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Maiglöckchen

Alexandra von Bayern: Maiglöckchen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorAlexandra von Bayern
titleMaiglöckchen
publisherVerlag von Ludwig Mayer
year1873
printrunZweite vermehrte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
projectid3ea0b779
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Aus dem Kriegsjahre 1870/71.

Aus einem alten Hause eines baierischen Marktfleckens erklangen einstens täglich fromme Lieder, und zwar in sehr früher Morgenstunde. –

Der blonde, fröhliche Sänger war ein kräftiger Bäckergeselle, der emsig das Brod knetete, während fast alle seine Mitmenschen noch in tiefem Schlummer versenkt lagen.

Das Gesicht des begabten Jünglings trug das Gepräge eines guten Gewissens. Auch war er dienstfertig gegen alle Gesellen, barmherzig gegen die Armen, mit denen er gerne – obgleich selbst arm – sein schwarzes Brod theilte; der Trost und die Freude seiner dürftigen, verwitweten Mutter, beliebt bei Allen, die ihn kannten, ein gewissenhafter Befolger unserer heiligen Religion, mit einem Wort: ein treuer Christ.

Als plötzlich die Kriegserklärung erscholl, verließ er bereitwillig sein friedliches Handwerk, schied von seiner guten, ihn segnenden Mutter und folgte muthig der baierischen, bewährten Fahne.

Bereits hatte der jugendliche Krieger beschwerliche, außergewöhnlich weite Märsche – bei theilweise sengender Sonnenhitze – zurückgelegt, brennenden Durst und quälenden Hunger erlitten und schon viele schauerliche Schlachten gänzlich unverletzt glücklich überstanden: als ihn plötzlich vor Paris während eines heftigen Kampfes eine Chasepots-Kugel traf, die seinen linken Fuß so schwer verwundete, daß er betäubt zwischen seinen todten und sterbenden Kriegsgenossen auf die blutgetränkte Erde niederstürzte.

Hierauf ward der Verwundete in ein Lazareth gebracht, wo er sich in der Fremde, weit von seiner Heimat entfernt, der nöthig erachteten Amputation – ergeben in Gottes heiligem Willen – muthig unterwarf und alle darauf erfolgten brennenden Schmerzen geduldig ertrug.

*

Einige Monate später.

An einem warmen Frühlings-Nachmittage wanderten wir durch die mit spärlichem Laub bekleideten Alleen, die in das königliche Lazaret führten, einer süßen Pflicht folgend: – die tapferen Verwundeten zu besuchen.

Vor Allem drängte es mich, einem amputirten Altbayern eine Freudenbotschaft zu überbringen. Derselbe hatte sich einst auf seinem Schmerzenslager gesehnt, während er an einer schweren, brandig gewordenen Wunde litt, nach seiner Genesung Schneider zu werden.

Dieser Wunsch war bis zu einer im fernen Norden wohnenden Fürstin gedrungen, welche (selbst leidend, mit allen leidenden Mitmenschen eine besonders innige Theilnahme empfindend) augenblicklich bereit war, denselben mit Freuden zu erfüllen.

Aber man denke sich mein Erstaunen, als ich erfuhr, der Verwundete, welcher seiner Genesung entgegen ging, habe schon alle Lust verloren, dieses oder ein anderes Handwerk zu erlernen, denn er litt an großer Arbeitsscheu.

Während ich mit dem Altbayern redete, schlummerte friedlich trotz des Wundfiebers an dessen Seite ein sehr jugendlicher Krieger. Dieser wurde im Walde von Wörth vor dem Abfeuern der ersten Kugel von einer feindlichen getroffen und bis zum Krüppel schwer verwundet.

Nach einer kleinen Weile erwachte er und schlürfte hastig, noch ganz betäubt, den ihm dargereichten Labetrunk, um den brennenden Durst zu löschen. Aber nach wenig Augenblicken verfiel er in einen noch tieferen Schlummer.

Welch' eine Wohlthat Gottes ist doch der Schlaf für die leidende Menschheit!

Im Nebengemache hing oberhalb dem Schmerzenslager eines Verwundeten ein großer, aus seinem Fuße gezogener, mit Lorbeer bekränzter Granatsplitter, welchen ihm der freundliche Lazaret-Geistliche zum Andenken hatte einrahmen lassen.

