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Maiglöckchen

Alexandra von Bayern: Maiglöckchen - Kapitel 18
Quellenangabe
authorAlexandra von Bayern
titleMaiglöckchen
publisherVerlag von Ludwig Mayer
year1873
printrunZweite vermehrte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
projectid3ea0b779
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Gedanken.

Das Glück.

Findet man das Glück in einer romantischen, von Orangenhainen oder Weinbergen umgebenen Villa, die sich im See widerspiegelt?

Erreicht man das Glück auf dem Gipfel eines mit Alpenrosen und Edelweiß geschmückten Berges, während man zu dessen Füßen Dörfer, Auen, Städte mit ihren Kirchthürmen erblickt?

Entdeckt man das Glück im geheimnißvollen Schatten eines fernen Urwaldes?

Erhascht man das Glück in den betäubenden Weltfreuden?

Erschließt sich das Glück in den Schätzen der Wissenschaft und der schönen Künste?

Nein, nichts von all' diesem vermag uns das wahre, unvergängliche Glück zu bieten. Es wird uns nur zu Theil, wenn wir hienieden Gott treu dienen und nach seinem himmlischen Reiche trachten. Auf diese Weise aber werden wir uns glücklich fühlen, ob wir uns in der Heimat, in der Fremde, in einer Hütte, oder im Palaste befinden, ob wir das Kreuz Jesu tragen, oder ein seliges Dankgebet für die Erfüllung eines sehnlichen Wunsches entrichten.

*

Die Alpenrose.

Gleich wie der steile Felsen von den grünen, glänzenden Blättern und den purpurnen Blüthenkelchen der Alpenrose geschmückt ist, – so grünt die Hoffnung und blühen geistige Freuden auf dem kahlen, steinigen Leidenspfade hienieder und erleichtern die Pilgerreise zur himmlischen Höhe.

*

Die Barmherzigkeit.

Die Barmherzigkeit ist vergleichbar einer treuen Freundin, welche man nicht genug zu schätzen vermag.

Seit der Kindheit rührt sie unsere Herzen und ladet uns ein, manchem Vergnügen zu entsagen, damit wir kleine Almosen zu geben vermögen. Sie ermuthigt uns auch, wenn wir traurig sind, indem sie uns Thränen zum Trocknen zeigt; denn während wir unseres Bruders Kreuz tragen helfen, erscheint uns das eigene minder schwer.

Die Barmherzigkeit veredelt unser Glück, indem sie uns lehrt, es mit Andern zu theilen.

Sie tröstet uns vornehmlich auf dem Sterbebette, indem sie uns von Jesus spricht, der in seiner unendlichen Barmherzigkeit jedes unserer barmherzigen Werke als Ihm selbst erwiesen, betrachtet.

*

Die geistigen Freuden.

Wie das wohlduftende Veilchen nicht nur grünende Hügel und prachtvolle Gärten ziert, sondern auch zwischen Dornen und an steilen Bergesabhängen blüht: – so spendet Gott geistige Freuden, sowohl in frohen Tagen, als auch in Zeiten schwerer Prüfung, in reichen Palästen und in armen, entlegenen Dachstübchen.

*

Die Wohlthaten Gottes.

Während ich einen kleinen, über steiniges Bett fließenden Bach, der mit lieblichen Vergißmeinnichten geziert war, betrachtete, sprach ich zu mir selbst: »Schwer möchte es sein, diese vielen, zarten Blumen, aber ganz unmöglich, die mannigfachen Beweise, daß Gott meiner nicht vergessen hat, zu zählen.

Wie sich diese Blümchen in der klaren Fluth spiegeln, soll auch meine Dankbarkeit gegen Gott für diese Wohlthaten in der Liebe zum Nächsten widerstrahlen.«

*

Die Kapelle.

Als ich eines Sonntags dem Hochamte beiwohnte, brauste der Sturm heftig um die alte Kapelle, während der Regen an den hohen, gothischen Fensterscheiben herabströmte.

Wie dieses Gebäude uns birgt vor Gewitterregen, Stürmen und Schneegestöber, so bietet uns die katholische Kirche schon seit bald neunzehn Jahrhunderten einen sichern Schutz gegen Versuchungen, Leidenschaften, gegen übermäßige Traurigkeit und mannigfaltige Prüfungen des Erdenlebens.

*

Die Wohlthaten des Gebetes.

O, welch' ein Trost, Gott, den wir so oft durch unsere Sünden beleidigen, um Vergebung bitten zu können! Welche Beruhigung, zu Jesu zu flüchten, wenn wir des Nachts in peinlicher Unruhe erwachen; denn der Herr in seiner unendlichen Barmherzigkeit wird nie müde, den Bittenden anzuhören.

Ja, wir dürfen uns vertrauensvoll zu Gott erheben, so oft wir von Versuchungen, von Prüfungen überfallen, so oft wir von Leiden niedergebeugt werden, damit er uns hiervon erlöse oder uns helfe, unser Kreuz aus Liebe zu Ihm und zu Seiner Ehre zu tragen.

