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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Plötzlich erfaßte auch den königlichen Schloßherrn von Hohenschwangau die Reiselust. Er war so voll von Glück, er mußte ausströmen, er mußte verschwenden. Sein Meister hatte sich in München tief in Arbeit eingesponnen und durfte nicht gestört werden.

Kaum hörte der König, der Kaiser und die Kaiserin von Österreich wollten sich in seine fränkischen Provinzen begeben, um in Kissingen, dem idyllischen Weltbade, längeren Aufenthalt zu nehmen, rüstete er selbst zum Aufbruch, seine geliebten Verwandten mit seinem Besuche zu überraschen. In aller Geschwindigkeit mußte die Abreise ins Werk gesetzt werden. Stets war es des Königs Lebensregel, die er strengstens eingehalten wissen wollte, mit Nebendingen keine Zeit zu vergeuden. Ein Ziel, ein Wille, ein Weg – geradeaus.

In seinem Reisegepäck führte er eine Anzahl schön geistiger und geschichtlicher Werke mit, meist in verschiedenen Sprachen. Aus Versehen kam auch ein Novellenband unter die Bücher, von einem Autor, der trotz seines überaus geschickt aufgebauten Ruhmes dem König nie zu imponieren vermochte.

»Was soll das hier?« fragte der König. »Wer traut mir Geschmack an dieser lüsternen Seichtigkeit zu?«

»Vergebung, Majestät, der berühmteste Novellist und Formenkünstler weiland –«

Der König unterbrach heftig . »Weiland – richtig, das mag stimmen. Mit dieser Vergangenheit lasse man mich unbehelligt. Die hat zu leben aufgehört, bevor sie zu leben angefangen. Ein Name – Schall und Rauch.« Er blätterte in dem Bande, dann sagte er milder: »Es mag ja an mir liegen. Wer vom Höchsten kommt –«

»Majestät wollen die Bemerkung allergnädigst gestatten, daß dieser Dichter in München als zweiter Goethe gilt, daß er sich selbst dafür hält –«

»Sicheres Kennzeichen, daß diese Leute nichts aus sich selbst sind, nichts aus sich selbst haben, daß sie keine Eigenen sind. Immer schielen sie nach anderen aus, immer wollen sie in einen anderen hinein, wie das bekannte Tier in die Löwenhaut. Goethe! Diese Salontiroler der zahmsten Dichterei! Das ist, wie wenn ein Eichhörnchen, das auf der Eiche herum springt, sich auch für etwas so Mächtiges hielte wie die Eiche, für ein Stück Urwald. Ein Eichhörnchen – das ist ja niedlich und anmutig und possierlich und gewandt in Sprüngen und Possen. Man kann's sogar im Käfig halten, und es macht auch da allerliebste Mätzchen. Bildet sich vielleicht ein, der Käfig sei seine Art von Symposion. Nein, da, nehmen Sie das Buch fort. Nie mehr etwas von dieser Sorte, hören Sie? Eine Zeile von Wagner, ein paar Takte Musik von ihm, da ist mehr Poesie als in einem Dutzend Vers- und Novellenbüchern dieser Imitationsvirtuosen. Will denn Wagner ein Beethoven sein, oder ein Mozart, oder sonst einer der großen Vorgänger? Er will sein Eigener sein, Wagner, nichts weiter, gleichgültig, ob das viel oder wenig ist, und er will aus seiner Seele heraus sich selbst und sein Schicksal gestalten. Er will stehen und fallen mit seiner Kunst. Sicheres Kennzeichen echter Künstlerschaft. Das ist meine Meinung. Die anderen mögen eine andere haben, interessiert mich aber nicht. Damit Gott befohlen.«

Der König traf voll energischer Beweglichkeit eine Reihe Anordnungen, immer mit dem Beifügen: »Sofort und rasch.« Nichts war ihm fataler als Breitspurigkeit und Umständlichkeit. Erwies er jemand eine Aufmerksamkeit, so mußte die Dankbezeugung auf dem Fuße folgen, umgehend. Nicht weil er nach Dank lüstern war, sondern weil er die prompte Wirkung liebte. Und dann war die Sache erledigt, er konnte sich wieder einer andern widmen, ohne Zeit und Stimmungsverlust. Im Fluge! Nicht in plumper Schwerfälligkeit! Im leichten Tanz!

