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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der König hatte eine lange Besprechung mit seinem Ministerpräsidenten.

»Noch einen Krieg, gleichviel mit welchem Ausgange – was wird dann das Schicksal meines Königreiches sein? Haben Sie eine neue Landkarte angesehen? Preußen geht bis an den Main und, wenn man den richtigen Blick für das sogenannte Reichsland hat, bis nach Straßburg. Die Bundestagsstadt des alten Reichs ist eine preußische Provinzialstadt geworden, was ich den heutigen Frankfurtern übrigens gönne. Ein Nachbar, der seinen Besitzstand von Krieg zu Krieg vergrößert hat, wird gewiß keine Freude daran finden, den ewigen Frieden zu halten. Und wir? Wir haben uns auf einem Fuße eingerichtet, wie es den Traditionen meiner königlichen Vorfahren entspricht. Unsere Ideale in den Künsten und in allem, was das geistige Leben betrifft, wie sollen wir sie in die Wirklichkeit pflanzen, wenn man uns den Rahmen verengt und die Mittel beschränkt? Bedenken Sie, was uns schon jetzt der Aufwand für die neuen Befestigungen des Reiches, Ergänzung und Erweiterung alles kriegerischen Materials von unserem Haushalte wegfrißt!«

Der Ministerpräsident wußte in knappen sachlichen Ausführungen darzutun, daß das Mißtrauen des Königs zum Teil gar nicht gerechtfertigt, zum Teil übertrieben sei. Solange Bismarck in Preußen und Deutschland die Führung behalte, sei jedes Abenteuer in der Politik ausgeschlossen. Die kriegerischen Machtmittel seien leider notwendig, würden mittelbar jedoch der Erhöhung des deutschen Kulturlebens zugute kommen.

Die Rede mißbehagte dem Könige nicht, wenn sie auch nicht imstande war, seine Furcht zu bannen. Eins nur befriedigte ihn vollkommen: der Eindruck, den der Ministerpräsident selbst auf den König machte. Bei dem Manne war die Politik Bayerns und seines Königshauses gut aufgehoben. Das war ein Charakter, auf den Verlaß war. Der König sann auf eine Auszeichnung, dem tüchtigen Beamten sein Wohlgefallen zu zeigen.

Hierauf ließ der König seinen Archivdirektor rufen, einen ruhigen, scharfsinnigen Mann von ausgebreiteter Gelehrsamkeit und guter Welterfahrung.

Der König wollte von ihm hören, wie er sich die Katastrophe der Franzosen und die Siege der Deutschen zusammenreime, ob hier nur das Waffenglück, die überlegene Führung, die bessere Rüstung und Drillung den Kampf entschieden oder eine Kultur die andere geschlagen habe.

Der Gelehrte behauptete, daß zunächst allerdings das Gewicht des Materiellen den Feind niedergedrückt habe, daß jedoch seine gründliche Besiegung nur möglich gewesen durch die viel höheren intellektuellen und sittlichen Werte, welche die deutsche Kultur der Kultur der Franzosen entgegenzusetzen vermochte. »Hätten wir diese nicht in die Wagschale zu werfen gehabt, wäre uns schwerlich ein so durchgreifender Sieg beschieden gewesen. Das französische Kaisertum –«

»Nein, nichts vom Kaisertum!« unterbrach ihn der König. »Wir halben jetzt selbst ein Kaisertum. Was sich gegen das französische Kaisertum sagen läßt, ist mir nicht unbekannt. Das läßt sich schließlich gegen jedes Kaisertum sagen. Das Schlimmste am französischen Kaisertum war der Kaiser, dieser hohle Napoleon, gegen den Viktor Hugo mit seinem Poetenpamphlet › Napoléon le Petit‹ zwar viel Krasses, aber noch lange nicht alles gesagt hat, was in sein Schuldbuch gehört.«

»Das französische Volk –« wollte der Gelehrte beginnen.

»Nein, das französische Volk, das hat eine furchtbare Lektion empfangen, mehr, als es verdient hat. Das wollen wir in Ruhe lassen. Eine feine Humanität lebt in diesem Volke, von der wir Deutschen noch entfernt sind. Wir wollen unsere teutonischen Brutalismen nicht als Tugenden gegenüber der zarteren Kultur der Franzosen ausspielen. Etwas anderes möchte ich in Ihrer Auffassung betrachten: ist der Krieg eine Notwendigkeit für die Belebung und Erhöhung der Poesie und der bildenden Künste, besonders der Baukunst?«

Der Gelehrte war einigermaßen in Verlegenheit. Mit einem entschiedenen Ja oder Nein war unmöglich zu antworten. Der König aber pflegt kurze, schlagende Antworten umständlichen Ausführungen vorzuziehen und lehnt nicht selten alle Art von Verklausulierung und geschichtlicher Einschränkung unwillig ab.

