Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Es wurde wieder stiller im Blätterwald. So stille, daß man glauben konnte, die Zustände am bayerischen Königshofe hätten eine solche Besserung erfahren, daß das sensationshungrigste Berliner oder Wiener Börsenblättchen darüber die Sprache verloren.

Der König ging im Herbst auf seine Insel im Chiemsee und bewohnte dort ein paar armselige Räume im Prälatenhause des ehemaligen Klosters, um eine Woche lang mit eigenen Augen den Fortschritt seines Schloßbaues zu verfolgen. Die Unbehaglichkeit seiner Wohnung störte ihn nicht, er war ganz in sein Werk verloren. In jeder Weise suchte er die Arbeiten vorwärtszubringen, er lobte, tadelte, wünschte, befahl – ah, wie schneckenhaft ging ihm alles! Feurig beflügelt hätte er alle am Werke sehen mögen! Die riesige Hauptfassade war im Rohbau bereits vollendet, man schaffte schon an den rückspringenden Flügeln, am Marmorhof und an der inneren Fertigstellung des äußerlich Vollendeten. Das imposante Treppenhaus mit der zweigeteilten Ehrentreppe gewährte zwar erst eine schwache Ahnung der kommenden Herrlichkeiten, in den Nischen standen noch probeweise die Gipsmodelle der Skulpturen, die Wände schimmerten noch nicht in Malerei und Marmor, aber des Königs Auge trank doch entzückt die keimenden Verheißungen künftiger Pracht. Vor der Poesie der neuen überwältigenden Kunsttat selbst in ihren Erstrahlungen gleich einer schüchternen Morgenröte, die den Aufgang der in Flammen herrschenden Sonne verkündigt, versank in der Seele des königlichen Bauherrn all die Prosa der letzten so überaus qualvollen Zeit: er fühlte sich wieder einmal glücklich im freien Walten und Schafen. Wie karg bemessen ihm dieses Glück sein konnte, wie kurz gebunden diese beseligende Freiheit, darüber kamen ihm in der Wonne des schönen Augenblickes keine Gedanken.

Über die Maßen gefiel dem König das Modell einer Reiterstatue Ludwigs XIV., weniger um des Reiters, als des Rosses willen. Ein leidenschaftlicher Freund der edlen Tiere, hatte der König darauf gehalten, daß hier eines seiner Lieblingspferde verewigt würde. Es war nicht mehr jung. Es hatte den König schon in den ersten Jahren nach seiner Thronbesteigung durch Sturm und Wetter getragen in seinen kühnen Gebirgsritten. Ah es der Schonung bedürftig wurde, schenkte er das Lieblingspferd der Opernsängerin Therese Vogl, damit es als Grane in der Aufführung der Götterdämmerung mit Brünnhilde den Todesritt in den lodernden Scheiterhaufen mache, der Siegfrieds Leiche verzehrte.

Grane, mein Roß,
Sei mir gegrüßt!
Weißt du, Freund,
Wohin ich dich führe?
Im Feuer leuchtend
Liegt dort dein Herr,
Siegfried, mein seliger Held,
Dem Freunde zu folgen,
Wieherst du freudig!

Es war dem König stets ein erschütterndes Bild, wenn sich Brünnhilde stürmisch auf sein entzäumtes Lieblingspferd Grane schwang zum verwegenen Sprung in das erlösende Feuer. Und nun reitet der französische Sonnenkönig in erzener Ruhe das Feuerroß aus der Götterdämmerung – – mit dem Wahlspruch am Sockel: Nec pluribus impar!

Vom Chiemsee kehrte Ludwig nach München zurück, um Anordnungen zur Vorbereitung einer Separatvorstellung zu treffen, die seines Künstlerlebens flammende Jugendforen in seinem Gedächtnis erneuern sollte: die erste Aufführung von »Parsifal« war vom König mit der Zustimmung seines Meister-Freundes für das nächste Jahr geplant. Außer im Festspieltempel zu Bayreuth sollte dieses hehre Werk in keinem anderen Theater der Welt jemals aufgeführt werden. Nur seinem königlichen Freunde gestattete der Meister, das Weihespiel »Parsifal« im eigenen Hoftheater in der Serie seiner Separatvorstellungen zu genießen. So gewann der »Parsifal« in der Schätzung des Königs zu dem inneren Kunst- noch einen außerordentlichen Freundschaftswert. Die Vorbereitungen der Aufführung mußten dieser erhöhten Bedeutung des Werkes gerecht werden. Keine Zeit, keine Mühe und Sorgfalt, nichts durfte gespart werden, um die wahrhaft religiöse Weise dieses Spieles für den König zum Ausdruck zu bringen. Im »Parsifal« wollte er noch einmal den ganzen mystischen Zauber seiner eigenen Seele aus der Jugendzeit genießen, noch einmal niedertauchen in das heilige Meer seiner ersten kindlichen Kunstbegeisterung und seiner ersten glühenden Liebe für den göttlichen Meister Richard Wagner.