Es ist eine süße Pflicht, Gott zu danken und zu lobpreisen für die gnädige Erhörung eines innigen Wunsches, eines herzlichen Gebetes, oder für die Ertheilung einer unerwarteten Wohlthat. Auch vermögen wir durch unsere Gebete, vereint mit dem großen Versöhnungsopfer Jesu Christi, die Seelen unserer Brüder und Schwestern zu erleichtern, welche uns in die Ewigkeit vorangegangen, aber noch den entzückenden Anblick des dreieinigen Gottes entbehren, nach welchem sie sehnend schmachten.

*

Ein Bild des Erdenlebens.

Durch den Frost einer Frühlingsnacht verwelken unzählige Blumenkelche und Myrthenblüthen, welche zum Brautkranze bestimmt waren. Der Goldkäfer zernagt viele prachtvolle Rosen, während sie süße Wohlgerüche verbreiten. Den heiteren Horizont verdunkeln oft plötzlich düstere Wolken, aus denen ein verwüstender Hagelschauer auf die goldenen Halme herabfällt und des Landmanns Hoffnung begräbt, so wie die ungeduldige Erwartung des Erntetages vernichtet.

Die Naturscenen gewähren vortreffliche Sinnbilder für das Erdenleben. Wie viele kaum gehegten Hoffnungen werden vernichtet, wie viele sorgfältig entworfenen Pläne zerstört, wie oftmals folgen den kurzen, nur einen Augenblick gekosteten Freuden schwere, schmerzliche Thränen voll Trauer!

Irdische Sorgen trüben unser Erdenglück; es wird uns in dem Augenblick, wo wir wähnen, es lebenslang besitzen zu dürfen, wieder genommen.

O, hängen wir unser Herz nicht zu sehr an die vergänglichen Erdengüter, welche dem Schmetterlinge gleichen, der den Händen des Kindes, das ihn mit Mühe gefangen, leicht entschlüpft und in denselben nur einen buntfarbigen Staub zurückläßt.

*

Die Hoffnung.

Gleich dem Epheu, welcher in Mitte eines in Trümmer zerfallenen Schlosses, sogar von Schnee und Eis umringt, noch friedlich grünt: – so erhebt sich die christliche Hoffnung über die irdischen Leiden und widersteht dem nächtlichen, eisigen Hauche der Verzweiflung.

*

Die Musik.

Die Musik erheitert die Einsamkeit und belebt die Gesellschaft. Sie begeistert den Krieger und rührt die Seele, welche sich über die irdischen Beschwerden erhebend, zu Gott emporstrebt.

*

Der Leuchtthurm.

Die Lichter des Leuchtthurmes verkünden dem Schiffer, welcher sein Boot in dunklen Gewitternächten auf hochschäumendem Meere zwischen Klippen dahin lenkt, daß er sich in der rechten Richtung zum heimatlichen Strande befinde.

Ebenso bezeugen die hellglänzenden Märtyrerkronen im Leuchtthurme der christlichen Kirche dem Erdenschiffer inmitten der Lebensstürme, dort sei der rettende Port, wo er sein friedliches, himmlisches Ziel finde.

*

Das Immergrün.

An einem Wintertage verleitete mich meine Liebe zur Natur, ein wegen seiner Schönheit berühmtes Thal aufzusuchen. Ich hatte es im Monat Juli in seinem reichen Sommerschmucke gesehen, und fand es wieder von Schnee, gleichsam mit einem Leichentuche bedeckt, unter welchem die Blumen und die Gräser begraben lagen.

Finstere Wolken beschatteten die Felsen, welche das Thal einschlossen, und verbreiteten sich über den ganzen Horizont; die Schneeflocken waren die einzigen Zierden der Bäume, welche den einst so frohen Vögeln zur Zufluchtsstätte dienten, und die Raben flatterten ängstlich hin und her, klägliche Töne ausstoßend. Die Gesträuche hatten ihre Rosen gegen Eisblüthen vertauscht und vom großen Pflanzenreiche blieb nur mehr ein kleines Immergrün übrig, dessen glänzende Blätter sich über den Schnee erhoben. Sie schienen die gefällten Eichen, Zeugen ihrer Geburt, zu vermissen, und ihre Schwestern, die Blumen, welche sie einst umgaben, zu betrauern. Denn derselbe Thau und dieselben Sonnenstrahlen hatten einst ihre zarten Blüthenkelche entwickelt.

Während ich das kleine Immergrün bemitleidete, fühlte ich mich plötzlich von einem Schrecken ergriffen. »Vielleicht«, sprach ich zu mir selbst, »ist mir von Gott ein langes Leben bestimmt; vielleicht muß ich die Wohlthäter und Freunde meiner Kindheit überleben?«

Doch kaum hatte mich dieser Gedanke mit Schauer erfüllt, als ich, über meinen Kleinmuth bestürzt, das Immergrün wieder betrachtete.

Gleich dieser Pflanze, welche ruhig bis zum Frühling grünt, wo sie mit neuen Blättern bekleidet, ihre auferstandenen Schwestern wiedersehen wird: – sollen auch wir mit Geduld und Ergebung ausharren und uns der frohen Hoffnung erfreuen, daß Gott uns eines Tages mit allen Jenen im Himmel vereinen werde, die uns hienieden theuer waren.