Der König half mit einer anderen Fragestellung erleichternd nach: »Können wir mit dem Blicke auf die Kunst – auf die Kunst in ihrem ganzen Umfange – den Krieg glorifizieren oder nicht? Darum handelt sich's, um die Verherrlichung des Krieges als Befruchter der Künste. Daß man bei einer Verteidigung des Krieges auch seine Wirkung auf die Künste als eine anfeuernde hervorhebt, ist selbstverständlich. Dem Verteidiger ist jedes Mittel recht. Ich bin kein prinzipieller Verteidiger des Krieges. Ich sehe im Kriege nicht ein vornehmes Mittel der sittlichen Weltordnung sich durchzusetzen, sondern fast nur eine Tat der Verzweiflung. Wie bei den meisten Verzweiflungstaten bleibt auch hier viel Fragwürdiges, wenn nicht geradezu Unsittliches. Man nennt den Krieg die ultima ratio der Könige – ich möchte mich nicht zu diesen Königen gerechnet wissen. Ist Ihnen nun die Antwort leichter?«

»Ich bin der Meinung, Majestät, daß das Leben so wenig wie die Künste zu ihrer Befruchtung so barbarischer Veranstaltungen bedürfen, wie der Krieg eine ist. Von Notwendigkeit ist hier also nicht zu reden, solange man nicht annehmen will, daß im geistigen Leben eines Volkes solche Verrottungen und Verarmungen eintreten, daß Künste und Wissenschaften abwelkten, wenn sie nicht durch ein Blutbad aufgefrischt würden –«

Der König rief erregt: »Auffrischung durch ein Blutbad – Bad! – hören Sie auf! Ich habe genug! Nur darauf antworten Sie mir noch: Glauben Sie, daß das sieggewohnte Preußen nun auch in den Künsten die Führung übernimmt und zum Beispiel die Kunst Richard Wagners aus Reichsmitteln unterstützt oder die Aufführung der Nibelungen in einem besonderen Festspielhause als Reichsangelegenheit erklärt? Nationale Kunst großen Stils?«

»Nein, Majestät, das glaube ich nicht. Das Reich wird sich nur mit materiellen Dingen befassen, mit seiner Wehrhaftigkeit in erster Linie, dann mit allem, was in Handel und Wandel einer einheitlichen Regelung durch Reichsgesetze bedarf. Alle Fragen der Bildung, der Wissenschaft und Kunst überläßt es den Einzelstaaten zu entsprechender Lösung.«

»Damit die Einzelstaaten doch auch noch etwas zu tun haben und nicht aus Arbeitslosigkeit und Langeweile den Betrieb einstellen. Meinen Sie so?« fragte der König mit einem Anflug von Hohn.

»Nein, das meine ich nicht. Das Deutsche Reich wird vor allem ein Militär-, Handels- und Wirtschaftsstaat sein – und da hat es wahrhaft genug zu schaffen. An den Einzelstaaten wird es sein, daß ihre Regierungen sich als eigentliche Kulturmächte betätigen.«

»Kulturmächte mit klerikal-patriotischen Kammermehrheiten – ein amüsantes Bild!« rief der König und runzelte die Stirn.

»Für die Qualitäten der Kammermehrheiten ist die Regierung nicht verantwortlich zu machen, sondern das Volk.«

»Zugegeben. Aber was ist damit erreicht? Die Regierungen müssen mit den Mehrheiten wirtschaften, die uns das liebe intelligente Volk auf den Hals schickt. Das Volk ist alles – und das Volk ist nichts. Die Schlange beißt sich in den Schwanz, das nennt sich dann das Symbol der Weltgeschichte. Mein lieber Archivdirektor, ich danke Ihnen. Lassen wir beide es uns so wohl gehen, als es unter diesen weltgeschichtlichen Umständen möglich ist. Adieu.«

Der König ließ seinen Theaterintendanten rufen.

Inzwischen blickte der König durchs Fenster und pfiff leise vor sich hin. »Das sind nun unsere Gelehrten. Mit ihren Prätensionen und Abstraktionen. Sprüche haben sie für alles. Kolossal. Weisheit von solchen Dimensionen, daß sie aufhört, weise zu sein.«

Der Intendant wurde gemeldet.

Das Gesicht des Königs erheiterte sich: »Grüß Gott, mein lieber Baron! Ich werde künftig viel aufwärts zu tun haben. Im Gebirge – vornehmlich im Gebirge, weit weg –«

»Weit weg, ja, Majestät,« wiederholte der Baron nickend und machte große, erwartungsvolle Augen. »Weit weg von unserm lieben München,« fügte er arglos bei.

Der König: »Ja, von unserm lieben München. Aber da gäb's doch ein leichtes Mittel für unser liebes München, das Gebirg ganz nahe herzubekommen, bis vor die Haustür!«

Der Intendant horchte gespannt auf: »Leichtes Mittel?«

»München brauchte sich nur ein paar anständige Eisenbahnlinien ins Gebirge zu bauen, möglichst direkt und mit möglichst beschleunigter Fahrt – und siehe da, das Gebirg läge ihm vor der Haustür.«

»Ach so, jawohl, Eisenbahnen,« lächelte erleichtert der Baron.

»Jede andere Großstadt würde das längst getan haben, München überlegt sich's noch einige Jahrzehnte –«

Der Intendant machte mit Daumen und Zeigefinger die bekannte Geldzählbewegung und bemerkte tiefsinnig: »Moneten, Majestät. Unser München ist keine reiche Stadt, es hat nur reiche Bierbrauer, Metzger –«

»Ich danke Gott,« unterbrach ihn der König ernst, »daß das Gebirge vor München noch Ruhe hat. Also ich werde jährlich einige Monate hereinkommen, im Frühjahr und im Herbst, um die verfassungsmäßige Zeit hier abzusitzen. Da will ich dann einige gute Aufführungen im Theater haben, jedesmal zwei bis drei oder vier. Aber diese Aufführungen für mich allein. Kein Mensch im beleuchteten Hause außer mir und dem ausübenden Personal. Und die Vorstellung beginnt etwa zwischen acht und einer Stunde vor Mitternacht, da ich zu anderer Zeit nicht frei, auch wohl nicht in Stimmung bin.«

Der Intendant lächelte, als fürchtete er, in den April geschickt zu werden.