An der entgegengesetzten Wand befand sich das Lager eines sterbenden Badensers. »Gewiß hätten Sie als Soldat vorgezogen, den Heldentodt auf dem Schlacht-Felde zu finden?« so fragte denselben theilnehmend der neben ihm sitzende Geistliche.

»Nein,« erwiederte Jener mit matter Stimme, »nein,« so ist es mir lieber, um Zeit zur Vorbereitung zu haben und einen guten Tod zu sterben.«

Dann erkundigte sich der Geistliche, ob der Kranke Wein zur Stärkung wünsche, oder auf welche Weise er demselben eine kleine Freude bereiten könne. Aber der Sterbende bat sich nur ein Gebetbüchlein aus, das er noch am selben Abende erhielt. Schon am folgenden Morgen, als ihm aus demselben nach Empfang der hl. Sterbsakramente vorgelesen ward, verschied er sanft im Herrn, auf den er stets gehofft hatte.

Hierauf führte man uns zu einem alten, am Gesichte wie an den Händen blau tätuirten Derwische, dem ein junger Araber (der mit ihm vor Weißenburg verwundet und gefangen wurde) zum Dollmetscher diente. Im anstoßenden Zimmer begrüßten wir zwei Genesende, deren Erlebnisse (obgleich von verschiedenen Armee-Corps) fast die gleichen gewesen.

Beide hatten sich vor Orléans während schauerlicher, eisigkalter Winternächte die Füße erfroren, dann den lebensgefährlichen Typhus, endlich die Operation aller brandig gewordenen Zehen glücklich überstanden und Beide erfreuten sich jetzt – friedlich neben einander liegend – der herannahenden Genesung.

Am Bette des Kranken stand tiefbewegt sein Vater. Aus der Nähe von Aschaffenburg zu Hause, war er die ganze Nacht gereist, um seinen vielgeliebten Sohn wiederzusehen.

Indeß Vater und Sohn mit einander traulich plauderten, richtete der andere Verwundete aus dem baierischen Walde eine bescheidene, wahrhaft rührende Bitte an mich.

Er wünschte das gleiche Missionsbüchlein (in demselben stand eine Anleitung zu einem christlichen Leben) selbst zu besitzen, welches ihm von einer barmherzigen Schwester zum Lesen geliehen worden war. Es scheint, daß der junge Krieger als demüthiger Christ den bittern Leidenskelch getrunken hatte.

Im anstoßenden, größeren Zimmer waren drei Verwundete aus der heißen Zone untergebracht. Neben dem gutmüthigen Neger mit einem abgeschossenen Finger, saß ein Turkos, dessen dunkle Augen freundlich umherblickten. In der Mitte seines Hauptes erhob sich eine Art Krone von feinen schwarzen, gekräußelten Haaren, welche rings herum geschoren waren. Als man ihm mit dem Gruße: » Solam aleikam« (der Friede sei mit Euch) eine Citrone darreichte, biß er mit seinen blendend weißen Zähnen eben so behaglich in dieselbe, wie ein europäisches Kind in einen rothwangigen Apfel.

Noch betrachteten wir den Turkos, als wir angstvolle Töne vernahmen, die wie » dorlé, dorlé« lauteten. Sie kamen von den Lippen eines Arabers aus dem berühmten Stamme der Mauren, welche auf dem edelgeformten Antlitze lag. Fort und fort wiederholten sich diese kläglichen Hilferufe, ohne daß die Sanitäts-Soldaten noch die andern Umstehenden sie zu deuten wußten.

Endlich ward der eben geschilderte Turkos darüber befragt, der mittels Zeichen zu verstehen gab, daß der Sterbende gewendet zu werden wünsche.

Kaum war dieß geschehen, so wurde der Araber ruhiger; aber ehe eine Stunde verflossen – als wir noch im Lazarethe verweilten – hatte ihn bereits der Tod von seinen irdischen Leiden erlöst.

Noch hatten wir den gräßlichst verwundeten baierischen Soldaten nicht gesehen, der in Folge einer Granat-Kugel – aber erst nach der Schlacht – einen Fuß und den größten Theil seiner beiden Vorderarme verloren.