Die alten Zöpfe nahmen ihm das höllisch übel. Zuerst war's ihnen nur ungemütlich – und sie glaubten, der König würde mit der Zeit bequemer werden. Sie unterschätzten seine Spannkraft und temperamentvolle Entschlossenheit. Weil sie seit Großvaterszeiten keine ähnliche heiße Natur erlebt, so nannten sie's bald überhitzt, überspannt. Die Geärgertsten und in ihrer Töpfelhaftigkeit Frechsten nannten es sofort – verrückt. Den Nichtgenialen gilt das Geniale ewig als Entartung und Verrücktheit.

Als der König zufällig einmal das schlimme Wort aus Dummerjans Mund aufgriff, fixierte er den Unglücklichen: »Verrückt? Das Wort soll dich treffen. Was nicht niet- und nagelfest an dir ist, will ich von der Stelle rücken und dich dazu. Fahr ab vom Posten!«

Nicht wie Trunkenheit fiel sie ihn an, diese Fähigkeit zum schnellsten Tempo in allen Unternehmungen. Sie war der gleichmäßig starke Takt seines Blutes, der Rhythmus seiner Seele. Es war keine Überstürzung in seinen Entschlüssen, es war der stolze Wogengang seines jugendlich majestätischen Wesens.

Peinlich lang wurde ihm die Eisenbahnfahrt über Nürnberg, Bamberg, Schweinfurt. Er wunderte sich, wie wenig der rasche und wegsparende Verkehr in seinem Lande entwickelt war. Keine direkte Straße von der Hauptstadt in das berühmte Weltbad in einer der schönsten Provinzen seines Landes: saßen denn lauter Schlafmützen in der Verwaltung? Oder träumten sie die Schneckenträume aus der verflossenen Postkutschenzeit? Wenn er von Unsummen hörte, die kürzere Verbindungen und beschleunigterer Verkehr kosten würde, fragte er, wozu denn der Mammon auf Erden sei? Und ob es nicht nutzbringender wäre, kühn Schulden zu machen und auf Kredit zu bauen, in fröhlicher Hoffnung, daß eine spätere Zeit das Große groß und das Außerordentliche zweckmäßig finden und alle Aufwendungen mit Zinseszinsen hereinbringen würde? Wenn der Schöpfer Himmels und der Erde seinem Weltenplan das kleine Einmaleins und das bureaukratische Schema eines Pfennigfuchsers zugrunde gelegt hätte, wäre er wohl nie aus dem billigeren und bequemeren Chaos herausgekommen – oder er hätte sein Schöpfungswerk eingestellt, lange bevor der große Rechenkünstler Mensch ausgebaut gewesen. Der liebe Gott habe sich eben auch auf seine Phantasie verlassen und dem Unternehmungsgeist seines Schöpferwillens keine Hand und Fußschellen angelegt. freilich habe er als Weltbauherr den Vorzug gehabt, alle Verantwortung für sein Tun in erster und letzter Instanz auf seine eigene Kappe nehmen zu können, ohne erst Minister und Landtag und Sachverständigenkommission fragen zu müssen. Jedenfalls wäre mit deren gütiger Hilfe der liebe Herrgott in sechs Tagen mit seiner Welt nicht fertig geworden.

»Schade,« dachte der König, »daß mein Bruder nicht da ist, der würde das alles noch forscher herausbringen. Solche Exkurse sind seine Spezialität.« Und er lachte vergnügt in sich hinein.