Der König. »Wohlgemerkt, Separatvorstellung der größten und herrlichsten Werke, ganz nach meiner Wahl, als wären sie allein für mich gedichtet, als einzigem Kenner und höchstem Würdiger.«

»Auch Opern als Separatvorstellung, Majestät?« fragte der Baron und hielt den Atem an.

»Auch Opern!« Er faßte den Intendanten am Frackknopf: »Sie werden mir doch nicht zutrauen, daß ich die Werke meines Meisters Wagner, sein Rheingold, seine ganzen Nibelungen, seinen Parsifal jemals noch gemeinsam mit jenen Leuten anhören möchte, die ihn unter sich und in ihren Zeitungen in pöbelhafter Weise beschimpfen? Ich danke für die Nachbarschaft solcher Kunstfreunde in meinem Hoftheater. Niemals will ich sie mehr um mich haben. Ihre Seelen riechen mir zu schlecht. Sie verpesten mir die Kunst. Verstanden? Auch kann ich keine Illusion im Theater haben, solange die Leute mich unausgesetzt anstarren und mit ihren Operngläsern jede meiner Mienen verfolgen. Ich will selbst schauen, aber als König will ich kein Objekt für den Schaupöbel sein. Verstanden?«

»Zu Befehl, Majestät!« stammelte der Baron mit einem tiefen Bückling.

»Alles Nähere erhalten Sie schriftlich.«

Der König machte eine gnädige Handbewegung. Gedrückt trippelte der Intendant davon. Auf der Treppe kratzte er sich hinter den Ohren. Der Kopf sauste ihm. Der König verlangt ja Unmögliches. Diese schreckliche Arbeit, Separatvorstellungen. So etwas nach dem königlichen Geschmack herauszubringen, ohne die ganze Theatermaschine aus dem Gleis zu werfen oder die Bude überhaupt wochenlang zu schließen. Was das kosten wird. Für einen einzigen zahlenden Zuschauer – der am Ende gar nicht ans Zahlen denkt!

Aber der Intendant wagte nicht zu mucksen, geschweige als eine der obersten Hofchargen einen ernsthaften Einwand zu machen. Soll er seine Stellung riskieren?

Die schriftlichen Weisungen ließen nicht auf sich warten. Der König ordnete an, daß man mit dem alten Theaterschlendrian endgültig aufräume. Zunächst wollte er nichts mehr von der konventionellen Kulissenmalerei sehen. Landschaften, Architekturen und alles übrige, in den Schauspielen wie in den Musikdramen, in höchst erreichbarer Treue von den besten Künstlern hergestellt. Geeignete Maler sollen an Ort und Stelle, zunächst für die großen Schillerdramen, Skizzen machen, in der Schweiz, in Frankreich, in England. Alles so vollkommen wie möglich – und vor der Aufführung dem König zur Prüfung vorlegen!

Der Intendant knickte zusammen: »Das langt für den Anfang. Was wird noch alles nachkommen! und was das alles für ein Heidengeld kostet! Der König hat ja keine Ahnung –«

Der König rüstete wie zur Flucht. –

Wie war das alles geworden? Eine klare Rechenschaft vermochte sich der König selbst nicht zu geben. Zorn über Enttäuschungen; Ekel über Gemeinheit und Frivolität; Mißtrauen, Furcht, rege erhalten durch die politischen Umstürze; Haß gegen die ewige Unruhe der klerikalen und patikularistischen Volksaufwiegler: die nagende Sorge, seines Lebens heißeste Wünsche in der Kunst schließlich doch nicht zu blühender Erfüllung zu bringen in dauernden Werken: all das beeinflußte seine Stimmung und trieb ihn zu jähen Entschlüssen. Ein Band ums andere fühlte er locker werden und fallen, das ihn an Familie und Welt geknüpft. Wie ein Traum, an den er selbst nicht mehr glaubte, lagen die Erinnerungen an die ersten Herrscherjahre hinter ihm, die Zeit, wo er als getroster junger König den Rhein entlang fuhr zum alten heiligen Köln, wo er in seiner Hauptstadt den großen Genius Wagners an seiner Seite hatte und all seine genialen Mitarbeiter an der Erneuerung deutscher Kunst, wo er die Thüringer Lande bereiste und wie ein höheres Wesen von seinen fränkischen Provinzen bejubelt wurde, wo er die Reise nach dem schönen Frankreich machte zur Weltausstellung – und vieles andere: ein Traum. Versunken, vergessen. König Ludwig von Bayern war seines Reiches einsamster Mann geworden.

So floh er aus der Stadt und erwählte das Hochgebirge zu seiner Heimat. Seines Königsamtes konnte er auch aus dieser Höhe und Ferne gewissenhaft warten, er wußte, daß er treue Minister und Räte zurückgelassen.

