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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nach seiner Heimkehr ging er mit erfrischter Seele wieder an die Arbeit. Inzwischen war das Wunderwerk von Neuschwanstein mächtig gewachsen und die Anfänge von Linderhof schon aus dem Gröbsten heraus.

Alle Reiche und alle Zeiten der Kunst umspannte mehr und mehr seine nie rastende Phantasie, von unablässigen Studien genährt. Immer neue Probleme der Schönheit kamen zur Erforschung und Gestaltung. Wie er in seinem Theater in einer Folgerichtigkeit, wie man sie auf keiner andern Bühne der Welt schaute, den Reformen und Neuerungen der Wagnerschen Muse eine Stätte bereitete, so wollte er als Bauherr das Erlesenste, Stimmungsvollste und Kostbarste nachschaffen, was das Mittelalter in seiner deutschen Vollendung und die französische Hochkultur in der Blüte des Königtums an feinsten Bauwerken und herrlichsten Ausstattungen hervorgebracht. Sein Großvater hatte sich in Griechenland und Italien verliebt, sein Vater träumte, von der Gotik ausgehend, einen neuen Übergangsstil, warum sollte er sich nicht jene Kunstzeitalter zu musterhaften Nachschöpfungen wählen, die gerade der heutigen deutschen Kultur notwendigste Ergänzung waren: Gipfelwerke des Ritterlich-Phantastischen, des Zierlich-Anmutigen, des Prunkhaft-Majestätischen?

Das Kunstgewerbe im Lande blühte neu auf. Nie hatte ihm ein Herrscher diese Fülle edelster Aufgaben gestellt, nie so fürstlich die Arbeit gelohnt. Der König war auch als Bauherr der Mäzen mit offener Hand. Was er wollte, war vollkommene Arbeit. Nach dem Preise fragte er nicht, selbst wenn er zu hoch war, ließ er nicht feilschen. Die Arbeiter wurden geschult, die Werkstätten erweitert, neue Ateliers begründet. Überall blühendes Leben in den Künsten und Handwerken, in jedem Zweige der Dekoration, vom Größten bis zum Kleinsten, wohin der Blick des Königs fiel. Und stets fiel er zuerst aufs eigene Land. Nur was durchaus vom Auslande in der sonst nirgends erreichbaren Güte bezogen werden mußte, wurde von jenseits der Grenze geholt. Ein Bienenfleiß überall unter dem feurigen Ansporn des Königs. Bibliotheken wurden durchforscht, Museen durchgemustert, Sammlungen der seltensten Modelle angelegt. Nach allen Richtungen der Windrose waren stets Forscher und Lieferanten und Boten unterwegs. Während die Landesvertretung in der Kammer sich katzbalgte und die Parteien in ödestem Gezänk um überlebten Kram sich erschöpften, hieß es beim König: »Gott grüßt die Kunst! Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!« Wie würden die Olympier, die Weimars goldene Tage schufen, deren Glanz in der Geschichte nie verbleichen kann, gejubelt haben, hätten sie in dieser eisernen Zeit diese königlich blühende Kunstoase erblickt!

Mit solchen Gedanken versuchte sich der König zu trösten, wenn sich die kritischen Murrköpfe gar zu laut machten. Die Niezubefriedigenden hatten außer der Bautätigkeit des Königs in den Alpen jetzt in München selbst einen neuen Gegenstand für ihre ewig schlechte Laune gefunden: die erste große Kunst- und Gewerbeausstellung, die unter dem Protektorate des Monarchen eröffnet wurde, damit die Gegenwart an den Werken der Väter ihren modernen Meisterfleiß messen konnte. Die Urheber der besten Leistungen wurden von dem König durch ergiebige Aufträge ausgezeichnet. Die Nörgler hatten auch dafür keine andere Anerkennung als Verschwendung! So blieb die Luft mit schlechten Dünsten erfüllt nach wie vor.

Zuweilen mischte sich der König selbst unter seine Arbeiter und knüpfte kurze Gespräche mit ihnen an, um ihre Gesinnung zu erforschen.