Eine überraschende Begegnung brachte dem König in diesen glücklichen Tagen noch neuen Anlaß, eine geradezu wunderbare Wiedergeburt in jugendlicher Leidenschaft zu erleben. In der Separatvorstellung von Viktor Hugos »Marion de Lorme« war vor kurzem in der Rolle Didiers dem Könige ein unbekannter junger Schauspieler erschienen, der sofort den tiefsten Eindruck auf ihn machte. Die Haltung des schön gewachsenen Jünglings, der Wohllaut seiner Stimme, das Feuer seiner Augen, das hinreißende Temperament des offenbar genial veranlagten Künstlers, der Stimmungsreiz der dargestellten Rolle: alles berückte den einzigen Zuschauer des Schauspiels in so hohem Grade, daß er sofort beschloß, dieser Erscheinung sich persönlich zu nähern. Es war dem König so seltsam, als hätte er sich in dem Neuling selbst auf der Bühne gesehen oder vielmehr einen zum Verwechseln gleichenden Zwillingsbruder. Ja, so mußte er in seiner Jugendblüte selbst gewesen sein, so gesprochen, so feurige Triebe empfunden haben wie dieser Künstler. Fürwahr, es war sein verjüngtes Ebenbild!

Der König zog sofort Erkundigungen über den jungen Künstler ein. Es war zunächst nicht viel Interessantes zu erfahren, aber auch nichts, was den König hätte bestimmen können, seiner so jäh aufgesprungenen sympathischen Neigung Halt zu gebieten.

Zur nächsten Separatvorstellung hatte der Schauspieler – der König nannte ihn fortan nur seinen »Didier« – eine Einladung erhalten, in der Gastloge dem Spiel für Seine Majestät beizuwohnen.

Es wurde eins jener harmlosen Stücke gespielt, deren Stoff der König selbst aus Chroniken und Memoiren zu wählen und seinen literarischen Theaterleuten (eine Art schriftstellerischer maîtres de plaisir) zur Dramatisierung zu übergeben pflegte. Was ihm, dem passionierten Leser von Geschichten und Denkwürdigkeiten, bei der Lektüre Eindruck gemacht, das wollte er noch einmal als lebendiges Bühnenbild schauen. Um ein möglichst getreues Bild im Sinne seiner persönlichen Auffassung zu erhalten, überwachte er die Ausarbeitung, Inszenierung, Kostümierung und das Spiel mit peinlichster Aufmerksamkeit und übte strengste Kritik. Keiner der Mitwirkenden kannte das Dargestellte historisch genauer als er selbst. Er wollte keine tiefen Seelenprobleme schauspielerisch gelöst sehen in diesen Stücken, er wollte exakte Zeitbilder schauen. Nach den Gipfelwerken dramatischer Meisterkunst liebte er diese Bühnenspiele, die im besten Falle Meininger Kunsthandwerk waren, zu seiner Erholung. Er wußte, daß damit nichts für die Literatur und nichts für die höhere Menschendarstellungskunst erreicht wurde. Es war einfaches, wenn auch kostspieliges Theatervergnügen. Denn auf die Ausstattung dieser Nichtigkeiten wurde nicht weniger Fleiß und Geld verwandt als auf die großen dramatischen Dichtungen. Aber sein Vergnügen war nun einmal nicht billiger zu haben. War eins dieser Unterhaltungsstücke zwei- oder dreimal gespielt, so war's für immer abgetan. Gefiel ihm eine Szene besonders gut, so ließ er sie sofort wiederholen. Allen krassen Effekten war er abhold. Am meisten behagte ihm das Freundliche, Zierliche, Vornehm-Gemütliche – und als Milieu die ihm vertrauten Hof- und Künstlerkreise.

Heute wurde ein spanisches Intrigenstück gegeben, Glück und Sturz irgendeines Ministers und Kardinals, eines höfischen Abenteurers, für den in diesem Augenblick außer dem einsamen König von Bayern wohl kein Mensch in der Welt Interesse hatte. Trotzdem das Stück in Spanien spielte, kam darin keine Folter, keine Erdrosselung, kein frommes Blutvergießen noch sonst eine christliche Grausamkeit vor – nichts als eine Ohnmacht ohne Folgen. Von schrecklichen Dingen wurde höchstens geredet in der üblichen, den gewohnheitsmäßigen Zuhörer gewiß sehr wenig erregenden Theatersprache. Das Stück war so zahm, daß es ein Landpfarrer hätte geschrieben haben können. Aber das war's gerade, was dem König gefiel, sobald er von der Höhenkunst zur Flächen-Kunstunterhaltung herabgestiegen. Was ein anderer höchst langweilig gefunden hätte, gewährte ihm harmlose Zerstreuung. Er suchte ein Gegengewicht zu den Erschütterungen des großen Dramas. Nach Wagner, Shakespeare, Goethe, Schiller, Viktor Hugo waren ihm Hermann Schmid, Ludwig Schneegans, Karl von Heigel und ähnliche sanfte Heinriche eine willkommene Abwechslung. Das war seine Kunsthygiene, die er stets beobachtete. Er mußte als König doch auch etwas für seine Gesundheit tun. Er tat's in seiner Weise. Andere opfern ein übriges für Sport, Badereisen, Seefahrten, Ausflüge ans Nordkap – er ging ins Theater, mutterseelenallein.

Heute freilich war noch jemand in der Gastloge, die unter der Königsloge lag, dessen Anwesenheit sein Empfinden mächtig erregte. Wie elektrisches Fluidum fühlte er's von einer Loge zur anderen strömen.