Je stiller es um den König ward in der reinen Luft der Bergwelt, desto lauter erklangen in ihm der Geister Stimmen, und aus dem Dämmer germanischer Vergangenheit sah ihn die romantische Sagenwelt an mit ebenso faszinierendem Blick wie einst, nur daß jetzt einzelne historische Gestalten aus der monarchischen Sonnenhöhe des alten Frankreichs wettbewerbend dazu traten. Bei aller Holdseligkeit der Erscheinung schreckte es ihn doch oft wie nächtlicher Bann, der ins Verderben lockt. Seine Seele lechzte nach voller Helle in den Gebilden der Kunst, daß Sagen und Geschichtskreise sich lebendig umschlangen, damit im Rausche des Glanzes ihrer Schönheit alle irdische Beängstigung versinke.

Gedachte er im Dunkel der Nacht seines Meister-Freundes, so war ihm, als blickte er in Sonnen von Lebenskraft, und die ganze Welt des Geistes strahlte auf unter diesem Blick: »Ich wandle im Licht!«

Als ihm Wagner schrieb, daß er die geweihte Erde für sein Festspielhaus in einem olympisch einfachen und feierlichen Winkel des Frankenlandes gefunden, antwortete ihm der König: »Dein ist Bayreuth. Baue! Ich harre deiner Tat in Treue und biete dir meine Hand.« Und der Meister verließ die Schweiz und siedelte über in die fränkische Hügelstadt am roten Main. Endlich hatte er für sein Zukunftswerk deutschen Urmutterboden zum Fundament. Die große Wende in seiner Heldenbahn wurde eine neue Epoche deutscher Kunst.

Und der Meister sandte dem König einen jener von echtem Gefühl überfluteten Herzensbriefe, die bei dem Empfänger wie Himmelstau auf ausgeglühtes Erdreich fielen:

»Du mein einziger Freund und König, was wäre ich ohne Deine Huld! In alle Welt will ich's rufen, daß sich's die Ungläubigsten merken müssen, ohne Deine mitschaffende Gnade hätte ich nie die Musik zu den Nibelungen zu vollenden vermocht, ohne Deine befeuernde Liebe wäre mir nie der Parsifal zur Lust gediehen, noch wäre ich mit den Meistersingern zu glücklichem Ende gekommen.«

Ein Jahr vor dem französisch-deutschen Krieg hatte der König in aller Stille den Grundstein zu der Königsburg Neuschwanstein gelegt. Trotz schwerster Hemmungen war das Werk jetzt soweit fortgeschritten, daß der Torbau über den grünen Waldwipfeln in die Lande lugte. In diesem Torbau ließ er sich im zweiten Stock Gemächer einrichten, damit er aus nächster Nähe das Wachsen der Burg erleben und überwachen konnte. Im ersten Stock quartierte er seine Diener ein. Dem Torbau gegenüber sollte sich der königliche Palast, ihm organisch angegliedert das Ritterhaus und die Kemnate – wenn alles gut ging – in der Frist weniger Jahre erheben. Vierstöckig, zweihundert Meter über der Talsohle, wie durch Zaubergewalt eingekittet in den Felsen, und wie eine Fortsetzung dieses Felsens selbst und als sein wundersames, architektonisches Ausklingen sollte dieser königliche Palast in die Lüfte steigen, ein romanischer Bau mit steilem Kupferdach, Türmen und Türmchen, säulengeschmückten Rundbogenfenstern, Bogenlauben und Erkern – ein Entzücken allen kunstliebenden Seelen.

Ein beflügelter Wille, dieses Werk reinster Schönheit zu vollenden ohne Unterbrechung, erfüllte den König ebenso sehr wie die Sehnsucht nach neuen baukünstlerischen Unternehmungen. O, er hätte die unbegrenzte Kraft haben mögen, die Berggiganten rings mit Baupoemen gleich Riesenaltären ewiger Andachten im Geiste zu krönen.

Ein jauchzendes Plänemachen, ein stürmischem Forschen nach Mitarbeitern durchbebte seine Künstlerbrust. Schaffen, dichten in Stein und in allem kostbarsten Material, das die überreiche Erde beut und das die Menschenhand, vom Genius geleitet, bilden gelernt zu zauberhaften Formen!

Und wollte ihn der Tag überfallen mit Sorgen und Ermattungen, rief er die Nacht zu Hilfe mit ihrer Sternenklarheit, daß sie die wehen Gefühle der Alltäglichkeit überwinde und Geist und Leib mit neuer Gesundheit schmücke aus dem Wunderquell nie zu erschöpfender Gotteskraft. Wie an den majestätischen und rührenden Gestalten der Geschichte und Dichtung, entzündete und nährte sich seine Phantasie an den Lichtströmen, die im Universum von Stern zu Stern fluten. Und immer erhob er sich zu neuer Tatkraft, so oft die Erinnerung an das schmerzvoll Gemeine, das hinter ihm lag, lebenlöschend durch sein Gehirn streichen wollte.

