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Michael Georg Conrad: Majestät - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleMajestät
authorMichael Georg Conrad
yearca. 1905
publisherOtto Janke Verlag
addressBerlin
titleMajestät
pages4-398
created20020616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Michael Georg Conrad

Majestät

Ein Königsroman


Der König hatte sich seit Tagen nicht mehr vom Bett erhoben. Er war krank von der Reise heimgekommen.

Wer sein Wesen kannte, wußte, daß es ein Schlimmes sein mußte, das ihn danieder hielt. Ganz fein empfindende Zuschauer, mit sicherer Witterung in tiefen Seelengründen – gewöhnlich gibt's die nicht unter den Hofleuten – hätten deutliche Zeichen gehabt, daß seit langem nur noch Lebensschein vorhanden, Nachglanz eines verflackerten Lichts.

Nun lag der König wirklich im Sterben. Selbst die stumpfesten Oberflächenmenschen begannen es zu merken, daß es wie Sensenschwingen unheimlich über dem Bette des Königs leuchte.

Eigentlich hatte es nichts von einem Kampf, nichts von heroischem Ringen um den letzten Rest eines Königslebens. Auf keiner Seite stand ein Held. Der herrische Tod hatte es nicht auf ein großes Kampfspiel mit diesem schlichten, geduldigen König angelegt. Ein geringer Leib, ohne heftige Lebensinstinkte, ohne starke Säfte und Triebe – ein verarmtes Blut.

Eine tückisch schleichende Krankheit, die schon früh eingesetzt, diskret, mit einer gewissen höfischen Verbindlichkeit in der Verschleierung der mörderischen Absicht. Das waren die Partner.

Die Seele des Königs wußte wenig dreinzureden. Sie war von je zur Friedfertigkeit gestimmt und nicht auf Gewaltsamkeiten eingeübt. Sie war allerwege für konstitutionelle Ordnung und gestattete sich keine persönlichen Übergriffe.

Was sie in diesem Falle auch gesagt hätte, es wäre für den Ausgang so belanglos gewesen, wie die Praktiken der Heilkünstler und die wortreichen, schön gesetzten Wundergebete der Priester. Ein mittlerer Wille, der nie auf hohe Lebenspolitik im Heldenmaß lossteuerte, eine verschüchterte Daseinskraft lag von der Krankheit hingestreckt und atmete sich aus in kurzen, zaghaften Zügen. Was dem Vorgange des Ablebens seinen besonderen Stempel gab, war die Auffassung, daß der Sterbende einen König darstellte, einen verfassungsmäßigen Monarchen über ein kleines altes Reich, das in gewohnter Treue zu seinem Fürstenhause hielt und diesem König vor allen seine Sympathien widmete als einem braven, rechtlichen Manne, der nie die bürgerliche Sitte gekränkt, nie der untertänigen Gesinnung eine schwere Stunde bereitet.

Alles an ihm war seinem Volke verständlich und vertraut. So lebten Fürst und Volk in gegenseitigem Wohlgefallen. Er war einst zur Krone gekommen durch freiwillige Abdankung seines Vorgängers, der eine stürmische, nichts weniger als leichtfaßliche Natur gewesen, einer, dem es in seinen Herrschergrenzen oft unleidlich enge geworden und der am Befehlen schließlich den Geschmack verloren. Ein dekadenter König – würden die neuesten Staatspsychologen sagen, ein reaktionärer und eigenwillig gewalttätiger, so sagten die damaligen. Als Politiker aber war er klug genug, daß er wußte, mit seinem Nachfolger dem Lande ein Geschenk zu machen, für das es Dank in Fülle zu ernten gab.

Kaum ein Menschenalter hatte nun dieser gütige König regiert, der jetzt im Sterben lag. Ja. gütig und gewissenhaft, wie's die Leute in der patriarchalischen Zeit zu schätzen wußten. Eine schlichte, strebsame Arbeitsseele. So gut eingewöhnt in den königlichen Dienst, daß sie wohl auch das Sterben wie ein Pensum empfand, das es mit ruhiger Würde abzuarbeiten galt, als hätte sie sich's selbst aufgelegt.

