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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In heller Vorfrühlingsnacht plötzlich wieder starrender Winter. Ungeheure Schneemassen jagte der Nordwind an die Berghänge und schüttete die Täler voll. Der König fror in seinem Bett. Es war ihm, als dränge versteinernde Kälte aus der Eisestiefe der Pöllatschlucht durch die Mauern seiner Burg. Er erhob sich, kleidete sich an und begab sich in sein Arbeitszimmer. Er wollte doch überhaupt die Nacht durcharbeiten und tagsüber die wenigen Stunden dem Schlafe gönnen, den sein geringes Ruhebedürfnis erheischte. Drei bis vier Stunden genügten ihm ja. Wie konnte er denn wieder in die alte törichte Gewohnheit verfallen, sein Lager in der Nacht aufzusuchen? Wie ärgerlich solche Erschlaffungen! Höchst unzufrieden ließ er sich in den Lehnstuhl am Schreibtisch fallen. Auch hier unbehagliche Temperatur!

Er weckte die Diener: »Ich arbeite künftig die Nacht durch und schlafe am Tag. Man sorge für Wärme – ich halte es in dieser Hundekälte nicht aus!«

Man schleppte Pelze und Decken herbei. Die Diener machten lange Gesichter. Ihre Bewegungen waren noch schlafbefangen. Aber der König sollte nichts merken. So strengten sie sich an, recht mobil zu erscheinen und von glühendem Diensteifer beseelt, während ihnen die Zähne klapperten.

»Seh' einer diese Heinzelmännchen!« lachte der König. Das drollige Bild schenkte ihm bessere Laune. Bis an die Nasenspitze in Pelz gehüllt, saß er da. Er spottete: »Heinzelmännchen sollten sich an den Händchen fassen und einen Reigen hopsen, damit ihnen warm wird und die Schlafäuglein aufgehen!«

Die Diener standen an der Tür, wie Grenadiere mit eingeschlafenen Beinen vor Schilderhäuschen.

»Wahrhaftig, Heinzelmännchen, eins putziger als das andere. Ich habe nie gewußt, daß ich so niedliche Kerlchen in meinen Dienst habe. Ab ins Nestchen!«

Ganz verdutzt zogen die langen Burschen ab.

Im Nachsehen kam ihm der Gedanke: »Versuchstiere! Was nützt alle Verpoeterei? Ich wette, draußen verlachen und verwünschen sie mich!«

Schlimmere Gedanken kamen ihm, als er auf seinem Arbeitstisch in dem noch unerledigten Rest des jüngsten Einlaufs kramte: »Man ist schlecht bedient aus zu viel Güte. Könnte man böser sein, es würde besser werden. In alten Stücken fand ich dies: die guten Menschen sind im Grunde nur Werkzeuge in der Hand der bösen Menschen. In allen Trauerspielen spricht nur diese Moral: wenn du dich als Sieger fühlen willst, mußt du Freude an bösen Streichen haben. Das Böse sättigt sich selbst, das Gute zieht hungrig mit einer platonischen Belohnung ab. Die Welt ist das grenzenlos Schlechte, das absolut Böse. Wer nicht imstande ist, hinlänglich Teufel zu sein, um dies als ihre innerste Schönheit zu empfinden, der zahle Fersengeld – in dieser Welt ist kein anständiger Platz für ihn. Hätte ich doch unter meinen Separatdichtern einen einzigen Teufel, der mir daraus ein eindringlich dämonisches Drama machte! Aber es sind lauter Idylliker, die nur ein bissel Schneid kriegen, wenn ich ihnen die historischen Masken anweise, aus denen sich mit der erlernten Rhetorik speiteufeln läßt – vor mir, der auch nur Idylliker ist! Ein Idylliker – ich riskiere die persönliche Majestätsbeleidigung!«

Ein furchtbarer Windstoß fuhr wider die Scheiben.

Der König sah auf: »Vorfrühling! Ich werde morgen auf meiner Insel im Chiemsee nachsehen, was dort blüht.«

Und er kramte und las weiter. Plötzlich wurde er ganz still und starrte lange auf eine Stelle. Dann lachte er höhnisch auf.

Es war ein Bericht aus Bayreuth, den er krampfhaft in der Hand hielt – und was für ein Bericht!

Das Festspielhaus so gut wie verkracht – das Olympia der Deutschen vor dem Bankrott! Der siegreiche Meister gezwungen, als Konzertdirigent im Ausland herumzuabenteuern, von London bis Petersburg, und Bruchstücke seines Nibelungenwerks zu schnödem Gelderwerb zu verschachern! Der in Kämpfen ergraute Genius in neuer Not – hausiert bei Fremden seine deutsche Kunst, um die Schulden zu zahlen, die er sich mit dem Geschenk seiner Nibelungen an das deutsche Volk aufgebürdet! Inzwischen bleibt das Festspielhaus geschlossen – im germanischen Göttertempel können Eulen und Fledermäuse sich vergnügen, Walhall können die Spinnen mit ihrem grauen Netz umziehen – es ist kein Geld mehr da, da schweigen alle Flöten, und den Rheintöchtern bleibt das Lied in der Kehle! An Parsifal ist unter diesen Umständen gar nicht zu denken. –