Seine preußischen Kameraden warnend, hatte dieser – indeß er ein offenes Pfeifchen rauchte – die geladene Kugel aufgehoben, welche in seinen Händen alsbald zerplatzte und ihn wie einige Umstehende mehr oder weniger verwundete.

In diesem Augenblick wird dem armen Krüppel von seinem Zimmergenossen (einem verwundeten Soldaten, der vom Kriege nur einen brauchbaren Arm zurückgebracht) das Mittagsmahl sorgfältig eingegeben.

Welch' rührender, wahrhaftig wohlthuender Anblick, wenn ein Leidender, ein Hilfsbedürftiger dem Andern christliche Barmherzigkeit erweiset!

Sonst, wenn der arme Krüppel nicht durch das Wundfieber geschwächt ist – vermag er sogar selbst zu essen. Man braucht ihm nur eine Brodscheibe in sein Ellenbogengelenk zu legen und einen Löffel an den übrig gebliebenen Theil seines Vorderarmes anzubinden.

Gerne unterhielt sich derselbe mit einer Mundharmonika und lauschte den Melodien der Spieldose, welche mein jüngster Bruder dem Spital zum Geschenk gebracht hatte. Kaum war die »Wacht am Rhein« verklungen, als gleich darauf der deutsche Einzugsmarsch von Paris folgte. Die barmherzige Schwester theilte mir mit, daß man diese Spieldose täglich beim Verbinden eines schwer Verletzten aufziehe, damit er seine Schmerzen einigermassen leichter ertrage.

Dieser ward erst nach der Schlacht von Wörth im Walde beim Aufsuchen der Verwundeten und während er den Weg für die Ambulance-Wagen räumte, von einer Kugel getroffen, die ihn sehr gefährlich am Fuße verletzt hatte.

Der jugendliche Krieger, einziger Sohn seiner Eltern, erzählte mir, wie ergreifend es gewesen, als zu Germersheim, wo er in Garnison gelegen, jedesmal vor dem Abmarsch eines Regimentes zum Gebet geblasen wurde.

Das gegenüberstehende Bett glich einer Werkstätte. Neben dem papierenen Wandkorbe lagen eine Menge angefangener Rähmchen, welche die Königin Mutter zu Photographien für die Verwundeten bestimmt hatte.

Wie viele schmerzensreiche Tage und schlaflose Nächte durchlebte der emsige Papparbeiter (ehemaliger Schreiner) seit dem denkwürdigen Tage von Sedan, wo eine Granat-Kugel seinen rechten Fuß zerschmettert hatte. Nachdem der Fuß eingerichtet worden war und die Heilung bereits begann, wurden die Knochenende wieder gewaltsam auseinandergefügt und ein Gypsverband angelegt. Mit diesem Verbande traf der Verwundete nach einiger Zeit im Königs-Lazarethe zu Neuberghausen ein, wo es der sorgsame Arzt für nöthig fand, den fast angeheilten, aber verkürzten Fuß wieder künstlich zu brechen, neu einzurichten und mittelst einer Maschine nach und nach zu dehnen.

Der dankbare Verwundete war über den günstigen Erfolg dermaßen erfreut, daß er für seinen ihn mit so vieler Nächstenliebe behandelnden Doctor jenen Wandkorb verfertigte und ihm denselben zum Andenken gab.

Im anstoßenden Zimmer war ein Plan von Paris ausgestellt, welchen ein preußischer Verwundeter, ehemaliger Kunstgärtner, verfertigt hatte. Dieses Kunstwerk erregte nicht wenig Interesse bei seinen Kameraden, welche sich gruppenweise um ihn schaarten. Die Thüre zu jenem Gemache öffnete uns ein genesender, baierischer Soldat, der einem Lanzknechte aus dem dreißigjährigen Kriege glich.

Zuerst kam ein preußischer Verwundeter aus dem Paradies-Garten, dem Lazarethe der Königin Mutter, um das Werk seines Landsmannes zu betrachten. Der eben Gekommene hatte sich während seines Aufenthaltes in den Baracken durch einen menschenfreundlichen Zug ausgezeichnet:

Neben ihm war ein tödtlich verwundeter Würzburger gelegen, welchem er täglich eine Stunde lang vorlas, und hierauf traulich mit ihm plauderte.