Die Riesenwelt der Berge hinter ihm im Vollmondschein, vor ihm die glitzernde Ebene mit dem Lech-Fluß – und er saß nach allen Tagesmühen noch an seinem Werktisch und schrieb, halblaut vor sich hinsprechend, in sein Merkbuch: »Dreimal heilige, unermeßlich herrliche Nacht! Besseres zweites Ich der Welt, wer könnte dich genugsam preisen! Wer dich genugsam erkennen! Was wissen die Millionen in den Kerkern der Städte von dir! Je brutaler sie sich bewaffnen, um mit technisch gepanzerter Faust dir Schleier um Schleier vom Antlitz zu reißen, desto geheimnisvoller ziehst du dich vor ihnen zurück.«

Nachdem er eine Weile geträumt, schrieb er weiter: »Und hier, in der auserwählten Schar deiner Berge, wie erquickt mich deine kühle Mondesschönheit nach dem heißen Brodem, den der Pöbel der Städte in sich hineinbraut, und die Industrie und Börsenspekulanten und die ganze Bande der Politiker. Was soll uns diese Menschheit, die sich äußerlich mit Kulturzeichen behängt und ihrer Raubtierfratze Zivilisationsmasken vorbindet? Wen täuscht man damit? Zwei Kriege mit unmenschlichem Blutvergießen habe ich erlebt – und noch ist nirgends Friede da draußen. Täglich wechselt die Kampfgier Gestalt und Methode. Jetzt gehen sie sich mit Kammerbeschlüssen, mit Paragraphen und Zahlen an die Gurgel. Wehe dem Unterliegenden. Er wird bis aufs Mark geschunden und zertreten. Was sie an Geistigem rings um sich in Bewegung setzen, ist ihnen auch nur Spekulation und Komödie. Mit ihren listigen Feinheiten, wenn sie des Brutalen satt sind, glauben sie den Himmel zu täuschen. Gott aber siehet das Herz an und prüfet die Nieren. Er speit auf ihre Milliarden. Er ist kein Gott der Händler.«

Er lehnte sich im Sessel zurück, schloß die Augen, faltete die Hände über der Brust und sprach wie im Halbschlummer träumend: »Ach, wie wird mir übel, gedenke ich des Volkes da draußen. Und die unter ihm mit Unrecht im Elend sind, ich weiß ihnen keine Hilfe. Hörten sie je auf mich? Rennen sie nicht falschen Götzen nach? Wie bin ich glücklich, versenke ich mich in deine Stille und Reinheit, hehre Nacht! Du umgürtest deinen heiligen Leib mit Milchstraßen gleich silbernen Schärpen und setzest dir schimmernde Sternbilder gleich Diademen aufs Haupt. Du bist meine geheimnisvolle Königin, die ich anbete. Kein Tag tröstet, wie du zu trösten verstehst. Und deckst du alle Lichter zu und hüllst dich in des Wolkendunstes faltige Gewänder – in schwerer Trauer das Mutterauge geschlossen –«

Er sprang auf und rieb sich die Augen. In jähen Schritten durchmaß er das Gemach: »O, daß meine Höhen vollendet wären, mein Palast! Hier kann ich nicht bleiben, hier hausen noch die Geister des Dunkels, die Geister der Tiefe. Die überfallen mich, die quälen mich mit Mitleid – ich muß hart werden gegen alle unfruchtbaren Leidenden – ich muß.«

Lange lehnte er am Fenster. In der Schlucht toste der Wasserfall, je aufmerksamer er hinhorchte, desto reicher wurden die Klangfarben, gemahnend an ein unterirdisches Orchester.

Der Mond war verschwunden. Der König kehrte an seinen Werktisch zurück und überlas das Geschriebene. Mechanisch, wie von einer fremden Kraft geführt, ergriff er die Feder und schrieb, unvermittelt mit dem letzten Satze: »Geschlossen das verweinte Mutterauge – aus der brennenden Lidspalte der Morgenröte starrt's mich fragend an: Wer wird meine Kinder trösten?«

»Nein, nein!« schrie er aus und schleuderte die Feder fort, erschauernd vor dem Irrgang seiner Gedanken.

Das mache, weil der Mond vom Himmel verschwunden, dachte er. Und er beschloß, in seinem künftigen Schlafgemach über dem Bett eine Mondscheibe oder eine Mondkugel anbringen zu lassen, mit sanftem, stetigem Licht, das halte böse Träume fern und wehre, daß die Gedanken in die Irre schweifen.

Dann notierte er sich in ein anderes Buch: überall diese Farben, weinrot das Speisezimmer, grün und golden das Arbeitszimmer, blau das Schlafzimmer. Den Thronsaal als hehren Tempelraum, an den Wänden die großen Gesetzgeber und Seher, die heiligen Sendboten der Religion.« –

Nach Wochen griff er wieder zu dem Merkbuche, in das er seine Gedanken und Stimmungen eintrug, zu dem »Seelenbeichtbuch«, wie er's nannte. Er durchstrich die letzten Sätze, dann schrieb er die folgenden hinein: »Reich ist die Nacht an Persönlichkeit. Ihre Majestät liebt tausend Verwandlungen. Will sie mich auf die Probe stellen, so oft sie sich mir anders zeigt? Oder will sie meine Empfindungen baden in neuen Wonnen? Wie sie will! Ich liebe sie. Nacht, du meine Braut, Nacht, du meine heilige Frau!«

Er hielt das Buch mit beiden Händen hoch über seinen Kopf, verweilte in dieser Stellung einige Sekunden lang, dann legte er's mit großer Feierlichkeit auf den Tisch zurück.

