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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der König hatte seine Lebensarbeit vollbracht. Er war still entschlafen.

Trauerflaggen wurden gehißt, die Glocken der Stadt erhoben ihr dumpfes Getön, die Glocken des Landes folgten nach. Der Minister des königlichen Hauses nahm das Protokoll auf. Der Aufbahrungs- und Bestattungspomp wurde nach feierlichem Zeremoniell zugerüstet. Die Leibärzte machten sich an ihre letzte Arbeit. Das Herz des Königs wurde ausgeschnitten, in kunstvoller silberner Kapsel verwahrt, um an einem fernen Wallfahrtsort der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter, der Patrona Bavariae, als Opfer dargebracht zu werden.

Die Zeitungen erschienen mit breitem Trauerrand und wetteiferten mit sorgfältig vorgearbeiteten Prunkartikeln über den glorreichen Lebenslauf des verstorbenen Herrschers. Einfach und ehrlich klangen die Beileidsäußerungen des Volkes über das Hinscheiden des Landesfürsten, dessen leutselige Art und prunklose Lebensführung allezeit seinen Beifall hatte.

Nur einer wußte nichts von Landestrauer und offiziellem Beileid: der Frühling warf sich jubelnd in heißer Lust über die Erde und riß alles Lebendige in seine stürmische Bahn, daß es tat, was es immer getan im Überschwang jung steigender Säfte. Lenzes Gebot achtet keinen Tod. Halleluja, Miserere, Evoe: ewige Wandlung, ewige Auferstehung, ewige Wiederkehr. Der König ist tot? Es lebe der König! Was kümmert's den Frühling!

Der Kronprinz, kaum neunzehnjährig, ein blasser Jüngling, mit süßem, schwellendem Mund und den abgrundtiefen, berückenden Dunkelaugen einer Odaliske, dem reichen, schwarzglänzenden Lockenhaar eines Südländers und dem hohen Wuchs des Germanen, hatte den Thron bestiegen.

Wie Feuer durchflutete es das Netz seiner Adern und ließ alle seine Nerven vibrieren, als er die Krone des Herrschers auf dem kindlichen Haupte fühlte und die königlichen Geschmeide um Hals und Brust, der wallende Hermelinmantel mit Purpur und Gold um die Schulter sich legte, des Prunkschwertes edelsteinschimmerndes Gehänge seine geschmeidigen Lenden preßte, Reichsapfel und Zepter in seiner zarten, weißen Hand ruhten. Von Gottes Gnaden! Nicht mehr abhängig von Pedanten und Erziehungsmeistern! Majestät, deren Quell und Schutz über allem Irdischen liegt und die königliche Person heilig und unverletzlich macht! Ein Gesalbter des Herrn –

Und seine Seele stieg wie aus dunklem Kerker und schwang sich in den Glanz des Thrones. Der gestern kaum in nichtigen Dingen seinen eigenen Willen haben durfte, reckte sich heute in stolzem Bewußtsein empor, jeder Zoll ein König, wie berauscht von seiner höchsten Würde, zu der ihn Gott auserwählt nach der unantastbaren Lehre, und wie Sphärenmusik umbrauste sein inneres Ohr der klassische Gesang aus der Antigone: »Vieles Gewaltige lebt, doch ist nichts gewaltiger als der Mensch . . . . .« Und voll naivem Entzücken lauschte er in sich hinein. Heldisch und innig klang's, märchenhaft, und war doch alles Wahrheit. Nicht der Traum eines Entrückten, aber Wirklichkeit, die überreiche Träume aus sich gebar, fabelhaft, bunt, in unendlichem Wechsel. Nur mußte er alles für sich behalten, wie seither. Noch hatte er niemand gefunden, dem er sein Innerstes erschließen konnte. Keine Schwesterseele hatte sich ihm offenbart, die er durch sichere Zeichen als die Vertraute seines tiefsten seelischen Schauens und Wünschens erkannt hätte. Und in seiner Vereinsamung rief er mit Schillers Jüngling am Bache die Klage in die Luft:

»Sehnend breit ich meine Arme
Nach dem teuren Schattenbild.
Ach, ich kann es nicht erreichen,
Und mein Herz bleibt ungestillt.«

Vom schönen Klang bezaubert, sagte er sich dann auch die anderen Verse vor mit schwelgerischem Behagen an der süßen Wehmut, die jedes Wort für ihn atmete:

»Fraget nicht, warum ich traure
In des Lebens Blütenzeit!
Alles freuet sich und hoffet,
Wenn der Frühling sich erneut.
Aber diese tausend Stimmen
Der erwachenden Natur
Wecken in dem tiefen Busen
Mir den schweren Kummer nur.«

»Majestät befehlen?« »Majestät geruhen?« »Zu Füßen Eurer Majestät!« – Wahrhaftig, er ertappte sich auf einem Selbstgespräch. Aber war es nicht getreu der Wirklichkeit nachgesprochen? Und in dem gleichen Atem fiel er elegisch in seinen Schiller zurück:

»Was soll mir die Freude frommen,
Die der schöne Lenz mir beut?«

Nein, es war doch alles zu plötzlich über ihn gekommen. Es war wie eine Verwandlung in einer Theaterfeerie. Ohne alle fühlbare Vorbereitung. Schlag auf Schlag.

Tief verneigten sich die Höflinge und hohen Staatswürdenträger vor ihm. Bei jedem Schritt war's ihm, als wandle er durch ein Spalier von bedeutenden Menschen, die sich vor ihm beugten wie Halme, über die der Wind streicht. Ein unsichtbares Spalier. Die Unsichtbarkeit war das Schönste daran. Eigentlich war er verzagt vor dem fremden Unterwürfigkeitsblick. Er spürte etwas Lauerndes darin, das ihn beengte.

Es fiel ihm eine Hoftafel im Schloß zu Nymphenburg ein. Im vorigen Jahre erst war's gewesen. Der Fürstentag hatte den preußischen Staatsminister Bismarck hergeführt, einen Menschen von unheimlichem Wuchs und einer unter den glattesten und gewandtesten Formen versteckten Überlegenheit des Auftretens. wie er's noch nie an einem Minister seines Vaters beobachtet hatte. Bei der Hoftafel wurde diese wuchtige Persönlichkeit zwischen ihn und die Königin gesetzt. Da sollte er nun von der Schülerbank weg als Kronprinz repräsentieren und sich mit dem fremden Riesen unterhalten. Was sollte er ihm sagen? Er forschte in den Arabesken der Decke, bis es wie eine Erleuchtung über ihn kam, rasch einige Gläser Wein hintereinander zu trinken, um sich das Herz leicht und die Zunge beweglich zu machen. Wie wenig war er des Weintrinkens bis dahin gewohnt! Es überkam ihn auch ein seltsamer Schwung. Kaum hatte er das letzte Glas hastig geleert, da war's ihm, als hätte der fremde Riesenblick ihm unversehens mit beharrlicher Energie jedes Glas und jeden Tropfen vom Munde ab nachgezählt, und so beklommen machte ihn dieser Eindruck, daß er dem Gaste nichts als eine unbedeutende Redensart sagen konnte, unter Ärger und Herzklopfen.

Er wußte es: diese äußere Welt und jene innere, die er glühend in seinem Busen trug und die er seither so ängstlich hüten mußte, um dem Tadel seiner Eltern und Erzieher zu entgehen, harmonierten nicht. Wie oft, wenn er sich hinreißen ließ, den Schleier seines Seelenlebens zu lüften, konnte er am Verhalten seiner Umgebung merken, daß man seines Wesens reinste Ursprünglichkeit als Phantasterei deutete. Es half ihm nichts, sich arglos zu geben und ganz er selbst zu sein – sein Anderssein genügte der Alltagsgewöhnlichkeit, ihn schlimmer Absichtlichkeit zu zeihen. So wurde er verschüchtert und trotzig zugleich, bis die Fessel gefallen, ihm plötzlich erworbene Majestät gestattete, sein eigener Herr und seines Willens stolz und froh zu sein.