Mit Tagesanbruch schickte der König nach seinem Schatzmeister. Der war schon unterrichtet. Bayreuth wolle keinen Pfennig geschenkt, nur einen erklecklichen Vorschuß, der auf die Tantiemen der Wagnerschen Werke im Hoftheater verrechnet werden soll. Der Meister lehne es unbedingt ab, von dem Könige geschenkweise auch nur das Geringste anzunehmen, er wolle um jeden Preis Bayreuth auf eigene Gefahr und Rechnung halten. Nur um einen Vorschuß mit der Bedingung der Rückzahlung bitte er. Was er jetzt auf Konzerten als Dirigent und Komponist verdiene, reiche leider bei weitem nicht, und es sei ihm sehr schmerzlich, die Kabinettskasse angehen zu müssen, da er aus den Zeitungen wisse, daß der Künstler auf dem Throne selbst mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen habe.

Der König stöhnte.

»Ich hoffe, die Sache ist in dieser vom Meister gewünschten Form bereits erledigt,« sagte er nach einer Pause gramerfüllt.

»Noch nicht, Majestät,« erwiderte der Schatzmeister.

»Noch nicht?« Der König wechselte die Farbe und rief heiser: »Zahlen!«

Der Schatzmeister legte ein Folioblatt mit langen Zifferreihen aus den Tisch: »Hier, Majestät, die Zahlen!«

Hastig ergriff's der König und zerriß es in Fetzen: »Nicht Ziffern! Nicht Zahlen! Bezahlen! Bezahlen sollen Sie, die mir so grenzenlos schmerzliche Bitte des Meisters von Bayreuth erfüllen – verstehen Sie jetzt? Die mich so unendlich beschämende Sache, diese ewige Nibelungennot, aus der Welt schaffen!«

»Womit?« fragte der Schatzmeister ungerührt. »Die Kabinettskasse ist nahezu erschöpft durch die neuen Bauten. Die Hoftheaterkasse ist erschöpft durch die Ausgaben für die Separatvorstellungen für Eure Majestät. Die Ausstattung des indischen Stücks hat allein einige hunderttausend Mark verschlungen. Ich kann mit ganz genauen Zahlen dienen, wenn Majestät befehlen –«

»Zahlen! Zahlen! Immer wieder Zahlen!« rief der König zornig grollend. »Bin ich ein Tütendreher? Ein Pfennigfuchser? Was gehen mich Ihre Zahlen an? Bezahlen sollen Sie! Das deutsche Volk läßt Richard Wagner im Stich, Sie lassen mich im Stich, blamieren mich, seinen einzigen treuen Freund – wo will denn das hinaus? Schämen Sie sich denn nicht, Mann? Also treiben Sie das Geld auf, wo Sie mögen, und lassen Sie mich in Ruhe! Adieu!«

Der König ließ seinen Schlitten anspannen, die Reiter aufsitzen und Laternenträger, denn das Morgengrauen hatte sich wieder in Nacht und Nebel verwandelt. Es wollte nicht mehr Tag werden. Wie die wilde Jagd raste der Schlitten und Reiterzug durch die eisstarrende Welt an verschneiten Wäldern und Gehöften vorüber zum See in der Ebene.

Dreimal in diesem Monat verlegte der König sein Hoflager. Eine unerträgliche peinigende Unrast verwehrte ihm längeres Bleiben am Orte. Unangenehme Nachrichten drangen von allen Seiten auf ihn ein. Ungeahnte Schwierigkeiten tauchten an allen Ecken und Enden auf. Die Minister flehten ihn an, seine Popularität durch seine weltfremde Lebensweise nicht länger aufs Spiel zu setzen. Dann baten sie ihn wieder, er möge sie durch öffentliche Beweise seiner Huld und seines Vertrauens in ihrem verzweifelten Kampfe gegen die klerikale Kammermehrheit stärken oder neue Männer mit den Staatsgeschäften betrauen. Die Kammer und die Presse drohten mit gewaltsamer Ministerstürzerei –

Der König verfaßte sofort ein huldvolles Vertrauensschreiben nach dem bekannten Schema an die Minister und begnadigte einige einfache Von-Exzellenzen mit dem erblichen Freiherrntitel. Aber diese platonische Unterstützung der regierenden Ministerstuhlinhaber schien nur die Wut der Kammerindianer noch zu steigern, sie lärmten noch wilder auf dem Kriegspfad und schwangen noch gieriger nach Ministerskalps ihre langen Redemesser.