Didier hatte sich pünktlich eingestellt. Noch während des ersten Aufzuges erschien ein königlicher Kammerdiener und überreichte dem Gast den Theaterzettel, der bei diesen Vorstellungen sonst nur für den König gedruckt und bereitgelegt wurde, und ein kostbares Opernglas aus Elfenbein. Am nächsten Tage wurde ihm für diese Auszeichnung eine neue gewährt, die persönliche Danksagungsaudienz bei dem König. Als Fürst und Schauspieler sich ausgesprochen, war das Seelenbündnis besiegelt, sie schieden als Freunde, als Brüder.

Wenige Tage später war Didier Gast des Könige in Neuschwanstein, dann in Linderhof. Die Freude des Königs über diesen schönen Zwischenfall in seinem einsamen Leben kannte keine Grenzen. In seinem Enthusiasmus übersah er die Elemente, die ihm unfehlbar eines Tages das Bündnis verleiden und dem Brudertraum ein jähes Ende bereiten mußten. Aber jetzt war er ganz Glück und Hingabe. Auch eine andere künstlerische Jugendliebe des Königs, die in den letzten Jahren schlimmster Erfahrungen mit der Welt ein wenig verblaßt war, erwachte mit Didier wieder zu frischer Schönheit: die Schwärmerei für Schiller und seinen himmelstürmenden Idealismus. Kein Mensch konnte für das Ohr des Königs die Schillerschen Verse herrlicher sprechen als Didier. Gleich in Linderhof wurde ein gemeinschaftlicher Ausflug in die Schweiz beschlossen, um an den Stätten des Tell-Dramas in künstlerischem Entzücken zu schwelgen. Der weise Goethe durfte die Begleitmusik aus geheimnisvoller Ferne dazu machen:

»Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt!

Was von Menschen nicht gewußt,
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.«

Didiers Sprachlosigkeit vor den Wundern von Linderhof bereitete dem König ein besonderes Vergnügen. Welche herbe Kritik hatte er einst von seinem kranken Bruder hier erleben müssen – und nun diese Unmittelbarkeit glücklichster Schönheitsempfindung ohne jeglichen Beisatz kritischer Säure! Wie doch ein Künstler den andern versteht!

Nur vor der geübten schauspielerischen Anpassungsfähigkeit, die täuschend restlos in jeder Rolle, die ihr liegt, aufzugehen vermag, schauerte dem König aus schmerzlichen Erlebnissen, aber wie sollte er sich sein junges Glück durch Zweifel vergällen? So wurde er nicht müde, Freund Didier, dem alles unsäglich gefiel: Barockpalast, Garten, Wasserkünste, Prunkbeete, Terrassen, Grotten, Kioske, Kapellen, Venustempel, Wiese, Wald, Fels – immer wieder zu fragen: »Ist das schön? Hast du dir das so gedacht? Möchtest du's anders haben?«

Dann erklärte er ihm einzelnes: »Du weißt, ich bin ein Nachtvogel. Hier ist in der Einrichtung alles für künstliche Beleuchtung berechnet. Wer das nur am Tage sieht, hat unmöglich den vollen künstlerischen Eindruck. Die Nacht erst – na, du siehst ja, wie jetzt alles schillert, flimmert, sprüht. Die guten Deutschen stellen sich diesem Licht- und Feuerzauber in der Kunst noch spröd und ablehnend gegenüber. Alles Schimmernde ist ihnen pathologisch verdächtig. Sie empfinden den feinen Geist nicht in diesem unruhvollen Regenbogen, in diesem erregenden Nuancenspiel. Es ist ihnen nur eine sinnliche Hexerei.« Er führte ihn von Gemach zu Gemach – und zeigte ihm dann noch einmal in einem raschen geschlossenen Rundgang durch sämtliche zehn Gemächer des Palastes das Zusammenklingen aller charakteristischen Töne und Motive zu einer raffinierten Symphonie farbiger Reize. Alles was an Wänden, Türen, Decken, Möbeln, Mosaiken, Metall- und Marmorwerken, Majoliken, Porzellanen, Bronzen sich an Farben löste und wie flüssiger Schimmer in einem bunten Lichtnebel wieder über alle Gegenstände zurückflutete, war von berauschender Wirkung. Didier hatte in der Tat guten Grund zu sprachlosem Staunen: jeder Theatereffekt, selbst in der üppigsten Feerie, erschien plump neben dieser höchsten Vergeistigung alles Körperlichen in Duft und Glanz. Diese Poesie des beleuchteten Wohnraums war nicht zu überbieten.

Der König wollte seinen Gast nicht durch das Außerordentliche und Allzureiche künstlerischer Eindrücke ermüden. So wurde alles Außenwerk für morgen aufgespart. Da wurden dann bei Tages- und Nachtbeleuchtung die Kaskaden genossen, in den Baum- und Heckengängen Theaterfragen durchgesprochen, Erfrischungen im Geäste einer zum Lugaus eingerichteten uralten Linde eingenommen, in den Kiosken von allerlei Traumhaftem geschwärmt – kurz: Didier war in heller Verzauberung.

»Das ist ein Paradies!« rief er mit schwärmerischem Augenaufschlag, als stände er auf dem Theater und mimte eine Liebhaberrolle.

