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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fronleichnam, das sonnenhelle Straßenfest der Römerkirche, sah den jugendlichen König mit geschmückter brennender Wachskerze hinter dem Allerheiligsten einherschreiten. Räumlich hinter dem in goldener, edelsteinfunkelnder Monstranz symbolisch eingeschlossenen Gotte – aber dennoch er, der herrliche, leibhaftig anwesende König der Mittelpunkt der Feier. Aller Blicke waren auf ihn gerichtet. Wie sprühte sein geheimnisvolles Auge aus dem ernsten, bleichen Gesicht, wie schimmerte seine marmorweiße Stirn, wie glänzte sein dunkles, gewelltes Lockenhaar in reicher Pracht! Und seiner edlen Gestalt bezwingender Zauber! Das Volk war hingerissen. Es warf sich vor Gott auf die Knie – und betete die Schönheit und Majestät des erhabenen Königs an. Welch eine Augenweide der Sinne, welch eine Lust der Seele!

Die hohe und niedere Klerisei ward schier eifersüchtig. Der König! Der König und immer der König! Nur für ihn haben die Weiber noch Schmachtblicke, nur er macht den Mädchen Herzklopfen. Die mystischen Küsse ihrer Seelen zielen nur nach seinem Munde. Die pikantesten Priester verschwinden vor ihm. Vor seiner Huldgestalt erblassen alle Reize der Kirchenengel.

Bei dem schwelgerischen Mahle, das nach altem Gebrauche der gesamten Priesterschaft der Hauptstadt nach Beendigung der kirchlichen Feier im Residenzschlosse serviert wurde, klang das Hoch auf den jungen König allerdings sehr loyal und stürmisch begeistert. Der reichlich genossene Schloßwein stieg manchem asketischen Gemüt in die Tonsur, und die entfesselte Zunge schwatzte dann mancherlei ins konfraterliche Ohr in allerlei Andeutungen und Weissagungen, dem gepreßten Klerikerherzen Lust zu machen. Er war zölibatär wie sie – das machte den Wettkampf gefährlich und verschärfte die Situation.

»Wir müssen den König verheiraten!« flüsterte der Schlauesten einer.

»Ein vermählter König, das gibt uns wieder einen Trumpf in die Hand. Wir stechen mit der Königin!« kicherte der andere.

»Aber nur nicht mit einer Protestantin! Die Ketzer sind uns zu aufsässig und wittern gleich wieder Konvertierungsgelüste.«

»Sehr wahr. Zwei Konversionen nacheinander, das lassen sie sich nicht bieten. Übrigens ist die Bekehrung der Königin-Mutter noch nicht offiziell bekannt. Man könnte sie so lange in petto behalten und als Geheimnis den Profanen und Häretikern gegenüber behandeln, bis wir die junge Königin dazu hätten – so oder so.«

»Gleich eine Katholikin, das wäre das Bequemere. Prost!«

Da erhitzte sich ein dritter: »Das Bequemere? Wann hätte eine Schwierigkeit die Diplomatie unserer heiligen Kirche geschreckt?«

»Alle Kühnheit in Ehren, mit dem protestantischen Norden ist jetzt nicht gut Kirschen essen. Seit die Preußen den Bismarck entdeckt haben, nehmen sie sich alles heraus.«

Nun brach der Hohn los: »Den Bismarck – den Bismarck! Da fürchte ich mich doch lieber gleich vor dem Nußknacker da oder vor dem Champagnerstöpsel! Ich bitte, laßt mich mit dem Bismarck aus! Da nehmt einmal unseren Grafen Bray oder den Pfordten und übertragt dem unser Auswärtiges, dann könnt ihr was erleben. So ein Krautjunker, so eine freche Eintagsfliege – daß i nit lach'!« Und er spuckte in die Serviette und wischte sich den Mund. »Dixi

»Bleiben wir beim Thema. Summa: Der König wird verheiratet. Fragt sich, mit wem?«