Dem Könige wurde das Bild doch zu bunt. Auf welchem Hundsstern lebte er denn? Er geriet in helle Verzweiflung und schrieb, zum äußersten in seinem romantischen Widerstande gegen Weltlauf und Schicksal entschlossen, an einen alten, vertrauenswürdigen Gelehrten und Archivbeamten:

»Mein lieber Staatsrat, ich bitte Sie dringend um einen Dienst. Reisen Sie sofort nach dem Süden, ins Morgenland, in die weite Welt, und kundschaften Sie für mich eine kleine Insel aus, wo ein deutscher Fürst, der Geschmack hat und auf anständige Umgebung und erträgliches Wetter hält, seine Tage in Ruhe und Schönheit beschließen kann. Brechen Sie schleunigst auf. Ich erwarte Ihre Berichte mit Ungeduld. Grüßen Sie mir Ihre Frau Gemahlin, die hoffentlich zu Hause bleibt und sich wohl befindet, damit die Sache keinen Aufschub erfährt. Lassen Sie nichts darüber in die Zeitungen drucken, veröffentlichen Sie auch keine Reiseschilderungen, bevor ich sie im Manuskript gelesen. Meinen königlichen Dank im voraus.«

Zerstreut griff er nach Goethe. Er blätterte im zweiten Teile des Faust, »Ach ja, mein altes Türmerlied!« Und er klappte das Buch zu und sprach auswendig die Schlußverse:

»Nicht allein mich zu ergötzen,
Bin ich hier so hoch gestellt.
Welch' ein greuliches Entsetzen
Droht mir aus der finstern Welt.«

Dann: »Ja, eine Insel im Mittelmeer. In der Nähe Griechenlands. Egeria sprach mir einmal davon, daß sie einen ähnlichen Wunsch hege und oft im Traume ein wunderbar abgeschiedenes, sinniges Eiland sehe, mit wenigen ganz stillen Menschen, ringsum blauer Himmel und blaues Meer.« Und er dachte sich sein Inselschloß mit Zypressen und Granatbäumen, die Luft durchduftet vom Hauche starker süßer Kräuter – er roch's förmlich.

»Und wenn er aus der Pforte tritt
Und weht sein Mantel über die Gasse,
Dann stehn die Männer, das Haupt geneigt,
Sprechend: Wo sind deine Vasallen –?«

Wochen heftiger Aufregung folgten. Sein Geist arbeitete mehr in Träumen als in der Wirklichkeit. Noch abgeschlossener wollte er leben. Mit den Edelleuten seiner Hofumgebung sprach er nur das Notwendigste. Er schämte sich vor ihnen. Ein König in schmutziger Geldverlegenheit! Ein König in ewiger Not um die paar Millionen, die er zum bauen brauchte! Wahrhaftig, er schämte sich bis in die tiefste Seele hinein. Aus Scham und Empörung warf er die Goldstücke unter die Leute im Stall, in der Küche – er mochte nichts von dem ekelhaften Zeug an seinem Leibe herumtragen. Er wollte reine Taschen haben –

Nun interessierte er sich als Psychologe für die Leute niederer Herkunft. »Versuchstiere!« Er fand das Wort zufällig wieder in seinem Merkbuche.

»So seh ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mir's gefallen,
Gefall' ich auch mir.«

Kannte er die Lakaienseele? Gefiel ihm die Lakaienseele? Was wußte er denn von ihr? Und hatte er in all den Jahren einmal einen ernstlichen Versuch gemacht, die Seele der Leute seiner allernächsten Umgebung kennen zu lernen, objektiv mit den Augen des wissenschaftlichen Versuchers?

Ja, das wollte er jetzt, den experimentellen Versuch machen aus Selbstbewußtsein, auf den Grad von Feinfühligkeit und Stolz bei den Leuten niederer Herkunft. Es waren, nach der Gewohnheit des täglichen Verkehrs zu urteilen, gewiß prächtige Menschen, die ihren Beruf nicht verfehlt hatten. Aber legte er nicht mehr erhöhte Menschlichkeit in sie hinein, als tatsächlich in ihnen war? Das war nun zu erproben. Er wollte sie nicht kränken, er wollte nur seine Menschenkenntnis bereichern. Er wollte mit seinem Urteil über den Gehalt an Persönlichkeit bei seiner Umgebung sichergehen. Also Lakaienseele vor!

»Morgen in schwarzer Maske!«

»Majestät befehlen in schwarzer Kleidung, wenn ich recht verstehe?«

»Nein! In schwarzer Maske! Eine schwarze Larve vor dem Gesicht, wenn man mich bedient – ist das deutlich? Ich habe lange genug die nackte Visage gesehen.«

Der König war gespannt aus den Erfolg. Gleich dachte er bei sich: »Der arme Kerl wird tödlich gekränkt sein. Er wird in die Berge durchbrennen und lieber als Wildschütz sich durchschlagen und Mord verüben, als jetzt mit der Narrenlarve als Faschingshanswurst den König bedienen – Herrgott, es ist doch eine unerhörte Zumutung!«

Und zum andern Lakaien: »Du trägst fortan ein Siegel auf der Stirn! Ein dickes rotes Siegel! Kannst meinetwegen auch dein Stammwappen darauf drücken oder einen preußischen Taler oder deinen Schutzpatron. Ich habe lange genug die menschliche Dummheit ungesiegelt und unpetschiert ertragen –«