Von einem älteren Bildhauer hörte er das drollige Wort: »Wo das Geld aufhört, fängt die Moral an.«

Ein fränkischer Steinmetz überraschte ihn mit philosophischen Glossen aus dem Gedankenschatz des sozialdemokratischen Materialismus, daß überall das Wirtschaftliche das erste sei, das Geistige nur eine Art Verbrämung des Wirtschaftlichen. Auf eigentlich Politisches ging keiner ein. So vielerlei Fragen auch der König stellen mochte, niemand von allen diesen Leuten verriet eine zweifelhafte Gesinnung.

Auch die Fremdesten erkannten ihn in seinem schlichten dunklen Kleid und an seinem vornehm-freundlichen Wesen. Die Edelweiß-Brillantaggraffe trug er noch nicht an seinem Hute, er trug sie auch später selten. Sobald der König mit den Leuten sprach, die ihm gefielen, wich die Schwermut aus seinen Mienen. Er konnte lachen und scherzen. Man ahnte dann kaum, wie übel die letzten Jahre seinen Nerven mitgespielt. Die durchwachten Nächte am Arbeitstisch und die geringe Rücksicht, die der König auf seine Gesundheit nahm, hatten ihn körperlich verändert. Er war nicht mehr die schlanke Idealgestalt von ehedem. Sein Körper fing an ins Massige zu gehen infolge seiner vielsitzenden Lebensweise.

Aber stets blieb er ungewöhnlich. Seine hünenhafte Erscheinung mit der Lockenpracht und dem wundervollen Auge kennzeichnete ihn als einen großen Ausnahmemenschen, als einen genialen Unzeitgemäßen, der, keiner Mode untertan, sich selbst Maß und Regel ist. Wie ein Göttlicher, wie ein Ewiger wandelte er – und erschien er unter den kleinen Tagesmenschen, so ließ nur seine hohe Leutseligkeit den Gegensatz von Art zu Art vergessen. Er bedurfte keiner Krone, keines Ornats, keines Zeremoniells, um sich aus der Masse als ein Mächtigerer und Vornehmerer zu erheben. Die reine Schönheit seiner Natur hatte ihm das Siegel der Majestät aufgedrückt, unzerstörbar.

Ein kleiner schwäbischer Steinmetz von aufgeweckter, fröhlicher Art wurde vom König öfter angesprochen. Die kurzen schlagenden Antworten gefielen ihm so gut wie sein unverfälschtes Schwäbisch. Einmal fragte ihn der König: »Bist du zufrieden, mein Sohn?« – »Warum au net?« lachte der Schwabe. – »Hast du alles, was dein Herz wünscht?« – »Warum sollt' is net habe?« – »Na, was hast Du denn, daß Du so zufrieden bist?« – »Hon i net genueg ze fresse und mei Konscht?« – »Ach richtig,« rief der König, »genug zu essen zu haben und die Kunst dazu, was bedarf's mehr!« Und er schüttelte dem wackeren Steinmetz kräftig die Hand. Der König fand dieses Wort eines großen Künstlers würdig: Wunschlos zu sein, solange man zu leben und seine Kunst habe! Die gebenedeite göttliche Kunst!

Aber daß die Kunst selbst, wie sie der König liebte und übte, zu ihrem eigenen Leben vieler Millionen bedurfte, das ging ihm erst auf, als ihm der Säckelmeister eines Tages mit den Rechnungsbüchern kam. Der König hatte immer nur das vollendete Werk im Auge und vergaß gern darüber, mit welchen ungeheuren Summen an barem Gelde die Vollendung erkauft werden mußte.

Der König staunte die Rechnungsbücher an: »Was soll mir das? Aber Mann Gottes, das ist doch Ihre und nicht meine Sorge! Teilung der Arbeit, ich tue die meine, Sie die Ihrige. Wenn ich Rosen züchte, kommt dann mein Gärtner und rechnet mir bei Heller und Pfennig vor, was ihm jede Fuhre Mist gekostet und jeder Spatenstich und jede Gießkanne voll Wasser, um meine Rosen zum Blühen zu bringen? Nun also.

