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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der neue Chef des königlichen Geheimkabinetts instruierte seine Beamten. Er ermahnte sie, was die nächste Zeit auch bringen möge, der nicht offiziellen Welt gegenüber alle Vorgänge am Hofe wie heiliges Amtsgeheimnis zu wahren. Dagegen wünsche er rücksichtslose Offenheit und freimütigste Aussprache ihm selbst gegenüber. Damit er sich leichter in seine schwierige Stellung einlebe und zuverlässig nach allen Seiten sich orientiere, bäte er seine geschätzten Mitarbeiter, die schon länger die Aufzeichnung und das Glück genössen, dem erhabenen Monarchen dienen zu dürfen, ihm ihre Erfahrungen und Beobachtungen anzuvertrauen. Die eigenartige Lebensweise und insonderheit die zunehmende Verschlossenheit des Königs, die er auch seinen höchsten und ergebensten Dienern gegenüber immer mehr hervorkehre, mache es nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, daß diese unter sich durch vertrauliche Mitteilungen über die Gesinnungen und Absichten Seiner Majestät sich informierten. Es sei gewiß nicht anmaßend von ihm als Chef, wenn er erwarte, daß seine verehrten Mitarbeiter ihn in erster Linie aus diesen Mitteilungen Nutzen ziehen ließen, damit er den Dienst des Königs in dem ihm anvertrauten schwierigen Amt mit voller Umsicht zu leiten vermöge. Sie könnten für die kleinste Mitteilung über selbst gemachte oder von dritten bezogene tatsächliche Beobachtungen – seien sie auch noch so intimer Natur – auf seine unbeschränkte Diskretion und Dankbarkeit rechnen. Sei ihnen das mündliche Wort unbequem, so nehme er auch jede schriftliche Aufzeichnung gern entgegen. Nur wenn im kollegialen Zusammenarbeiten und innigstem gegenseitigen Vertrauen jeder seine volle Schuldigkeit tue, könne das Amt mit vollem Nutzen versehen werden zum Heile des Königs und des Landes. »Also offene Augen und redliches Herz!«

Das Wetter war mild, die Luft ruhig. Obwohl dem König das Steigen Mühe verursachte, beschloß er doch, heute auf den Tegelberg zu gehen und die Aussicht in die Berge zu genießen. Unter dem Torweg kam ihm der Gedanke, seinem Schloßverwalter, von dem er gehört, daß er leidend sei und das Bett hüte, persönlich gute Besserung zu wünschen.

Leise trat er ein und fand den Patienten schlummernd im Lehnstuhl. Am Fenstersimse, zwischen blühenden Geranien, schläferte das Kätzchen. Auf dem Tische lagen zwei aufgeschlagene Bücher, daneben die Brille. Das Stilleben stilvoll zu vollenden, stand zwischen den Büchern ein Glas Zuckerwasser.

Behutsam nahm der König ein Buch zur Hand. Eine schlechte deutsche Übersetzung von Zola. »Am häuslichen Herde«. Er betrachtete den Titel des anderen Buches. Eine gute deutsche Übersetzung von Taines »L'ancien régime«.

Der König lächelte. Der Kranke erwachte.

»O Majestät –«

»Ruhig bleiben! Es geht besser? Das freut mich. Krank sein ist langweilig, aber da haben Sie ja unterhaltende Bücher. Was drin steht ist freilich kein Zuckerwasser.«

»Ja, ich trinke Zuckerwasser –« hüstelte verlegen der Patient.

»So immer einige Schlucke dazwischen, wenn Sie Zola lesen, ja, dann bekommt Ihnen die Lektüre besser.«

»Das andere Buch ist mir lieber,« glaubte der Schloßverwalter sich entschuldigen zu müssen.

»Von wem haben Sie denn das?«

»Von einem Freund in München, Majestät.«

»Gute Bücher sind die besten Freunde. Also gute Besserung zunächst – halten Sie sich schön ruhig!«

Der König reichte dem Patienten die Hand, fuhr dem Kätzchen streichelnd über den Rücken, das sich sofort schnurrend erhob, mit den Äuglein blinzelte, das rote Züngelchen herausstreckte und das schönste Buckelchen machte. Dann entfernte er sich so leise wie er gekommen war.

Unterwegs dachte er: »Was die Leute heute doch alles lesen! Und von den Franzosen kommen sie nicht los. Zola – natürlich! Aber sogar Taine! Der eine malt mit Schmutzfarben, der andere mit Giftfarben – so gibt's im deutschen Gehirn ein richtiges Bild von Frankreich. Dem deutschen Leser schwillt die Brust vor Stolz über die Sauberkeit und Gesundheit, und er kann dann doppelt zufrieden jammern über das schmutzige, vergiftete Frankreich der Herren Zola und Taine. Zeigt man ihnen dann Frankreich von seiner schönen und glänzenden Seite, dann haben sie kein Auge dafür und wenden sich unwirsch ab. An allem Französischen wollen sie nur das Schmutzige und Giftige genießen, das gestatten sie sich mit Wonne, das genießen sie ohne patriotische Gewissensbisse. Das ist deutscher Geschmack.«