»Walhall der Geister, selig wohnt sich's in dir!« rezitierte er mit leuchtendem Angesicht. Dann sprach er mit bewegter Stimme eine seiner Lieblingsdichtungen: »In Odins Hallen ist es licht.« Er brach vor dem Schlusse ab. Wie ein Meteor schoß ihm der Gedanke durchs Hirn: »Eins allein sei dir heilig: der schöpferische Mensch!« Nun hing er betrachtend diesem Gedanken nach: der schöpferische Mensch, das ist der ewige Erzeuger lebendiger Schönheit. Er allein hat Größe in sich, darum kann er auch Größe in alle Dinge hineinlegen, so daß sie uns in Herrlichkeit entgegenstrahlen. Wie vermöchten wir sonst das Leben und seine Enge auszuhalten! Am Anfang aller Religionen steht der Schöpfen, der Weltenbaumeister, der ins Chaos greift, um daraus Schönheitswelten zu formen! Aus dem Chaos heraus! Das ist's. Über die Köpfe derer hinweg, die im Chaotischen verharren wollen, weil sie die Unschöpferischen sind. Sie sind Material und Hindernis zugleich und zuletzt Verderb des Geschaffenen, wenn ihnen nicht gewehrt wird.

An diesem Tage verzehrte er sich in Arbeit. Er vergaß das Essen. Seit Stunden ließ er's auf jede Mahnung, daß es Zeit sei, immer wieder abtragen und warm stellen – der Koch war in Verzweiflung. Ein Kurier war abgegangen. Er befahl, daß sich der nächste bereithalte.

Der Tisch war so mit allerlei Gegenständen und Schriftstücken, Plänen und Rollen überladen, daß der König nur noch an einem Eckchen mit äußerster Unbequemlichkeit schreiben konnte. Aber er schrieb unentwegt weiter, Auftrag auf Auftrag, in rasender Eile. An ein Dutzend Adressaten:

»Ich verlasse mich darauf, die Abbildung der Schlitten baldigst zu erhalten. Setzen Sie gleich alles ins Werk.«

»Verschaffen Sie mir sofort Kupferstiche: Inneres des Schlosses von Saint Cloud.«

»Ich sehe sogleich einem schriftlichen Bericht entgegen, ob meinen Anordnungen wegen der Beschreibung der Kunstgegenstände aus der königlichen Residenz mit dem gehörigen Eifer nachgekommen ist.«

»Teilen Sie unverzüglich mit, ob Grillparzers Trilogie ›Das goldene Vlies‹ einstudiert wird.«

»Wollen Sie umgehend nach Paris schreiben und Phelipeau allen Ernstes zur Vollendung der von mir bestellten Bilder zu Chateaubriands Werken anspornen lassen, er soll sogleich angeben, wann er glaubt fertig zu werden.«

»Ich wünsche bis morgen einen Bericht über alle auf die Kammer bezüglichen Vorkommnisse.«

»Wenn irgend möglich, senden Sie mir heute noch einen Band von Griesingers Damenregiment unter Ludwig XV., da ich einen Abschnitt über Adrienne Lecouvreur lesen möchte. Packen Sie auch Sakuntala bei.«

»Bis übermorgen in die Pürschlingshütte den letzten Band von Maximilian Schmidt. Hat er Neues fertig, was noch nicht gedruckt, erbitte ich's im Manuskript.«

»Ein verlässiger Mensch soll nach Paris geschickt werden für alles Bestellte. Der soll gleich dafür sorgen, daß die Büste der Marie Antoinette in den kleinen Appartements der Königin zu Versailles photographisch aufgenommen werde. Der Mann möge diesen Auftrag schleunigst zur Erledigung bringen. Da die Photographie bei Braun nach dem Kupferstich: Marie Antoinette steigt beim Hotel de Ville aus – kleiner als das Original ist, reist am besten der Hofphotograph Albert sogleich nach Paris, um eine Aufnahme des Aquarells bei Goncourt, in der genauen Größe des Originals vorzunehmen, da bekannterweise Albert dieser Ausgabe am vollkommensten nachkommen kann.«

Endlich war auch das erledigt, der Kurier zog mit gefüllter Mappe ab. Der König befahl, daß man ihm einen Bissen zu essen bringe, er komme um vor Hunger.

Nach Tisch machte er sich wieder an die Arbeit. Er musterte, ob die Münchener Post Dringendes gebracht.

»Ah, ein Brief von meinem guten Döllinger!«

Den wollte er mit Behagen lesen.

»Und hier ein Dankbrief von meiner liebsten Künstlerin Frau Dahn-Hausmann – sinnig, lieb, echt wie immer. Treue Seele! Und nun zu Döllinger!«

Er zündete sich eine Zigarette an, wie er jetzt zuweilen zu tun pflegte, wenn er sich übermüdet fühlte.

Der alte Streit, die alte Not! Döllinger wegen seines Verhaltens in der päpstlichen Unfehlbarkeitssache exkommuniziert, das Unfehlbarkeitsdogma, entgegen der bayerischen Verfassung, ohne königliches Plazet von den Kanzeln verkündigt – das wußte der König schon. Neu war ihm, daß auch die Verkündigung der Exkommunizierung Döllingers in den Kirchen anfing, dem alten verdienten Gelehrten Sorgen zu bereiten, dem braven Mann, der sonst in seiner stillen Zurückgezogenheit keine Furcht kannte.

Döllinger hatte an den päpstlichen Nuntius in München, Ruffo Scilla, einen Brief geschrieben und schickte jetzt dem Könige eine Abschrift davon.

