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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuschwanstein brachte ihm keine Ruhe. Der Boden brannte unter ihm. Wie wird die nächste Sitzung mit dem Schatzmeister ausfallen? Der unheimliche Agent hatte sich wieder gemeldet.

Richtig, da stand er schon, der Unglücksmensch, mit einer Miene, die nichts Gutes verhieß. –

»Nun, mein großmächtiger Beherrscher der Millionen?« sagte der König gedrückt.

»Es ist aussichtslos, einen Schritt weiter zu tun, wenn nicht Majestät sich zur eigenhändigen Unterzeichnung des Schriftstücks verstehen –«

»Nicht weiter! Ich werde mich hüten – – die Sache ist verdächtig.«

»Das ist Ihre Auffassung, Majestät, die meinige ist es nicht. Aber angenommen – – trotzdem – – –«

»Weiter, mein Finanzgenie, nicht stocken!« rief der König hitzig.

»Trotzdem fühle ich, an Ihrer Stelle, einen unwiderstehlichen Reiz, das Spiel zu wagen. Wer wagt, gewinnt –«

»Sie haben nichts zu verlieren, Mensch – als meine Gnade.«

»Eurer Majestät Gnade – das täte mir leid.« Mit Achselzucken.

Der König immer erregter: »Jetzt keinen Austausch von Höflichkeiten. Zur Sache! Das Volk – der Landtag – nun?«

»Das ist sehr langwierig. Wer wird sich fürchten, wenn alles drückt und drängt!«

»Der Staat – hat er nicht Organe, mächtiger als Volk und Landtag? Na?«

Der Agent geringschätzig mit rabulistischer Shylockmiene: »Wer ist der Staat? Das sind die paar Leute, die das Heft in der Hand haben –«

Der König schäumte auf: »Dann nimmt man andere Minister! Der Staat! Der Staat bin ich!«

Nach diesen in höchster Erregung herausgeschleuderten Worten griff der König mit zitternder Hand nach dem Schriftstück.

Der Agent ging einige Schritte zurück, duckend, unter die Türfüllung – lauernd auf seine Beute.

Nach einer Minute hatte er des Königs Siegel und Unterschrift.

»Danke, Majestät.« –

Der König brach in seinem Sessel zusammen. Weinend schrie er aus. »Heilige Schönheit, wenn du wüßtest, welches Opfer ich dir gebracht!«


Wo blieben die Millionen? Was hatte das zu bedeuten? Die gesetzte Frist war um, die vereinbarten Beträge kamen nicht. Die Beamten starrten den König an mit verzweifelten Gesichtern und gaben ausweichenden Bescheid auf jede Frage. Seit Wochen ging das so. Nun blieben auch die Lieferungen aus, die Arbeitsleute kamen nicht mehr, die Welt schien still zu stehen.

Der Himmel hatte sich mit grauen, trägen Wolken verhängt. Unablässig fiel feiner kalter Regen. Die Berge glichen einer schmutzig verwaschenen Masse, ohne Konturen, und kam einmal flüchtig ein Sonnenstrahl, so war's, als schnitten sie höhnische Fratzen. Die Ebene lag stumpf, in mißfarbigem Nebeldunst.

Und Pfingsten, das liebliche Fest, wollte kommen? Das Fest der feurigen Zungen und des erfüllenden Geistes? Waren das seine Boten?

Der König raste von Schloß zu Schloß. Wieder nach Linderhof zuerst. Er erkannte es kaum wieder. Wie Götterdämmerung überall, im Park, im Palast, in jedem Raum. Von Angst gepackt, von Frost geschüttelt, jagte er an den Starnberger See, in sein altgeliebtes Schlößchen Berg. Mit wie traurigen Augen empfing es ihn! Das Schlafgemach starrte ihm entgegen wie eine Totenkammer. –

Er trat auf den Balkon. Jenseits des Parkes gewahrte er Gerüste zu einem Neubau.

»Wer baut da?« fragte er barsch den alten Schloßverwalter.

Irgendein reicher Münchener, irgendein Goldschmied oder Juwelier, er wisse nicht genau, er habe den Namen vergessen.