Nach einer Stunde war das Gespräch des Königs mit dem Schloßverwalter schon bis zum Chef des Geheimkabinetts gedrungen, so vorzüglich war die Akustik der Königsburg. Die Wände haben zwar überall Ohren, aber königliche Schloßwände scheinen sich noch stärker zu verhören als gemeinbürgerliche. Sie müssen geradezu perverse Neigungen im Verhören haben, denn daß Zola und Taine beste Freunde und ihre Bücher gesund wie Zuckerwasser seien, das hatte der König wirklich nicht gesagt. Der Chef des Geheimkabinetts fand es auch so auffällig, daß er sich's sorgfältig notierte, denn der Wortlaut ist immer interessant – mit und ohne Berichtigung. Über Lesarten kann man streiten.

Inzwischen war der König, wenn auch mit Herzklopfen, doch eine gute Strecke emporgeklommen und atmete mit Vergnügen die reine, balsamische Luft. Er dachte darüber nach, was aus dem Schweigen im Walde würde, wenn plötzlich alles Geschriebene in der Welt Zungen bekäme, wenn alles Gedruckte aus dem Banne sich befreite und seinen Inhalt laut zum Himmel schrie, wenn die Bibliotheken zu orgeln anhüben – eine Riesenschlachtmusik, eine Kanonade aus Millionen Schlünden wäre ein Nichts dagegen. Jetzt hört man noch ein Blatt vom Baum fallen. Aber dann? Dem König summten die Ohren. Nein, solche Gedanken soll man sich nicht machen! Aber macht man sich denn Gedanken? Kommen sie nicht von selbst? Oft in schrecklich wildem Gedränge und tyrannisieren den besten Kopf und werfen alle Besinnung über den Haufen?

Taine! Ja. Seine Geschichte Frankreichs. Ein wüster Haufen, höher als die höchsten Berge, von Tatsächlichem in allen Größen, vom Felsblock bis zur nichtigsten Hülse, zur windigsten Spreu. Nun wird sortiert und gruppiert. Das Große wird, um es handlicher zu haben, unter das Verkleinerungsglas genommen, das Winzige unter das Vergrößerungsglas. Das gibt einmal ganz andere Verhältnisse, himmelverschiedene Perspektiven, ein nagelneues, ungewöhnliches Weltbild. So legte sich Taine die Geschichte Frankreichs zurecht, als pfiffiger Pointillist, aus lauter Tatsachenpünktchen. So wird ein deutscher Taine einmal die Geschichte des Reiches und seinem Gründers Bismarck schreiben. So die Geschichte der Kultur. So die Geschichte der Kunst, der Religion und aller Heiligtümer der Menschheit. Grauenhaft, sich das vorzustellen. Die Maulwürfe als Erklärer der Lebensrätsel. Die Blinden als Kritiker der Sonnensysteme. Und alles aus echtem Material von einer scheinbar überwältigenden Beweiskraft. Aber für das Gefühl, für Schönheit und Verehrungswürdigkeit bleibt nichts mehr übrig. Die Lebenslüge ist beseitigt. Das Leben ist wahr bis zur Erstarrung. Die Welt ist nietzschereif. Alles ist da, um überwunden zu werden. Aber gibt's dann noch etwas, das der Überwindung wert? Ist eine hohle Nuß etwas Überwindungswertes?

Taine! Er ließ den König nicht los. Wenn man einmal die Geschichte der Könige schriebe, vom ersten bis zum letzten, nach den Aufzeichnungen ihrer Bedienten, nach den Aussagen ihrer Lakaien, Schmarotzer und falschen Freunde, nach den Meinungen und Urteilen der Börsenblätter – nach den Flüchen der Arbeitssklaven, der Maschinenmenschen – nach den Beobachtungen all der kleinen Seelen, die spionierend hinter den großen herkriechen – – –

Der König blickte in die Ferne. Er war an einem freien Aussichtspunkte angekommen. Er setzte sich auf den übermoosten Stumpf einer zerschmetterten Wettertanne – einst eine Königin des Waldes!

Wie goldfarbiger Rauch schwebte es über den Höhen. Auf der anderen Seite standen die Berge in allen Abstufungen von blau – schwarzblau bis aschblau, bis myrtenblütenblau. Er sah's, und dennoch freute sein Auge sich nicht. Die Einsamkeit umschmeichelte und umkoste ihn wie mit linden, stillenden Mutterhänden, und dennoch war seine Seele unruhig, seine Gedanken jagten – –

Taine! Der Untergang des alten Frankreich, die Ursprünge des neuen. Wenn man einmal die Geschichte der Könige so schriebe, daß man alle ihre Rechnungen – alle, alle! – publizierte, die Geschenke verzeichnete – alle, alle! – die sie je gemacht und die Namen der Empfänger dazu und wie sie 's gedankt, und die Geschichte der Leute dazu, die sich an den Königen bereicherten durch Überforderungen und tausend Betrügereien – –

Ein Specht klopfte am Stamm. Zwanzig Schritte vom König bog ein Jäger ab, um nicht gesehen zu werden. Aber der König sah den Schleicher doch, er erkannte ihn sogar am Blinken seiner schwergoldenen Uhrkette, die ein königliches Geschenk –

»Ach, wie häßlich ist die Welt, wenn man zugleich an die Weltgeschichte denkt,« seufzte der König und stieg eilig hinab, um sich wieder in seine vier Mauern zu flüchten.