Dieser König pflegte sich in der Tat täglich sein Pensum aufzuerlegen. Er hätte es viel bequemer haben können, ohne etwas Wichtiges zu versäumen oder gegen ein Staatsgrundgesetz zu verstoßen. Aber er wollte sich mühen. Nie hat er es anders gewußt und gewünscht, als daß er Tag für Tag arbeiten müsse, zum Wohle seines Staates, für das Glück seiner Untertanen, wie die überlieferte Formel lautet. Und seiner höchsten Stellung in seinem angestammten Königreiche entsprechend, nannte er seine Arbeit Regieren oder Herrschen, welcherlei Umfang und Bedeutung sie auch haben mochte. Ein königlicher Tagwerker, in allem sauber, korrekt, musterbeamtenhaft, weitab von der genialen Hitze und phantastischen Laune seines Vorgängers.

Und so sollte auch einmal sein Nachfolger werden, daraufhin hatte er seine Erziehung angelegt, mit strengem System, spartanisch, fern von dem weichen, verlockenden, zu Fährlichkeiten drängenden Leben.

Daß er das alles mit weisem Bedachte geordnet und seither so regelrecht geführt, das gab ihm sein bestes Gefühl beim Einschlafen und Aufwachen. Er war ein König des guten Gewissens und gefestigter Theorien. Alles war bei ihm verstandesmäßig, ohne eine Spur von schöpferischer Phantasie. Aber auch nichts Gemeines war seinem Wesen beigemengt, und von dem königlichen Extrastolz seines Hauses befaß er nicht mehr, als ihm die Höflinge einzureden und die Maler in seinen Bildnissen anzubringen vermochten.

Seine Gattin schien gut zu ihm zu passen. Körperlich gesund, zur Fülle neigend, liebvoll zärtlich, geistig unbedeutend und anspruchslos, war sie wie dazu geschaffen, ihrem königlichen Gemahl gemütliches Herzensfüllsel zu sein und eine gute Kameradin zu bleiben, nachdem sie dem Herrscherhause zwei blühende Prinzen geboren. Von Politik und Regierungsgeschäften verstand sie nichts, besaß auch keinerlei Ehrgeiz, sich auf diesem Gebiete irgendwelchen Einfluß zu erwerben. Ihr Umgang ließ dem König selbst in der ehelichen Liebe die Anspruchslosigkeit und Regelmäßigkeit im Tun und Erleiden schätzbar werden.

Von seinem Vater hatte er's anders gesehen. Sie waren aber so wenig kongeniale Naturen, daß Blut und Lebensbeispiel ohne suggestive Gewalt blieben. Sie begegneten sich seit Jahren nur ganz selten. Ein majestätischer Kunstzigeuner, lebte der alte Herr bald im Norden, bald im Süden, trotz seiner hohen Jahre immer noch voll Unrast und Begehrlichkeit nach starken Lebenseindrücken haschend, oft sehnsüchtig zurückschauend in die köstliche junge Zeit, wo er noch Krone und Zepter getragen und die Welt mit allerlei stolzen Unternehmungen verblüffte.

Der König lag im Sterben.