»In die Verwandtschaft! Greift nur hinein ins volle Menschenleben – und wo ihr's packt, habt ihr, zwar nicht immer gleich was Passendes, doch meist ein sauberes Mädel, aus dem sich was machen läßt.«

Der Schlaue zwinkerte, verwies aber dem angeheiterten Konfrater die Frivolität. »Wenn poetisch geredet werden muß, so kann man sich zum Beispiel so ausdrücken: Der Strauch, auf dem die Kaiserin Elisabeth von Österreich erblühte, trägt noch manche schöne Rose, die wert ist, von einem König gepflückt zu werden.«

»Bravo! Pst! Nit zu laut! Wunderbarer Gedanke. Prost!«

»Ist doch so einfach, bitte, Prost! Sieh, das Gute liegt so nah –«

»Aber pompös war das heute. So eine Fronleichnamsprozession macht uns keine andere Stadt nach.«

»Nichts Retrospektives, die Zukunft, meine Herren, die Zukunft!« – – – – – – –

Nichts befriedigte den König. Alles, was Repräsentation hieß, kirchliche und weltliche Prunkzeremonie und Volksvergötterung vermochte seine Seele zwar einen Augenblick mit angenehmen Eindrücken zu betören, aber ihre tiefe Sehnsucht nicht zu erfüllen. Das waren alles Puppenspiele, das löste nur flüchtige ästhetische Reize aus, und nach dem kurzen Rausch war der Schmerz des bitteren Ungenügens um so peinigender.

Genuß? Ja! Aber Genuß einer wahrhaften Tat, die fortwirkend die Seele auf ihre göttlichen Schwingen nimmt und dem banalen Alltag und seinem nichtigen Getriebe entführt. Eine hohe Tat im Reinsten und Blühendsten, das der Menschengeist mit prometheischem Feuertrotz geschaffen: in der neunmalheiligen Kunst.

Sie allein ist die große Befreierin, die ewige Erlöserin. Sie allein führt den Geist der höchsten Bestimmung des Menschengeschlechts entgegen: aus dem Jammertal der Erde eine Welt der Schönheit zu heiliger Entfaltung zu treiben, daran alle Ideale ihr ewiges Genügen fänden.

So tobte es in ihm. So schrie es aus ihm. Aber die ihm die Nächsten waren, hatten nicht Augen noch Ohren für ihres Königs Seelenkampf und seine schreiende Sehnsucht.

Sechzehnjährig war er, als er zum erstenmal ins Theater durfte – in die Oper »Lohengrin«, das väterlich zugestandene Geburtstagsgeschenk. Das war der große Offenbarungsabend seines Lebens an der Schwelle des Jünglingsalters. Wie ein Heilgruß aus der Höhe vibrierte jede Note, jedes Wort, jedes Bild seitdem in seiner Seele fort, ein wunderbares Licht umfloß ihn, sooft er jenes mächtig neuen, unerhörten Kunstwerkes gedachte. Wie labte es seine in peinvoll langen Schuljahren ausgehungerten Sinne!

Das war nicht flüchtige Stimmung, das war Lebensinhalt voll göttlicher Kraft. Wer ihm das Ziel wiese und die Kraft, sein Königsdasein in dieser ätherischen Höhe und Fülle zu gestalten! Nicht die Fata Morgana der Schönheit in nichtigen Äußerlichkeiten, sondern die Schönheit an sich! Das ist das Problem.

Nicht den blauen Dunst der verlogenen Scheinwelt, sondern den Himmel selbst, der darüber liegt, mit all seiner seligen Befriedigung: das ersehnt seine Seele. Den Genuß der weltüberwindenden Tat im höchsten Königreiche der Kunst! Wo weilt der Meister?

Es soll der Dichter mit dem König gehn!