Er schlief einige Stunden. Diesmal ohne Unruhe. Nachdem er eine Reihe von geschäftlichen Dingen und offiziellen Obliegenheiten erledigt hatte, schritt er durch die taghell erleuchteten Säle. Hier konnte niemand seinen Weg kreuzen, seinen Frieden stören. Das helle Licht hatte eine fegende Kraft, es hätte jeden Lauscher aus seinem Versteck gerissen.

Licht war ihm eine schöne, liebe Sicherheit. Licht duldet nichts Unreines. Darum konnte er nie genug Licht haben. Sein Lichthunger war unersättlich.

Sein Blick ging durchs Fenster. Wieder Vollmondpracht. Drüben der Falkenberg. In seinem Geiste schaute ihn der König schon gekrönt mit der gotischen Burg. Die Türme gleich betend zum Himmel gestreckten Händen – ihre reinen Zierate wie Abbilder der heimlichsten Seufzer der Seele.

»Nein, jetzt nicht,« sagte er – und begab sich an seinen Arbeitstisch. Er breitete ein Tuch über das Modell der gotischen Burg, damit der Anblick seine Sehnsucht nicht zu schmerzlich errege. Er holte sein Merkbuch aus dem Verschlusse und schob das Arbeitsbuch beiseite. Dabei fiel sein Auge auf den letzten Eintrag im Arbeitsbuch: »Anordnen, daß an der Hecke, rechts vom Latonabrunnen, eine Gruppe auf hohem Sockel angebracht werde, junger Löwe von einem Wolf angefallen, Entwurf von Maison oder Perron. Wolf häßlich, zähnefletschend, schnappt, von rückwärts kommend, nach der Brust des edlen Löwen, der ahnungslos ins Weite blickt. Oder vielleicht im Moment des Kampfes? Löwe als großmütiger Sieger über die gemeine Bestie? – Gegenstück dazu behalte ich mir noch vor. Die Gruppe in Lebensgröße, vergoldet.«

Langsam griff er zur Feder. Sinnend tauchte er sie in das große goldbronzene Tintenfaß. In markigen Zügen schrieb er zunächst einen Gruß an seinen Meister-Freund in Walhall. Wird er ihm den Gruß erwidern? Seit er von der Erde geschieden, wieviel stiller ist's noch geworden – mit ihm ist der letzte Briefverkehr erloschen. der dem König Weihestunden schaffte. Egeria ist schon früher verstummt, obwohl sie, die rastlos Wandernde, noch über die Erde wandelt mit ihrem festen Heldenschritt. – Sicher gedenkt sie in Treue sein, auch wenn sie ihm kein Zeichen schickt – ihre Seele grüßt ihn! –

Und zu dem Gruße an Wagner fügte er einen Gruß an die Kaiserin Elisabeth.

Ein warmes Frohgefühl durchströmte ihn für einige Augenblicke.

Dann begann er zu schreiben:

»Schönheit ohne Reinheit ist unvollständig. Reinheit ist Aufgehen in sich selbst und Wiederblühen aus sich selbst. Enthaltsamkeit vom Nächsten, das ist das Problem. Es geht seiner Lösung entgegen in dem Maße, wie Du das Fernste liebst und der einzige bleibst, der Du von Ewigkeit gewesen. Dein Einzigsein ist Deine Art, nicht Entartung. Die Vermischung in der Umfassung eines Nächsten erzeugt kein Empfinden von der Kraft jener Seligkeit, welche das unvermischte Sichselbstgenießen gewährt – mit oder ohne was ich den Fernsten nenne. Das Gehirn entzündet sich in der Ekstase in dem Grade, als das Licht der Augen für das Wirkliche sich schließt. Sich versagen dem Wirklichen, da es nur das böse Nächste ist. – Eine andere Reihe: die jungfräuliche Erde ist der Reinigungstraum des Himmels. Säfte, die aus eigenen Lebensquellen steigen. In der materiellen Welt wird die Größe aus der Verschlingung der Kräfte geboren, in der geistigen Welt aus der Läuterung der Kräfte durch Isolierung. Wer der Welt entflieht, findet sich in der Schönheit wieder. – Geheimnis der Einsamkeit, wer alle Deine Schlupfwinkel wüßte, Dich ganz zu ergründen. Da fände sich auch die letzte heilige Verborgenheit für die gehetzte Seele. Egeria-Elisabeth, Du Sucherin – wer wird sie zuerst finden, Du oder ich? Ist Dir nicht bange in Deinen Weltweiten, zagt Dein Fuß bei keinem Schritt? Stört Dich keine Angst, daß Du den Weg verfehlst? – Gesang der Stille, Sprache des Schweigens, wer Euren letzten süßesten Laut, Euren leisesten Ton vernähme! – Das sind die Auserwählten. die von sich sagen können:

Mon âme s'est fermé et limitée à soi,
Et n'ayant pas voulu selbst mêler à la vie,
S'en épure et de plus en plus se clarifie –

Ihnen wird die gemeine Wirklichkeit mit ihren Schrecken – der Schauder der Tatsachen! – ferne bleiben.