»Ich will nicht, daß diese Leute hier bauen, an meinem Park, an meinem See. Ich will von diesen Protzen meine Aussicht nicht verbaut haben. Sie sollen mir aus den Augen, ihr Anblick erstickt mich. Sie haben mich bestohlen, nun wollen sie mich erwürgen. Ich will nicht – hören Sie? Ich will nicht. Sorgen Sie dafür! Gehen Sie an die nächste Stelle, sagen Sie, der König verbietet's! Erwirken Sie ein amtliches Bauverbot – hören Sie?«

Nach einem Boote zeigend: »Was weht dort für eine Fahne?«

»Soviel ich sehen kann, die deutsche Fahne, Majestät.«

»Die Fahne muß herunter! Ich befehle es. Sorgen Sie, daß mein Befehl respektiert wird. Man ehrt mich nur in meinen Landesfarben. Ich dulde hier keine anderen Farben – hören Sie?«

Er trat ins Zimmer zurück: »Hier rüsten Sie mein Nachtlager, das Schlafzimmer ist wie eine Gruft, da geh' ich nicht hinein. Ich hoffe, daß ich mich hier oben besser befinde. Da hab' ich schon als Kronprinz geschlafen. Ach« – sein Ton wurde wieder weich, fast weinerlich – »ach, wie gut hab' ich als Kronprinz geschlafen. Damals war ich noch ein Mensch, mein lieber alter Schloßverwalter – erinnern Sie sich noch? Damals war ich noch ein Mensch, jetzt bin ich nur noch ein König – –«

Er wollte allein sein. Man lasse ihm Ruhe. Alle seine Leute brauche er nicht. Nur der liebe alte Schloßverwalter möge sich in seiner Nähe halten. Und die liebe alte Frau Schloßverwalterin solle ihm eine Tasse Milch besorgen. Er habe Sehnsucht nach einer Tasse Milch – –

Die Lakaien, Stallknechte, Jäger und anderes dienstfreies Volk machten sich einen vergnügten Abend. Sie stiegen auf die Rottmannshöhe, da wußten sie ein lustiges Wirtshaus im Wald. Musik, Gesang, Tanz, Spiel, Champagner in Strömen. Die Goldstücke rollten. Alle hatten die Taschen voll davon. Der König hatte ihnen handvoll zugeworfen, was er bei sich und in seiner Kasse fand. Dem Obersten des Stallpersonals hatte er ein Landhaus am See geschenkt. »Hoch! Majestät lebe!« Ein Bacchanal auf der Rottmannshöhe, im lustigen Wald – – –

Der König fand auch hier die Ruhe nicht. Träume folterten ihn, so oft er die Augen zu schließen versuchte.

Er gab Befehl zum Aufbruch. Nach Herrenchiemsee! –

Spät in der Nacht – nur wenige Sterne leuchteten über dem weiten grauen See, die Ufer ertranken in Wolken – landete der König vor seinem Neu-Versailles. Tausende von Kerzen brannten, ihm die Pracht der Spiegelgalerie zu zeigen. Von dem halben Hundert Gemächern, die im Bauriß standen, waren erst sechzehn vollendet. In den Nischen der Ehrentreppe standen teils Marmorbilder, teils Gipsmodelle, so unfertig waren noch wichtige Teile des Mittelbaues. Den König zu täuschen, hatte man alle erdenklichen dekorativen Kniffe ersonnen. Als er die Treppe hinanstieg, pochte er mit dem Knöchel an eine prunkvolle Marmorvase auf der Balustrade: der Marmor gab einen scheppernden Ton. Es war getriebenes und bemaltes Blech, das sollte Marmor mimen. Der König war entsetzt – und lächelte. Das Lächeln vertrat das Grinsen der Verzweiflung.

Die Spiegelgalerie, ja! Eine Welt der Schönheit in goldenen Flammen!

Nachdem der König Gefolge und Diener verscheucht hatte, durchschritt er allein die funkelnde Halle, links und rechts in den leeren Lichtraum grüßend. Ein buntes Gedränge herrlicher Edelleute, Herren und Damen der großen Sonnenkönigzeit, umwogten ihn – einen Moment. Dann flüchtete er in das Schlafgemach. Über dem goldenen Baldachin des Prunkbettes flammte eine mächtige Sonne. Er flüchtete in das Arbeitszimmer. Gleißender Goldglanz schoß ihm entgegen. Stand sein Gehirn im Feuer? Er riß ein Fenster auf und flüchtete auf den Balkon.