Endlich –

Siehe, da kam auf seinen Ruf, weitschallend über die Grenze wie Rolands Hifthorn bei Ronzeval, der Nothelfer, hilfsbereit, obgleich selbst mit schwerster äußerer und innerer Drangsal behaftet. Musiker, Dichter und Dramaturg zugleich, ein verfemter Zauberer neuer, wundermächtiger Allkunst voll hehrer Weihe. Der Meister!

Ein gottbegnadeter Künstlerheros, der mit der ganzen Welt seit einem Menschenalter im heißesten Streite lag – und arm wie eine Kirchenmaus. Der Schöpfer des »Lohengrin« und anderer vielherrlicher Werke deutscher Kunst!

Und nun standen sie sich gegenüber, Aug' in Auge.

Es war der reichste, überwältigendste Eindruck, den der jugendliche König je von einer Persönlichkeit empfangen hatte. Das war wahrhaftig der höhere Mensch, der kongeniale Übermensch seines königlichen Traumbildes.

Im Äußeren, auf der feinen elastischen Gestalt, ein Künstlerhaupt voll erhabener Idealität. Gedankenvolle, tiefe Augen, blau und unergründlich wie das Meer im Sonnenschein, mit einem bald strengen, bald unendlich gütigen Blick, der durch alle Höllen und alle Himmel gesehen und keine Furcht mehr kennt, nicht einmal vor dem eigenen Schicksal. Ein Mund mit feinen Lippen, bald eingekniffen von Weltverachtung, bald geschwellt von Schelmerei, Anmut und Laune, Nase und Kinn von gewaltiger Energie, mit dem Stempel des Eroberers.

Nie hatte der König so olympische Hoheit und schlichte Ungebundenheit vereinigt gesehen. Und ein berauschender Duft von Gesundheit und Lebensfröhlichkeit ging von diesem genialen Menschenwesen aus.

Jetzt hatte er wahrhaft seinen Meister gefunden.

Und der Meister hat seinen König, seinen Mäzenas gefunden.

Überschwenglich war die Freude bei beiden, da sie sich die Hand reichten und Blick in Blick versenkten. Jeder hatte das ganz bestimmte Gefühl, daß hier nicht bloß ein Bündnis von Macht zu Macht geschlossen werde, das wie ein Glücksfall seltenster Art die Entwicklung der Kunst beeinflussen muß, sondern daß auch zwei Herzen in innigster Freundschaft sich von schwerem Leid entlasten konnten.

Wie einem älteren Bruder öffnete der König seine Seele dem Meister-Freund und erzählte ihm in kindlich holden Worten seinen Gram und seine Sehnsucht.

»Siehst du diese leere Welt um mich? Nein, du kannst sie nicht sehen, dein Blick ist zu reich, es fällt zu viel Glanz heraus und vergoldet meine Öde. Aber wahrlich, es ist eine erschreckende Leere, in die ich gesetzt bin. Wie soll ich sie beleben? Mit deinen Werken, du Großer! Stelle deine göttlichen Gedanken hinein, daß sie in Fülle aufgehen, gleich dem Senfkorn des Evangeliums, du Schöpfer!«

»Mein König!« sagte voll Teilnahme der erstaunte Künstler.