Da sein Leidensbruder sich hiedurch etwas getröstet fühlte und Linderung in seinen heftigen Schmerzen fand, so harrte er freiwillig im kalten, zugigen Platze bis nach dessen Verscheiden aus, obgleich er denselben mit einem andern hätte vertauschen können, und er sich dadurch selbst Schaden zuzog. – Jenem Ersten folgten noch zwei Andere aus dem Paradies-Garten. Zuerst ein Polytechniker, welcher seinen rechten Arm in der Schlinge trug. Während dieser behilflich gewesen, einen Verwundeten vom Schlachtfelde hinwegzutragen, verletzte ihn dermaßen eine Kugel, daß man schon von der Amputation sprach. Doch verhinderte dieß, Gott sei Dank, ein ausgezeichneter baierischer Chirurg, der entschieden erklärte, daß der Arm noch zu retten sei. Welch' ein Trost für die verwitwete Mutter, die in diesem hoffnungsvollen Sohne ihre einzige Stütze sah! Indeß die Wunde langsam heilte, übte und erheiterte sich der Polytechniker mit dem Citherspiele, um dadurch den steifen Arm etwas gelenk zu machen.

Nach einer kleinen Weile kam, mühesam auf den Stab gestützt, ein junger am Halse verwundeter Vice-Korporal, der längere Zeit in Folge eines Böllerschusses gelähmt darniedergelegen war. Gottes Barmherzigkeit hatte sich eines in seinem Tornister befindlichen, vorräthigen Schuhleders bedient, um die Kraft des Schusses zu schwächen. So ist der Verwundete von einer bedenklichen Verletzung verschont geblieben. Anfangs hatte derselbe Unterkunft in einem Lazarethe zu Corbeil gefunden, wo er von einer barmherzigen Franziskanerin vom III. Orden vortrefflich verpflegt und verbunden ward.

Aber meine Blicke wurden durch neue Ankömmlinge gefesselt. Mit größter Sorgfalt geleiteten zwei mit Auszeichnungen geschmückte Baiern – (der Eine trug den päpstlichen Orden, der Andere am Arm amputirte Corporal das baier. Militär-Verdienstkreuz) einen achtfach verwundeten preußischen Fähndrich die steinerne Treppe vom Georgi Lazareth herauf, um ihm diesen Plan von Paris zu zeigen. Seine Augen blitzten begeistert bei diesem Anblick und senkten sich dann mit einem Freudenstrahl auf das eiserne Kreuz, welches kürzlich – während seiner Heilung – ihm verliehen worden war.

Der mit dem päpstlichen Orden geschmückte tapfere Soldat war später freiwillig in die baierische Armee eingetreten und hatte sich – da er als Vorposten mehrere Stunden in einem Wassergraben bei Orléans zugebracht – eine peinliche Lähmung zugezogen, von der er nach und nach genaß.

Aus dem Munde des heldenmüthigen Corporals hörte ich die begeisterte Aeußerung: daß er gerne wieder – wenn er noch seinen Arm besäße – in's Feld ziehen würde.

Nun näherte sich ein fast geheilter, mir gut bekannter Soldat aus dem trefflichen Lazarethe der Königin-Mutter zu Fürstenried. Dieser hatte im Kriege nicht nur eine Kopfwunde, einen Schuß durch die Schulter erhalten, sondern auch sein rechtes Auge verloren. Der ihn sorgfältig mit wahrer Nächstenliebe behandelnde Arzt mußte ihm noch zwei Granatsplitter aus den entzündeten Augenhöhlen ziehen.

Unter der sich herbeidrängenden Gruppe erblickte ich einen jugendlichen Krieger in freudig gehobener Stimmung, der weder krank noch verwundet aussah. »Viel könnte ich von dieser Stadt erzählen,« sprach er, den Plan von Paris betrachtend, »denn erst seit wenig Tagen habe ich dieselbe nach kurzer Kriegsgefangenschaft verlassen. Aber, Gott sei Dank, befand ich mich während derselben unter der Obhut eines zum Hauptmann avancirten Mohren, der mich aus Dankbarkeit gegen seinen Wohlthäter, dem Herzog Max von Baiern, so gut behandelte. Dieser hatte ihn einstens mit anderen Mohrenknaben taufen und christlich erziehen lassen. – Der Hauptmann trug mir noch besonders auf, dem Herzog seinen innigen Dank zu wiederholen.«