Was soll ich mit Ihren Rechnungsbüchern? Sind die Bücher in Ordnung oder nicht?«

»Die Bücher sind in Ordnung, Majestät. Aber die Kasse ist am Versiegen, wenn die Ansprüche in dieser Weise weitergehen.«

»Dann helfen Sie der Kasse aus. Dafür habe ich Sie als Schatzmeister bestellt. Geht das über Ihre Kraft, dann muß ich mich nach einem Ersatzmann umsehen. Nun wissen Sie's.«

Der Säckelmeister zog nachdenklich mit den Büchern ab. Er wollte sich nicht um seine Stellung gebracht sehen. Also galt es, auf allerlei Aushilfsmittel zu sinnen und sich mit den Finanzmächten im Ministerium ins Benehmen zu setzen, bevor die Lage kritischer wurde.

Der König begriff von dem Vorgang nur so viel, daß es Zwischenfälle gibt, die man Zahlungsschwierigkeiten nennt, daß aber solche Zwischenfälle einfach scheußlich und unwürdig sind und darum vom Beamtenpersonal, das mit den Geldangelegenheiten zu tun hat, vermieden werden müssen. Hatte er denn Stümper zu Finanzbeamten? Mögen sie doch ihre Grütze zusammennehmen!

Kaum war der König soweit, daß er vor seinem Palast in Neuschwanstein ausrufen konnte wie Wotan vor seiner Götterburg in den Nibelungen:

»Vollendet das ewige Werk:
Auf Berges Gipfel
Die Götterburg,
Prunkvoll prahlt
Der prangende Bau!

Wie im Traum ich ihn trug,
Wie mein Wille ihn wies,
Stark und schön
Steht er zur Schau –
Hehrer, herrlicher Bau!«

da kam ihm auch vom Linderhof die beseligende Kunde, daß die Ausstattungsarbeiten im Innern der Vollendung nahen, nur die Wasser- und Grottenwerke rückten nicht von der Stelle. Auf die Frage des Königs, was diese unerfreuliche Stockung für Ursache habe, wurde der Bescheid, das wisse allein der Säckelmeister.

Der König ließ den Sünder vorrufen.

»Ich kann nicht schneller und weiter mit den Zahlungen gehen, als die vorhandenen Mittel reichen. Tritt eine Pause ein, ist's nicht meine Schuld, Majestät.«

Schon wollte ihn der König mit einem empörten Wort anfahren, als der Mann des Beutels mit ungeheurem Gleichmute beifügte: »Es ist nicht mehr allein interne Amtssache. Das Volk fängt an, sich um die Baukosten zu kümmern. Die Zeitungen stellen Berechnungen an und machen Glossen dazu, die, wie die Sachen stehen, kaum zu widerlegen sind.«

»Ah!« rief der König und streckte seine gewaltige Figur: »Das Volk fängt an! Wer hat das Volk dazu angestiftet? Die Zeitungen machen Berechnungen – wer hat ihnen die Unterlagen gegeben? Das ist Verräterei! Wer hat sich in des Königs Geschäfte zu mischen?«

Der König war selbst überrascht von der Wut, die ihn plötzlich gepackt. Er nahm sich zusammen, um seine Selbstbeherrschung zu gewinnen und sich vor den Beamten nicht bloßzustellen.

Als er ruhiger geworden: »Können die Leute denn nicht bei ihren eigenen Angelegenheiten bleiben? Müssen Sie sich ewig mit mir beschäftigen? Das Volk, die Zeitungen – gibt's nichts vor ihrer eigenen Tür zu kehren? Ich kümmere mich doch auch nicht um ihre Sachen!«

Der Mann des Beutels, unbewegt wie eine Statue: »Ein Blatt, keins von den geringen, die man mißachten darf, wirft die Frage aus, ob es nicht an der Zeit sei, daß das Volk den Landtag veranlasse, der Bauwut – ich referiere nur untertänigst, Majestät –, der Bauwut des Königs Einhalt zu tun.«

»Wer veranlaßt? Wer regiert?« rief der König wieder mit zornbebender Stimme.

