbst kluge und geriebene Leute – erinnern Sie sich des unglücklichen Lassalle, des genialen Arbeiterführers? – also Leute wie dieser ausnehmend gescheite geborene Diktator und Massenbändiger mit seinem fabelhaften Instinkt für das Persönliche – na, sehen Sie, bevor er im vorigen Jahre seine Todesfahrt nach Genf zu seiner Helene von Dönniges vollendete, machte er halt am Starnberger See. Da sahen wir uns in dem kleinen Landhaus, das ich dort bewohnte, zum ersten und letztenmal in unserm Leben. Er machte mir furchtbare Komplimente. Aha, dachte ich, das kann gut werden, den juckt's, sich bei mir zu blamieren. Richtig rückte er gleich mit einer Riesendummheit heraus. Er beschwor mich himmelhoch, meinen Einfluß beim König für ihn zu verwenden: der König sollte ein Machtwort zu seinen Gunsten dem Gesandten von Dönniges sprechen, damit er die Helene kriege! Na ja, der Mensch war stockblind vor Liebesraserei – das entschuldigt ihn hinlänglich. Wie er aber das Wort »Günstling des Königs« einfließen ließ, kehrte ich ihm den Rücken und ließ ihn stehen. Vierzehn Tage später hatte er seine Kugel im Leib und die Welt einen genialen Menschen weniger.«

»Was wollen denn die Bayern eigentlich mit ihrer Politik in unserer Kunstangelegenheit, die doch ein heiliger Bezirk ist, unzugänglich den Profanen?«

»Was die wollen? Das wissen sie wohl selbst nicht. Unbehaglich ist ihnen, daß wieder einmal einer da ist, der ganz bestimmt weiß, was er will: der König – und daß er will, was ihnen so unsäglich not tut und was sie nicht wollen: eine reine, hohe Kultur, eine starke nationale Kunst, eine alles Leben überstrahlende Schönheit. Das wäre nun einmal eine schöne Gelegenheit, nicht wahr, in einem kleinen Lande große Politik nach dem Herzen aller guten Menschen zu treiben: den König König, den Künstler Künstler sein zu lassen? Schöne Gelegenheit, ja! Aber geht von Bayern nicht die Redensart, es sei das Land der verpaßten Gelegenheiten? Meine Schuld ist es nicht, das weiß der Himmel!«

»Ach ja,« meinte der Franzose bekümmert, »die Menschen sind von ihrer eigenen Dummheit so unterjocht, daß ihnen einfach alles über den Horizont geht. Was ist da zu tun?«

Wagner lachte und machte plötzlich einen Satz: »Was tut man, wenn eine Lawine niedergeht? Spannt man einen Regenschirm dagegen auf? Man springt zur Seite und läßt das Ungetüm vorüberrasen. Man hebt die Hörner gegen mich und will stoßen. Soll ich der Arena ein Schauspiel geben? Bin ich ein Stierkämpfer? Ich gehe davon und lasse die Stiere stehen. Man will mich hinaus haben? Indem ich freiwillig gehe und mich auf mein Eigenstes, auf mich selbst zurückziehe, können sich die anderen gefälligst als die Hinausgeworfenen betrachten. In mein Eigenstes dringen sie niemals, da steh' ich mir gut dafür.«

Der Jünger schied von dem Meister mit der ehrfürchtigen Liebe und mit der guten Zuversicht, mit der man von einem großen Helden scheidet, der unerschütterlich auf seinem Werke steht.

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