Er fühlte, es war seine letzte Tagesarbeit. Schlecht und recht, mit tapferem Herzen wollte er sie leisten. Ob es in seinem Leben zu früh sei, jetzt schon aufzuhören? Warum, wenn es der Wille der Vorsehung ist, sich nicht mit christlicher Ergebung in die frühe Stunde fügen? Übrigens war's ihm jetzt selbst so, als ob er sein Leben damit begonnen, alt und weise zu sein, als ob seine Seele wenig von eigentlicher Jugendlichkeit gespürt, jedenfalls nichts von deren flatterleichter Art, nichts vom Drängen und Stoßen ins Ungemessene und Regelwidrige. Und war's nicht gut so? Wenn man seinen Söhnen einmal das Buch seines Lebens aufschlägt, Seite für Seite, werden sie dann nicht ein doppelt segensreiches Vorbild eines wahrhaft von Gottes Gnade geleiteten ernsten Fürsten vor sich haben? Ja, sein Lebenslauf war wie ein wohldurchgearbeitetes Predigtthema für seine Söhne: wer Ohren hat zu hören, der höre.

So fand er das Ende in Ordnung, sobald es das Ende, der ewige Feierabend, sein mußte. Er spürte keinen wehen Kontrast, als durch die schweren seidenen Vorhänge seines Sterbegemachs die Sonne ihre goldenen Pfeile schoß, die Osterglocken von den hohen Türmen jubelten, Finken und Drosseln im Hofgarten Auferstehungslieder schmetterten in heißer Liebesglut: der Lenz ist da und rüstet sich zum Siegeszug durch die verjüngte Welt!

Ach, schwer ist dem Weisen das Sterben nicht, dachte der König, nur scheint es etwas langwierig zu sein. Und umständlich auch und indiskret, weil das Hofzeremoniell viele Leute herbeiruft, die bei diesem höchstpersönlichen und allerintimsten Vorgang dabei sein mußten, wie bei einem Staatsgeschäft. Minister und Generale in Uniformen, Gelehrte und Priester, Kammerherren und Zutrittsberechtigte, mit jenen überfeierlichen Mienen – und dazu eine zahlreiche Verwandtschaft. Nie hatte der König Freude an Prunk und Schaustellung – und plötzlich fühlte er sich ohnmächtig und hilflos einer Welt gegenüber, der er nicht mehr gewachsen war, und die mit dem überlegenen Blicke des Lebens seinem Sterben zusah.

Er erblickte seine beiden Söhne, den dunklen und den hellen, schlanke Jünglinge, der Schule noch nicht entwachsen, beide bildschön, unheimliche Unergründlichkeit in den Augen. Forschend wollte er noch in ihren Seelen lesen. Aber es waren verschlossene Knospen.

Artig war der Verkehr zwischen Vater und Söhnen immer gewesen, innig und kameradschaftlich nie.

In Gefühlsäußerungen war der König karg und unbeholfen. Sie stiegen nie bis zum freien Überfließen. Er hatte keine Sonne in seinem Blute, kein quellendes Lachen, keine mitreißende Heiterkeit. Er war den Söhnen gegenüber wie ein leutseliger Geheimrat, soweit ein Geheimrat leutselig zu sein vermag.

Und nun nahm er seine schwindende Kraft zusammen und betrachtete lang seinen Erstgeborenen. Der sollte nun König werden, die Bürde des höchsten und schwersten Amtes tragen.

Dieser Jüngling, aus dem seine Erzieher oft nichts herauszuholen vermochten als eine rätselhafte Überlegenheit. Der so oft ihre Kreise störte durch Züge eines ungewohnten Andersseins, als sonst Prinzen aus diesem Stamme zu sein pflegen. Und sie sprachen dem Könige davon unter verlegenem Kopfschütteln: ungeheure Idealität, geniale Schwärmerei, sensitivste Traumhaftigkeit und plötzlich resolutes Aufschäumen in persönlichster Selbstbewußtheit und Unabhängigkeit!

Wie oft standen sie ratlos, die guten Erziehungsmeister, vor diesem Königssprößling!