»Majestät, darauf hat ein Blatt – ich bemerke diesmal, das führende der patriotisch-klerikalen Richtung – auch bereits geantwortet. Es hat einen Artikel gebracht, der nicht geringes Aufsehen erregte. Der Artikel – ich referiere nur untertänigst, Majestät –, der Artikel trug als Überschrift: Die königliche Ministerrepublik in Bayern.«

»Genug der Gemeinheit! Ich bitte, mich zu verschonen, ich befinde mich nicht wohl –«

Er befahl sofort anzuspannen. Nur durch eine Fahrt auf der einsamen Gebirgsstraße gegen die Tiroler Grenze, an rauschenden Wasserfällen vorüber, hoffte der König seiner tobenden Nerven wieder Herr werden zu können.

Den Mann des Beutels verwarnte er schriftlich, ihm jemals wieder mit dem kleinen Einmaleins der Zeitungsschreiber und mit den Anmaßungen der Philisterwelt zu kommen. Übrigens: Volk! Wer ist denn hier Volk? Kraft welchen Titels will dieser anonyme Haufen von Erwerbs- und Ehrsüchtigen, von Nachahmern und Nachsprechern den Mund in königlichen Privatangelegenheiten auftun? Zeitungsschreiber! Hat der König von ihnen sich koramieren zu lassen? Steht er unter irgendeines Menschen Vormundschaft?

Diese nie rastende Verfolgungswut! Diese infernale Ränkesucht! Es war dem König unmöglich, die Finanzfrage unter einen anderen Gesichtspunkt zu bringen. All sein Mißtrauen, daß geheime Feindschaften gegen seine Person und Willensfreiheit bestünden, brach wieder mit furienhafter Gewalt los und peinigte ihn Tage und Nächte hindurch.

Wie anders hat das Schicksal seinen Meister-Freund geführt!

Richard Wagner ist nun wirklich der »Meister von Bayreuth«! Er hat das Leben zu bändigen verstanden, daß es ihm zu Füßen liegt wie eine gezähmte Bestie, die Männchen macht, aufwartet, die krallenbewehrte Pfote als weiches Patschhändchen reicht. Die ersten Sänger und Spieler Deutschlands geizen nach dem Ruhm, von dem großen Dichterkomponisten, der zugleich der größte Regisseur, sich unterweisen und im stilgerechten Vortrag seiner Werke schulen zu lassen. Für das Münchener Hoforchester ist es eine vielbeneidete Ehre, in den mystischen Abgrund des Festspielhügels niederzutauchen und die Wunderklänge der Nibelungenpartitur der versammelten Wagnergemeinde wie einer einzigen verzückten Seele zu offenbaren.

Gewiß, der Festspieltempel ist nur ein leichter Bau mit dürftigem Schmuck, eigentlich nur ein Notdach erst, um dem Kunstwerke sein erstes Inslebentreten vor der Öffentlichkeit zu ermöglichen. Trotz der Hilfe des edelmütigen königlichen Freundes reichten die Mittel nicht, einen künstlerisch würdigen Bau zu errichten. Aber dadurch wird dem Ereignis nichts von seiner Bedeutung genommen: der Meister von Bayreuth vollzieht die Krönung seines Lebenswerkes im Angesicht der kunstsinnigen Welt, er löst den Wechsel, den er in unerschütterlichem Vertrauen auf seiner Schöpfung Zukunftswahl ausgestellt, auf der Höhe seines Lebens persönlich ein. Er ist der Sieger!