»Aber Eure Königliche Hoheit müssen sich ja langweilen, so ohne Beschäftigung dazusitzen, weshalb lassen Sie sich nicht etwas vorlesen?« bemerkte eines Tages der Stiftsprobst Döllinger, als er den Kronprinzen allein auf dem Sofa sitzend im verdunkelten Zimmer antraf – verdunkelt, weil der Kronprinz längere Zeit heftig an den Augen litt.

»Langweilen?« entgegnete der Kronprinz. »O, ich langweile mich nie, wenn ich allein bin. Ich denke mir die schönsten Dinge aus und unterhalte mich sehr gut dabei.«

Nie fand er Mitbegeisterung bei seinen Pädagogen, wenn ihn ein seltsam hoher Gegenstand, eine wundersame poetische Impression begeisterte. Nie war unter seiner Begleitung eine tiefteilnehmende Seele, die seinem Ideenflug zu folgen innige Lust trug. So bekam er frühzeitig eine schmerzlich sichere Empfindung dafür, daß seine besten Regungen und Ausschwünge von den anderen als »Schwärmereien« kühl abgelehnt oder mit nichtigen Phrasen erwidert wurden.

Selbst seine Mutter – wie ihn das schmerzte! – vermochte ihn nicht zu verstehen. Mit der ersten besten nüchternen Bemerkung schnitt sie seine begeistertsten Auseinandersetzungen ab. Brachte ihn ein erhabener Gedanke, ein schönes Bild, ein großer Eindruck in Ekstase, so lachte die werte Familie wie auf Verabredung über seine »Überspanntheit« hellauf. Seine Freude an schönen Formen, auch im Umgang, sein künstlerisches Vergnügen an den wirklich ästhetischen und phantasievollen Zügen und dem symbolischen Sinn der Etikette wurde ihm als »Verstiegenheit« zur Last gelegt.

In der edlen Reitkunst war er schon als Knabe Meister, und er liebte diesen ritterlichen Sport bis zur Tollkühnheit. Dagegen fand er keinen Geschmack an militärischen Drill und Paradespielen. Er hatte eine tiefe Abneigung gegen diese Art, die Massen zu brutalisieren und das menschliche Einzelwesen zum individualitätslosen Maschinenteil herabzudrücken . Sprach er das laut aus, erfuhr er herben Widerspruch, wenn nicht direkte Zurechtweisung, denn alles Militärische galt für sakrosankt, auch in seinen unmenschlichen Geschmack- und Geistlosigkeiten. Er mußte es beizeiten fühlen lernen, daß der militärische Mechanismus in der zerschmetternden Wucht seines Gefüges und seiner Disziplin keinerlei ernsthafte Kritik dulden mochte.

Diese schlimme Gegensätzlichkeit seiner genialen Natur in ihrer unmittelbaren Schönheitsbegeisterung zu der nüchternen und sklavisch konventionellen Umwelt hatte er als eine Lebenstatsache empfinden müssen, die ihm wie ein tiefer, schmerzlicher Riß bis aufs Mark ging. Aber jetzt in der plötzlichen Erhöhung seiner Stellung vom unverstandenen und gedrückten Prinzen zum souveränen Kronenträger überkam es ihn wie ein Rausch der Macht. –

Er selbst, ganz er selbst! In der Idealität seines Vollmenschentums und seiner reinen Herrennatur, im Sturm und Drang seiner neunzehn Jahre auf der obersten Sprosse der Herrlichkeit, an der Spitze des Staates, nur sich selbst verantwortlich und seinem Gott.