Er fügte seiner Erzählung bei: »Ach, hätte sich nur meine gute Mutter wegen mir nicht dermaßen gesorgt, daß ihre Haare in einer Nacht ergrauten. Meine Braut besuchte täglich eine ferne, der schmerzhaften Mutter Gottes geweihte Kapelle, um mich beim heiligen Meßopfer ihrer barmherzigen Fürbitte zu empfehlen. Auch hatte mir meine gottesfürchtige Braut vor der Trennung einen im heiligen Grab geweihten Rosenkranz mit der Bitte gegeben, ihn stets bei mir zu behalten. So geschah es, daß ich ihn auch während des Kampfes, ungeachtet des Gespöttels einiger Kameraden, um die linke Hand gewickelt behielt. Im selben Augenblicke, als ich mich bückte, um ihn, da ich denselben herabrutschen fühlte, wieder zu erhaschen, flog eine Kugel über meinen Kopf dahin und ich war gerettet!« – »Auch mir ist ein besonderer Schutz zu Theil geworden,« begann ein 19jähriger Jüngling, der während des lebhaften Gespräches unbemerkt dazu gekommen war. »Meine Mutter hatte mir beim Scheiden eine Marien-Medaille um den Hals gehängt, mit der ausdrücklichen Bitte, mich stets vor der Schlacht der Fürbitte der schmerzhaften Mutter Gottes anzuempfehlen.

Als ich aber eines Tages im Schlachtgewühl die Medaille verloren hatte, fand ich zu meiner Freude ein großes messingenes Kreuz auf dem Felde liegen. Ich hob es auf – hängte es trotz dem Gelächter einiger Umstehenden um meinen Hals und begab mich vertrauensvoll in die Schlacht.

Da flog eine Chasepot-Kugel mit solcher Gewalt gegen mich, daß ich schon wähnte, mein letzter Augenblick sei bereits gekommen. Doch die Kugel hatte nur den ehernen Kopf des Christusbildes getroffen und verletzt und ich bin dadurch gänzlich verschont geblieben.« –

»Auch gegen mich ist Gott recht gnädig gewesen,« sprach ein Sergeant, auf dessen Wange eine tiefe Narbe eingeprägt war. »Während eines heftigen Gefechtes auf der Brücke von Bazeilles traf eine Chaspot-Kugel mit solcher Gewalt meine rechte Wange, daß ich in die Marne hinabstürzte. Augenblicklich sprang ein Ingenieur in den Fluß und rettete mein Leben.

Nach und nach senkte sich die Kugel immer mehr gegen den Hals, und nachdem ich während Monaten nur mit Schmerzen die nöthige Nahrung zu mir nehmen konnte, verschlimmerte sich mein Zustand durch Anschwellung des Halses dermaßen, daß mich während ein paar Tagen der schauerliche Hungertodt bedrohte. – Als ich endlich, von Heißhunger gedrängt, etwas erweichtes Brod genossen, steigerten sich die Schmerzen so gräßlich, daß ich unwillkürlich auf die Knie sank. Da flog plötzlich – während ich hustete und mir die Sinne fast vergingen – die Kugel in die Ecke des Zimmers.

O gewiß hat der barmherzige Gott wohlgefällig jenes hl. Meßopfer aufgenommen, welches für mich in der Wallfahrtskirche zum hl. Blut dargebracht worden war.«

Nun verließ ich, tief gerührt von Allem, was ich eben vernommen, das Gemach, wo stets auf's Neue sich die Schaulust und das Interesse dem Plan von Paris zuwendete.

In diesem Augenblicke trug man einen Verwundeten in den Garten, unter der Bezeichnung »der berühmte Hornist« bekannt. Dieser hatte bei einem gefallenen französischen Hornisten ein Notenheftchen gefunden, in welchem die Signale der franz. Armee verzeichnet waren.

Der glückliche Finder übte sich im Geheimen das Abzugssignal zu blasen – und wartete des rechten Augenblicks, es anzuwenden. Als bald darauf eine Abtheilung der baierischen Armee in großer Gefahr schwebte, ertönte plötzlich jenes franz. Abzugssignal hinter einer Scheune hervor so kräftig und täuschend, daß die überlisteten Feinde im Sturmschritt den Rückzug antraten.