»Führe mich in dein Reich aus dieser Wüstenei. Du ahnst ja nicht, du freier Mann, wie eng, hart und kalt meine Jugend war. Der reine Intellekt, die reine Grammatik, die reine Logarithmentafel – kurz, der reine Widersinn zu meiner persönlichen Natur. Gehungert hab' ich, geistig und leiblich. Oft hab' ich nicht genügend zu essen bekommen, mehr als einmal steckte mir die alte Lisi den Rest ihrer Mahlzeit zu oder brachte mir auf Umwegen ›Übriggebliebenes‹. Meinen Goethe, meinen Schiller, wie hab' ich sie verstecken müssen vor den grimmen Späheraugen meiner Erzieher. Ja, der französische Lehrer, der war gütig, der behandelte mich mit feinerer Humanität. Aber sonst keinen Freund, keinen Spielkameraden, der mich beglückt hätte. Mein Bruder ist ein herrlicher Mensch, aber er ist drei Jahre jünger als ich und im Innern und Äußern entgegengesetzt meiner Art. Er ist voll animalischer Kraft, großer Schärfe des Verstandes, mit einem wilden Hang zu jeder Tollheit. Er hat Begabung zur Schauspielerei und führt sie alle hinters Licht mit seiner lärmenden Leutseligkeit. Das ist seine Rache. Und dann diese Residenzstadt, die Schöpfung meiner Vorfahren: was für Menschheit gibt da den Ton an! Auf der einen Seite banausisches Spießbürgertum, auf der anderen dürre Wissenschaftlichkeit und eingebildeter Schulkram. Auf der einen Seite Kraft und Stoff und Fleischextrakt, auf der anderen Seite Spintisiererei und hohle Mystik. Ein brauner Biersumpf mit Kalbshaxen garniert. Hofbräuhaus. Hier wird a conto des zwanzigsten Jahrhunderts gesoffen.«

Und er versprach fürstlichen Dank, wenn der Meister bei ihm bliebe und die Residenz, die über eine so glänzende künstlerische Tradition gebiete, trotz des eingeborenen Banausentums, zum wahrhaften ästhetischen Zukunftskulturstaat gestalte, zum Mittelpunkte der neuen Allkunst, zur Zentralsonne der erhabenen Menschheitspoesie. Ach, wohl, er schwärme, aber felsenfest sei sein Glaube an die Mission der Schönheit auf dieser trüben Erde. Wie in den großen Tagen des klassischen Hellas, so solle die Kunst wieder die Lebensangelegenheit der Nation werden und die Deutschen davor bewahren, daß sie versinken im häßlichen Elend ihrer Alltagspolitik.

»Deine Hand, Meister!«


»Er hat mich mit einem Füllhorn der Gnade überschüttet«, äußerte sich Richard Wagner nach seiner ersten Audienz beim König. »Heute wurde ich zu ihm geführt. Er ist leider so schön und geistvoll, seelenvoll und herrlich, daß ich fürchte, sein Leben müsse wie ein flüchtiger Göttertraum in dieser gemeinen Welt zerrinnen. Er liebt mich mit der Innigkeit und Glut der ersten Liebe. Er will, ich soll immerdar bei ihm bleiben, arbeiten, ausruhen, meine Werke aufführen. Er will mir alles geben, was ich dazu brauche. Ich soll die Nibelungen fertig machen, und er will sie aufführen, wie ich will. Das Undenklichste und mir doch einzig Nötige ist völlig Wahrheit geworden. Im Jahre der ersten Aufführung meines ›Tannhäuser‹ gebar mir eine Königin den Genius meines Lebens. Er ist mir vom Himmel gesendet. Durch ihn bin ich und verstehe mich erst ganz.«

Und Richard Wagner, der halbtot Gehetzte, hatte endlich sein Asyl gefunden. Er zog in München ein wie ein fahrender Ritter, dem nach langem Irrgang der Himmel eine sichere Burg gewiesen.

Und mit ihm kamen der feurige Hans von Bülow und der feinsinnige Architekt Gottfried Semper. Eine stille heiße Zeit der Vorbereitung begann. Pläne auf Pläne wurden entworfen, Ziele abgesteckt, Denkschriften ausgearbeitet, Juwelenschreine künstlerischer Ideale enthüllt.

Schulen sollten reorganisiert und neubegründet, die abgenützten, den neuen Aufgaben nicht gewachsenen oder ihnen gar feindseligen Männer aus den leitenden Stellungen entlassen und durch frische Kräfte ersetzt werden. Es sollte einmal heiliger Ernst gemacht werden mit der künstlerischen Erziehung des deutschen Volkes. Und München sollte den weltgeschichtlichen Ruf des neuen Mekkas erfüllen.

