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Maiglöckchen

Alexandra von Bayern: Maiglöckchen - Kapitel 8
Quellenangabe
authorAlexandra von Bayern
titleMaiglöckchen
publisherVerlag von Ludwig Mayer
year1873
printrunZweite vermehrte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
projectid3ea0b779
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Die drei Leidensgenossen.

I.

Ein sonniger Juni-Morgen lockte mich zum Spaziergang und ich harrte bereits vor der gegitterten, mit Akazien beschatteten Gartenthüre auf eine größere Begleitung, welche gleichfalls den schönen Morgen genießen wollte. Da näherte sich mir mit behutsamem Schritte ein Mann; ich erkannte sogleich, daß es ein Blinder sei, denn voraus ging ein Pudel, der vermittelst des am Halsbande befestigten Strickes, welcher um des Mannes Hand gewunden war, denselben langsam führte. Nachdem ich einstens selbst mit Blindheit bedroht gewesen, hege ich ein besonderes Mitgefühl für jene Leidenden, zu denen der Unbekannte gehörte, und als er vor mir stand, hemmte ich seinen Schritt durch einen Morgengruß.

Nach kurzer Einleitung von einigen theilnehmenden Worten erfuhr ich die Leidens-Geschichte des Armen, dem schon seit früher Jugend das Augenlicht fehlte. Aber kein finsterer Zug des Unmuthes beschattete bei dieser Erzählung sein Gesicht; es trug vielmehr den Stempel gottergebener Zufriedenheit und die Schlußworte bestätigten es auch.

»Ich habe keinen Grund zu klagen« – sprach der Blinde – »denn meine Mutter zündete mir das ewige Licht an für meine Dunkelheit; sie lehrte mich Gott kennen und lieben, meine Zuflucht bei Ihm zu suchen und mein Glück bei Ihm zu finden.«

Ich frug ihn nun mit erhöhtem Interesse, ob diese guten Eltern noch leben, und jetzt hob sich der erste Seufzer während unseres Gespräches aus der Brust des Armen, indem er antwortete:

»Nein, sie sind schon lange todt, und ich stehe allein in der Welt.« Aber kaum hatte er dieses gesprochen, als wieder der alte Glanz innerer Zufriedenheit sein gutes Gesicht verklärte und er beifügte: »Doch ich will nicht undankbar sein! Da hab ich ja meinen Fidel, der führet mich überall hin, besonders zur Kirche, und wenn dann im Abendmahl mein barmherziger Erlöser in dieses sündige Herz einkehrt, gehe ich wieder fröhlich an meine Arbeit und Gottes reicher Segen ruht sichtbar darauf.«

Mit Erstaunen rief ich: »Wie, Du vermagst ungeachtet Deiner Blindheit zu arbeiten?«

Da lächelte der Blinde und sagte mit fröhlichem Tone:

»Gott sei's gedankt, tausend und tausendmal! Wir drei Nachbarn halten zusammen und arbeiten mit einander und dann war's unrichtig, daß ich sagte, ich stünd' allein in der Welt!« – Diese mir unklaren Worte erregten auf's Neue meine Aufmerksamkeit und ich forschte weiter: »Wer sind Deine Nachbarn? Erzähl' mir doch von ihnen.«

Bereitwillig plauderte er:

»Der Eine davon ist ein alter, an den Beinen gelähmter Soldat. Er hat in den Befreiungskriegen tapfer gefochten und trägt zum Andenken daran noch manche Narbe. Aber er ist geschickt und kann die schönsten Cruzifixe schnitzen. Nun hat er mich auch darin unterrichtet, und weil mein Vater, der ein Küfermeister gewesen ist, mir in seinem Handwerke schon frühzeitig Unterricht gegeben hat, hab' ich's bald gelernt. Mein Verdienst reicht oft so weit, daß ich davon meinem Lehrmeister mittheilen kann. – Ach, die gute Alte ist die Aermste von uns Dreien; sie hat keine Arme, um damit zu arbeiten, nun thut sie's aber mit den Füßen.« – Mir war heute vollauf Gelegenheit zur Verwunderung gegeben und somit rief ich: »Arbeiten? mit den Füßen arbeiten? Ja, was arbeitet sie denn?« In so ruhigem Tone, als ob es sich von selbst verstände, sagte der Blinde:

»Sie strickt mit den Füßen und sie kann's so schnell, wie Andere mit den Händen. – Ja, wir drei Nachbarn loben Gott oftmals vereint, daß Er uns, ungeachtet unserer Gebrechen, doch die Fähigkeit zum Arbeiten gegeben hat und wir senden viele »vergelts Gott!« unsern braven Eltern in's Jenseits nach, weil sie uns mit so vieler Geduld im Nöthigsten unterrichtet haben.«

»Und fehlt es Dir niemals an Arbeit?« erkundigte ich mich beim Blinden.

Da zog die Betrübniß gleich einem Schleier über sein Gesicht und verdunkelte diesen heitern Seelenspiegel auf einen Augenblick, indem er antwortete und das Haupt verneinend schüttelte:

»Nicht an Arbeit, aber an Holz.«

Er hielt eine Weile inne, um seine innere Bewegung zu überwinden und fuhr dann in seiner Erzählung fort:

»Mein ganzer Vorrath ist mir gestohlen worden. Denken Sie sich meinen Schrecken, als ich's entdeckte und nicht einmal mehr so viel vorfand, um ein bestelltes Butterfaß anzufertigen. Ich hatte keinen Groschen, mir Holz zu kaufen und in meiner Verzagtheit schwebte mir schon der Hungertodt vor der Seele. Da hörte ich einen Sperling vor meinem Dachfenster zwitschern; mir fielen dabei die tröstlichen Worte unseres Herrn und Heilandes ein und ich warf getrost alle meine Sorgen auf Ihn.

Er hat's auch recht gemacht und mir erbarmende Menschen zur Hilfe gesendet.

Geraden Wegs komme ich vom Kapuziner-Kloster, wo ich eine nahrhafte Kost erhielt, und ich kann mich dort so lang einfinden, bis ich wieder etwas verdient habe.«

Nun erblickte ich meine erwartete Begleitung in kurzer Entfernung und verabschiedete mich vom Blinden, indem ich ihm mein Schärflein darreichte, und ihm beim Weiterschreiten zurief: »O vertrau' nur fest auf Gott! gewiß sendet er Dir durch gute Menschen einen neuen Holzvorrath.«

Bald stand ich im Garten unter einem blühenden Tulpenbaume und sah mich von herrlich duftenden Rosen, Jasmin und in voller Blüthe stehenden Orangen-Bäumchen umgeben, in deren Zweigen sich Vögelein wiegten und ihre fröhlichen Lieder sangen. Während ich nun mit meiner Gesellschaft den Spaziergang fortsetzte und mich die Herrlichkeit der Natur entzückte, dachte ich:

»Wenn schon ein Sommertag auf unserem mühseligen Kreuzgange dieses Erdenlebens so schön ist, wie wonnig mag erst unsere himmlische Heimath sein, wo Gott Allen, die Ihn lieben, eine Wohnstätte bereitet hat.«

*

II.

Sechs Monate waren seit meiner Begegnung mit dem Blinden verstrichen und der heilige Weihnachtsabend senkte sich auf die Erde nieder, die Menschenherzen auf's Neue mit himmlischer Wonne erfüllend.

In der armen Behausung der drei Nachbarn saßen der Blinde und der Lahme emsig beschäftigt, noch einige Cruzifixe zu vollenden, denn ach! wie nahe berühren sich die Krippe und das Kreuz! Da trat die alte Strickerin zu ihnen und hörte ihren lauten Jammer, daß sie dem mitternächtlichen Gottesdienst nicht beiwohnen könnten. Die gelähmten Füße des greisen Soldaten versagten ihm diesen Dienst; er konnte nur bei Tage mühsam an der Krücke die ziemlich weite Strecke zurücklegen und der Blinde hatte während dieser sechs Monate seinen treuen Hund, der ihn so sicher führte, verloren.