Ainsi mon âme, seule, et que rien n'influence!
Elle est, comme en du verre, enclose en du silence.

Kreisen die Elemente nicht mit mir gleich goldenen Leuchtkugeln? Sind es nicht die Elemente göttlicher Schöpferkraft, die mich treiben? Meine Majestät soll sein, wie eine reine Feuerwolke über dem Lande zu schweben, eine Offenbarung, eine Botschaft des Heils. Reinheit und Schönheit als das Gewissen der neuen Zeit, des adligen Volkes. Wer wider das Gewissen sündigt, der allein ist ein Verbrecher oder ein Tor. Der Träumer des ästhetischen Sittlichkeitsgefühls, heute verhöhnt von der allgemeinen Verblendung, ist der einzige wache und wahrhaftige Mensch in dieser häßlichen Gegenwart. Ihre Tatsächlichkeit, glaubt sie, wäre ihr genügende Rechtfertigung. So pocht sie frech auf ihre Macht und was sie mit ihrer Stärke ans Licht bringt, ist eitel Häßlichkeit und eitel Korruption. Ihre Tugend ist ein Kompromiß mit allen Lastern. Wer soll Herr sein? Einer oder keiner – der reine und schöne Mensch, der nach dem Willen der Natur Schaffende. Nur der reine und schöne Mensch ist der schöpferische Mensch. Der soll Herr sein! – Die Tatsächlichkeit! Die Wirklichkeit! Mich faßt der Schauder vor ihren Tatsachen. Der Schauder – –«

Der König tauchte hastig die Feder ein, seine Hand war immer schneller geworden. Er stieß die Feder noch einmal ein und hielt sie hoch.

»Der Schauder –« Er wollte fortfahren. Ein Tropfen löste sich aus der Feder und schlug mit weichem Klatschen auf das rosagetönte Blatt.

Es durchrieselte ihn kalt. Der Klecks grinste ihn an wie ein Totenkopf. Mit einem Ruck sprang er auf, bleich, verstört.

Er rief: »Wer will mich zwingen? Wer will mich stoßen? Wer fällt mir in die Hand? Räuber, Mörder!«

Er alarmierte seinen Leiblakaien.

»Ist jemand da? Wer erwartet mich? Ist ein Toter im Haus?«

In Frühlingsprangen lagen Wiese und Wald, entschlummert, wie unter der Last des Glückes. Die Natur im Brautbett zeugender Schönheit. Schlafen gegangen in Seligkeit. Eine göttliche Maiennacht, die von ewigen Gestirnen beschienenen nackten Bergesriesen, Felskolosse von unerhörter Mächtigkeit, wie in blanker Wehr. Wächter des schlafenden Paradieses zu ihren Füßen. Der helle, reine Schein von ihren Häuptern grüßte hinüber und hinab ins Graswangtal.

Der König hielt Hof mit seinen Getreuen in Linderhof.

Für diese Maiennacht, die traumesselig seinen Geist umspann, hatte er sich in einen leibhaften Märchenfürsten verzaubert.

Harun al Nurah nannte er sich. Eine Erscheinung voll orientalischer Poesie. Er war gekleidet in faltige weißseidene Gewänder. Geschmückt war er mit dem goldgelben Turban und den edelsteinfunkelnden Abzeichen seiner hohen Würde.

Harun al Nurah saß mit seinen Gästen im maurischen Kiosk, umzittert von buntflutendem Licht, eine hehre Lichtgestalt er selbst, und seine Sinne labten sich am herrlichen Schauspiel.

Schon kam schüchtern die Frühstunde im Osten herauf und überhauchte mit der Morgenröte zartem Glanz Tal und Hain.

Harun al Nurah blickte auf die winzige Uhr im diamantenschimmernden Armband. Zwischen vier und fünf, Zeit des Hahnenschreis.

»Meine lieben und getreuen Gäste, der Wirt empfiehlt sich.«

Die als arabische Fürsten täuschend verkleideten Soldaten, auserlesen schön gewachsene jugendliche Reiter, erhoben sich von den schwellenden Polstern und verneigten sich würdevoll.

»Im ganzen Morgenland habt Ihr nie Sorbett geschlürft, so kühl und so süß duftend wie das meine. Keine Scheherezade erzählt Euch mehr je so liebliche Märchen, wie ich sie euch erzählt. Aller Glanz Syriens, alle Wohlgerüche Arabiens haben euch hier umschmeichelt. Ich glaube, ich habe euch, Liebe und Getreue, eine glückliche Stunde bereitet. Und da ich selbst wohl der Glücklichste gewesen, so danke ich euch, fürstliche Gäste. Merkt euch meinen Namen, daß er stets ein angenehmer Klang eurem Ohre bleibe: Harun al Nurah, der königliche Freund aller Schönheit, der euch bewirtet. Harun al Nurah in Person, den Gott segnen wolle! Bleibt ihm gewogen!«

Und sich an den schlanksten und anmutigsten der Gäste wendend. »Scheich Ben Hansei, begleite mich zum Bade!«

Der Jüngling verneigte sich.