Und die hohen Würdenträger und Höflinge verneigten sich tief vor ihm, die Priester und Politiker blickten erwartungsvoll zu ihm auf – und blinzelten sich zu – das Volk jubelte, die Presse sparte sich keine Überschwenglichkeit. Der Weihrauch stieg in dicken Schwaden. Weißblau war die Farbe des glücklichsten Reiches der Welt.

Eide wurden geschworen, die Armee auf den neuen Kriegsherrn verpflichtet. An den Wappenschildern erschienen andere Initialen. Auf den Staatsdokumenten mit dem königlichen Siegel prangte eine ungewöhnlich große, phantastisch verschnörkelte und kühn ansteigende Unterschrift mit breiten Grundstrichen.

Rätselrater und Zeichendeuter, die in Gesichts- und Handzügen, in Augen, Kopfhaltung, Gang und Schrift geheime Offenbarung lesen, orakelten: »Ihr werdet Wunder erleben. Aus dieser ungewöhnlichen Königsseele wird die Gottheit in Verhängnissen sprechen.« –

Abendfrieden. Der jugendliche König stieg nachdenklich die Treppe zum obersten Stockwerk des sogenannten Königsbaus im Residenzschloß empor. Niemand sollte ihm folgen. Er wollte allein sein. Mit einem kleinen Schlüssel öffnete er die Tür zum »Sanktuarium« seines hochseligen Vaters.

Der verstorbene König hatte sich hier ein Gemach eingerichtet, in das er sich zurückzuziehen pflegte, sooft es galt, einen wichtigen Entschluß zu fassen, und das außer ihm kein Mensch betreten durfte. Eine verborgene Tür führte aus seinem gewöhnlichen Arbeitszimmer dahin. Kaulbach hatte die Wand mit einem allegorischen Gemälde geschmückt: die Verklärung eines rechtschaffenen Herrschers. Zwischen den Fenstern lud ein Betschemel vor dem Bilde des Gekreuzigten zu andächtiger Sammlung und Gewissensforschung ein. Der Fries des Gemaches war mit Bildern ausgefüllt, welche die sieben Regententugenden in Gestalten bayerischer Fürsten verkörperten. An den Wänden hin standen Bronzebüsten ausgezeichneter Männer alter und neuer Zeit. Neben jeder Büste lag die Lebensbeschreibung mit Aussprüchen und Bibelzitaten, die zur Erweckung und Nachfolge aufforderten, gleich Stimmen aus der Geisterwelt.

Hier hing der verstorbene König mit Vorliebe seinen politischen Utopien nach: »bei dem Bunde« und »durch den Bund« die Wiederherstellung der nationalen Einheit und unter Österreichs Leitung die Wiedergeburt und Neugestaltung eines einigen, mächtigen Deutschlands zu bewirken, worin Bayern durch die glanzvolle Pflege alles Wahren, Schönen und Guten in Wissenschaften und Künsten tonangebend werden und das Wittelsbacher Haus die ideale Führung übernehmen sollte. Alles sollte auf friedlichem Wege erreicht werden, lediglich durch die Macht der Vernunft, durch die wachsende Einsicht in die höhere Zweckmäßigkeit und durch lauterste Vaterlandsliebe. Daß Preußen und Österreich innerlich schon längst nicht mehr »bei dem Bunde« waren und jedes »durch den Bund« nur seine eigene Vorherrschaft zu begründen trachtete, erachtete der verstorbene König für eine vorübergehende Verirrung. Die brutale Deutlichkeit der Trennungsbestrebungen beider Staaten in der Besetzung der schleswigholsteinischen Herzogtümer auf eigene Faust und durch ihre eigenen Heere versuchte er sich durch allerlei freundliche Abstraktionen zu verschleiern. Der »Bund«, der »historische Bund«! So wurde die Politik des seligen Königs ein Opfer seines abergläubischen Vertrauens auf die Macht der »Historie« und auf die reformierende Gewalt »friedlicher Entwicklung«. Nur keine brutalen Eingriffe, nur keine neuen Wirren. »Frieden will ich haben mit meinem Volke«. Und jedesmal schied er getrösteten Herzens aus seinem »Sanktuarium« und kehrte mit dem rührendsten Enthusiasmus des gutmütigen Gedankenspinners für »großdeutsche Ziele« zu seinen »Staatsmännern« zurück. Seinem Nachfolger auf dem Throne glaubte er einst mit dieser »Idealrealpolitik«, die natürlich auch des vollen Beifalls der Weltgeschichts-Rhapsoden seiner Symposien sich erfreute, eine köstliche Erbschaft zu hinterlassen.