Der Meister jubelte in Dankbarkeit: »So wandl' ich stolz beglückt nun neue Pfade im sommerlichen Königreich der Gnade.«

Dem König war hoher Besuch angesagt, sehr hoher. Auf dem Rückwege von Gastein wollte Wilhelm von Preußen mit seinem Minister Bismarck den lieben Wittelsbacher Vetter persönlich begrüßen. Das Hoflager war, der schönen Sommerzeit wegen, im alten, traulichen Schloß Hohenschwangau. Gut, ließ der Preußenfürst melden, er werde den Abstecher nicht scheuen und nach Hohenschwangau kommen, der Minister Bismarck könne sich ja in irgendeinem Gasthof in München einquartieren. Angenommen.

In Hohenschwangau herrschte sonnigste Laune, trotz des plötzlich schwerumwölkten Himmels, der mit sintflutlichen Güssen drohte. Ein Brief vom Meister – und wieder einer. So fast täglich.

»O König, holder Schirmherr meines Lebens!
Du höchster Güte wonnereicher Hort!«

Ja, so aus frohbeglückter Seele heraus zu sich sprechen zu hören, war dem König ein lange entbehrter Genuß. Ein Strom jugendheißer Empfindung ergoß sich aus den Briefen des großen Künstlers in das Gemüt des kongenialen Königs und ließ es aufjauchzen in heller Freude. Niemals hatte der jugendliche Monarch aus eines anderen Menschen Mund so Liebes und Erquickendes vernommen.

»Was Du mir bist, kann staunend ich nur fassen,
Wenn mir sich zeigt, was ohne Dich ich war.«

War's nicht wie ein in tausend Farben blühender Morgen, ein Liebesfrühling reinster Lust?

Du bist der holde Lenz, der neu mich schmückte,
Der mir verjüngt der Zweig' und Äste Saft.«

Und nicht für sich allein wollte der König diese Beglückung. Durch das Medium der Kunst sollte sie überfließen auf sein Land, auf sein ganzes Volk. Auch die Preußen sollten von diesem Segen haben, soviel sie davon vertragen konnten in ihrer ästhetischen Bedürfnislosigkeit, diese wunderlichen Asketen in allen feineren schöngeistigen Dingen.

Der König lächelte. Wahrhaftig, dem strammen preußischen Vetter, dem kaltsinnigen Politiker wollte er sein bestes Gesicht zeigen und ordentlich einheizen mit südlicher Liebenswürdigkeit. Er soll sich diesmal nicht über das reservierte bajuwarische Selbstbewußtsein – boshafte, borussische Vergröberer haben es sogar den »sprichwörtlichen Wittelsbacher Hochmut« genannt – nein, über gar nichts soll er sich zu beklagen haben. Alles soll ihm zeigen, daß sein Besuch herzlich willkommen ist.

Der König lächelte, er war ja so glücklich. Auch körperlich hat er sich seit langer Zeit nicht mehr so behaglich gefühlt. Seine etwas hohlen Wangen wurden sichtbar voller, und seine bleiche Gesichtsfarbe verklärte ein frischrosiger Schein.

»Das ist das Glück!« rief er sich selbst zu. »Das ist das Glück! Heil dem Meister!«

Wenn nur der Himmel ein Einsehen hat und das Wetter standhält. Dem preußischen Vetter mit dem klarsten blauen Königswetter aufzuwarten!

Er schickte den Sausewind, den blonden Prinzen Wildfang, auf den Tegelberg, gute Wetterzeichen für den nächsten Tag zu erkunden und im Zweifelsfall dem heiligen Petrus ordentlich ins Gewissen zu reden.

Der Prinz kam von der Zwiesprache mit Sankt Peter zurück – pudelnaß.