Dann wandte er sich an seinen Adjutanten. »Wenn wir bei unseren Gebirgspartien so langsam reiten und kutschieren wollten, hätten wir längst den Hals gebrochen. Geschwindigkeit trägt über die Gefahr im Flug hinweg, ängstliche Umständlichkeit fordert sie heraus. Glauben Sie, daß wir Kissingen noch mit heiler Haut erreichen?«

Es wurde in der Tat mit heiler Haut erreicht. In den Jubel der Bevölkerung mischte sich auch ein Barde von weiland König Artus' Tafelrunde mit einem stelzbeinigen Huldigungsgedicht, das der Adjutant schwungvoll, der König hölzern fand.

»Aus Herz und Munde heißen jubeltönig
Wir Dich willkommen, junger Bayernkönig!
An diesem Ort, wo Heilesquellen springen,
Soll Deine Ankunft neues Heil uns bringen.«

Am Schlusse goethesierte auch dieser Lyraschläger, der einst in allen Philisterlanden den Ruhm Mirza Schaffys bis an die Sterne steigen ließ – sie standen dort nicht so hoch wie anderwärts.

»Im Vollgefühle Deiner hohen Sendung
Führ' schön Begonnenes schön zur Vollendung.«

Außer dem österreichischen Kaiser und seiner Gemahlin fand der König auch den Kaiser von Rußland mit der Kaiserin und anderen Fürstlichkeiten »im Bannkreise der fränkischen Najade«, wie die freiwilligen Hofpoeten poetasterten in fragwürdigem Epigonendeutsch.

Mit dem österreichischen Herrscherpaar stand der König seit seiner Kindheit auf vertrautem Fuße. Aber erst jetzt, in der schnellen Reife seines freien Geistes und seines ungehemmten Empfindungslebens vermochte er hinter der Hülle glanzvoller Äußerlichkeiten die eigentlichen Seelenwerte menschlich zu erkennen.

Der Kaiser war zweifellos ein guter Mensch, mit dem leicht zu verkehren war. Sein Gespräch ging niemals hoch, seine Meinungen waren Improvisationen über gemeinplätzige Traditionen. Als Improvisationen waren sie zuweilen nicht reizlos. Sie hatten etwas Musikalisches, wie Wiener Walzer oder steierische Lieder. Geistig Eigenwüchsiges hatten sie so wenig wie staatsmännische Festigkeit.

Viel bedeutender war die Kaiserin, unvergleichlich viel bedeutender. Das war eine Natur mit allem Zauber tiefer Ursprünglichkeit und Einzigkeit. Aber die Nähe des Kaisers lähmte sie, da konnte sie ihr Bestes nicht zeigen. Sie faltete sich zusammen, mimosenhaft, sie schlüpfte förmlich in sich hinein. Sogar an körperlicher Schönheit büßte sie ein, die große Einsame, wenn sie nicht in richtiger Umgebung war. Alles Schattenhafte der andern blieb wie schwere Last auf ihr liegen, und ihre ätherische Erscheinung wurde erdenhaft, ihr Glanz verblich.

Keiner fühlte so erregt in ihrer Nähe wie der König: ein unermeßlicher Schatz poetischer Zärtlichkeit lag auf dem Grunde ihrer Seele. Wußte der Kaiser davon? Empfand er die Tiefe ihres Gemütes, den Reichtum und die seltene Feinheit ihres Geistes? Hatte er geheime Zugänge zu den heiligen Mysterien, die Gott in den Labyrinthen dieser Feuerseele feierte? Hatte er die Zauberformel dafür? –

Auffallend war dem König, seit er mit dem Besitz der Krone selbst in die obersten Regierungsgeschäfte seines Landes eingetreten war, daß seine gekrönten Kollegen so eigentümlich unbeholfen taten, wenn die Unterhaltung der Politik sich zu nähern schien. Da stockten und stotterten sie und wurden trivial zum Verzweifeln. Als ob die Politik selbst etwas idiotisches wäre. Als ob man lieber von dieser Niaiserie gar nicht spräche. Als wär's die eigentliche partie honteuse, die nun leider Gottes einmal der Krone anhafte. Etwas, das man den Handlangern und Magazinverwaltern und Prokuristen im Geschäft überläßt: den Ministern, Staatsräten und Diplomaten. Wofür werden diese auch angestellt, in goldstrotzende Uniformen gesteckt, mit Orden und Titeln behängt zum Starrwerden und mit dem höchsten Staatssold bezahlt?