Der König, treuherzig an die Schulter des Komödianten gelehnt, bemerkte: »Diese Landschaft hieß bei den Leuten früher der Pfaffenwinkel. Merkst du hier noch etwas Pfäffisches?«

»Es ist ein Paradies, ein Göttersitz!« bekräftigte Didier. Er hob dabei die Arme wie ein Trunkener und bewegte den Kopf, als wäre er vor Glücksgefühl seiner Sinne nicht mehr mächtig. Dann begann er aus Schillers Tell verzückte patriotische Tiraden leidenschaftlich herauszuschleudern. Sein Zuhörer glaubte dämonisch naive Herzenstöne zu vernehmen und sog die Musik der Verse ein, in tiefster Seele ergriffen. Didier ließ die Augen rollen. –

In diesem Rausche der Schönheit gefiel er dem König unsagbar gut. Kainz auf seiner Höhe!

Ein Besuch der blauen Grotte wurde wegen der ungemeinen Beleuchtungsschwierigkeiten für später aufgehoben. Doch mußte der Gast die Hundingshütte, die Einsiedelei, die Stallungen und zum Schlusse die Remisen besichtigen, wo ihm als Schlußbild noch die königlichen Prunkwagen und -schlitten vorgeführt wurden. Der König übergab feinem Gaste zur Erinnerung an den Besuch ein kostbares Album. Aber das dünkte schließlich dem Spender zu konventionell, zu wenig intim. Ah Didier schon mit einem Fuße im Wagen war, nestelte der König die eigenen Manschettenknöpfe los und reichte sie als letztes Gastgeschenk dem scheidenden Freunde.

Glühende Briefe flogen her und hin. Der König fühlte sich von Begeisterung durchloht wie im Liebesfrühling seiner ersten Wagnerzeit. Der König, der schon seit Jahren keinem Photographen mehr gesessen, ließ ein neues Bild anfertigen, in dem schwarzen Sammetkostüm, das er beim Besuche Didiers getragen. Er schickte das Bild mit eigenhändiger kameradschaftlicher Widmung sofort dem Schauspieler.

Aber bald kam die Ernüchterung. In Wagner liebte er zugleich den Künstler höchsten Ranges, den großen Schöpfer, und sein Herz umfaßte mit dem Menschen dessen unsterbliche Geistesschöpfung. Eine Fülle unzerstörbarer Schönheit blühte ihm entgegen, ein Reichtum des Erhabenen, der niemals auszuschöpfen war. In Didier liebte er die Schönheit seiner eigenen Jugend und die Sehnsucht nach dem Phantom idealer Beglückung, das ihn zeitlebens verfolgte, weil ihm sättigende Frauengunst versagt geblieben. Aber Didier war nur Schauspieler, nicht Selbstschöpfer. Was er künstlerisch brachte, kam aus zweiter Hand und zerrann, wie alle Mimenkunst, mit dem augenblicklichen Erlebnis. Nichts blieb davon als die Erinnerung und mit ihr neue Sehnsucht – die alte Tantalusqual.

Alles Schauspielerische ist zweiten Rangs, an der Kraft des Schöpfergeheimnisses gemessen, am Mysterium der zeugenden Natur. Und oft ist auch der Schauspieler menschlich nur zweiten und noch tieferen Rangs, denn es erniedrigt wider Willen, nie selbst Urheber sein, nur den Vermittler mimen zu können in aufreibender Dienstbarkeit im Geiste wechselnder Urheber. Auch der genialste Schauspieler ist eben ein Spieler nur, mag er mit noch so hohem Einsatze und hehrsten Absichten spielen. Der Wert seiner Eigenpersönlichkeit ah Künstler bestimmt sich nach der Fähigkeit, sich dieser Persönlichkeit zu entäußern und hundert andere vorzutäuschen. Je größer sein Gewinn an Täuschungskraft, desto größer sein Verlust an ursprünglicher Menschlichkeit, Der Täuschungsvirtuose höhlt sich selbst aus und sinkt schließlich zusammen wie einer, der sein eigenes Eingeweide aufgezehrt – wie ein Schemen.

Der König, mit seiner verhängnisvollen Doppelsichtigkeit, die ihn ebenso grenzenlos hingebend wie grenzenlos mißtrauisch machte, hatte auf der kurzen Schweizerreise bald Gelegenheit, die Kehrseite seines bezaubernden Lichtbilder zu erspähen.

Als das Volk anfing, sich mit dem Freundschaftsbündnis zwischen Fürst und Schauspieler zu beschäftigen und die neueste Passion des Königs mit der gewohnten Philisterfrechheit zu benörgeln und seinen gemeinen Unverstand in dem zarten Seelenproblem mit plumpen Griffen hantieren zu lassen – ach, da war der Zauber längst gebrochen und der Günstling aus allen Himmeln der königlichen Gnade geworfen. Der Komödiant tröstete sich in seiner Weise, der König war so einsam und glückesbar wie zuvor.

Eines blieb ihm nur in sehnsüchtiger Erinnerung: der Reiz der schlanken, behenden Jünglingsgestalt, der Wohlklang der Stimme, der Glanz der Augen – lauter ästhetische Werte, die in Dunst zerrannen, sobald des Königs ewig waches Mißtrauen das Menschliche seines Ideales unter die scharfen Vergrößerungsgläser nahm. Was der König am Manne nächst der Schönheit am höchsten stellte: Herzenstakt und ritterliche Gesinnung, die untrüglichen Zeichen adeliger Menschennatur, davon glaubte er keine Spur mehr zu entdecken.