Endlich! Der feuchte Nachtwind spielte in seinen Locken und kühlte seine glühende Stirn. Lange stand er mit geschlossenen Augen. Er wagte nicht mehr zu schauen. –

Inzwischen hatten sich die Wolken geteilt. Mondlicht lugte hervor.

Der König öffnete die Augen. Was liegt wie Leichenblässe auf dem See? Ein dunkles Etwas schwimmt auf dem Wasser. Ist's die kleine Insel Frauenchiemsee mit dem Kloster? Seit wann hat die Insel diese Gestalt? Ist's ein Riesenkatafalk? – Jeder Nerv spannt sich, deutlich zu sehen und zu hören. Gesänge? Was klingt da so schauerlich durch die leichenfahle Nacht herüber zum goldenen Prunkschloß des Königs? Was singen die Nonnen? Sterbelieder? Ein Requiem? – – Was will der traurige Spuk? –

Der König stürzte von Gemach zu Gemach. In das Speisezimmer. Wein! Sekt! Tischleindeckdich! Er gab ein stürmisches Zeichen. Sein Lieblingslakai stand vor ihm.

»Bleib bei mir, Liebster! Setz dich zu mir! Laß uns trinken und fröhlich sein!«

Der Lakai ordnete alles. Das Tischleindeckdich hob sich aus dem Boden mit kostbaren Gerichten, Wein, Südfrüchten und einem Aufbau von duftenden Blumen.

König und Lakai saßen einander gegenüber. Der König genoß wenig von den Speisen. Sein Anblick erschütterte den Diener, so blaß und verstört hatte er seinen Herrn nie gesehen.

»Sei fröhlich, trink! Stoß mit mir an. Du sollst leben!«

»Eurer Majestät Wohl!«

»Nicht so: Du und du! Du bist der einzige Mensch, dem ich traue. Du bereitest mir die letzte Freude –«

Der Lakai füllte wieder den goldenen Pokal. »Du sollst leben!«

Der König stieß mit ihm an und reichte ihm die Hand über den Tisch. »Erzähle mir, unterhalte mich!«

Der Lakai begann erst unsicher, dann mit großer Fertigkeit allerlei harmlosen Klatsch vom Hof, vom Theater, von nahen und fernen, großen und kleinen Personen auszukramen. Der König lag halbtot im Armstuhl. Ab und zu gab er sich einen Ruck und straffte sich an der Lehne empor. Dann trank er wieder hastig ein Glas Wein.

»Früher hast du nicht so viel getrunken,« unterbrach der Lakai die Erzählung.

»Gar nicht getrunken, mein Lieber. Jetzt muß ich – ich versuch's wenigstens. Prost, mein Lieber! Es liegt so Schweres auf mir. Das geht aber niemand an, auch dich nicht. Ich trag's allein. Damit ich's trage, trink' ich. Prost!«

Der Lakai fuhr geschickt in seiner Erzählung fort. Wieder vom Theater.

»Kainz – –«

»Wo ist er?« fragte der König.

»In Berlin. Er wird dort sehr gefeiert.«

»Dort ist sein Platz. Er ist ein großer Schauspieler –«

Der Lakai griff, als der König wieder in sein Brüten versank, ein anderes Thema auf. Er sprach lange, ohne daß der König ein Zeichen von Interesse gab.

»Distinguo,« sagte endlich der König mitten in den Satz des Erzählers hinein, fast tonlos.

»Du meinst?« unterbrach sich der Lakai, den König freundlich anlächelnd.

»Fahr nur fort.«

Der Erzähler gehorchte.

»Distinguo,« sagte wieder der König, diesmal mit mehr Betonung.

Der Erzähler stellte sich, als habe er überhört. An einer lustigen Stelle seiner Geschichte – der König folgte ihm offenbar nicht – brach er in ein diskretes Lachen aus, kniff dabei die Augen ein, um seinen Zuhörer unbemerkt schärfer zu beobachten. Das Gesicht des Königs hatte sich gerötet. Um die Mundwinkel bildete sich ein harter, ja grausamer Zug, die Lippen waren übereinander gepreßt.