»Du schwimmst? Zuverlässig?«

Ben Hansei nickte. Seine dunkelblauen Augen glänzten.

Die Gäste zogen hinter einer purpurgoldenen Gardine ab.

Harun al Nurah und Ben Hansei nahmen einen anderen Weg. Durch einen schmalen Zeltweg gelangten sie an ein schweres Felsentor. Harun al Nurah öffnete es mit einem Druck des Fingers. Sie schritten durch einen magisch erhellten Gang ins Innere der Erde. Eine hohe, weite Grotte, gleich einem unterirdischen Kuppeltempel, erfüllt von blaugrünem Lichtschein, wohlig durchwärmt von Wasserdämpfen, nahm die feierlich Schreitenden auf. Nach einer Seite erweiterte sich der Raum zu einer noch mächtigeren Halle mit unterschiedlich hoher Gewölbedecke, über einem See mit Wasserstürzen von den Wänden und Springbrunnen aus der Tiefe.

Ben Hansei ging zögernd tastenden Schritts. Das hat er sich auf seinem Dorfe als schlichter Hansl nicht träumen lassen, solche Wunder zu erleben in einem Königsmärchen und selbst als orientalischer Fürst darin eine Rolle zu spielen. Freilich, fremd war ihm das Orientalische nicht. In der Darstellung der heiligen Passion in Oberammergau hat er schon zweimal mitgewirkt. Als fünfjähriger Straßenjunge von Jerusalem hat er mit andern Kindern und vielem Volk, Männern und Weibern, dem Heiland bei seinem Einzuge Palmen gestreut und Hosianna gerufen und bei dem schmerzhaften Todesgang des Erlösers bittere Tränen vergossen. Als fünfzehnjähriger Jüngling war er wieder dabei als vornehm gekleideter Lebemann von Jerusalem, der mit Priestern und Schriftgelehrten vor dem Palaste des Herodes »Kreuzige, kreuzige ihn!« schrie, daß ihm fast der Hals zersprang. Dann kam er von Oberammergau fort – und mit dem Passionsspiel wird's nun wohl zu Ende sein. Aber heute! In dieser wunderbaren Nacht, da war doch alles erstaunlicher. Und der König spielte hier selbst mit, wie in Oberammergau der Bürgermeister – aber was ist das für ein Unterschied! Schier lustig ist's. Und heute ist Kirchweih daheim im Dorf, 's Lenei wird tanzen – und er soll schwimmen. Schier lustig ist's, ein solches Spiel, und doch ward ihm plötzlich unheimlich. Er blieb stehen. Ihn schwindelte in dem ungewohnten, warmen Dunst. Er fürchtete aus der Rolle zu fallen –

»Dulde, daß ich dich geleite!« sagte Harun al Nurah. Die Stimme des Königs klang verändert. Noch zögerte Hansl-Ben Hansei. Da legte Harun al Nurah seinen Arm um Schulter und Nacken des jugendlichen Kriegers. Er führte ihn mit sanftem Druck in eine Nische, von phantastischen Blumengehängen überrankt.

»Gewähr mir die Freude, Ben Hansei, daß ich mit eigener Hand dich zum Bade rüste.« Und er nahm ihm Turban, Mantel und die Oberkleider ab. Dann ließ er sich von ihm ein Gleiches tun. Ein feiner, warmer Duftsprühregen wie aus einer Rosenwolke rieselte durch die Blätter auf die entkleideten Gestalten.

»Hier ist dein Sitz!« Und er wies seinem Gast einen sicheren Platz an seiner Seite. Hierauf drückte er auf einen Knopf und sofort begannen die Stürze und Brunnen heftiger zu strudeln. Wassersäulen stiegen aus der Tiefe bis an die Decke und klatschten zerstäubend zurück, höher und höher hob sich der Spiegel des Sees in plätschernder Unruhe und bald erreichte das heranschlürfende Gewoge die ersten Stufen der Nische.

»Siehst du, Ben Hansei, wir brauchen uns nicht zu bemühen, das Bad kommt zu uns: Es lächelt der See – er ladet zum Bade! Gib acht und lausche!«

In das spielende Getöse des Wassers mischten sich ferne, zarte Töne, gleich Zaubermelodien, die näher und näher schwebten, ein Echo weckten, sich mit ihm harmonisch vervielfältigten, bis alles Geräusch ringsum in liebliche Musik verwandelt schien.

»Dich belästigt das? Du möchtest alles ruhiger und dunkler haben?«

»Ja, 's ist a bissel stark,« erwiderte Ben Hansei-Hansl.

Mit einer Handbewegung dämpfte Harun al Nurah das Licht, stellte die Kaskaden und die großen Springsäulen still und ließ die Musik verstummen. Nichts blieb als träumerischer Dämmerschein und sanftes Rauschen und Rieseln.