Ein Königreich für einen Adelsmenschen, der die Probe besteht! Und in grimmigem Mißmute rief er aus: »Ich bin verraten und verkauft. Ich wette, wenn ich heute die Augen schließe, wandern morgen meine Liebespfänder zum Händler und meine Briefe werden verkauft und stehen gedruckt in den Zeitungen zu lesen, die mich und mein Werk besudeln, ein Fressen für die gierige Menge. Ach, alles Lebendige, das auf zwei Beinen wandelt, ist unvornehm geworden, ein Abscheu für die letzten göttlichen Menschen.«

In seiner Traurigkeit kam ihm ein Gedanke, der ihn lachen machte: »Ich werde an den Kriegsminister schreiben, er soll mir für die Schloßwache eine Abteilung auserlesen schöner junger Leute schicken, schlanke, geschmeidige Reiter. Ich habe die Trampeltiere wirklich satt. Nachdem ich mich mit dem Finanzminister verfeindet, kommt mir's auf den Kriegsminister auch nicht mehr an. Er kann von mir denken, was ihm beliebt. Ich lache –«

Aber das Lachen verging ihm bald. Wer wagte denn, diesen Warnungspfahl vor ihm aufzupflanzen? Da las er schwarz auf weiß: »Majestät geruhen zu bemerken, wie die Gärung im Lande wächst. Dawider hilft kein Sozialistengesetz und keinerlei sonstwie geartete Zwangsmaßregel. Das Volk erträgt's nicht mehr, wenn nicht strengste Ordnung im Staate herrscht. Alles Aufreizende muß vermieden werden. Wir leben nicht im absolutistischen Zeitalter eines Louis XIV. mit seinem: ›Der Staat bin ich‹. Heute hat sich jeder, auch der mächtigste König, nach der konstitutionellen Decke zu strecken und alle persönlichen Exzesse zu vermeiden, wenn er im Genusse der freien Verfügung über sich selbst und seine Mittel bleiben will. Handelt er anders, zerstört er mit frevelnder Hand die Basis seiner eigenen Existenz.«


Plötzlich eine Todesdepesche aus dem Süden. Aus dem Palazzo Vendramin in Venedig. Der Meister. Der einzige große Mensch, der einzige treue Freund. So oft er aus Bayreuth über München nach Italien gefahren, sahen sie sich zu kurzer herzlicher Begrüßung. Nur das letztenmal nicht. Seit sie sich unter den überirdischen Weiheklängen von »Parsifal« umarmt, haben sie sich nicht mehr in die Augen geblickt, nicht mehr den Atem ihres Mundes getrunken. Im Tode erstarrt Auge und Herz. Eine Sonne erloschen. Der Meister-Freund, der treueste und lebendigste von allen, an denen je seine Seele gehangen – dem Lande der Lebendigen entrückt auf immerdar. Nie mehr seine Hand zu drücken, nie mehr sein trautes Du zu vernehmen, wer erträgt's? Es ist furchtbar, furchtbar – –.

Der König bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und legte den Kopf auf den Tisch und weinte wie ein Kind. »Nimmermehr!«

Er erhob sich, ging in die Betkammer und warf sich auf den Schemel nieder. Die Hände vor der Brust gefaltet, sprach er die Verse der barmherzigen Brüder aus Tell:

Rasch tritt der Tod den Menschen an,
Es ist ihm keine Frist gegeben,
Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
Es reißt ihn fort vom vollen Leben.
Bereitet oder nicht, zu gehen,
Er muß vor seinem Richter stehen.

Und ans Christliche die Nibelungen knüpfend, schloß er mit den Worten aus der Götterdämmerung:

Alles weiß ich:
Alles ward mir nun frei!
Auch deine Raben
Hör ich rauschen:
Mit bang ersehnter Botschaft
Send ich die beiden nun heim.
Ruhe! Ruhe, du Gott! –

Getröstet erhob er sich, festen Schrittes. Er wunderte sich, daß ihn die Nachricht nicht tiefer erschütterte, daß sie ihn nicht zerschmetterte. Nun war ihm fast, als ströme eine geheimnisvolle Kraft auf ihn über, als fühle er trutzig erhöhten Lebensmut: »In Glanz und Wonnen ist mein Meister-Freund gegangen. Ein Held, ein Sieger, eingezogen in Walhall. Nun er die Welt der Niedrigkeit verlassen, stehe ich allein auf ihrer Hochwacht, ein Hüter der Schönheit! Die Welt soll spüren, daß ich meines Wächteramtes walte!«  –

Der König ordnete aus seinen Leuten die vornehmsten als Trauerdeputation ab, an der italienischen Grenze die Leiche des Meisters zu erwarten und ihr bis München das königliche Ehrengeleit zu geben. Was weiter geschehen sollte, darüber war er noch nicht schlüssig. Erst dachte er selbst mit nach Bayreuth zu fahren und den Meister im Garten von Wahnfried bestatten zu helfen. Dann fand er sich zu erregt zu dem schweren letzten Gange und sann auf anderes, den Hinterbliebenen seine innige Teilnahme auszudrücken.