»Distinguo!« Diesmal kam's mit pfeifender Schärfe heraus.

Der Lakai unterbrach sich, schenkte ein, reichte dem König den vollen Pokal mit vornehmem Anstand.

Der König ergriff den Pokal und schleuderte ihn von sich.

Der Lakai kam nicht aus der Fassung. Er erhob ruhig seinen Becher, führte ihn lächelnd bis zur Mundhöhe und sagte dann mit herzlichem Ton: »Ich trinke dein Wohl, mein König und Herr!« Dann sprach er, den Becher niedersetzend, auf gut Glück das unverstandene Wort nach: »Distinguo« und nickte dem König ehrerbietig zu.

Der König winkte ihn gnädig zu sich, hing sich an seinen Arm und ließ sich von ihm zur Ruhe geleiten »Du bist eine gute Seele! Ich hoffe, daß ich ein wenig schlafen kann, wenn du mir eine gute Nacht wünschest.«


Am nächsten Tage war der König wieder auf seiner Burg Neuschwanstein. Keine Veränderung? Alles wie vorher. Totenstille rings. Götterdämmerung.

Da bäumte sich seine Seele in Verzweiflung. O, jetzt eine Aufrüttelung, ein unerhört Gewaltsames! Die Schönheit einer welterschütternden Tat, ein Epos von Greueln, ein Heldenstück in einem Chaos von Blut – und dann das Ende.

Der König riß das zierlich geschriebene Manuskript seines Theaterdichters in Fetzen: »Diese armseligen Faseler!« Er warf die Zeichnung seines gotischen Burg-Architekten von der Staffelei und trat sie mit Füßen: »Alles narrt mich!« Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn und rannte von Saal zu Saal: »Wo bist du – Größe, ungeheure Größe, die ich einst sah? Meine Seele verschmachtet mir in der Hand – Herrgott, erbarme dich!«

Er warf sich in den Kleidern aufs Bett. Seit Wochen floh ihn der Schlaf, wie sollte er sich jetzt einstellen? Kaum die Augen ein wenig geschlossen, überfielen ihn wieder Schreckensbilder. Er springt auf, bleich, entsetzt, am ganzen Leibe zitternd, Angstschweiß auf der Stirn. Seine strahlenden Schlösser – gemauerte Finsternis! Sein goldener Göttersaal – sein eigener Kerker! Was er seit Jahrzehnten unter furchtbaren Schmerzen geschaffen, seine Hochwacht lichtester Ideale – seine schwärzeste Anklage!

Er sinkt vor dem Arbeitstisch in den Stuhl. Vollständig erschöpft. Wie lange lag er so? Wie er um sich blickt, leuchten ihm freundliche Lichter entgegen, auf seinem Tisch brennen Kerzen. Es ist friedvolle Nacht. Er erhebt sich langsam, befiehlt dem Diener, eine Flasche Kognak und Zigaretten zu bringen. Er erinnert sich an nichts. Warum ist die Staffelei leer? Das Modell ist unberührt an der alten Stelle. Mit dem Tuche bedeckt. Er sucht unter den Manuskripten. Eins fehlt. Sonderbar. Er will jetzt nicht forschen. Seine Hand ergreift ein anderes. Eine neue Übersetzung von Viktor Hugos »Angelo, der Tyrann von Padua«. Obwohl er die Handschrift schon gelesen, schlägt er sie dennoch auf. Hier ein Merkzeichen. Ja – er weiß. Und er kann nicht widerstehen, er beginnt zu lesen mit lauter Stimme .

»Ich wiederhole: alles, was mich ansieht, ist ein Auge des Rats der Zehn, was mich hört, ein Ohr des Rats der Zehn, was mich berührt, die Hand des Rats der Zehn – die furchtbare Hand, die zu Anfang sachte tastet, um später desto rauher zuzugreifen. O, was für ein herrlicher Herr bin ich! Heut oder morgen, einmal sicherlich erscheint plötzlich ein Häscher in meinem Zimmer und heißt mich, ihm folgen. Nichts mehr und nichts weniger als ein elender Sbirre, und dennoch werd' ich ihm gehorchen und werde ihm folgen. Wohin? In welche Tiefen? – Ich weiß nur, daß er daraus auftauchen wird ohne mich – –«

Die Tür öffnet sich, ein Diener steht atemlos vor dem König.