Wie Fledermäuse, die sich in den Tag verirrt, so waren die Gedanken dieser hohen Gekrönten, wenn sie unversehens in die Politik kamen; so flatterten sie schwerfällig im scheuen Zickzack und stießen überall auf etwas Hartes. Dem König erschien das sonderbar. Von seinem hochseligen Vater als Politiker hatte er eine ganz andere Vorstellung, und die großen Könige der Dichtung und Geschichte pflegten sich gleichfalls anders zu gebärden. Neulich der König von Preußen, jetzt der Kaiser von Österreich, gar nicht zu reden von dem Kaiser von Rußland: Politiker großen, klassischen Stils schien keiner zu sein – oder sie nahmen sich heraus, mit ihm, dem jugendlichen König, weil sie ihn noch ungeübt glaubten, ein Versteckspiel zu treiben. Oder dritte Möglichkeit: es mußte etwas Ungeheures in der Luft liegen, etwas unerklärlich Dämonisches, das diesen höchsten Herrschaften die Freiheit des Intellekts wie die Freiheit des Atmens benimmt, also ihre Äußerungen auf das niedrigste Maß eingrenzt. Eine Katastrophe, vor deren Einbruch keiner mehr dem andern traut. Sehr sonderbar.

Wovon war nun mit diesen Männern zu reden? Von seiner geliebten Kunst, von seinem Meister und dessen weltbewegenden Zukunftsplänen wagte der König nicht einmal eine leise Andeutung, weil er ahnte, hier auf das krasseste Mißverständnis zu stoßen.

Den König von Preußen oder den Kaiser von Österreich oder von Rußland für poetisch angehauchte Naturen, mehr als jeder gut qualifizierte Leutnant es unter Umständen ist, halten zu dürfen, war das äußerste, was der Freund Richard Wagners in diesem Punkte wagen mochte an kühner Hypothese.

Ja, die Kaiserin Elisabeth! Die trug die Sonne der Poesie mit allen Strahlen in der Brust. Oft schien's ihm, als brächen heimlich dunkle Flammen aus ihren Augen. Und kam er ihr so nah, daß er sie körperlich fühlte, war doch alles so jungfräulich und keusch. Als träte er in gütigere Himmelsstriche aus einer rauhen Zone, als umkosten ihn lieblichere Winde, die über duftende Sommerwiesen und geheimnisvolle Blumenbeete gegangen. Nicht als starke Offenbarung des Weibeslebens empfand er sie, sondern als paradiesisches Echo einer wundervollen, verklungenen Musik, in die sich die süße Holdseligkeit des Ewigweiblichen übersetzt hat.

Ein Rätsel war sie ihm dennoch, diese zauberschöne Frau. Nie vermochte er ein Wort von ihr zu hören, das unter seinen Geistesschwingen das geheime Erkennungszeichen der Egeriabriefe getragen hätte. So würde er's auch nicht wagen, ihr eins jener enthusiastischen Worte zu sagen, die ihm dem Meister gegenüber so beglückend über die Lippen glühten. Mochte sie ihn noch so innig ergreifen und erheben durch die stumme Gewalt ihrer Erscheinung, der Meister wußte doch ganz anders sein Herz zu entsiegeln, daß die tiefsten Empfindungen heraufschlugen. Und er mußte dann über die Symbolik der Goetheschen Verse grübeln und träumen:

Ihr alle fühlt geheimes Wirken
Der ewig waltenden Natur,
Und aus den untersten Bezirken
Schmiegt sich herauf geheime Spur.