Und nun stand sein Nachfolger, ein neunzehnjähriger, bislang dem Wirklichkeitsleben mit raffinierter Pedanterie fern gehaltener Jüngling, im »Sanktuarium« des hochseligen Königs. Und er lauschte, den verklärten Geist seines Vaters in diesem Raume deutlicher zu vernehmen. Aber er vernahm nichts, trotz der Weihe des Ortes und der Stunde. Er betrachtete die Bilder, er betrachtete die Büsten – keine Stimme sprach zu seinem Ohr, kein Klang zog durch sein Gemüt, kein Reiz überflutete seine Seele. Ein toter Raum voll toter Gegenstände.

Der jugendliche König ließ sich auf dem Betschemel nieder und hob den Blick zu dem Gekreuzigten. Leise meldete sich das Bild des sterbenden Vaters, und er vernahm dessen letztes Wort. »Und nun, mein Sohn, wünsche ich dir, daß du dereinst ein ruhiges Ende haben mögest, wie ich es habe.« Ein ruhiges Ende! Seltsamer Wunsch: warum überhaupt ein Ende? War nicht die ganze Ewigkeit sein? Welchen Wert hätte der Traum des Lebens, nähme er je ein Ende? Eingebettet in unsterbliche Schönheit, einverleibt dem majestätischen Kosmos, wer vermöchte sich ein Ende zu wünschen, ein ruhiges oder ein anderes, im Ring der ewig belebten Unendlichkeit? – Und die Gedanken des jugendlichen Königs jagten in dem toten Gemach von Sonnenwelten zu Sonnenwelten. Licht und leicht ward es in ihm, als wäre er selbst ein schwebender Strahl, erweckt zu urewigem Glanze.

Er erhob sich und befühlte seine Tasche. Nie mehr wollte er diesen Raum betreten, doch sollte ein Erinnerungszeichen an seinen Besuch in diesem unerfreulichen »Sanktuarium« zurückbleiben. Er fand nichts als sein Portemonnaie. Sein erstes Portemonnaie! An seinem achtzehnten Geburtstage, also ein Jahr vor seiner Thronbesteigung, hatte er's von seinem Vater zum Geschenk erhalten, mit einigem Geld. Von jeder in Bayern geprägten Münze ein Stück. Vorher hatte er weder Portemonnaie noch Geld besessen. So kindisch streng und armselig wurde er gehalten bis zu seinem achtzehnten Jahre von dem guten Manne, der sein Vater war. Und der ihm zum Abschiede nichts zu wünschen wußte, als ein »ruhiges Ende«. Was hat der Beschenkte mit dem ersten Gelde getan? Oh, er weiß es noch deutlich, denn es hat ihm eine erste Beschämung vor Fremden gebracht. Zu dem Hofgoldschmied ist er gestürzt, um für die Mutter ein Medaillon zu kaufen, einen winzigen goldenen Schwan mit Edelsteinaugen, eine Kleinigkeit. Aber als er bar bezahlen wollte und den Inhalt des Portemonnaies auf den Ladentisch ausschüttete, da bedeutete ihm der Juwelier, daß das Geld nicht ausreiche. »Königliche Hoheit, ich werde die Rechnung in die Residenz schicken.« Und die Freude war ihm verdorben. Sein Spenderstolz wurde ihm mit Beschämung und Bitterkeit gelohnt. Freilich, die gute Mutter war entzückt von dem niedlichen Geschenk. Mit ihrem Danke konnte sie jedoch die drollige Bemerkung nicht unterdrücken: »Mein Kind, du scheinst wenig Verständnis für den Wert des Geldes zu haben.« Und die Mahnung: »Daß du mir nicht wieder so in den Tag hinein verschwendest!« Da war's nun allerdings an ihm, die königliche Mama auszulachen, daß sie wegen eines winzigen goldenen Schwans mit Edelsteinaugen von Verschwendung reden mochte.