Der König legt das Manuskript ruhig auf den Tisch. »Was willst du? Ich habe dich nicht gerufen!« Seine Worte klingen so gefaßt, als befände er sich mitten in der Theaterszene und müsse bedächtig weiter dichten.

»Majestät, eine Staatskommission ist vor dem Tor und begehrt Einlaß.«

»Staatskommission? Du willst sagen: die Häscher vom Rat der Zehn?«

Der Diener: »Die Minister, Majestät –«

»Die Häscher, die Sbirren willst du sagen. So steht's im Text,« erwiderte der König geduldig. »Ist das Tor geschlossen? Ist die Wache auf ihrem Posten?«

Da stürzt ein zweiter Diener herein: »Majestät, die Staatskommission ist bereits im Hof! Die Wache läßt sie nicht weiter vordringen, die Minister begehren, sofort zu Eurer Majestät gelassen zu werden.«

Der König entschlossen, ohne Besinnen: »Man ergreife die Häscher, werfe sie ins Burgverlies, ziehe ihnen die Haut über die Ohren, steche ihnen die Augen aus, reiße ihnen die Zunge aus dem Hals!« Der König winkt, die Diener stürzen ab.

Der Kommandant der Wache erscheint: »Majestät, die Staatskommission ist in sicherem Gewahrsam.«

»Es ist gut,« antwortet der König, »die weiteren Befehle sind bereits gegeben. Ich erwarte genauen Vollzug. Gute Nacht. Das Werk ist getan. Ich will zur Ruhe gehen.« Er winkt gnädig mit der Hand.

Der Kommandant grüßt militärisch und verschwindet.

»Ein gutes Stück,« sagt der König, »ich bin zufrieden.«

Nach langer Zeit hatte der König seine erste gute Nacht. Er schlief so fest, daß ihn niemand zu wecken wagte.


Inzwischen hatte sich die große Schicksalswende vollzogen. An allen Straßenecken der Residenzstadt war es aus Maueranschlägen zu lesen, der Telegraph hat es aller Welt verkündigt: Der König ist entmündigt, die Regierung seines Königreichs in die Hand eines Regenten gelegt, der an Stelle des gleichfalls unheilbar erkrankten Bruders des Königs die oberste Gewalt der Krone zu vertreten hat.

Die Bevölkerung war in allen Schichten aufs tiefste erregt. Lag ein Gewaltstreich vor, war etwas gegen Recht und Gesetz, gegen besseres Wissen und Gewissen geschehen? Vier unbestritten als Autoritäten anerkannte Irrenärzte hatten einstimmig das Gutachten abgegeben, daß der König seelengestört, unheilbar geisteskrank und jeder freien Willensbestimmung beraubt, mithin zur Ausübung der Regierungsgewalt untauglich sei – für seine ganze Lebenszeit. Die Ehrlichkeit des Gutachtens wurde nicht bestritten, jeder Zweifel, daß die Entthronung des Königs zu Unrecht geschehen, war ausgeschlossen.

Als der König in Neuschwanstein von seinem langen, tiefen Schlaf erwachte und erquickt und lebensfreudig seine Diener begrüßte, waren die Zügel der königlichen Gewalt bereits aus seiner Hand genommen.

Alle Welt wußte es, nur der König noch nicht. Die Staatskommission, die dem Könige die Entthronung ankündigen sollte, mußte, nach kurzer Gefangenhaltung in einem Dienstzimmer der Burg, unverrichteter Sache von Neuschwanstein abziehen. Die pflichteifrigen Wächter des Königs waren, merkwürdigerweise, noch nicht in gesetzmäßiger Form von der Entthronung ihres Herrn unterrichtet. Sie harrten also in Treue bei ihrem Könige aus und ließen Seine Majestät von niemand antasten, auch von keiner beliebigen Staatskommission, die für sie keinen Auftrag hatte. Im Laufe des Tages machten die Regisseure des tragischen Aktes ihr Versehen gut: Beamte und Diener des entthronten Königs auf Neuschwanstein wurden gesetzmäßig von dem Staatsbeschlusse unterrichtet.