»Nun rühre dich, Scheich Ben Hansei, mutiger Mann, tritt vor! Sprich mit mir oder flüstere wie ich! Hörst du mich? Hast doch keine Angst? Niemand rührt dich an. Du hast nichts zu fürchten. Harun al Nurah ist dein Freund und Beschützer, auch in tiefster Einsamkeit, wo kein Mensch um uns weiß – noch jemals von uns wissen soll. Verstehst du das?«

Ben Hansei erhob sich gebückt, trat vor auf die erste Stufe und richtete sich vor der Nische zu voller Höhe auf. Er atmete tief. Der König blieb ruhig auf seinem Sitz hinter ihm. Ein Druck auf einen Knopf, und wieder wuchs das Licht zu einer goldenen, violetten Helle. Mählich ging es durch alle Farben des Regenbogens. Ben Hansei stand wie eine Statue, von dem wechselnden Licht magisch übergossen. Auf dem Wasserspiegel zitterte der Widerschein seiner Gestalt.

»Erhebe deinen rechten Arm und strecke ihn aus! Mit einer leisen Biegung – so!«

Harun al Nurah war vorgetreten, in halber Leibeshöhe verdeckt von einer rankenüberhängten Brüstung.

»Fürwahr, schön bist du gebaut. Schön wie Narziß. Kennst du das Wort? Narziß?«

»Narziss'n? Ja!«

»Erklär mir's! Narziß!« lächelte Harun al Nurah.

»Bei uns heißt's halt Narziss'n und wachst im Garten – weiße Bleameln sind's mit gelbem Stern.«

Harun al Nurah schwieg. Er lächelte nicht mehr. Das war nicht die Art ländlicher Natureinfalt, die er in dieser Stunde suchte.

»Nun zeige deine Kunst. Hier ist's tief.«

Ben Hansei streckte beide Arme hoch und ließ sich der Länge nach ins Wasser fallen mit schön gestrafftem Körper. Er schwamm mit kühnen Stößen geradeaus, dem andern Ufer zu. Der König folgte seinen Bewegungen trunkenen Blicks, keine Feinheit der Linie, keine Schattierung im Spiel des Lichtes auf dem feuchten Jünglingsleib entging ihm. Die nasse Haut war wie durchsichtig in ihrer schillernden Seidenweiche.

Vergebens versuchte Ben Hansei am anderen Ufer festen Fuß zu fassen. Er streckte einen Arm nach dem andern empor, an der steilen Wand einen Halt zu gewinnen. Es war unmöglich. Erschöpft sank er zurück und verschwand unter dem Wasserspiegel. Der König, in Träumen, glaubt an ein Schwimmerkunststück. Wieviel feiner doch dieser Taucher das Element meistert als die Rheintöchter! Wahrhaftig, er dachte in diesem Augenblick an das technische Inszenierungsproblem der Wasserpartien des Rheingoldes in seinem Hoftheater! So ausschließlich beherrschten ihn künstlerische Instinkte, daß –

Aber, was ist das? Ben Hansei erscheint nicht mehr. Hat sein königlicher Freund und Beschützer ihn vergessen?

»Hansei!« Mit einem Schrei stürzt sich der König in die Flut und wuchtet in mächtigen Stößen der Stelle zu – eins, zwei, drei hat er den Entschwundenen erfaßt und steuert, seinen Leib mit nervigem Arm umschlingend, den schier Ohnmächtigen ans sichere Ufer zurück.

Hansei prustet wie ein Seehund.

»Hast ordentlich Wasser geschluckt, armer Mensch?« fragte der König.

»Es langt – Sakra!«

»Woran hast du denn gedacht?«

»Ans Dahoam,« antwortete Hansei, noch immer nach Atem ringend.

»Leg dich her, ruh' dich aus.«

»Macht sich schon. Es war mir ganz damisch –«

»Ans Daheim hast du gedacht! Was ist denn da los, daß du gerade heute heimwärts denken mußtest – als mein Gast?«

»Kirta is!«

»Kirchweih? Und was weiter? Gewiß, was es da Gutes zu essen und zu trinken gibt?« Die Stimme des Fragers klang merklich schärfer.

»Ja, ans Lenei hab i denkt, mei Dirndl –«

»Das ist deine Liebste?«

»Ja, 's Lenei,« kam's dem Burschen aus tiefer, sehnsüchtiger Seele.

»Nun, meinetwegen. Daran kann man denken. Und an die andere Leibspeise wohl auch. Was magst du denn am liebsten essen?«

»O mei'! Allerlei Gutes. Blutwurst und Kartoffelsalat –«

»Das schmeckt wohl noch besser als Sorbett bei Harun al Nurah?«

Ben Hansei war nun ganz wieder der alte Hansl und er lachte getrost: »Freili'!«

Harun al Nurah nach einigem Schweigen mit einer Stimme, aus der die Qual der Enttäuschung knirschte: »Hast du sonst einen Wunsch?«

»Gnuag Geld wann i hätt', heiratet i 's Lenei und pfeifet auf alles!« Die Antwort ließ an Humor und Aufrichtigkeit nichts zu wünschen übrig.