Täglich schrieb er dem Meister einen Brief, die Worte nicht wählend und nicht wägend, aber alle im bunten Glanze der taufrischen Widerspiegelung seiner Erlebnisse und Eindrücke. Und wie wußte der Meister zu antworten! Der König fühlte bei jedem Satze, aus welcher Stimmungsfülle künstlerischer Schöpferlust und höchstgesteigerter Daseinsfreude Wort für Wort geboren. Dabei alles so einfach, so selbstverständlich in natürlicher Vornehmheit. Mochte er von Musik, Theater, Literatur, Kunst, Politik, Geschichte und Philosophie sprechen, nie wurde er lehrhaft dem Könige gegenüber, nie verletzte er die schöne Form, so leidenschaftlich ihn auch der Gegenstand bewegte. Seine Urteile waren von einer entzückenden Helle und Sicherheit. Bei aller Schärfe eine vollendete Anmut, eine unvergleichliche Grazie. Griff er die Ideen des Königs auf, wie wußte er sie ins Licht zu erheben, wie zu durchleuchten, daß sie funkelten in magischer Verklärung!

Erging sich der König im Überschwange seiner jugendlichen Begeisterung in den vertraulichsten Intimitäten, er konnte sicher sein, daß sein Meister-Freund ritterlichste Diskretion wahrte. Nie entschlüpfte dem König auch nur der leiseste monarchische Protektorenton. Seine Hingabe an die großen Interessen der Kunst war eine absolute und durchaus frei von egoistischen oder dynastischen Nebenzwecken. Es war auch keine flüchtige Schwärmerei, um über die Langeweile des Hoflebens hinwegzuflattern, es war in aller Teilnahme des Königs die ernste Mitarbeit an den Problemen der Schönheit, wie sie nur ein dem großen Künstler durch angeborene Fähigkeit verwandter Geist zu betätigen vermag.

Auf einem stillen Waldspaziergang fragte die hohe Frau plötzlich den gedankenvoll dahinschreitenden König-Jüngling: »Sprich, lieber Vetter, worüber sinnst du gerade?«

»Du glaubst mir aufs Wort, Elisabeth?«

»Immer.«

»Wohlan: ich dachte an meine letzte Klavierstunde und an das Glück, das ich meinem Lehrer damit bereitete.«

»Das wußte ich noch nicht, daß du als Klavierspieler deinen Lehrer beglücktest.«

Mit feinem Lächeln der König : »Ja, es war ein Glückstag für meinen Lehrer, weil es meine – letzte Klavierstunde war.«

»Und dein Enthusiasmus für die Musik?«

»Ja, das ist's, für die Musik! Aber nicht fürs Klavier als ausübender Tastenbändiger: das glückte mir niemals.«

»Das war wohl ein ähnliches Verhältnis wie das, wenn Lessing von dem Raffael ohne Arme spricht?«

Den König entzückte dieser geistvolle Hinweis: »Wie du's getroffen hast, Elisabeth! Ja, das ist vollkommen mein Fall. Wie Raffael ohne Arme doch der geborene Maler gewesen wäre, so bin ich leidenschaftlich für alles Musikalische disponiert, obwohl mir die Natur die Klavierspielerhände vorenthalten hat.«

»Weißt du,« begann die Kaiserin nach einer Weile, »was an der Musik eigentlich das Herrlichste ist?«

Der König sann. »Das Herrlichste unter dem vielen Herrlichen? Ihre wunderbare Tiefe? Das Elementare auszusprechen mit so unmittelbaren Lauten, wie sie keine andere Sprache besitzt, nicht für den Schmerz, nicht für die Lust? Ihr unfaßlicher Reichtum an Schattierungen des Empfindungsausdrucks? Ihre ungeheure suggestive Kraft, märchenhafter als alle Bilder aus Tausendundeiner Nacht? Ihre gletscherhafte Reinheit im Wonnerausch, wenn sie uns die Seligkeiten aller Himmel zu kosten gibt?«

Bewundernd ruhten die Augen der hohen Frau auf dem Sprecher, dem die Worte wie im Traume von den Lippen perlten.