Inzwischen war der Zug mit den sterblichen Überresten des unsterblichen Heros im Reiche deutscher Kunst in München angelangt. Als der Zug in der hohen Bahnhofshalle mit düsterem Rollen einfuhr, ertönte der Trauermarsch von den Bläsern des Hoforchesters und einer Regimentskapelle. Alle Verehrer des Meisters standen entblößten Hauptes und in schmerzlicher Ergriffenheit. Noch war keine Bestimmung vom König eingetroffen, was weiter zu geschehen habe. So blieb der Wagen mit dem Sarge, über und über mit kostbaren Kränzen bedeckt, die von allen Seiten herbeigeschleppt wurden, die Nacht über im Bahnhofe stehen. Der tote Meister, von einer Ehrenwache gehütet, war noch einmal Gast in der Stadt, die ihm einst so übel mitgespielt und jetzt schier abgöttisch huldigte. Gegen Mitternacht traf noch ein Riesenkranz vom Könige ein mit der Meldung, Majestät bedaure, wegen körperlichen Leidens nicht in der Lage zu sein, dem großen Meister persönlich die letzte Ehre zu erweisen.

Im kalten Grau des Frühmorgens rollte der Leichenzug mit einer großen Begleiterschar durch die Winterwelt des Februars Bayreuth zu. Vom Festspielhügel wehte die Trauerflagge.

Der König lag auf seiner Burg Neuschwanstein. Im jähen Wechsel von Todesweh und Lebenstrotz fühlte er sich wieder wie ein Gebrochener an Leib und Seele und verbat sich tagelang jeden Gruß und jeden Zuspruch.

Mit dem Schloßbau auf der Chiemsee-Insel ging es in diesem Jahre zur Freude des Königs so rüstig vorwärts, daß man für die endliche Vollendung des Werkes glaubte nicht mehr fürchten zu müssen. Die offizielle Welt von München wie die in- und ausländische Presse befleißigten sich einer auffallenden Zurückhaltung. Selten hörte oder las man ein Wort vom König und seinen Bauten. Die Regierungsmaschine arbeitete ohne Stockung, obgleich der Regent wie verschollen war. Die Schwierigkeiten und Sorgen waren nicht verschwunden, sie hatten sich gemehrt, nur spielten sie jetzt unter der Oberfläche und hinter verschlossenen Türen. Alle, die eine Verantwortung im höchsten Staatsdienste zu tragen hatten, begriffen, daß von Jahr zu Jahr die Lage verwickelter und gefährlicher wurde. Es mußte an entscheidende Schritte gedacht und das Gewagteste ins Auge gefaßt werden, um endlich eine gründliche Wendung zu geordneten Verhältnissen am königlichen Hofe herbeizuführen. Die Eingeweihten, die kühlen Blutes die Lage in der nächsten Umgebung des Königs überschauten, konnten sich nicht länger dem Eindrucke verschließen, daß der Hofhaushalt seiner vollständigen Zerrüttung entgegentrieb. Der finanzielle und moralische Zusammenbruch war unabwendbar, wenn der seitherigen Wirtschaft nicht Halt geboten wurde.

Der König hatte sich in krankhaftem Groll und wachsendem Mißtrauen mehr und mehr von der persönlichen Berührung mit den Ministern und Hofbeamten zurückgezogen. Sein Verkehr waren fast ausschließlich die von ihm beschäftigten Bauleute und Künstler; zu seiner Erholung erwählte er den Umgang mit dem niederen Personal des Dienstes, mit Stallknechten, Lakaien und den Soldaten seiner Schloßwache. In schmerzlicher Scheu zog er sich vor der übrigen Welt zurück. Sie flößte ihm Furcht ein. Er flüchtete in die Einsamkeit wie in ein Versteck. Nur die Not, sich finanziell über Wasser zu halten, trieb ihn, seinen Widerwillen gegen die Außenwelt soweit zu überwinden, daß er Fremde empfing, die ihm von seinen neuen Kassenverwaltern zugeführt wurden. Selbst Staatswürdenträger mußten nicht selten die Vermittlung eines Leiblakaien oder Stallbediensteten anrufen, um persönlich zum Könige zu gelangen.

Seine Künstlerphantasie arbeitete in fieberhafter Unrast weiter. Sein Arbeitszimmer glich einem Baubureau. Auf einer großen Staffelei von Ebenholz stand ein neuer, riesiger Plan, eine gotische Burg auf dem Falkenberg, ein ausgeführtes Modell dazu auf seinem Schreibtisch. Von dem Söller seiner Wohnung aus konnte er auf die Kuppe des Falkenberg hinübersehen. Die Vermessungen waren bereits ausgeführt, die ersten Vorarbeiten zur Herstellung einer Straße zum neuen Bauplatz im Gang.

Eine gotische Burg! Aber nicht nach irgendeinen historischen Vorbild, sondern aus den Eingebungen seiner schaffenden Künstlerkraft, sollte das Werk erstehen. Eine Huldigung an den deutschen Genius, wie er sich in dem sehnsüchtigen Glauben an ein Überirdisches, an ein erlösendes Jenseits kundgab.