Sofort dachte der König bei sich: »Gerade dieser Wiener hat sich immer tadellos gehalten, er ist in seinem Fache geschickter sogar als mancher Minister. Ich kann ihm aber nicht helfen, er muß seiner Menschenwürde einmal hinter die Gardine gucken lassen. Die Physiologen und Irrenärzte erlauben sich im Dienst der Wissenschaft viel schauderhaftere Dinge mit Hunden, Kaninchen, Narren und anderen unschuldigen Tieren. Das Siegel tut ja gewiß nicht so weh wie eine Vivisektion. Und wenn's weh tut, so braucht er's nur abzureißen. Er soll mir trotzen, wenn ihm mein Befehl zuwider ist. Ich wünsche nichts sehnlicher.«

Und zum dritten Lakaien: »Hereinkriechen künftig! Nicht mehr aufrecht auf den Füßen. Ich weiß deine Gestalt auswendig. Ich will sie neu sehen.«

Und zum vierten Lakaien: »Nicht mehr anklopfen, sondern kratzen an der Tür. Das Klopfen macht mich nervös. Das Schicksal klopft an. Du sollst kratzen und scharren. Ich liebe Abwechslung im Geräusch. Ich will sehen, ob du gesunde Nägel hast. Also nicht zimperlich, kratzen mit voller Kraft!«

Und der König dachte wieder bei sich: »Nun habe ich vier treue Diener gekrankt. Sie werden mir den Laufpaß geben. Hätten sie eine Ahnung von meiner wahren Absicht, würden sie mich auslachen. In jedem Falle, fürchte ich, werde ich den kürzeren ziehen. Ich werde mir morgen frische Leute kommen lassen und mich an sie gewöhnen müssen. Mein Experiment wird mich teuer zu stehen kommen.«

Er betrachtete sich im Spiegel: »Wenn ich mich so sehe, möchte ich schwören, daß es zuweilen nicht ganz richtig mit mir ist. Sind meine Experimente mit andern nicht zugleich Experimente mit mir selbst? Aber ist das nicht schließlich die alte Geschichte bei jedermann und überall? Tatwam-asi!«

Der König sah mit Spannung dem Tag entgegen: »Sie werden tun, als wäre nichts geschehen, als hätten wir alle nur geträumt. Das wäre wahrhaftig das klügste.«

Weit gefehlt. Am nächsten Morgen, als sich der König nach einer arbeitsam durchwachten Nacht für einige Stunden zu Bett begab, bedienten ihn vier bekannte Menschen: der eine mit einer schwarzen Maske vor dem Gesicht, der andere mit einem dicken roten Siegel auf der Stirn, der dritte auf allen vieren kriechend, der vierte wie ein Krallentier mit allen zehn Fingern an der Tür kratzend – zum Erbarmen!

Der König war entsetzt über dieses Ergebnis seiner Seelenerprobung. Er brach in bitteres Lachen aus. Die herrlichen Verse des Sophokles fielen ihm ein: »Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch.« Und er fügte bei: »Ja, edler Sänger, sofern der Mensch ein Mensch – und kein Hundsfott ist.«

Die maskierten Biedermänner jedoch dachten in ihrem Lakaiensinn: »Der König ist verrückt, sonst könnte er nicht solche Dinge von uns fordern. Das geht über den erlaubten Spaß. Solche Possen treibt nur einer, dem's im Oberstübchen nicht geheuer ist.«

Daß sie »solche Possen« und »unerlaubte Späße« willig ausführten, fanden sie vernünftig und vollkommen in der Ordnung. Und der Nachbarschaft bliesen sie in die Ohren: »Es ist nicht mehr richtig im Kopfe eines gewissen sehr hohen Herrn.« – Sie hatten ja Beweise, ihrer Loyalität war nichts vorzuwerfen. Von der Zeit an sah man Lakaien mit sehr selbstbewußten, überlegenen Mienen im königlichen Dienst.

Nur der König selbst sah's nicht. Er hatte den Kopf voll ernsterer Dinge und hatte es längst wieder vergessen, die Mienen und Seelen der Lakaien zu studieren.

Bald hörte er dies: Die Presse des In- und Auslandes meldet, daß sie aus bester Quelle die Absicht des Königs erfahren, seine Krone niederzulegen oder sein angestammtes Land gegen eine Insel in der Nähe Griechenlands zu vertauschen. Man sei gezwungen, bezüglich der Gesundheit des Königs sich ernsten Besorgnissen nicht mehr zu verschließen.

Und er wütete gegen die Presse und ihre Zuträger. Er nannte sie lächerliche Ungeheuer mit langen Ohren und unendlichen Schöpfrüsseln für »beste Quellen« – welche Sümpfe wären da noch zu entdecken? – und fragte, ob es nicht möglich sei, diesen Tintenfischen in dem großen Preßnapf zwischen München, Wien, Paris und London einmal gründlich auf die Flossen zu treten?