Als er schwieg, ohne sie anzublicken, in sich versunken, wie Eingebungen lauschend, Geisterstimmen aus einem Feenreich, da sagte sie leise. »Jetzt bist du nahe, wenn du die gletscherhafte Reinheit rühmst. Mir ist das Herrlichste an der Musik ihre göttliche Wahrhaftigkeit. Sie ist die einzige Sprache, in der nicht gelogen und betrogen wird. Nie hat sie mein Herz getäuscht.«

»Wagner, Richard Wagner –« wollte er aufschreien in heiligem Entzücken. Aber seine Seele war so übervoll in Glückssättigung, daß ihm das Wort versagte. Er ergriff stumm die Hand der Kaiserin und drückte sie lange. Durch den herben Waldesduft rauschten die Abendwinde.

»Du solltest dir einmal von meiner jüngsten Schwester vormusizieren lassen. Sophie ist eine Meisterin auf der Zither. Besuche sie doch einmal, wenn du gerade am Starnberger See bist, in Possenhofen. Grüße sie von mir, grüße sie von dieser gemeinsamen schönen Abendstunde im fränkischen Wald – willst du nicht?«

Der König nickte. Er fühlte plötzlich etwas wie Heimweh nach seinen Seen, nach seinen Bergen, nach der grandiosen Einsamkeit seiner Alpen.

Trotzdem verschob er die Abreise. Erst nach vollen vier Wochen kehrte er heim. Vierzehn Tage später machte er sich wieder auf den Weg, um die Kaiserin von Rußland, die er in Kissingen vernachlässigt zu haben glaubte, nochmals zu begrüßen. Die hohe Dame hatte Kissingen inzwischen verlassen und war in das Bad Schwalbach übergesiedelt.

Gelegentlich seines Besuches in Schwalbach machte der König fleißig Ausflüge in die Umgebung. Zunächst nach Hohenstein, wo eine Schloßruine ihn lebhaft interessierte. Da lag es nahe, daß ihm der Gedanke an die zahlreichen romantischen Burgen am schönen Rheinstrom den Wunsch eingab, seine Ausflüge bis dahin auszudehnen. Rasch entschlossen fuhr er an den Rhein. Nachdem er den prächtigen Gärten des Herzogs von Nassau in Biebrich aufmerksame Besichtigung gewidmet, bestieg er das Dampfboot und fuhr den Strom hinab bis nach Köln mit seinem heiligen Dom. Keiner der sommerlichen Reisenden erkannte den stillen, träumerischen Gefährten, der in seinem Äußeren und in dem schlichten Verkehr mit seinem Begleiter eher einem vornehmen Künstler oder Poeten glich, als einem gekrönten Landesfürsten.

Es war eine Zauberfahrt durch heilig deutsches Märchenland. Des Königs Seele erlag fast der Flut heroischer und lieblicher Eindrücke.

Auf der Rückreise nahm er Nachtquartier in der Bundesstadt Frankfurt am Main.

Im klaren Sternenlicht stand er vor dem Geburtshause Goethes. Mächtig erregt, blickte er zu den Fenstern des stattlichen Baues auf, und die Vergangenheit wurde ihm lebendige Gegenwart.

Die Schilderungen aus Wahrheit und Dichtung setzten sich ihm in helle Visionen um, die Wände wurden durchsichtig. Er riß sich los: »Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten«, vor sich hin rezitierend.

Der Schöpfer Goethe – ein ewig strahlender Gipfel. Der Mensch Goethe – eine Stufe zu höherer Menschlichkeit. Sein Herz floß über voll Dankbarkeit für den Schöpfer und den Menschen. Und er wunderte sich, daß sein Großvater diesen schönsten deutschen Menschen mit einem Denkmal ehren mochte, das den herrlichen Leib in einem schlecht sitzenden griechischen Gewande zeigt, und mit einem so ungriechisch unfrohen Gesicht diese reichste dionysische Natur, die je aus deutschem Boden gewachsen.

Und wie bös die Umstände es fügten, daß seinem Großvater kein besserer Künstler zur Hand war, den er an Stelle des süßlichen Hofmalers Stieler nach Weimar hätte schicken können, um den greisen Olympier zu porträtieren.