Klagten sie dem König die Herbheit des Kronprinzen und seinen Hang zur Einsamkeit, so tröstete sie der befriedigte Vaterstolz mit dem Hinweis auf die sprichwörtlichen stillen Wasser, die tief und unzugänglich seien. Den letzten großen Schritt in der Erziehung, die Einführung in Leben und Deutung alles Problematischen im Herrschertum, hatte sich der König höchstpersönlich vorbehalten. Die Lehrer und Erzieher sollten ihm darin nicht vorgreifen, sie sollten sich auf die bildenden Abstraktionen, auf die bewährten klassischen Theorien beschränken, damit die Jünglinge bis zu ihrer vollkommenen Reife von keinem Widerspruch, keinem feindseligen Gegensatz zwischen Lehre und Leben, zwischen traditionellem Ideal und schmerzlich sich entwickelnder Gegenwartssachlichkeit beunruhigt würden.

So wurden die Prinzen seither wie kostbare exotische Pflanzen unter einem Glassturz gehalten. Den Glassturz im rechten Augenblick vorsichtig zu heben, wollte nur des königlichen Vaters eigene Hand berechtigt sein.

Wie aber, wenn diese Hand jetzt im Tode erlahmt? Wenn der Kronprinz mit erschütternder Plötzlichkeit mündig erklärt und in volle Freiheit gesetzt wird? Wenn alle Führung mit einem Schlage vor dem herrschend gewordenen Selbstwillen zurückweicht, aller geübte Druck aus Hirn und Herz, Phantasie und Gemüt vor der Souveränität des Achtzehnjährigen wie Nebel vor der Morgensonne zerfließt?

Ein Seufzer entrang sich der Brust des sterbenden Königs. Wie von lechzenden Flammen umzuckt, stand vor ihm in der wachsenden Dunkelheit der Todesstunde das schwermütig stolze Bild seines Prinzenpaars.

Fragend und hilfesuchend gingen die Augen des Sterbenden von einer Gruppe zur anderen. Wie mit bedauerndem Lächeln verweilten sie auf den Gelehrten, den Historikern und den Poeten.

Seine Symposionsgenossen.

Lauter kostbare Gewächse. Seit anderthalb Jahrzehnten hatte er sie zusammenbotanisiert, mit Vorliebe im Norden, seinen königlichen Residenz-Geistesgarten damit aufzufrischen und zu schicken. Sie sollten ihm die bajuwarische Flora stark machen helfen, diese berühmten Setzlinge, diese grellblütigen Streber und kryptogamen Großborussen, diese klassischromantischen Epigonen und vornehmen Ritter vom Zeitungsgeist. Mit reichen Jahrgehältern hatte er sie gedüngt, an buntlackierten Stäben mit Titeln und Orden und Ehrenämtern festgebunden, daß sie gesicherten Wachstums sich erfreuten und Glanz und Duft über alle Beete der bajuwarischen Kultur verbreiteten. Nie zweifelte er, daß er mit seiner königlichen Verschwendung Herrliches und Dauerndes ins Werk gesetzt. Seine reine Absicht war ihm Bürge eines glänzenden Erfolges.

Warum sollten diese auserlesenen Gnadenpflanzen nicht Wurzel schlagen in der süddeutschen Volksseele und hundertfältige Frucht bringen? Dem lernbegierigen, sammelfreudigen Schutzherrn dünkten sie wertvollster Erwerb. Er ließ sich einreden, daß er eine geniale patriotische Tat getan. Was an nüchterner Erwägung kulturpolitischen Wettbewerbs mit anderen deutschen Staaten dabei im Spiele war, rechnete er nicht weniger seiner Staatsweisheit zugute. Mochten die anderen deutschen Fürsten ganz in materieller Politik und Diplomatie aufgehen und plumpe Großmachtsträume hegen, er wollte mit sublimer Geistigkeit alle übertrumpfen und über sein Königreich eine Epoche wissenschaftlich-ästhetischer Kultur heraufführen, die alle in Schatten stellte. Die alte literarische Dumpfheit sollte von den vornehmen Ständen und dem höheren Bürgertum genommen und eine rege Beteiligung an allem geschaffen werden, was von je die gebildetsten Geister fesselte in historischer Wissenschaft und idealistischer Dichtung. Und selbst neue Forschungszweige, wie die nützliche Chemie, sollten dabei nicht zu kurz kommen. Die naturwüchsige Entwicklung seines Volkes sollte eine herrliche Ergänzung und Geschmeidigung erfahren. Eine strahlende bajuwarische Renaissance! Eine feingeistige Hochkultur im Lande der schweren Maßkrüge durch königliche Munifizenz!