Der König wußte nun, wie er mit seinem Scheich Ben Hansei daran war. »Wie heißt du?« fragte er streng.

»Hans Huber heiß i!«

»Nein! So schreibst du dich daheim. Wie du jetzt heißt, als mein Gast, klingt anders. Und wer bin ich?«

»Der König.«

»Das bildest du dir ein!« sagte der König hart verweisend. »Harun al Nurah bin ich, kein anderer. Merk dir das!« Er stieß eine verborgene Wandtür auf, die in ein behagliches Ankleidekabinett führte: »Da steig hinein, Ben Hansei, und nimm dich in acht, daß – der Hans Huber keinen Unsinn schwatzt. Das wäre eine Schande für einen tüchtigen Burschen. Das Geld ist bereit, sobald du Hochzeit machen willst.«

Harun al Nurah verschwand wie ein grollender Gott. –

Als Hans Huber wieder in seiner knappen Reiteruniform steckte, rief er mit einem inneren Juchzer: »Das is halt doch was anderes als das fremdländische G'schlamp.« Er betrachtete sich im Spiegel mit Wohlgefallen: »Der Rock des Königs ist das schönste G'wand. Aber aan Hunger hab' i jetzt, aan sakrischa Hunger!« Er folgte mit militärischem Schritt dem Diener ins Frühstückszimmer.

Dort erwartete ihn ein fremder Herr mit der Frage . »Nun, wie war's, Herr Huber?«

Erst stutzte der Gefragte, dann sagte er gemütlich: »Schön war's.«

»Aber so ganz bis aufs Hemd und drüber hinaus entkleidet, was?«

»Na, wir sind alle Menschen und stecken nackt in den Kleidern.« Dabei kaute Hans Huber forsch weiter. Alle seine Lebensgeister waren wieder munter.

Der Fremde einschmeichelnd: »Sie haben gewiß ein schönes Geschenk vom König erhalten?«

Der gute Hans fand die Frage aufdringlich, doch wollte er gegen den seltsamen Herrn, der so höflich und familiär tat und wohl, wie er glaubte, zum Gefolge des Königs gehörte, nicht grob sein. Er antwortete: »Geld hat mir der König versprochen, viel Geld zu meiner Hochzeit. Aber das geht eigentlich niemand nix an.«

»Das genügt. Ich danke für die freundliche Auskunft, Herr Huber, es war nicht bös gemeint.«

»Das wollt i auch niemand rat'n!« rief Hans als schneidiger Soldat dem fremden Menschen nach. –

Harun al Nurah hatte sich inzwischen in den König zurückverwandelt. In seinem dunklen Sammetkostüm ging er unruhvoll umher. Er war verstimmt, im tiefsten Gemüte verstimmt. Das Experiment, mit diesen einfachen bäuerlichen Leuten lebendige Schönheit zu gestalten und in Fleisch und Blut zu übersetzen, was in stillen Träumen so lockend anspricht, war ihm gescheitert. Alle Romantik ist aus der Welt entflohen. Essen, Trinken, Geld, brutale Sinnenlust – darüber hinaus begehrt auch der ländliche Mensch nichts mehr. Die letzte Szene in der Grotte, von der sich der König die beste Wirkung versprochen, weil sie dem Natürlichen und naiv Unschuldigen am nächsten kam, empfand er jetzt wie einen beleidigenden Skandal.

»Das hätt' ich mir ersparen können! Diese Tölpel!« grollte es in ihm nach. »Mit den Kleidern ziehen sie auch den Geist aus. Als nackte Menschen haben sie nur noch die Form, nicht mehr die Seele der Schönheit. Ihr Fleisch ist stark, ihr Wille ist schwach – und Phantasie hat weder ihr Fleisch noch ihr Wille. Da läßt sich nichts improvisieren. Da müßte alles durch Drill entwickelt werden, wie bei talentlosen Komödianten. Und dann war's auch danach –«

Er ließ die Speisen unberührt und schloß sich in sein Schlafgemach ein. Er wollte heute niemand mehr sehen. Er fühlte sich so unbehaglich, so unbehaglich – körperlich und geistig wie auf dem Hund. Rasch stürzte er einige Gläschen Kognak hinunter. Vielleicht – ja, wenn sich der Schlaf erzwingen ließe! Angekleidet legte er sich aufs Bett.

Im Traum erschien ihm ein freundlicheres Weltbild. Er war zu Gast bei seinesgleichen. Er war wieder auf seiner majestätischen Höhe. Wie wunderbar schön und erquickend dieser Traum, dem nicht ein Stäubchen Alltagsmenschengemeinheit anhaftete! Erst in Versailles, dann in Trianon – Tafelgenosse von Louis, dem Sonnenkönig, von Marie Antoinette, selig bezaubernd wie eine Frühlingsgöttin! Dazu, als Cercle gehalten wurde, Corneille, Racine, Molière – und die herrlichen Unsterblichen alle! Ihre anmutigen Gespräche, ihre entzückenden Manieren!

Er war wach geworden, und alles klang ihm noch im Ohr, alles stand noch lebendig vor seinem Auge. Den Duft atmete er noch, den ihre vornehmen Kleider ausgeströmt.