Der König zündete sich noch eine Zigarette an und las folgende Stelle in dem Briefe an den Nuntius zum zweitenmal:

»Als der Erzbischof, nach seiner eigenen Äußerung einem Befehle des Papstes gehorchend, mir den gegen mich erlassenen Urteilsspruch mitteilte, ließ er mir ankündigen, ich sei allen Strafen verfallen, die das kanonische Recht über alle Exkommunizierten verhänge. Die erste und wichtigste dieser Strafen ist enthalten in der berühmten Bulle Urbans II., welche entscheidet, daß es jedermann erlaubt sei, einen Exkommunizierten zu töten, wenn man dieses aus Eifer für die Kirche tue. Gleichzeitig ließ der Erzbischof auf allen Münchener Kanzeln gegen mich predigen, und die Wirkung, welche diese Deklamationen gegen mich hervorbrachten, war eine solche, daß der Polizeipräsident mich benachrichtigen ließ, es seien Attentate gegen meine Person im Werke, und ich würde wohl tun, nicht ohne Begleitung auszugehen.«

Der König war sprachlos. Attentate auf den braven Döllinger, weil die Fanatiker diesen frömmsten Christen in ganz München, ja, im ganzen Königreich, aus der Kirche ausgestoßen! Wenn dieser ehrwürdige Greis in der Residenzstadt nicht mehr seines Lebens sicher ist, wer ist es dann noch? Ein solcher Niedergang der Sitten – ist das nicht himmelschreiend? Mit den Insulten gegen Wagner ging's los – und jetzt trachtet man schon einem Döllinger nach dem Leben?

»Das sind keine Hirngespinste!« rief der König in höchster Erregung. »Ich halte das Dokument in der Hand, das Polizeipräsidium selbst ließ Döllinger benachrichtigen, daß er nicht mehr ohne Begleitung ausgehen möge! Dieser gute Mensch, der nie einer Fliege etwas zuleide getan, von Mördern verfolgt! Man könnte vor Scham vergehen –«

Nun überfiel ihn selbst die Angst. Er stürzte an den Schreibtisch. In fieberhafter Hast schrieb er an Döllinger einige Zeilen voll innigster Teilnahme und gab seinem Abscheu vor dieser Verrohung der christlichen Sitten in seinem Lande herben Ausdruck. Dann schrieb er an den Minister des Innern und forderte einen direkten Bericht über den Zustand der öffentlichen Sicherheit in München im allgemeinen und mit besonderem Bezug auf den Fall Döllinger. Von sich selbst sprach der König nicht, er vergrößerte sich die Gefahr und glaubte sich selbst persönlich bedroht, wenn er nächstens den Fuß nach München setzen mußte, aber darüber wollte er mit dem Minister unter vier Augen verhandeln.

»Da throne nun einer in Götterhöhe und heiliger Einsamkeit – und siehe, sie zücken den Mörderstahl nach ihm, einfach, weil er nicht in allen Stücken ihres Glaubens, weil er sich mit seinem Gewissen nicht in Widerspruch setzen will!« –

Die Unterredung, die er nach einiger Zeit mit dem Minister hatte, war weit entfernt, den König zu beruhigen, so sehr sich auch der Minister bemühte, dem König zu versichern, daß die peinlichsten Maßregeln getroffen würden, um mit absolutem Erfolg das Leben Seiner Majestät zu schützen.

»Also Sie geben zu,« sagte der König, »daß in meiner Residenzstadt Unholde ihr Wesen treiben, die diese peinlichsten Maßregeln für meine Sicherheit notwendig machen?«

»Vorsicht ist unbedingt geboten, Majestät,« erwiderte der Gefragte und blickte zu dem herkulischen Monarchen auf, der um einige Haupteslängen seinen geschmeidigen Minister-Schutzengel überragte. »Aber Majestät können wirklich unbesorgt sein, dafür verbürge ich mich.«

Der König faßte seinen Beamten prüfend ins Auge – und mußte lächeln.

»Aber das geben Sie zu, daß ich in München – ich setze ja nur den Fall – so wenig ohne Begleitung ausgehen könnte wie jetzt unser guter Döllinger? Nun ja, ich baue auf Ihren Schutz. Ich werde nur in tiefster Nacht im geschlossenen Wagen durch ein Seitentor der Residenz ein- und ausfahren. Mache ich eine Spazierfahrt durch den englischen Garten, werden die Wege von Wächtern garniert sein. Zehn Minuten vorher wird in meiner Umgebung niemand von meiner beabsichtigten Ausfahrt wissen. Alle Polizeimaßregeln werden klappen. Ich werde mit heiler Haut durchkommen, wenn ich die verfassungsmäßig vorgesehene Zeit als Landesvater in München verbüßen muß. Aber das sagen Sie mir noch, mein lieber Minister, welcherlei Menschen halten Sie in München für fähig, die Hand wider den König zu erheben?«

Der Minister zuckte mit den schmächtigen Achseln.