Der König legte das Portemonnaie auf den Betschemel . »Da soll es nun als Zeichen der Erinnerung geopfert werden.«

Als er die Tür des Sanktuariums hinter sich geschlossen hatte, beschäftigte ihn noch der Gedanke an seine Mutter, die tieftrauernde Witwe. Es schmerzte ihn, daß sie nun fortan, ihr ganzes Leben lang, diesen Titel offiziell führen sollte: »Königin-Witwe«. Wie melancholisch das klingt! Diese stete herbe Trauermahnung, war sie notwendig? Konnte sie nicht ausgelöscht werden? Mit einem einzigen Federzug? Von seiner eigenen königlichen Hand?

Ohne jemand ein Wort zu sagen, eilte er in das Geheimkabinett, ließ sich Papier und Feder reichen und schrieb mit mächtigen Buchstaben. »Es ist mein königlicher Wille, daß Ihre Majestät Königin-Witwe fortan den Titel führe ›Königin-Mutter‹. Danach ist das Weitere zu verfügen.« Sein Auge strahlte glücklich, als er diese seine erste Titelverleihung überlas. Gewiß habe er der guten Frau damit eine Freude bereitet, dachte er, daß er sie nicht als Schmerzensmutter, als mater dolorosa, bei offiziellen Akten figurieren lasse, sondern daß sie als das erscheine, was sie seinem kindlichen Herzen ewig bleiben werde: die Königin-Mutter!

Da lag noch ein Schriftstück, das er blitzenden Auges eilig überflog. Es war die Niederschrift der kurzen Rede, seiner ersten öffentlichen, die er als Antwort auf die Anrede des Ministerpräsidenten bei der Eidleistung auf die Verfassungsurkunde gesprochen hatte: »Der allmächtige Gott hat meinen teuren, vielgeliebten Vater von dieser Erde abberufen. Ich kann nicht aussprechen, welche Gefühle meine Brust durchdringen. Groß ist und schwer die mir gewordene Aufgabe. Ich baue auf Gott, daß er mir Licht und Kraft schicke, sie zu erfüllen. Treu dem Eid, den ich soeben geleistet, und im Geiste unserer durch fast ein halbes Jahrhundert bewährten Verfassung will ich regieren. Meines geliebten Bayernvolkes Wohlfahrt und Deutschlands Größe seien die Zielpunkte meines Strebens. Unterstützen Sie mich alle in meinen inhaltsschweren Pflichten.«

Er wandte sich an den Kabinettssekretär: »Stimmt das, Wort für Wort?« Und auf die Bejahung erwiderte er: »Ich hoffe, daß die Minister meinen Appell an ihre Unterstützung nicht als den Hilferuf eines geängstigten Gemütes auffassen. Es ist mein königlicher Wille.«

Er behielt die Leute seines Vaters ohne Unterschied im Dienste, befahl regelmäßigen Vortrag durch die Minister und freie persönliche Erörterung aller Staatsgeschäfte. Man sollte bald die Überzeugung gewinnen von der zuverlässigen Kraft seines Urteils, von der Energie seines Willens und seiner nie ermüdenden Arbeitslust.

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