Oh, wenn er Glück habe mit seinen Zeitgenossen, daß sie sich ihm hilfreich erweisen, seine glanzvollen Ideen von deutschem Geiste und deutscher Kunst in hinreißende Wirklichkeitsbilder zu übersetzen, dann wolle er viel Versäumtes und Verfehltes gutmachen – das schwur er sich in dieser Frankfurter Geisterstunde.

Nein, nichts von den Gespenstern, die in der Eschenheimer Gasse hausten – er machte, daß er vorüberkam und warf lieber noch einen raschen Blick in das Ghetto, in die denkwürdige Judengasse, wo der große Geldfürst, der Souverän im Reiche des modernen Mammonismus, geboren.

Was bedeutet die Dynastie Rothschild im Reiche der Geister? Wo sind die Schönheitswelten, die ihre Macht hervorgezaubert? Durch welche unsterblichen Großtaten hat sie ihren kolossalen Besitz geadelt? Hätte sie einen Richard Wagner vor dem Elend und dem Wahnsinn des Verhungerns geschützt?

Mit diesen Fragen schlief er in Frankfurt ein – und träumte von seinem geliebten Meister.

Die gute Stadt München schüttelte den Kopf, der junge König reiste ihr zu viel. War's nicht hübscher von ihm, in ihrem Schoße sitzen zu bleiben? Was ging ihn denn die frivole internationale Gesellschaft eines Weltbades an? Was hatte er denn auf Rheindampfern herumzufahren, in preußischen Provinzen, wie ein gewöhnlicher neugieriger Sterblicher? Und das alles gleich in seinem ersten Regierungsjahr, und seine Mutter sitzt daheim in tiefer Trauer. Wahrhaftig, die guten Bürgersitten seiner Residenzstadt hatten Ursach, sich gekränkt zu fühlen.

Ja, das nationale Oktoberfest auf der Theresienwiese, wo sich alljährlich das preiswürdigste Rindvieh und die größten Kartoffeln und die leistungsfähigsten Magen des ganzen Königreichs zu herrlicher Schaustellung versammeln – das ist der Weiheort, da gehört der Landesvater hin, um sich huldigen zu lassen! Hier ist mehr als Olympia, hier ist Panbiermanien! Hier zeigt sich des Lebens tiefster Sinn!

Und der König ließ alles liegen und stehen und ging auch dahin. Mit sinnverwirrendem Pomp vollzog sich seine Auffahrt, und mit unüberbietbarem Jubel wurde ihm gehuldigt. So ist's gut bajuwarisch. So floriert die Tradition. München kugelte sich vor Entzücken. Die Oktoberfestwoche war ein einziger Rausch! Es lebe der König!

Was war das? Der Landesvater war plötzlich wieder verschwunden. Diesmal spurlos. Den wird man noch anbinden müssen, sonst ist er in München nicht zu halten, und es gibt gewiß ein Unglück. So ein junger, unweltläufiger König – und immer unterwegs! Nicht zu halten auf dem Thron, kein Sitzfleisch, kein Gefühl für die schöne Einsamkeit seiner hohen Stellung, für die stille Majestät seines Berufs! Nein, München war doch wahrhaftig nie anspruchsvoll seinen Königen gegenüber, aber so hat's noch keiner getrieben in so kurzer Zeit. Wo er nur sein mag!

Kundschafter wurden ausgesandt, Freiwillige machten sich auf die Beine. Man spähte in den Schlössern, in der Provinz, am See, im Gebirge. Keine Spur. Der König war verschwunden.

Die Zeitungen stürzten sich in Reporterunkosten, sie mußten sich's mutig aus den Fingern saugen, wenn sie eine Nachricht vom König bringen wollten. Einer der geriebensten Zeilenschreiber meldete, den König zuletzt im Theater gesehen zu haben und schrieb darüber einen Bericht wie über ein weltgeschichtliches Ereignis, das eine Epoche abschließt.