In der Umgegend hatte sich wie Flugfeuer das Gerücht verbreitet, der König solle mit Gewalt als Gefangener fortgeschleppt werden. Sofort eilten aus dem ganzen Gau Bauern, Holzknechte, Jäger herbei, aus dem benachbarten Tirol kamen die braven Gebirgler dazu, den Widerstand zu organisieren, den bedrohten König zu schützen. Der große Einsame wußte nichts davon, wie viele tapfere Herzen in diesem Augenblick Gut und Blut für ihn eingesetzt hätten. Jetzt war der Weltflüchtige einer der Ihrigen, ein armer gefährdeter Mensch, dem sich jeder gute Nachbar zu Schutz und Trutz verbündet. Sie empfanden das Schicksal des Königs wie ein plötzlich hereingebrochenes Naturereignis, wie Lawinensturz und Wildwasserflut – da eilt der Ärmste und Schwächste mit seiner Liebe und Hilfe herbei. Es bedurfte nicht geringer Klugheit und Beredsamkeit volkstümlicher Beamter, die Entschlossenen zurückzuhalten und ihre leidenschaftliche Entflammung zu dämpfen.

Eine neue Kommission wurde von München ausgesandt: ein Irrenarzt mit handfesten Gehilfen und einer starken Schutzwache von Gendarmen – um den König gefangen zu nehmen und in das Schloß Berg am Starnberger See in sichere Hut zu bringen. Gegen Mitternacht erreichte die Expedition die Berge und zog die breite Burgstraße durch den Wald hinauf in das Schloß. Sie fand ohne Widerstand Einlaß. Hier wurde erst der Plan festgemacht, wie dem königlichen Schloßherrn beizukommen und seine Verhaftung am sichersten zu bewirken sei.

Wie ein von Jägern und Treibern umstelltes Edelwild die Gefahr wittert, die seinem Leben droht, als ob tausend Stimmen des Waldes und Feldes, die freien Geister der Luft und der Erde ihm zuflüsterten: »Rette dich, die Menschen kommen!« so atmete die Seele des Königs aus untrüglichen Zeichen die furchtbare Gewißheit, daß ein entscheidender Streich gegen ihn im Werke. Aber sein hoher, mit dem Walten der schrecklichen Schicksalsgöttin vertrauter, in allen Offenbarungen der heiligen Weisheit in Poesie und Kunst getränkter Geist ließ ihn gelassen der Stunde entgegensehen, da ihm die schwere Verkündigung werden sollte. Ein Ungeheures ist über dich gekommen, die Allgewalt des Staates bezwingt deine persönliche Königsmacht, keine Majestät rettet dich mehr, du bist der Besiegte!

Doch auch die resignierteste Seele, der heldenhafteste Geist – was vermögen sie gegen das physische Widerspiel der Nerven! Von Stunde zu Stunde litt er furchtbarere Qual. Er dachte an Befreiung aus aller Not, wenn er sich entschlösse, freiwillig aus dem Leben mit seinem unentrinnbaren Verhängnis zu scheiden – – Was wollte die todeskalte Allgewalt des Staates gegen ihn beginnen, wenn er aus eigener allerhöchster Gewalt über sich mit dem irdischen Leben alles vernichtete und jeden Kerker sprengte und alle Anschläge wider seine Freiheit und Würde zuschanden machte? War hier nicht das Fenster? Er brauchte es nur zu öffnen – ein Schwung, ein Sturz, und die Geister der Tiefe umfingen ihn und sangen ihm alle Lebensqual zu ewiger Ruhe! Wie lockend die Sturmeshymne aus den Wasserstürzen der Pöllatschlucht heraus in seine Höhe dringt! – –

Aber wie sich seine Nerven aufgebäumt, so erschlafften sie wieder. Die Kämpfe des Lebens hatten ihnen zuviel zugemutet. Und wer weiß, vielleicht ein Ungefähr – ein Gotteswunder in höchster Not – –

Er ließ sich von einem Diener eine Flasche Wein und Zigaretten reichen. Er wollte die bange Nacht an seinem Arbeitstisch durchwachen. Er blätterte in einem Buche . »Die Zunge ist ein kleines Glied und hat manchem Starken den Rücken eingeschlagen.« – Die Zunge! – Er lächelte.