Bald mußte er in neuer Lesart hören: Die Presse des In- und Auslandes hält es für ihre Aufgabe, im Interesse des bayerischen Kredits sich mit den finanziellen Hintergründen der millionenverschlingenden, durchaus unrentablen Königsbauten im Gebirge und im Chiemsee zu beschäftigen.

Dann kam der Zusatz: In hohen deutschen Reichskreisen verfolge man mit Mißfallen die ostentative Verherrlichung Frankreichs in den Luxusbauten eines deutschen Bundesfürsten. Es sei unerhört, daß ein deutscher Monarch in seinem Lande Versailles nachahme und dem Erbfeinde, der seit Jahrhunderten mit seinen Mordbrennerbanden in der Pfalz und am Rhein herrliche deutsche Kulturwerke zerstört habe, Denkmäler errichte.

Der König brach in Tränen aus vor Zorn und Empörung: »Das ist die heilige und unverletzliche Majestät im neumodischen Staate: jeder Stegreifritter kann sie aus dem Busche anfallen.«

Schmerzlichstes Sinnen nahm seine Gedanken tagelang gefangen und unterbrach seine Arbeit. Er hielt Rückschau auf sein Schaffen, seit er sich und seine Krone den höchsten Aufgaben der Kunst und der Kultur geweiht. Nie hatte er das Beste seines Landes aus dem Auge verloren. Wo war Kaiser und Reich, wo waren Parlamente und Volk, als es galt, den größten lebenden Künstler Deutschlands, der die Heiligtümer Germaniens in wahrhaften Reichskleinodien unsterblicher Kunstwerke neu erstrahlen ließ, vor Verzweiflung und Untergang zu retten? Keinen Pfennig hatten sie für ihn und den Wundergedanken von Bayreuth. Wo sind denn die Reichstaten an lebendiger Kunst? Der Bayernkönig hat ihr Millionen und ein Leben voll Arbeit gespendet, er hat dem vaterländischen Theater- und Opernwesen neue Ziele und Wege erschlossen, er hat das daniederliegende Kunstgewerbe erhoben und ihm Blühen und Gedeihen gesichert, er hat als Protektor aller künstlerischen Vorführungen und Ausstellungen, wo die Meisterwerke der Alten und Jungen, der Väter und Söhne in München zur Schau standen, dem Volk zu Ehr' und Vorbild, seine Residenz zur ersten Kunststadt Deutschlands gemacht – und nun zieht man seine vaterländische Gesinnung in Zweifel? Seine Bauten – ja, waren denn nicht gerade sie die große Kraft und Kraftübertragung, wodurch erst alles in Schwung kam? Er hat nicht geredet und große Worte gemacht – er hat gehandelt und seine gesamte Einnahme als König und als Privatmann seiner Tat zum Opfer gebracht. Was will man denn noch? Welcher andere deutsche Fürst, reicher als er, tat denn mehr oder nur ebensoviel? Und der Sinn seiner Bauwerke? Hat man sich denn je einmal kulturmenschenwürdige Mühe gegeben, ehrlich ihren Sinn zu ergründen?

Ach ja, seine Träume von Schönheit, Glanz und Frieden auf einer fernen Insel, auf einem stillen Stern – die dürfe kein König träumen? Unter der Krone darf keine Sehsucht nach einem vornehmeren Volke, einer verfeinerten Menschheit wohnen? –

Und als der König ähnliche Fragen mit seinen Räten durchsprechen wollte, da fand er ein merkwürdiges Vor- und Zurückgehen in ihren Äußerungen, ein Ja-Aber-Immerhin-Dennoch, dem er nicht zu folgen vermochte, es schwindelte ihm bei diesem Zickzack. Ist es den gescheiten Bureaukraten nicht mehr möglich, einen Menschen in seiner Weise zu nehmen, rund oder gradlinig, wie er nun einmal ist, in seiner vollen Natur und ehrlichen Eigenart? Oder ist die bureaukratische Schablone überhaupt nicht fähig, einem reinen und eigenwüchsigen Menschenwesen gerecht zu werden? Ja-Aber! Immerhin-Dennoch!

Und wenn der König von Kunst und Kultur sprach, sprachen sie von den »Geldmitteln« und ähnlichen krämerhaften Titeln. Dafür entdeckte der König in sich absolut kein Organ; das war ein Sinn, der ihm offenbar fehlte. Er war kein Finanzgenie.

Alle Teile schüttelten den Kopf und schieden ohne Verständigung.

Wenige Tage hernach ließen sich zwei Minister zum Vortrage melden. In dringenden Geschäften also womöglich gleich am Vormittag. Pflichteifrige Grauköpfe, von denen der König wußte, daß ihnen die Nacht zu nichts anderem behagte, als sich wohlig im Bette zu strecken und von der Ministersesselarbeit auszuruhen. Er ließ ihnen sagen, daß seine Bettstunde am Vormittag sei, da pflege er keine Audienzen zu gewähren. Also am Nachmittag? war die Gegenfrage. Auch nicht, da müsse Majestät sich für seine künstlerischen Arbeiten sammeln. Wann dann? Am besten gegen Mitternacht, da fühle sich Majestät am frischesten. Ein kurzes Auffahren und Stutzen: Ausnahmsweise, nur diesmal? Nein, das würde wohl künftig die regelmäßige Audienzstunde sein. Für Majestät gelte Nachtarbeit jetzt als feste Lebensordnung. Des Dienstes »ewig gleich gestellte Uhr« müsse sich diese kleine Abänderung schon gefallen lassen.