In der Nacht traf der König in Bayreuth ein, um ein Zeuge des Triumphes seines Meister-Freundes zu sein und das so heißersehnte Kunstwerk im ersten Glanze zu schauen und in reiner, treuer Seele mitzuerleben. Und als Geschenk, als Erinnerungs- und Mahnzeichen, daß der König auch noch seinen Parsifal auf dem Wege der Erlösung zu schauen begehre, überreichte er dem Meister ein kleines seltsames Kunstwerk. Einen Lichtschirm aus feinstem Elfenbein. Über und über mit Schnitzereien in Hochrelief bedeckt. Die große Szene in Klingsors Zaubergarten darstellend, wie Kundry den reinen Toren durch Liebkosungen zu verführen trachtet. Die von dem liebreizenden Helden in keuscher Jünglingsgestalt trotzig abgewiesenen Blumenmädchen schauen aus der Ferne dem Werke der großen Buhlerin erwartungsvoll zu. Aber auch ihr blüht kein Sieg. Der vom Zauberer geschleuderte Speer erreicht sein Ziel nicht, er bleibt über dem Haupte Parsifals schweben. Nichts Unreines vermag den Gottgeweihten zu überwältigen. Ist nicht auch der Meister selbst gleich dem reinen Toren unbeirrt durch alle Wüsteneien und Zaubergärten der feindseligen Verführerin Welt geschritten, sein Erlösungsideal im Herzen, der Menschheit das Heil durch die Kunst zu bringen? Durch Mitleid ein Wissender, durch die Tat ein Bezwingender?

In tiefer Rührung begrüßten sich die Freunde in Wahnfried.

»Hier, wo mein Wähnen Frieden fand,
Wahnfried sei dies Haus von mir genannt.«

Vor dem Hause grüßte der König seine eigene Büste, in Goldglanz über einem blühenden Beet von Rosen und Lilien. War er das noch, wie er sich hier wiedersah, der purpurgeschmückte Jüngling, Lebenszuversicht, Liebesschönheit und Unschuldsschicksal im Blick? Hat er alle Proben bestanden, die ihm das Leben seither auferlegt? Ist seine Kraft noch so ungebrochen, wie damals sein junger Wille zu allen Überwindungen? Majestät – ja, aber von jener Härte, wie alles Edle hart sein muß, um eine gute Sache, die beste Sache, sein eigenes Ich, zu idealer Verklärung zu führen: als Sieger von der Welt zu scheiden und ihr das geglückte Werk zu vererben? Ist er nicht ein Zürnender geworden, ein Widersacher, der grollend seine Seitenpfade geht, von unsichtbaren Feinden umschlichen? Wie mag er da zum großen Siege gelangen?

Und auch in Bayreuth faßte ihn sein weicher Unmut. Das Drängen und Treiben der Feststadt verletzte ihn. Er floh vom Festspielhügel in seine Eremitage, die große Meisterkunst hatte ihm die Wirklichkeit noch tiefer verleidet. Seine Seele fühlte sich nicht heimisch in der Welt, sie gehörte nicht zu ihr. Die halbe Nacht irrte er im Parke, ein Welt- und Heimatloser, unter den gespenstisch alten Bäumen, in deren Wipfeln der Wind mit hochsommerlichen Düften und galanten Erinnerungen aus der Zeit der seligen Markgräfinnen spielte. Und wahrhaftig – in seiner Eremitage von Bayreuth träumte er von Versailles und Marie Antoinette und ihrem Klein-Trianon, und das neue Büchlein von Friedrich Nietzsche: »Richard Wagner in Bayreuth«, das er sich auf den Nachttisch gelegt, blieb unberührt.

Und zu derselben Stunde irrte ein anderer Welt- und Heimatloser, ein Rufer in alle Abgründe und Fürsprecher aller Höhen, in den Wäldern von Bayreuth, die Seele zerrissen, aus schweren Wunden blutend, als schleifte sie auf Dornenwegen – und fand die Antwort nicht auf seine bittere Frage, wie er einst dazu gekommen, dieses begeisterungstrunkene Büchlein »Richard Wagner in Bayreuth« zu schreiben – Friedrich Nietzsche!