»Ich bin doch kein Ketzer, kein von der Kirche Ausgestoßener, wie der Döllinger – ich werde also kaum die gleichen Feinde haben wie er. In welchem Lager hätte ich also die lieben Mitmenschen zu suchen, die mir ans Leben möchten?«

»Majestät, wir leben in einer aufgeregten Zeit. In Preußen tobt der Kulturkampf wider die aufständische Geistlichkeit, die gewisse Rechte des Staates nicht oder nicht genügend respektieren will. Nun ist aber eine neue Partei im Entstehen, die sich nicht nur gegen gewisse Rechte des Staates, sondern gegen den Staat überhaupt auflehnt. Eine Partei, die grundsätzlich dem Staate das Existenzrecht abspricht, die seinen Umsturz will.«

»Wie heißt diese Partei?«

»Das sind die Sozialdemokraten und Anarchisten, die sich parteimäßig organisiert haben. Die aber bereits geheime Organisationen besitzen, über die wir noch nicht ausreichend informiert sind und denen deshalb schwer beizukommen ist.«

»Aber ja, Lassalle und seine Leute. Lassalle ist doch längst, längst tot und war nicht einmal ein Bayer. In München habe ich nie von Lassalleanern gehört.«

»Das hat sich geändert, Majestät. Seit wir den französischen Milliardensegen bekommen haben und die Gründerära und all den Schwindel – in München hatten wir ja in den Spitzeder-Banken auch eine bedauerliche Probe davon – ist das Proletariat ganz toll geworden. Das will auch seinen Teil von allem haben. Die Losung: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! ist auch in München nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen.«

»Das rote Gespenst! Wollen Sie mir damit gruseln machen?«

»Nein, Majestät! Aber die angestrebte Diktatur des Proletariats ist wirklich kein Ammenmärchen. Das ist das neue anarchistische Evangelium, das die armen Teufel verrückt macht. Es wird nicht mehr lange dauern und wir werden genötigt sein, mit den strengsten gesetzgeberischen Mitteln gegen Sozialismus und Anarchismus vorzugehen!«

»Sozialismus und Anarchismus sind Theorien, dagegen kommt man doch nicht mit Gesetzen auf?«

»Gewiß nicht gegen die Theorien, Majestät, aber gegen die politischen Vereinigungen und Organisationen, die mit diesen Theorien Anhänger werben und den Umsturz des Bestehenden ins Werk setzen wollen. Zunächst suchen sie gegen die herrschende Ordnung Verachtung und Abscheu in die Herzen des Proletariats zu pflanzen und exaltierte Köpfe zu Schreckenstaten zu verleiten, um dann gegen die erschütterte Gewalt leichteres Spiel zu haben und die Kultur der verächtlich gemachten Bourgoisie über den Haufen zu rennen –«

»Die Kultur der Bourgoisie! Ist es schon Gesetz, daß wir sie über alle Kritik erhaben finden müssen? Hat die – wie Sie sagen – Bourgoisie überhaupt etwas, das im höchsten Sinne schon Kultur ist? Da kann man ja recht eigentümliche Erfahrungen machen mit dieser Kultur der Bourgeoisie. Doch das wollen wir jetzt auf sich beruhen lassen. Das mag die Bourgoisie mit den Sozialdemokraten und Anarchisten ausmachen. Sind die Organisationen dieser Umstürzler in München schon so weit entwickelt, daß sie in unserem Falle in Betracht kommen?«

»Das wohl nicht, Majestät; als Organisation, kann man sagen, liegt der Umsturzgedanke in München und in ganz Bayern noch in den Windeln.«

»Also soll ich mich vor Wickelkindern fürchten? Das muten Sie mir doch nicht im Ernst zu, mein lieber Minister?«

»Da sei Gott vor, daß ich Eurer Majestät auch nur die geringste Furcht oder Schwäche zutraue. Aber in unserer politisch, religiös und sozial so gärenden Zeit weiß kein Mensch, was für Blasen in dem Gehirn eines Überhitzten aufsteigen können.«

»Nun ja,« sagte der König resigniert, »gegen den Tod ist zwar kein Kraut gewachsen, aber ich verlasse mich auf Ihre Weisheit und Energie, mein lieber Minister, daß ich nicht jählings als ein Opfer des Umsturzes falle. Ich habe noch so viel zu tun, so unsäglich viel, daß ich nicht vom Schauplatze verschwinden möchte, bevor ich die Vollendung meines Werkes geschaut. Ich baue ja auch Kultur – daß meine Kultur nicht nach dem Geschmacke der Proletarier ist, kann mich nicht wundern, sie ist ja nicht einmal nach dem Geschmacke der Bourgoisie! Vor meinen Arbeitern hier in den Bergen brauchen Sie mich nicht zu schützen, da bin ich ohne jede Furcht, aber vor den schlimmen Gesellen in der Stadt empfehle ich mich gern Ihrem Schutze. Nur fassen Sie, bitte, nicht nur die Umstürzler im Arbeitskittel ins Auge, sondern und vor allem – die andern.«

Der Minister hatte keinen vergnügten Heimgang. Er hatte sich brav anzustrengen, die Überlegenheit und das Selbstbewußtsein des Königs zu verdauen. Aber als guter Mensch und erprobter Staatswürdenträger wollte er nun doppelt und dreifach seine Schuldigkeit tun, um den König nicht nur vor den Anarchisten, sondern auch vor seinem unheimlich gewachsenen eigenen Selbstbewußtsein zu schützen.

Der König aber, um das Unbehagen zu bannen, das alle diese Dinge in ihm erregt, beschloß, auf einige Zeit das Gebirge und das Land zu verlassen und als Graf Berg einen Spaziergang in das erheiternde alte Kulturland Frankreich zu machen. Die Reise wurde sorgfältig geheimgehalten. Hauptziel war Versailles.

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