Ein noch geriebenerer wußte sogar die letzten Worte des Königs anzuführen, in Gänsefüßchen, authentisch wie die blaue Luft. Der König habe gesagt: »Der erste Akt von ›Wilhelm Tell‹ ist schön wie der Tag, der zweite Akt ist schön wie die Nacht. Für mich ist der zweite der schönere.« Nur sei es nicht mehr festzustellen, ob der verschwundene König das Drama von Schiller oder die Oper von Rossini gemeint habe. Ein drittes sei ausgeschlossen, solange Richard Wagner, der sich neuerdings in München festzunisten scheine zum Schrecken aller wohlgesinnten Bürger der Kunststadt, noch keinen Wilhelm Tell komponiert habe und den bewährten Kunstgeschmack der Wittelsbacher nicht beeinflusse. Die liebe Bosheit begann bereits, sich königstreu aufzuspielen.

Während die Wogen der Orakel über den verschwundenen König immer höher gingen, flog ein Schweizer Blatt, die »Schwyzer Zeitung«, nach München mit folgender Mitteilung: »Gestern abend, als die Nacht bereits angebrochen, meldete sich ein fremder Tourist mit einem Begleiter auf dem Rathaus zur Besichtigung der Säle. Er betrachtet mit Interesse die Bilder der alten Landammänner, fragt mit regem Eifer über Land und Leute und verweilt mit sichtlicher Vorliebe bei einem alten Gemälde, das die Tell- und Rütligeschichte darstellt. Denselben Touristen treffen wir in gleicher Abendstunde in einer hiesigen Buchhandlung. Er läßt sich Bücher und Bilder geben, welche auf die Schweiz und insbesondere auf die Helden und klassischen Stellen der Urschweiz Bezug haben. Was er spricht, bekundet ein warmes Interesse und aufrichtige Zuneigung für dieselben. Die äußere Erscheinung, ein ganz junger Mann von hoher, schlanker und edler Gestalt, das vornehme und dennoch leutselige Benehmen und die Haltung seines Begleiters lassen einen ungewöhnlichen Touristen erkennen. Heute vernimmt man, es sei der junge König Ludwig von Bayern gewesen, der von seinem Großvater Liebe und Sinn für Kunst und klassische Werke als glückliches Angebinde geerbt hat. Er kam Montags inkognito von Luzern her, nahm in Brunnen im Gasthof zum Rößli Einkehr, besuchte das Rütli, die Tellsplatte und Stauffachers Kapelle bei Steinen, und beabsichtigte, auf heute der Hohlen Gasse in Küßnacht einen Besuch abzustatten. Das Land des Wilhelm Tell sendet dem jungen königlichen Freund einen warmen Gruß.«

Vom Hof bis zum Hofbräuhaus war die Überraschung groß. Eine Schweizerreise. Eigentlich ließ sich ja nichts dawider sagen. Wer macht nicht gern eine Schweizerreise, wenn er die Zeit und das Geld dazu hat? Der König hat's. Und die Hofbräuhäusler waren zufrieden. Nur die Heimlichkeit und Geschwindigkeit in den königlichen Unternehmungen wagten sie noch zu beanstanden. Man will mit dem König aus dem laufenden sein, jawohl. Man will sich an den Fingern abzählen können, was er den Tag über tut oder läßt.

Bei seiner Rückkehr fand auch der König eine Nummer der »Schwyzer Zeitung« vor. Er war so erfreut über den Bericht, daß er sich hinsetzte und auf den »warmen Gruß« sofort folgende warme Antwort eigenhändig niederschrieb:

»Herr Redakteur!

Mit inniger Freude las ich heute den herzlichen Gruß des Landes Wilhelm Tells und erwidere denselben aus ganzem Herzen. Ich grüße ebenfalls meine lieben Freunde aus den Urkantonen, für welche ich schon als Kind eine besondere Vorliebe hatte. Die Erinnerung an meinen Besuch der herrlichen Inner-Schweiz und das biedere freie Volk, welches Gott segnen wolle, wird mir immer teuer sein. Mit wohlwollenden Gesinnungen bin ich

Ihr wohlgewogener          
Ludwig.«

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