Wie sein genialer Herr Vater, der Archäologe und Dichterkönig, Bilder, Skulpturen und Architekturen gesammelt und den ganzen Süden Europas, Hellas und Italien geplündert, seine Residenz damit zu schmücken und die Museen zu füllen, so wollte er, sein Nachfolger auf dem Throne, auch sein Nachfolger in erhabener Kulturmission werden und die erleuchtetsten Männer der Wissenschaft, namentlich die neuesten Lichter des Nordens an seinen Hof ziehen.

Während die beiden Vormächte des deutschen Bundes in feindseligen Machtfragen sich befehdeten und – jetzt erst diplomatisch in der Eschenheimergasse der freien Reichs- und Bundesstadt Frankfurt durch den plötzlich obenauf gekommenen Junker Bismarck – um ihre Zukunftsstellung rangen, wollte er sein Königreich zu einem friedfertigen Zentrum deutscher Nationalkultur gestalten, zum Entzücken aller vornehmen Geister der alten und neuen Welt. In diesem Idealreich auf Erden sollten ihm die berufenen Nordlichter als Sterne erster Größe leuchten.

Mit bedauerndem Lächeln ruhte jetzt sein brechendes Auge auf diesen Sternen. Der königliche Mäzenas mußte die Erde verlassen, ohne die Großtaten seiner dichtenden und geschichteschreibenden Günstlinge erlebt zu haben. Das große epochemachende Drama hat noch keiner von ihnen geschrieben, auch keinen Roman, kein Epos, nicht einmal ein lyrisches Gedicht, das alle überwältigt und seinem Autor den unbestrittenen ersten Platz auf dem neuen Parnaß gesichert hätte. Nichts als Versuche, Besprechungen, artige Kleinigkeiten, meisterliche Durchschnittswerke bis auf diesen Tag, keine einzige umwälzende, auf ungeahnte Höhen führende Leistung.

Aber der Sterbende ist nicht ungetröstet. Täglich gaben ihm seine Lieblinge eine politische Maxime, einen eleganten Vers, eine historische Glosse, einen schön gedrechselten Sinnspruch, eine naturwissenschaftliche Hypothese, irgendeine geistreich geformte Nichtigkeit in die Schreibtafel, die der fleißige Mäzenas stets bei sich trug. Und die Historiker erfreuten ihn mit braven Berichten aus ihren Kommissionen, die sehr viel Papier und Tinte zum Ruhme Bajuwariens verbrauchten auf königliche Rechnung. Und die Künstler erfanden an ihren Reißbrettern neue Baustile für ihn und belegten sie schmeichelnd mit seinem Namen. Zwar in blühender Kraft des Lebens und echter Schönheit schien sie nicht erzeugt zu sein, diese höfische Kunst. Die Architekten mochten wohl so wenig überschüssige Tugend in ihren Lenden haben wie die würdigen Hofpoeten und Hofhistoriographen. Aber braves Sitzfleisch hatten sie gewiß und löblichen Eifer, mittels mechanischer Anstrengungen des Gehirns stückchenweise neuscheinende Formen aus mißhandelten alten zusammenzuklittern.