»Aber hör einmal, du scheinst deine diplomatische Sendung ja wundervoll ausgeführt zu haben?«

»Liebster Meister – Pardon! Majestät wollt' ich sagen.« Der Prinz schüttelte sich, daß die Tropfen aus Haar und Wettermantel sprühten. »Mit dem Peter scheint nichts mehr anzufangen zu sein. Denk dir, der biedere Himmelsportier und Wettermacher ist unter die Dichterkomponisten gegangen. Unglaublich, was? Und ungehörig obendrein. Dichterkomponisten darf's doch nur einen einzigen geben – den deinigen. Und der reicht für die Welt. Nun scheint aber die Dichterkomponisterei im Himmel mit einem Male zum guten Ton zu gehören. Was willst du dagegen tun? Die Himmlischen machen die irdische Mode mit. Nicht zu verwundern bei den bekannten engen Beziehungen. Die Menschen sind längst das erfinderischere Geschlecht. Mit viel mehr Abwechslung. Die da oben mit ihrer dauerhaften Vollkommenheit und dito Ewigkeit –«

»Frivoler Fabulist !« drohte der König, hatte aber Wohlgefallen an seinem drolligen Märchenprinzen.

»Na, nur nicht gleich schimpfen. Bin ich dir schon wieder – wie sagtest du neulich? – frühreif, überfrühreif, Allergestrengster?«

»Nein, nein, nein! Fahr fort!«

König und Prinz waren inzwischen vom Gang hinausgetreten auf die gedeckte Veranda.

»Dem Sankt Peter machen die Stabreime furchtbare Beschwer. Er will um jeden Preis seine Stabreime haben, genau wie dein Meister. Hat er glücklich den Stab, wollt' sagen den poetischen Gedanken, so entwischt ihm der Reim, hat er den Reim, so hält ihm der Stab nicht – kurz, es ist gräßlich. In solcher Not wirft er alles durcheinander, er ist der reinste königliche Konfusionsrat. Du darfst ihm ungeniert ein Portefeuille anbieten.«

Der König hielt ihm den Mund zu. »Willst du wohl – jetzt, wo die Preußen unterwegs sind!«

»Na ja,« fuhr der Prinz ausgelassen fort, »der Sankt Peter hat mir zu verstehen gegeben, daß er die unglückselige Dichterei läßt, wenn du ihm einen guten Ministerposten anbietest –«

»Aber, aber – hör du!«

»Na ja,« machte der Schelm in übermütiger Laune, »der heilige Peter ist schlau, der hat sich ausgerechnet, daß er sich als Minister bei dir viel besser steht, denn als Portier im Himmel. Er garantiert dir das famoseste Wetter für dich und die Preußen, wenn du ihn als Minister deines Auswärtigen nimmst. Also!«

»Nein, Mensch, deine Einfälle sind staatsgefährlich.«

»Erlaube, wenn ich die Wahl hätte, himmlischer Hausknecht oder bajuwarischer –«

Der König schien ernstlich böse zu werden. Rasch trat er von der Veranda zurück und warf die Tür hinter sich zu.

Geschmeidig schlich ihm der Prinz nach und hing sich ihm zärtlich an den Rücken.

»Willst du Vernunft annehmen, ja oder nein?« fragte der König mit einer Wendung des Kopfes, so daß die Wangen der Brüder sich berührten. »Bitte, nimm ein bissel Vernunft an!« fügte der König gütig bei. »Du großes Kind.«

»Ja, ja, ja. Also ich habe Sankt Peter gedroht, erstens: die große Himmelsgießkanne wird verstopft oder konfisziert, zweitens: entweder spannt er bis morgen das hellblaue Seidentuch mit dem goldenen Guckloch am Himmel aus, oder ich bring seine Stabreimerei in die Presse und hänge den Skandal an die große Glocke.«

»Skandal?«

»Ach ja, du, da ist noch eine ganz kleine Extrageschichte, die zwischen Sankt Peter, mir und einer Waldfrau spielt. Die gehört nicht hierher, betrifft auch keine Staatsgeschäfte, interessiert dich also nicht. Nun – –«

»Nun?«

»Ja so. Das mit der Waldfrau erzähle ich dir später doch einmal, ich habe ein wunderschönes Märchenstündchen mit ihr verplaudert. In Parenthese, mezza voce. Nun – ja so: Wie ich dem Petrus drohte, wurde er ganz blaß. Denn er weiß, daß ich alle seine Sünden sehr genau kenne. Er versprach, sein möglichstes in puncto Besuchswetter zu versuchen, obgleich es sehr schwer, äußerst schwer sei, mein hellblaues Verlangen zu stillen.«

»Das ist alles?« lachte der König und zog den blonden Fabulisten zu sich aufs Sofa.