Sein Lieblingslakai! »Was bringst du?«

»Majestät, es ist höchste Gefahr!«

Der König lächelte, dann gab er dem Diener die Hand: »Ich weiß, man ängstigt sich um mich. Angst überall. Der Staat selbst hat Angst vor mir und will mich unschädlich machen. Sag mir nur eins: war Doktor Johannes Freiherr von Lutz bei der Staatskommission oder nicht?«

»Er war nicht dabei.«

»Siehst du, ohne den Lutz können sie nichts wider mich machen. Der Lutz ist mir treu ergeben.«

Der Diener schüttelte zweifelnd den Kopf.

Sein treuer Adjutant! »Mein lieber Graf, Sie sehen –«

»Majestät, ich sehe keinen Ausweg mehr –«

Der König sprang plötzlich auf, umarmte den Adjutanten und flüsterte ihm ins Ohr: »Bismarck. Ich beschwöre Sie, depeschieren Sie sofort an Bismarck – er soll mir raten, was zu tun. Es ist ein Wink des Himmels.«

Der Adjutant stürzte ab, warf sich aufs Pferd, jagte über die Grenze und depeschierte aus der ersten Tiroler Telegraphenstation an Bismarck.

Der König verabschiedete sich huldvoll von seinem Lieblingsdiener: »Laß mich jetzt, du weißt, ich habe immer zu tun, auch wenn ich müßig zu sitzen scheine. Alles geht vorüber. Ich stehe in Gottes Hand.« –

Der König hatte seinen Wein getrunken, seine Zigaretten geraucht. Mitternacht war längst vorüber.

Das alte Grauen und Entsetzen überfiel ihn wieder. Er klingelte. Er wollte Gewißheit. Er rief nach dem Diener. Niemand kam. Niemand antwortete. Er stürzte an die Tür, die zum breiten Gang führt. Im Turm wußte er noch ein Versteck. Die Gemächer sind ihm alle zu weit und unheimlich geräumig geworden. Er wollte dicke Mauern, die er mit ausgestreckten Armen fassen konnte – – Er hatte doch vor einer Stunde den Turmschlüssel befohlen! Wo blieb der Mensch nur mit dem Schlüssel?

Vor der Tür stieß er auf den Diener, der sich tief vor ihm verbeugte und ihm stumm den Schlüssel in die Hand drückte.

»Zum Turm!« Der König eilte den Gang entlang bis zum Treppenabsatz.

Plötzlich umstellten ihn fremde Gesellen von oben und unten, wie aus dem Boden gewachsen, und schnitten ihm Weg und Rückzug ab. Und zwischen den Riesen tauchte ein kleiner, aber stiernackiger Mann auf, verwegenen Blicks den König fixierend und mit eherner Stimme ihm zurufend . »Majestät, ich habe Befehl von der Regentschaft, Sie abzuholen und nach Schloß Berg zu geleiten.«

Der König prallte zurück: »Wer seid Ihr?« Aber schon spähen die Riesen nach seinen Armen, um ihn bei der geringsten Bewegung zu packen.

»Majestät,« entgegnete der kleine Stiernackige mit dämonischer Ruhe und Sicherheit, »ich bin Doktor Gudden, Irrenarzt, beauftragt vom Staate – Sie sind meiner Pflege übergeben.«

»Woher kennen Sie mich? Sie haben mich nie gesehen!«

»Vier Autoritäten der Wissenschaft, vier Irrenärzte haben begutachtet –«

»Diese Autoritäten kennen mich nicht, ich kenne sie nicht. Was wollen denn diese Leute?«

»Majestät, das steht alles in den Akten.«

»Und meine Minister? Lutz?«

»Alle einstimmig, wie die Autoritäten der Wissenschaft. Ergeben Sie sich ruhig in meine Hand, jeder Widerstand ist unnütze

»Und – meine Mutter?«

Der kleine Stiernackige wartete keine weitere Frage ab: »Es ist die traurigste Aufgabe meines Lebens, Majestät, aber ich habe sie in staatlichem Auftrage übernommen und führe sie durch.«

Auf einen Wink des Kleinen wollten die Riesen zugreifen.