Der König fürchtete, die pflichteifrigen Grauköpfe würden ihm ihr Ministerportefeuille voll Entrüstung vor die Füße legen. Etwa mit der Begründung: Allergnädigster Herr, wir sind keine Nachteulen, die Amtsstunden der Minister sind wie die Audienzen der Fürsten – wenigstens in der gesitteten Welt – am Tage: Geruhen Majestät sich Nachtminister zu bestellen, wir anderen sind nur für den Tag verpflichtet, so pflegt's in friedlichen Zeiten in allen zivilisierten Staaten gehalten zu werden – Gott befohlen, Majestät!

Mit nichten! Keine Silbe davon! Die armen pflichteifrigen Minister keuchten auch um Mitternacht heran mit ihrem Portefeuille. Mußte es sein, kletterten sie bei Eiseskälte ins Gebirg, überallhin, wo es der Majestät beliebte.

Der König unterdrückte ein ironisch schmerzliches Lächeln: Versuchstiere! Als einmal mörderischer Schneesturm wütete, dachte er bei sich: »Wer weiß, vielleicht entdecken sie doch noch, daß das den Zusammenbruch der alten Welt bedeute, auf die sie eingeschworen sind – und sie mögen nicht dabei sein, sie drücken sich und lassen ihre Portefeuilles auf meiner Schwelle zurück.«

Nichts dergleichen geschah. Die pflichteifrigen Grauköpfe knurrten in ihrem Gemüte und erwogen allerlei schauerliche Gedanken, die nicht im christlichen Katechismus und in der fünften Bitte des Vaterunsers stehen, aber sie hielten tapfer vor der Tür des Königs aus.

»Was werde ich diesmal wieder zu hören bekommen?« fragte sich der König, als sein Staatswürdenträger mit der Miene eines Totenrichters hereintrat. Und er nahm sich vor, daß ihn das »alte Starenlied« diesmal nicht aus der Fassung bringen sollte.

Die Bauten, die ungeheure Verschwendung, Neu-Versailles – die Unzufriedenheit des Volkes, was denn noch? Natürlich! Der König liebenswürdig und verbindlich: »Haben Sie Goethes zweiten Teil des Faust gelesen, genau, Wort für Wort? Ah, Sie schütteln den Kopf. Dieser schreckliche zweite Teil, nicht wahr? Diese Unsumme von Versen, Szenen, Personen, Allegorien – und gar Heerscharen von Geistern nehmen das Wort! Und was für Geister! Die wenigsten haben einen deutschen Geburts- und Impfschein. Und so laut reden diese nichtdeutschen Geister, daß man oft den deutschen Geist Goethes nicht mehr herauszuhören vermag. Dieser schreckliche zweite Teil. Warum ist Goethe nicht bei dem ersten stehen geblieben, warum mußte er diesen zweiten auch noch bauen? Ist dieser erste nicht genügend für seinen Dichterdrang? Es ging doch darin schon weidlich bunt und fragwürdig zu, nicht wahr? Wenn er doch noch dichten mußte, hätte er halt noch ein paar gemeinverständliche, billige Balladen oder ein paar anständige Liebeslieder gebaut, statt mit diesem kostspieligen zweiten Faust seine Popularität aufs Spiel zu setzen! Er war doch nicht bloß Dichter, sondern nebstbei auch Minister, also eine Art Landesregent und hatte auf das Volk Rücksicht zu nehmen, wie ich nicht bloß Bauherr bin, sondern nebstbei auch König, dem man nicht genug Rücksicht aufs Volk anempfehlen kann. Ja, diese Kunstmenschen, unbegreifliche Sachen machen sie oft, nicht wahr?«

Der Minister nachdenklich, so ganz von unten herauf: »Ludwig der Vierzehnte –«

»Ach nein! Da tun Sie etwas ganz Überflüssiges. Ich kenne die europäische Fürstengeschichte ausgezeichnet. Da können Sie mir beim besten Willen nichts Neues sagen oder einen Irrtum nachweisen. Aber ich kenne auch die Geschichte meines eigenen Hauses und die vielleicht besser als Sie und irgendein anderer Mensch auf der Welt. In meinem Geschlechte lebte ein großer, tapferer Vorfahr, jeder Zoll ein Held – und als er in der Not einmal von Hof zu Hof durch Deutschland irrte und überall verschlossene Türen fand, da war es einzig bei Ludwig dem Vierzehnten von Frankreich, wo der Flüchtling königlichen Schutz und Gastfreundschaft fand. Kennen Sie diesen meinen Vorfahr? Sein Denkmal in Erz steht mitten auf dem Promenadeplatz in München – noch lebendiger steht's in meinem Herzen. Gestatten Sie mir doch, daß ich als Wittelsbacher edelmütig und dankbar bin und auch das Bild Ludwigs des Vierzehnten daneben stelle. Nicht auf dem Promenadeplatz in München – in meinem Herzen bloß und in meinen Schlössern. Das darf ich doch wohl, ohne vom bayerischen und deutschen Volk in Verruf erklärt zu werden? Mein großer Vorfahr Max Emanuel, der Erstürmter von Belgrad und Türkenbezwinger, steht doch auch noch in den deutschen Geschichts- und Schullesebüchern, und seine Heldengröße ist noch nicht verblichen, auch wenn die Sonne Ludwigs des Vierzehnten daneben glänzt.«