Der fromme Jammer ihrer beiden Unglücks-Gefährten ging der armen Strickerin tief zu Herzen; sie berieth sich mit Gott und plötzlich kam ihr ein Gedanke. Mit heiterem Tone sagte sie zum Blinden:

»Dein Rücken ist stark genug, den lahmen Wastl zu tragen und ich will heute die Stelle des Pudels versehen und Dich am Stricklein führen. Damit ich den Weg sicher finde, könnt Ihr mir eine Laterne um den Hals hängen.«

Der Vorschlag wurde mit jubelndem Beifalle aufgenommen und als die eilfte Stunde schlug, befanden sich unsere drei Leidensgenossen auf dem Wege zur Pfarrkirche. Bei ihrer Ankunft entstand ein leises Flüstern von Mund zu Mund; Aller Augen richteten sich auf die Hereintretenden; aber ihr Erscheinen brachte kein Lächeln auf die Lippen, sondern rührte vielmehr die Herzen der Anwesenden.

Als die bescheidenen Nachbarn ihre Plätze im letzten Stuhle einnehmen wollten, räumte man ihnen mit zuvorkommender Freundlichkeit die allerersten, besten Plätze ein. Mit unbeschreiblicher Seligkeit wohnten die drei Schwergeprüften dem feierlichen, mitternächtlichen Gottesdienste, der Christmesse bei und vergaßen in seliger Gloria sogar ihre zeitlichen Gebrechen. Die achtzigjährige Strickerin wähnte mit gefalteten Händen zu beten, der gelähmte Soldat mit den Hirten vereint vor der Krippe zu knien und der Blinde sah im Geiste das liebenswürdige Jesuskind, welches ihm von seinem Gnadenschatze reichlich mittheilte und seine Seele mit himmlischem Lichte erfüllte.

Nach geendetem Meßopfer beeilten sich alle Anwesenden, das göttliche Jesuskind zu erfreuen, indem sie kleine Liebesgaben den drei Leidensgenossen spendeten.

Von diesem Abende bis zum hochheiligen Osterfeste versäumten niemals diese drei Nachbarn dem Gottesdienste ihrer ziemlich entfernten Pfarrkirche beizuwohnen. Da sie jedoch an diesem Festtage daselbst vermißt wurden, eilten einige Menschenfreunde in die armselige Lehmhütte und fanden sie tödtlich erkrankt. Zuerst ward der Blinde von dem bösartigen, in der Umgegend herrschenden Fieber ergriffen und von seinen beiden Nachbarn, so viel es in ihren schwachen Kräften stand, gepflegt. Als sie sogar selbst sich vom Fieber angesteckt fühlten, harrten sie noch am Krankenlager des Blinden aus und verließen es erst, von der Krankheit überwältigt, um auf ihr eigenes Sterbelager zu sinken.

Gerade als die Noth und Verlassenheit am höchsten war, erschien auch der menschenfreundliche Beistand. Aber trotz aller Beweise wahrer Nächstenliebe vollendeten die drei Leidensgenossen, durch die heiligen Sakramente gestärkt, noch ehe die Sonne am Ostertage unterging, ihren beschwerlichen, irdischen Kreuzgang.

Nach der üblichen Zeit wurden drei einfache, mit Frühlingsblumen geschmückte Särge von einem langen Zuge Andächtiger zum Friedhofe geleitet.

Ein Immortellenkranz schlang sich um die drei vereinten Kreuze, um anzudeuten, daß auch ihr Kreuzweg hienieden ein vereinter gewesen sei. Viele »Vater Unser« stiegen aus den Herzen der versammelten Menschen für die geduldigen Kreuzträger zum Himmel empor und ihr Beispiel ward Allen zur Lehre, das Unglück gleich ihnen standhaft und freudig zu tragen, mit der schwachen Kraft zu arbeiten und seinen Nächsten zu lieben, wie sich selbst.

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