Der König, noch ein Überragender unter diesen Gestalten, schüttelte sie mit einem Ruck ab: »Ich gehe frei!«

Am Fuße der Treppe angekommen, rief er, daß es wie Angstschrei und Schmerzgebrüll eines zu Tod Getroffenen durch die Burg hallte und das Echo des Tegelberges jeden Laut aufnehmen und ihn in das Morgengrauen der Alpen schleudern konnte: »Schildwache! Euer König – herbei! Euer König –!«

Da trat ihm stracks ein anderer Mann mit hartem Gesicht entgegen, der oberste Stallmeister, ein Bändiger edler Rosse, derselbe, der ihm einst als diplomatischer Zwischenläufer die Verträge nach dem Kriege abgerungen, und schrie: »Der König hat hier nichts mehr zu sagen!«

Barhaupt, das weiße Taschentuch vor dem Gesicht, innerlich vernichtet, wie vom Blitz versengt, saß der König im geschlossenen Wagen, gefolgt von fremden Knechten und Reisigen. Die Burghöhe hinab, von den Felsen der Alpen in die Ebene. In brauenden Nebeln und Regengeriesel, ein Gefangener, zog er jetzt im kalten, lebensöden Morgengrauen die Straße, die er gestern noch als Herrscher im sausenden Galopp gefahren.

Und die Folter straff organisierter Staatsgewalt im Bunde mit der offiziellen Wissenschaft und ihren Autoritäten hatte vierundzwanzig Stunden unumschränkte Macht über den gestürzten Titanen der Schönheit. Die Antwort Bismarcks auf den Hilferuf des königlichen Adjutanten kam zu spät. Der kranke Monarch hätte auch nicht mehr die Kraft besessen, den Rat des Eisernen zu befolgen, nach München zu eilen und vor Volk und Landtag seine Sache persönlich zu verfechten. –

Als der traurigste Tag zur Rüste ging, flammte es noch einmal auf wie weltüberwindende Majestät, in der Seele des entthronten Königs: »Schönheit ist Freiheit, die jede Fessel bricht!«

Er stürzte sich in den See, schwimmend an das Gestade sich zu retten, jenseits der Marken seines Gefängnisses sein Volk zu sich zu rufen. Aber siehe, sein Kerkermeister, der Heiler kranker Gehirne, ihm nach, den Fliehenden zu fassen. Ein kurzes Ringen. Die Pranke des Löwen erdrückt den steifnackigen Kleinen, sie duckt ihn nieder in die Flut. Die Autorität erstickt, der König ist Sieger. Es ist ein göttliches Fesselsprengen in heiliger Notwehr. Wie eine Katze ward der kleine Wissenschaftler von dem Löwen niedergehalten, bis die schwarzen Wasser über der Leiche zusammenschlugen.

»Ach! Ach!« entwand sich's wie Sehnsuchtsschrei und Jubelruf zugleich der königlichen Brust. Und in die Nacht hinein schwamm der Herrscher.

Und plötzlich braust es wie neue Sonnen, die sich aus dem Chaos lösen, in seiner Seele. Wie Gold und Purpur schimmert und flimmert es in und über dem Wasser – singende Schwäne ziehen ihm entgegen, klingende Rosen und Lilieninseln – – Und all die heroischen Gestalten, die er in den unsterblichen Schöpfungen seines Meister-Freundes so sehr geliebt, tauchen leuchtend auf und umringen ihn und geben ihm das Geleite – – Und die Wolken öffnen sich und zeigen ihm in unversehrter Schönheit seine Wunderbauten, und in göttlicher Glorie erscheint die heilige Nacht selbst, die strahlende Königin aller Träume, ihren Liebling zu empfangen – –

Ein Ach! der Beseligung – da steht sein Herz still. Des heldischen königlichen Kämpfers letzte Kraft ist erschöpft, sein Leben in Herrlichkeit im Tode vollendet!

Die Wellen treiben den Leib des Erlösten dem Ufer zu und betten ihn im Schirme tropfenschwerer Blütenzweige auf weichen Sand.

Feierlich und groß über dem Hochgebirge steht der Vollmond. Die Mitternacht zieht vorüber, stumm, schicksalschwer. In der Frühe helle Pfingstglocken und dumpfes Trauergeläute von Ufer zu Ufer. –

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