»Petrus machte mir noch eine lange Geschichte vor von den kleinen Engeln, die ihm beim schönen Wetter helfen müßten. Die seien nämlich von unserem verstorbenen Zoologieprofessor zu einem Kamelritt, verbunden mit wissenschaftlichen Demonstrationen, ins Fegfeuer eingeladen und noch nicht zurückgekommen. Ohne die kleinen Gehilfen brächte er das blauseidene Himmelstuch mit dem goldenen Guckloch nicht ohne Wolkenfalten hinaus. Beim Spannen müßte ihm stets das geflügelte Völkchen helfen. Na, sagte ich, sperr nur wenigstens die große Gießkanne ab. Was er darauf erwidert, konnt' ich nicht mehr verstehen, denn gerade blies der Sankt Michael in die Posaune, das gebratene Kalbshaxenmotiv, zum Zeichen, daß der Abendtisch gedeckt sei. Herr Petrus, ein großer Esser vor dem Herrn, stürzte alsbald davon. Noch einen Gruß an dich von unserer alten Lisi hat er mir in der Geschwindigkeit aufgetragen. Sie muß oben kochen helfen.«

»Die Lisi, dafür dank' ich dir!« sagte der König freudig bewegt, fast gerührt. »Die Lisi!« Und er küßte seinen Bruder auf den kindlichen Poetenmund.

»Ja, die Lisi, die gute Haut! Die hat ein Denkmal verdient. Ein Denkmal, sag' ich dir,« rief der Prinz mit drolliger Emphase.

Der König: »Die's verdient haben, bekommen es gewöhnlich nicht –«

»Na ja,« schloß der junge Prinz lustig und sprang auf, »das Himmelreich ist auch kein Pappenstiel. Inzwischen können die kleinen Engel von ihrem wissenschaftlichen Ausflug aus dem Fegfeuer heimgekommen sein. Und so werden wir morgen wohl das schönste weißblaue Wetter für deine Preußen haben. Wird's aber nix, so soll der Bismarck hinaus und dem Petrus die große Himmelsgießkanne austrinken. Dann haben alle genug. Amen.«


Das Wetter war sehr schön. Der Besuch verlief programmäßig. Bismarck hatte diesmal darauf verzichtet, den König zu sehen. Es war ihm Vergnügen genug, mit dessen Ministerpräsidenten eine Pfeife zu rauchen und einen Hochachtungsschluck zu trinken. Die österreichisch-preußisch-bayerische Fürstenfreundschaft hielt gerade noch, bis Bismarck mit seinem Kriegsplan fertig war. Man schrieb 1864. Nach der Berechnung Bismarcks hatten sich der alte König von Preußen und der junge König von Bayern zum letztenmal als Freunde die Hand gedrückt. Der deutsche Bruderkrieg war nach dem Wissen und Willen des Mannes von Blut und Eisen unvermeidlich geworden.

In Hohenschwangau ließ der borussische Besuch die üblichen angenehmen Eindrücke zurück, der Himmel hing voller Geigen. Die Nase des jungen Wittelsbachers war noch nicht für den leisen Blutgeruch geschärft, der die prädestinierten großen Schlachtenkönige umwittert.

Der blonde Prinz überreichte dem scheidenden Vetter aus dem Norden mit Anmut einen Strauß von Almenrausch und Edelweiß.

Seinem königlichen Bruder aber brachte er einen Strauß weißer Nelken. »Von meiner Waldfrau,« lächelte er pfiffig.

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