Als schaute er sich selbst als seinen Doppelgänger, sprach er zur Seite eindringlich auf sich ein: »Ja, damals, nicht wahr? Ach, Wagner, ich liebte dich, als du noch wie auf einer Insel lebtest – als wir uns vor der Welt ohne Haß verschlossen. So verstanden wir uns. Wie fern und fremd bist du mir jetzt geworden, du Gieriger! Ich meinte einst, du hättest nichts mit diesem jetzigen Volke zu tun – und siehe, du erschöpfst dich in unendlichen Bemühungen, all seinen Torheiten gefällig zu sein. Ich war wohl damals ein Narr?« –

Und in derselben Nacht wurde ein dritter von Überdruß und Ekel erfaßt, trotz des Beifalls, der ihn am Tag umtost und als Kunstheiland der Welt gerühmt hatte – Richard Wagner selbst. Er wälzte sich auf seinem Lager und fluchte im schönsten Sächsisch über die schnöde Unzulänglichkeit aller irdischen Dinge. Sein Publikum, darunter Kaiser und Könige waren, sogar der greise Wilhelm von Preußen, genügte ihm nicht; die Aufführung, so wohl vorbereitet sie war, genügte ihm nicht; er selbst, der sich am Tage zuweilen wie ein lustiger Schalksnarr im Schwarm seiner Gäste bewegte, um sich mit den Menschen in menschlicher Weise zu unterhalten, genügte ihm nicht. Zornig gedachte er seines alten Traumes, als er noch, ein Verfolgter und Verkannter, am ersten Entwurfe seines Nibelungen-Tondramas arbeitete: das Werk geboren zu sehen, alle Wonnen und Wehen seiner Geburt in einer einzigen vollendeten Aufführung noch einmal durchzukosten und dann – die Partitur zu verbrennen, ein Brandopfer, das alles verzehrte, bis auf das letzte Wort, den letzten Ton! Und nun mußte er lustig drauflosspielen, ein Narr seines Künstlerglückes, vor diesem Volke, vor dieser Zeit, vor diesen Eintagsenthusiasten und Eintragskritikern! Äh! Ekel – Ekel! –

Aber am nächsten Tage, als die Götterdämmerung das erste Festspiel beschlossen hatte und nach minutenlangem Schweigen in Andachtsstille die plötzlich aufjauchzende Menge ihren Beifall orkanartig austobte, daß die Säulen des Hauses bebten, da ließ er den Vorhang noch einmal auseinander gehen und trat, ein Verwandelter, mit seinen Künstlern vor das Publikum und sprach seinen Dank aus, so aufrichtig und heiß, daß die Worte durcheinander taumelten, einfältig und erhaben, kindlich und heroisch: Wenn das deutsche Volk seine Kunst wolle, hier habe es seine Kunst. und es möge dankbar der Künstler gedenken, deren einmütigem Zusammenwirken dieses Spiel gelungen; ihn selber erfülle glühender Dank gegen alle, die ihm geholfen, vor allem aber gegen seinen erhabenen Wohltäter, den König Ludwig von Bayern, in welchem er den Mitschöpfer des Werkes erkenne, jenes Werkes, welches soeben alle Gemüter mit der göttlichen und erlösenden Macht der tragischen Kunst erschüttert habe. Und der Meister weinte, umarmte und küßte seine Künstler.

So spannte sich doch der Bogen der Versöhnung und Befriedigung nach allen inneren Stürmen und Ungewittern über die Veranstalter und Miterleber dieses Bayreuther Festspieles, das in den Büchern der Geschichte als ein nie zu überbietender Triumph deutscher Kunst weiterleben wird.

Der König blieb in treuem, unverändertem Empfinden seinem Meister-Freunde zugetan.

Auf seine Alpenhöhen zurückgekehrt, empfing ihn sein Schatzmeister mit der guten Nachricht, daß es dem Finanzminister gelungen sei, Rat zu schaffen. Sieben Millionen seien bereitgestellt zur Deckung der laufenden Bauschulden.

»Ich lasse dem Minister danken. Befriedigen Sie die Leute und sagen Sie ihnen: Wir bauen weiter!«

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