Der Minister noch nachdenklicher, noch tiefer von unten herauf. »Die Kunst darf niemals einen Einbruch in die Moral sich erlauben, wenn das Volk –«

»Ach nein, das hat sie auch gar nicht nötig, denn die höchste Moral liegt in ihr selbst beschlossen! Darüber will ich mit Ihnen und mit dem Volk auch gar nicht streiten. Gestatten Sie, daß ich wieder ein wenig Goethe, den Dichter und Ihren Ministerkollegen, zitiere:

Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern;
Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar;
Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr sei nicht wahr;
Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht;
Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.

Natürlich ist den gelehrten Herren auch die Pracht in der Kunst eitel Verschwendung und aus diesem Gesichtspunkte die prächtige Kunst wiederum im Verdacht, einen sündhaften Einbruch in die Moral zu verüben. Ich halte es aber wieder mit Goethe, den die tugendsamen Deutschen doch immer noch als ihren Oberklassiker verehren, trotz seiner Moraleinbrüche:

Laßt mir den besten Becher Weins
In purem Golde reichen!

Ach, mein Lieber, leider sind wir nicht in der Lage, das beklage ich selbst, uns und dem Volke den Labetrunk der Kunst, als des besten Becher Weins, der auf unserer Erde gedeiht, in purem Golde reichen zu lassen. Was haben Sie sonst noch für Schmerzen? Daß ich immerzu baue? Immerzu schaffe? Sehen Sie, darin halt' ich's nicht nur mit Goethe, sondern sogar mit der Bibel, welche die Vorschrift enthält: Schaffet, daß Ihr selig werdet! Ich schaffe um meiner und aller kunstsinnigen Christenmenschen Seligkeit willen! Wenn ich nicht schaffe, bin ich unselig. Und ich schaffe sogar mit Furcht und Zittern, denn Ihre steten Mahnungen gehen mir furchtbar auf die Nerven. Verstehen Sie das?«

Der Minister unentwegt: »Die Separatvorstellungen – die Ausstattungen –«

»Die Ausstattungen sind Kunstwerke, sie verbleiben dem Theater. Je solider und schöner sie hergestellt werden, desto länger werden sie dauern. Vorläufig will ich sie allerdings allein genießen. Aber ins Grab werde ich sie so wenig mitnehmen wie meine Schlösser. Alles bleibt dem Volke. Was will es denn mehr? Es braucht nur ein wenig Geduld zu haben.«

»Die Störungen im Wochenplan, im ganzen Theaterbetrieb –«

»Das machen Sie mit dem Intendanten aus.«

»Die Schädigung der Theaterkasse –«

»Lasse ich denn nicht Zuschüsse bezahlen? Ist denn nicht das Hoftheater zu Lasten der Zivilliste?«

»Aber, Majestät, das ist der springende Punkt in allem: wenn die Zivilliste nicht mehr kann?«

»Das ist Sache meiner Finanzbeamten, daß sie kann.«

»Auch die können das Unmögliche nicht möglich machen. Die Schulden nehmen eine unheimliche Ausdehnung an – es ist fast komisch zu sagen: Eurer Majestät Dichter für die Separatvorstellungen drohen der Zivilliste bereits mit Klage wegen ihrer rückständigen Honorare. Die Zeitungen spotten darüber, ernste Blätter fordern eine neue Organisation für die Hof- und Kabinettskasse, es sei ein unwürdiger Zustand –«

Der König betroffen: »Meine Dichter? Auch meine Dichter? Die Zeitungen?« Dann fuhr er auf. »Genug! Sie haben recht, mein lieber Minister, – ist ein unwürdiger Zustand, auch ich fordere neue Organisationen! Ich werde heute noch die nötigen Schritte tun. Beruhigen Sie sich.«

Der Minister: »Wenn die Bauten für einige Zeit pausierten, einige Jahre wenigstens –«

»Nein, nein, kümmern Sie sich nicht darum. Seien Sie ganz ruhig. Es wird weiter gebaut. Alles Begonnene wird vollendet.«

Der Minister begriff. Mit dem König war nicht mehr zu diskutieren.