Es sollte ein Reichtum plastischen und malerischen Schmuckes werden, wie er seit den großen Kathedralbauten deutscher Gotik in der Welt nicht mehr gesehen worden. Der Kosmos der deutschen Seele im irdischen Abglanz göttlicher Offenbarung und Verheißung – wie ihn Anastasius Grün besungen:

Doch deutsche Kunst ist's, die's vollbringt,
Daß Anmut der Gewalt nicht fehle.
Der Turm von Stein scheint eine Seele,
Die christlich fromm nach aufwärts ringt.
Durchbrochenes Laub mit zarten Rippen
Will Morgentau im Äther nippen,
In Fluten strömt der Tag darein,
Verklärt, vergeistigt wird der Stein
Und treibt so luftig leichte Ranken,
Dir bangt, daß sie im Winde schwanken.
Jetzt faßt's zusammen sich im Kerne,
Zur Rose wird der Giebelstein
Und mündet all sein irdisch Sein
Verduftend in die ewigen Sterne – –

Was der Kölner Dom unter den Kirchen, das sollte diese neue Burg unter den Profanbauten werden. Ein christlich-germanisches Hohelied inbrünstiger Hoffnung auf das Heil! Die siebente Bitte des Vaterunsers »Erlöse uns vom Übel!« in der erhaben-feierlichen Sprache gotischer Architektur-Mystik! Eine Burg, darein die Seele flüchtet – ein neues Zion!

»Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt,« rief er mit dem königlichen Psalmisten.

Zunächst mußte er Hilfe suchen bei den irdischen Mächten, die über gemünzte Schätze und kursfähige Bankscheine gebieten. Die Kasse war wieder erschöpft. Doch der König war voll Vertrauen. Sein neuer Schatzmeister hatte ihm einen Fremdling vorgestellt, der mächtige Hilfsquellen im Auslande habe, mit allen Rothschilds der Welt auf du und du stehe – eine geheimnisvolle Persönlichkeit. Die Sache sollte möglichst verschleiert werden, damit die in München nichts davon erführen. Das entsprach ganz seiner Neigung und seiner naiven Phantastik in ökonomischen Fragen.

»Ich bin nur Agent, Majestät. Ich will mich Ihnen nützlich machen.«

»So – gut. Sie sind nicht selbst Bankier?«

»Nationalökonom meines Zeichens,« erwiderte der Fremde in gebrochenem Deutsch.

»Jawohl, das kann man auch sein. Ich verstehe das zwar nicht, Nationalökonomie habe ich nicht studiert. Einmal habe ich ein Buch von einem gewissen Marx ausgeschlagen: ›Das Kapital‹ – nicht zwei Seiten konnte ich lesen, ich wäre verrückt geworden. Ich habe das Buch meinem Gärtner geschenkt. Der ist auch richtig verrückt geworden. Haben Sie viel Geld?«

»Ich bin Agent. Millionen gehen durch meine Hand, täglich.«

Der König betrachtete die Hand des Fremdlings. Sie war schmal, mit langen Fingern. Er fragte: »In Ihrem Lande herrscht großer Reichtum?«

»Auf einer Landfläche, halb so groß wie Ihr Königreich, Majestät, arbeitet eine Volksmenge von zehn Millionen unter permanentem Hochdruck. Das ist großartig. Überall höchste ökonomische Ausbildung und Organisation. Die Leute sind fleißig wie die Narren. Der Goldstrom, der Goldstrom – ein jeder will herausschöpfen –«

»Der Goldstrom –« wiederholte der König wie hypnotisiert.

»Millionen Maschinenspindeln surren, zehntausend Webstühle rasseln, die Landschaft ist mit Kohlengruben und Eisenhütten wie gepfeffert, wir haben alles –«

»Alles – gut, gut. Das habe ich einmal gelesen. Ein furchtbares Bild, nicht zum Anschauen. Rauchgeschwängerte Atmosphäre, daß man weder Sonne noch Sterne sieht; Menschen schwarz wie die Teufel vor lauter Ruß; Häuser, Straßen wie – na, wie denn?«

»Weiß ich nicht, Majestät. Aber die Unternehmer! Drauflosgänger, Moltkes und Bismarcks des Industrialismus – Ausbeuter, natürlich, aber zum Segen des Landes. Wo soll der Reichtum herkommen?«

Der König: »Eine verwegene Geschichte. Ist das Kultur?«

»Weiß ich nicht, Majestät. Danach frage ich nicht. Ich bin Agent. Aber so wird jenes merkwürdige Produkt erzeugt, das die Sozialisten Mehr-Wert nennen.«

»Nennen – ja, kriegen – nein. Was gehen mich die Sozialisten an? Sind Sie Sozialist? Sie sind Agent. Haben Sie Geld bei sich? Wieviel Millionen? Man kann mir nur mit Millionen dienen.«

»Die besorge ich Eurer Majestät. Es sind nur einige Formalitäten zu erledigen.«

»Formalitäten?« Der Fremdling hatte eine Weise zu sprechen, zu betonen, mit dem Blick zu unterstreichen – der König fühlte sich wie umgarnt von seinen Worten, es wurde ihm heiß, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er mußte sich abwenden.