Seine Symposien hat's der König genannt, wenn er mit diesen Meistern der Historie, der Poeterei und der verstandesmäßig geübten Künste mäßige Gelage feierte in regelmäßigen Zusammenkünften, fern von Sturm und Drang schöpfermächtigen Zukunftsgeistes, fern von der olympischen Rücksichtslosigkeit der großen Göttin und aller Künste Urmutter Phantasie. Seine Symposien hat er's genannt, das Wochenfest seiner Zuchtmeister in Züchten und Ehren, auf den Höhen des Geistes glaubte er zu wandeln, wenn er mit Nüchterlingen Erkenntnisse, Gelehrsamkeit und Leierkastenpoesien tauschte.

Was war das nur? Jetzt, wo die Schatten des Todes seine Sinne immer dichter umfingen, gewann seine Seele hellsichtige Schärfe? Lernte er in seiner letzten Stunde plötzlich hinter Masken blicken und in meisterlich verlarvten Gesichtern die wahren Züge der Natur lesen?

Scharenweise umdrängten sie sein Lager. Alle, denen er sein Leben lang Huld und Gnade erwiesen, füllten wie ein Spuk das Gemach. Träumte er? O, diese Zudringlichen! Und wie Steckbriefe in Flammenschrift grinste ihr Verborgenstes und Geheimstgehaltenes aus ihren gierigen Augen. Mit bösen Dünsten hauchten sie ihn an, zum Ersticken.

Der Sterbende stöhnte. Jener Gelehrte dort mit dem angreifenden Luchsblick, nie hätte er ihn für schlimm und gefährlich gehalten, nie. Und dennoch, siehe, wie er sich jetzt verrät! Jener Poet, o wie er sich in die Brust wirft mit herausfordernder Gebärde und auf ihn zielt, als hätte er den Bogen gespannt und wollte ihn mit todbringendem Pfeil mitten ins Herz treffen. Und dort, jenes Musterexemplar des wissenschaftlichen und religiösen Menschen, kichert er nicht in sich hinein wie ein anmaßlicher, boshafter Zwerg? Und seine Handlanger, seine politischen Werkzeuge, wie lassen sie ihre Blicke kalt und höhnisch über ihn hinschleichen gleich giftigen Schlangen! Und er hört, wie sie züngeln und tuscheln. Wer hat seither dirigiert und kommandiert? Wer ist bei äußerer Unterwerfung eigentlich doch der führende Wille gewesen, he? Und wer wird der führende Wille in deinem Staate sein? Du nicht, du sterbender König, du nicht, du todwunde Majestät! Deines Hauses Politik wird von anderen gemacht, wehre dich, wenn du kannst!

Er streckte die zuckende bleiche Hand aus und versuchte sich aufzurichten. Ja, die Königin, die gute Trösterin. Sie umfaßte ihn mit ihren liebetreuen Armen. Einen Augenblick fühlte er sich geborgen. Die häßlichen Visionen schwanden.

Sie bleibt seinem Hause die grundgütige Frau und Landesmutter. Was hat sie nicht alles für ihn getan! Hat sie nicht ihren alten Glauben aus freien Stücken ihm zuliebe verlassen und ist in aller Stille in seine Kirche eingezogen, nur damit auch nicht der Schatten einer Kluft, nicht der Buchstabe eines Dogmas sie von ihrem Gatten und ihren Kindern trenne? Neue, innigere Gebete hat sie für ihn gelernt, den Kreis der himmlischen Fürsprecher für ihn erweitert, stärkere mystische Bande um ihre und seine Seele geschlungen. Nach kurzer Trennung werden sie in alle Ewigkeit vereint sein.

Der König lag in den letzten Zügen.

In den Kirchen wurde das Allerheiligste ausgestellt.

Die Priester sprachen die vorgeschriebenen Gebete und übten die ritualgemäßen Gebräuche, die hohen Staatsbeamten und Generale senkten die Köpfe, die Verwandtschaft war gerührt, die Hofdamen brachen in Tränen aus, die Königin schluchzte in tiefem Weh, die Kinder standen stumm erschüttert. Volk umlagerte den Palast und drängte sich auf die Treppen in Teilnahme und Neugier.

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