Nachdem der Minister gegangen, befahl der König, daß man heute niemand mehr vorlasse. Er sei im höchsten Maße der Ruhe bedürftig. Nach einer Viertelstunde verlangte er aber doch in äußerster Aufregung nach seinem Schatzmeister Nummer eins. Er bezeichnete alle Beamten, die mit den Kassen zu tun hatten, nur noch mit Nummern: Einer wie der andere mache auf ihn den gleichen schlimmen Eindruck, als Finanzdrachen seien sie alle über einen Leisten geschlagen.

Der Gerufene erschien in tiefer Bekümmernis.

»Ich weiß, ich weiß,« sagte hastig der König. »Sie haben den Minister gesprochen? Ich auch. Die ewige konfuse Jammergeschichte.

Der alte Sturm!
Die alte Müh!
Doch stand muß ich ihr halten.

Das eine wissen wir, daß wir weiterbauen, daß wir allen Widerspruch brechen.«

»Majestät, ich habe auch die Bankiers gesprochen, die sich mit Angeboten willig gezeigt. Aber sie verlangen, daß bei der hohen Verwandtschaft Schritte geschehen, um Garantien zu erlangen. Vom Ministerium und Landtag sind sie nicht zu haben. Ohne Garantien halten sie ihr Angebot nicht aufrecht –«

Der König fuhr ihm aufgeregt in die Rede: »Garantien? Davon verstehe ich nichts. Machen Sie's, es ist Ihr Fach. Ich garantiere nur, daß ich nach meinem Versailles noch ein Schloß bauen werde, ein chinesisches oder byzantinisches oder sonst in einem passenden Stil, eine wahre Drachenburg. Da lasse ich alle Bankiers und alles bezopfte Geldgesindel hineinsperren. Auch die Poeten dazu, die Klageweiber, da können sie für die vollen Säcke und Bäuche Stücke schreiben und bearbeiten und ihre Silberlinge gleich einstreichen. Es soll der König mit dem Dichter gehen, sagt mein göttlicher Schiller, der noch Noblesse im Leibe hatte, aber meine Dichter laufen von mir weg zum Kadi, um mich zu verklagen! Ist das eine Welt! Wirklich, mein lieber Schatzmeister, gibt es nicht noch andere Leute, die Geld für uns übrig haben? Warum wenden Sie sich gerade an die gewerbsmäßigen Händler?«

»Das ist jetzt der einzig gangbare Weg, Majestät.«

»Gut. Dann gehen Sie ihn. Das ist Ihre Sache. Ich bin nicht mein eigener Schatzmeister. Tue jeder, was seines Amtes ist. Und jetzt will ich Ruhe haben. Früher ging doch alles wie auf Rädern, nicht? Ach, waren das herrliche Jahre! Woher denn mit einem Male diese gräßlichen Schwierigkeiten? Hat sich denn alles wider mich verschworen?«

Der Schatzmeister schüttelte den Kopf und ging.

Aber mit der Ruhe war's vorbei. Den König überfielen wieder die düsteren Stimmungen. Er konnte nicht arbeiten, sein Kopf summte. Er spürte wieder die Schlangen und Spinnen.

Am nächsten Tag befahl er, alles zur Ausfahrt nach dem Fernpaß herzurichten. Er habe Sehnsucht nach der guten Wirtin im Fernpaß-Gasthaus mit den zwei kleinen Stuben und der stillen Andachtswelt von Tirol.

Die brave Gastgeberin war überglücklich, den gütigen Monarchen wieder bei sich zu sehen.

»Grüß Gott, Frau Nachbarin!« redete er sie an, und seine Augen glänzten. Er erkundigte sich nach der Familie, nach dem Viehstand, nach allem.

»Oh, da fehlt nix! Aber Sie schauen soweit auch ganz gut aus. Wieder a biss'l dicker – und die Farb' könnt' besser sein.« Warum er ihr so selten die Ehre schenke? Er habe wohl immer sehr viel zu tun? Immer noch die Freude am Bauen? Nun ja, eine Freude müsse der Mensch haben, wenn er sonst nix hat.

Der König lächelte. Er nahm ihre Einladung ins kleine Gärtlein an. Die Luft war mild und klar und von einem himmlischen Frieden ringsum. Inzwischen wurde die einfache Mahlzeit bereitet. Der König setzte sich zur Frau Nachbarin auf die Bank und erzählte ihr allerlei. Von seinen heimlichen Reisen dahin, dorthin –

»Und immer bei Nacht, kann ich mir denken. Wenn nur die Leut' nicht gleich so boshaft wären und so dalket daher redeten!«

»Ach, liebe Nachbarin, das werden wir den Leuten nimmer abgewöhnen.«

»Schrecklich ist's doch, wenn man so in den Mäulern rumgezogen wird.«

»Man muß sich nur nicht fürchten. Fürchten Sie sich?«

»Ich? Na! Ich wollt's keinem solchen Halodri raten, wenn er zubeißen wollt' – der krieget eine Saftige drauf!« lachte die Wirtin und zeigte ihre feste, derbe Hand.

»Na also!« lachte auch der König.

»A Schneid muß der Mensch hab'n und sich nix g'falln lass'n. Sonst pfüet di Gott!«

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