Während der Hornist von seinem Verstecke hervorkroch, sendeten ihm die Franzosen, welche seine List entdeckt hatten, eine Kugel nach; sie traf ihr Ziel so gut, daß sie seinen Fuß lähmte und er nur mit Mühe entkam.

Als Anerkennung des im entscheidenden Augenblicke geleisteten Dienstes wurden ihm die goldene Medaille und das eiserne Kreuz zu Theil.

Noch ehe der Hornist den Garten erreicht hatte, begrüßten ihn von einem entfernten Platze bereits vier genesende baierische Soldaten mit dem begeistert gesungenen Liede:

»Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum freien Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb Vaterland, magst ruhig sein.
Fest steht, fest steht und treu
Die Wacht, die Wacht am Rhein!«

Endlich wurden wir in das letzte Zimmer des Lazarethes geführt, wo ein junger Amputirter lag, der mir trotz der schweren Leiden wegen seiner Heiterkeit auffiel.

Es war jener Bäckergeselle, der vor Paris seinen linken Fuß verloren hatte und sich nun dankbar freute, in sein Heimatland, nach müheseligem Transport, glücklich zurückgekehrt, gut versorgt zu sein, die kräftige Kost, die aufopfernde Pflege der lieben, barmherzigen Schwestern und die treffliche Behandlung des gewissenhaften Arztes zu genießen.

Doch trug der Verwundete einen Wunsch im Herzen, den uns die barmherzige Schwester vertraulich mittheilte. – Er wollte seine Pension nicht im Müssiggange genießen, sondern seine gesunden Hände und die ihm von Gott verliehenen Kräfte zu einem arbeitsamen Leben verwenden, um hiedurch seine gute Mutter, die ihn einstens als hilfloses Kind so sorgfältig gepflegt – in ihrem Alter mit dankbarer Gegenliebe zu unterstützen und zu diesem Zwecke das Schneiderhandwerk erlernen.

»Sein Wunsch läßt sich leicht erfüllen,« erwiederte ich, »wenn der amputirte Altbaier auf seinem sonderbaren Beschluß verharret – das ihm gewordene Anerbieten nicht annehmen zu wollen.«

Wirklich verzichtete dieser völlig auf den ihm zugedachten Vortheil und überließ ihn gerne seinem jüngern Leidensbruder, der hierüber hoch erfreut war.

Aber der menschenfreundliche Doktor rieth ihm, die einträglichere Uhrmacher-Profession zu ergreifen (wofür er denselben wegen seiner scharfen Augen, schmalen Hände und geistigen Begabung geeigneter hielt) und hatte bereits einen christlichen Meister ausfindig gemacht, den es freute, einem Verwundeten zum weiteren Fortkommen behilflich zu sein. – Gerne folgte der Amputirte dem guten Rathe und trat nach Ostern – sobald seine Wunde gänzlich geheilt – als Lehrling bei einem Uhrmacher in München ein, um daselbst zwei Jahre zu verweilen. Bald erwarb sich Jener die völlige Zufriedenheit des Meisters und der Frau Meisterin, die ihn schon im Lazarethe besucht hatten.

Obgleich ihm nur in Aussicht gestellt gewesen, nach einem Jahre besondern Fleißes und ausgezeichneter Geschicklichkeit einen kleinen Lohn zu erhalten, so wurde er schon – ehe ein halbes Jahr verfloßen, mit der wöchentlichen Einnahme von 2 fl. überrascht. – Wie beeilte sich der gute Sohn, den ersten Verdienst seiner dürftigen Mutter zu senden, die ihn mit Thränen benetzte.

Schon im Voraus freute sich der Lehrling auf den frohen Tag, wo er als Uhrmachermeister in seinen heimatlichen Flecken zurückkehren könne, um dann seiner armen, alten, ehrwürdigen Mutter eine größere Stütze zu werden als er je mit seinen zwei gesunden Füßen zu hoffen gewagt hätte, obgleich er vom Feldzuge nur Einen Fuß zurückgebracht hatte.

Wahrlich der allbarmherzige Gott segnet mit Freuden und Leiden.

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