Sofort beschloß er, Aufmerksamkeit mit Aufmerksamkeit zu erwidern. Er ließ die Majestäten bitten, heute abend sein einsames Mahl in Linderhof mit ihm zu teilen. Sie würden sich in Linderhof nicht fremd fühlen. Und er scherzte und lachte wie ein Zeitgenosse des galanten Jahrhunderts.

Persönlich stellte er das Menü zusammen und befahl, daß das Mahl mit höchster Feierlichkeit gerüstet werde, dem hohen Range seiner Gäste entsprechend. Drei Kuverts! Und den ganzen Frühling dazu auf den Tisch! Und Musik im Garten. Und er selbst in seinem festlichen Prunkkleid!

In französischem Selbstgespräch wandelte er von Saal zu Saal, die Ausführung seiner Befehle überwachend. Die Stunde nahte. Alles war bereit. Da plötzlich eine Störung – ein Kurier!

»Absage?« fragte der König, von seiner Rolle erfüllt. »Eine Absage meiner Gäste? Die erhabenen Majestäten können nicht erscheinen?«

Der Leiblakai verneinte. »Kurier aus München.«

Der König verstand nicht gleich: »Aus München? Aus München ist doch niemand geladen? Ich will doch keine ungebetenen Gäste!«

Der Leiblakai, zurzeit in höchster Gunst bei dem Könige, mit äußerster Grazie: »Wenn Majestät befehlen, ordne ich die Sache. Es ist keine Absage. Die erhabenen Majestäten werden pünktlich erscheinen. Eure Majestät soll durch nichts gestört werden. Ich werde die Sendung in Empfang nehmen. Wenn ich alles gesichtet, werde ich nur das Dringendste, sofern es angenehm, vorlegen.«

»Merci, mon ami.«

Kurz vor Beginn der Tafel erschien der Leiblakai strahlend: »Ich hoffe, Eurer Majestät eine königliche Überraschung bereiten zu dürfen, indem ich dieses Billetdoux überreiche.«

Der König lächelte träumerisch und nahm das Dargereichte in Empfang. Der Leiblakai wartete in der Haltung eines vollendeten Hofmanns.

»Ah sieh, ah sieh! Meine Egeria ist von den Toten auferstanden, meine Egeria kommt zu mir!« als er die Aufschrift gemustert hatte. Schon wollte er den Brief erbrechen, da hielt er sinnend inne: »Nein! Sie ist mein Gast, sie nimmt an unserer Tafel teil. Noch ein Kuvert auflegen, sofort!«

Der Leiblakai flog. Der König hielt den Brief verschlossen in der Hand vor sich hin, blickte ihn glücklich an, dann drückte er einen Kuß auf Siegel und Aufschrift: »Ich werde ihn in Gegenwart der hohen Absenderin erbrechen und vorlesen. Alle meine Gäste sollen Zeuge meines Glückes und meiner Dankbarkeit sein.«

Er legte den Brief feierlich neben das Kuvert der Kaiserin Elisabeth. »Welch eine Göttertafel!« rief er einmal ums andere.

Musik erschallte. Die hohen Gäste wurden vom König gebührend empfangen, sein Antlitz strahlte. Gerichte wurden auf- und abgetragen. Der König unterhielt sich vorzüglich. Er erzählte den Tischgenossen vom glücklichen Fortgang der Bauten. Er lud sie zur Einweihung des Schlosses von Herrenchiemsee. Er spottete mit ihnen über das häßliche Buch, das Monsieur Taine über Frankreich geschrieben. So verstrich im anmutigen Geplauder die Zeit – man kam zum Nachtisch. Zu des Königs Verwunderung hatte Egeria den Brief neben ihrem Kuvert nicht wahrgenommen. Er bat um Entschuldigung und griff danach.

»Und nun, meine hohen Gäste, bitte ich einen Augenblick um geneigte Aufmerksamkeit –« Mit einem Lächeln auf Egeria erbrach er den Brief.

Und er begann zu lesen:

»Wenn einer Freundin Wort nicht trösten kann,
So wird die stille Kraft der schönen Welt,
Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken –«

Er unterbrach sich: »Herrlich, herrlich – Dank, Egeria!« Dann las er weiter mit ergriffener Stimme:

»Zu fürchten ist das Schöne, das Fürtreffliche
Wie eine Flamme, die so herrlich nützt,
Solange sie auf deinem Herde brennt,
Solang' sie dir von deiner Fackel leuchtet,
Wie hold! Wer mag, wer kann sie da entbehren?
Und frißt sie ungehütet um sich her,
Wie elend kann sie machen – –«

Er stockte. Ängstlich suchte sein Blick die Augen seiner Egeria – – »Ja,« schrie er auf, »weißt du denn auch, Elisabeth, wie elend ich bin?« – Er fand sie nicht mehr. Seine Gäste waren verschwunden wie hinter silbergrauen Schleiern. Tränen stürzten ihm aus den Augen. Er war ganz allein. – –

In derselben Nacht befahl der König schleunigsten Aufbruch nach seiner Burg Neuschwanstein.

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