»Ja, Formalitäten, geringe Formalitäten,« wiederholte der Fremdling. »Um Lebens und Sterbens willen – so will's die Ordnung, Majestät. Eine Kleinigkeit: Formalitäten.«

»Sind Sie ein Dämon? Ein Vampir? Sie gehen mir ans Blut mit Ihren Formalitäten!« Der König griff sich an die Halsbinde. »Wie viele Millionen haben Sie?«

»Soviel Eure Majestät befehlen. Nach Erledigung der –«

»Und ich bekomme die Millionen sofort, ohne Aufsehen, sozusagen ganz unter uns?«

»Ganz unter uns. Nach Erledigung der Formalitäten glattes Geschäft.«

Dem König war, als umkrallten ihn eiserne Fänge. Er war wehrlos. Es wurde ihm dunkel vor den Augen. Ist dieser Mensch eine Wirklichkeit oder eine dämonische Vision, ein Höllenspuk? Er klammerte sich an die Stuhllehne.

Schweigen.

Der Fremdling in der nämlichen durchdringenden, entwaffnenden Weise des Tones und der Geste: »Ich gewähre nicht gern Bedenkzeit in Unternehmungen, die prompt geführt sein wollen. Ich sehe den Nutzen nicht ein. Fordere ich aber Bedenkzeit, so mag mein Partner sehen, wie er zu seinen Millionen kommt. Ich bin nicht der Bedürftige. Ich bin der Anbietende, die Millionen sind in meiner Hand.«

Ein Wetter kam aus der Ebene heraufgezogen. Ein anderes stand über den Bergen. Von allen Seiten drang das Dunkel ein.

Der König stand unbeweglich, die Hände krampfhaft an der Stuhllehne, den Kopf hintenüber, die Augen nach oben, daß nur das schimmernde Weiß zu sehen war.

Ein Mephistogrinsen lief über die harten Züge des Fremdlings. Er begann wieder – in der Ferne grollte der Donner: »Ich baue nicht, ich habe kein Versailles zu vollenden, keine gotische Burg auf den Falkenberg zu setzen. Meine Schränke sind gefüllt, ich kann meine Millionen rollen lassen, wohin ich will. Ich kann sie auch zurückhalten und wenn man mir ein Königreich dafür verpfändete –«

»Ein Königreich –« kam es schwach von den Lippen des Königs.

»Meine Millionen sind eine Macht. Wer sich mit ihnen verbündet, der ist geborgen. Es ist kein Geschäft, was ich bringe, es ist ein Bündnis. Jeder Teil muß wissen, was ihm der andere wert ist. Im Kampf ums äußerste – und Majestät stehen in diesem Kampfe – gibt man das Letzte, um das zu empfangen, was den Sieg sichert. Sprechen Sie Bismarcks Wort gelassen aus: Do ut des – Sie haben nichts zu verlieren, alles zu gewinnen. Ein Pfand, damit das Bündnis perfekt wird, das ist die ganze Formalität. Ich erwarte positive Vorschläge.«

Der Donner rollte aus der Ebene. Der Donner rollte über den Bergen. Keine Blitze, nur zuckender, fahler Wetterschein, der das dunkle Gemach in kurzen Pausen elektrisch erhellte.

Als der König aus seiner Erstarrung erwachte, fand er sich allein. Der Fremdling war verschwunden. An seiner Stelle stand der neue Schatzmeister.

Mit einer sanften Stimme wie der eines Kindes sagte er zu dem verwundert schauenden König, der sich vom Stuhle losmachte: »Majestät haben den Mann fortgeschickt?«

»Den Mann?«

»Er wollte sich wohl gar eine Provinz aussuchen?«

»Das kann er ja. Es ist nur eine Formalität –« sprach der König und ließ sich in den Armstuhl sinken.

»Millionen sind nun einmal an Formalitäten gebunden.«

»Es war ein Agent.«

»Ein zuverlässiger Unterhändler. Man kann auf ihn bauen, Majestät.«

»Bauen –« sagte der König gedehnt, wie aufs neue von einem krampfhaften Traum umfangen.

»Soll ich mit ihm unterhandeln? Ihm positive Vorschläge machen? Dann bitte ich um die Genehmigung Eurer Majestät.«

»Meine Genehmigung –«

»Danke, Majestät.«

»Muß es sein, ich verpfände mein Königreich –« klang es kaum vernehmlich wie aus dem Munde eines, der mit einem schweren, bangen Traume ringt.

»Danke, Majestät.« – –

Im Zimmer des neuen Schatzmeisters harrte der Fremdling voll Ungeduld. Endlich.

»Nun, mein Freund?«

»Es ist geglückt. Das Wort ist buchstäblich gefallen: Er verpfändet sein Königreich.«

»Das genügt für den Augenblick. Mehr bedürfen wir nicht. Nun heißt es, den Geldbedürftigen hinhalten mit guter Manier, bis ihm die Krisis und seine Nerven wieder den Mund öffnen, daß man ihm bis auf die Seele sehen kann. Klugheit! Es ist nicht nötig, ihn zu reizen, damit ja kein Abenteuer die Sache unterbricht. In der Sprache des Agenten: Das Geschäft ist auf dem besten Wege.«

An dem Abend ging noch eine chiffrierte Depesche nach München. Sie wurde am Schalter mit Spannung erwartet. Sie traf verspätet ein, das Unwetter hat den telegraphischen Betrieb zerstört.

In der Nacht wurde der König von furchtbaren Visionen verfolgt. Sobald er die Augen schloß, sah er sich mit traumhaft deutlicher Schrecklichkeit als Versuchstier – der Fremdling bohrte ihm das Gehirn an, auf dem Boden rollten Millionen, blutigrot, der Fußboden schwankte.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.