*

Ein Gedanke in der Osterwoche.

Die melodischen Töne der Orgel, mit den Stimmen junger Mädchen vereint, durchdringen, rühren, erwärmen das Herz, und flüstern demselben frohe Entschlüsse für die Zukunft ein.

Mögen diese Vorsätze nicht schon in Bälde den Versuchungen und Gefahren des Lebens unterliegen, gleich den zarten Frühlingsblumen, welche kaum durch den warmen Sonnenstrahl erweckt, schon eine Schneeflocke vernichtet, die in ihren wohlduftenden Blüthenkelch herabfällt.

*

Ein Garten im Herbste.

Am letzten Oktobertage richtete ich die Schritte zu einem kleinen Garten, da ich fürchtete, daß ihn der Reif seines letzten Schmuckes beraubt haben würde. Der Himmel war wie mit einem Trauerflor überzogen und verbreitete einen düstern Schatten über den ganzen Garten. Dieser Anblick gewährte ein Bild der vergänglichen Schönheit und irdischen Pracht. – Die mit spärlichen, braunen Blättern bekleideten Bäume glichen den Bettlern, welche in Lumpen gehüllt und dem Froste ausgesetzt sind. Die hungrigen Vöglein suchten noch die wenigen schwarz und rothen Beeren auf den Gebüschen zu erobern. Einige halb erfrorene Schmetterlinge schliefen auf den welken Blättern der durch den Frost zerstörten Blumenbeete. Endlich sah ich einige verspätete, matte Bienen herbeifliegen, die sich umsonst abmühten, aus den bereits vertrockneten Blumenkelchen noch Honig zu gewinnen. O möchten wir diesen nicht gleichen und nicht versäumen, rechtzeitig die für den Himmel unentbehrlichen Schätze zu sammeln!

Dann näherte ich mich der Stelle, wo ich noch am vorhergehenden Abende eine prächtige Dahlie gesehen, welche stolz ihre sammtartige, scharlachrothe Blume über eine kleine Reseda erhoben hatte. Heute vermochte ich kaum mehr die so herrliche und kräftige Pflanze zu erkennen; denn Blüthenkelch und Blätter waren geschwärzt und der Stiel durch die Macht des Windes gebrochen, während die Reseda friedlich fortblühte und noch Wohlgerüche über die schöne Leiche verbreitete.

O möchten wir uns nie über unsere Nebenmenschen erheben und so leben, daß wir ruhig den Tod erwarten können!

*

Ein Bild der Freundschaft.

Der Epheu, welcher zwei Heckenrosen-Sträuche fest umrankt, bietet ein Bild wahrer Freundschaft dar, die mit einem sanften Bande zwei Seelen vereinigt.

Gleich den Wohlgerüchen, welche aus den Rosenkelchen sich erheben und im Zephyr sich zu einem Dufte vereinigen: – entsteigen auch den Seelen der beiden Freunde Gedanken und Gefühle innig verwandter Art, die im Austausche sich mit einander vermischen, so daß die beiden Seelen gleichsam nur eine Seele bilden.

*

Die Kaiserkrone.

Als ich an einem Frühlingsmorgen an einem prächtigen Garten vorüberging, trat ich in denselben ein, um eine wunderschöne Kaiserkrone in der Nähe zu betrachten. In dem Schatten dieser herrlichen Pflanze blühte eine Menge gelber Blümchen, welche die hohe Blume mit Neid zu betrachten schienen. Denn sie sahen nicht die thränengleichen Perlen tief verborgen in ihren purpurnen Blüthenkelchen.

Auf gleiche Weise erregen Krone und Purpur, die Sinnbilder irdischer Macht, oft den Neid derjenigen, welche die verborgenen Leiden nicht zu sehen vermögen.

*

Die christliche Seele.

Am Fuße eines Hügels floß sanft ein Bach auf seinem steinernen Bette. Plötzlich lösten sich einige Steinbrocken und fielen mit heftigem Gepolter in's Bächlein, dessen friedlichen Lauf sie zu unterbrechen schienen. Aber schon nach kurzer Weile verfolgte der Bach wieder eben so ruhig wie zuvor, seinen Weg, als trüge er nur grüne Blätter und wohlduftende Blüthen, welche der Wind von den Bäumen weht.

O, welch ein Bild der christlichen Seele, deren Frieden eben so wenig durch Unglücksfälle, als durch Leiden gestört werden kann! – Sie nimmt alle Prüfungen, alle Schmerzen aus Gottes Hand in stiller, ruhiger Ergebung.

*

Das Vertrauen auf Gott.

Vermag Gott die Wolken zu vertheilen, welche vor unseren Blicken eine schöne Gegend verbergen, vermag er die Eisdecke zu schmelzen, die eine Menge zarter Blumentriebe begräbt: wie könnten wir zweifeln, daß er die Macht habe, unsere Traurigkeit in Frohsinn, unsere schwermüthige Stimmung in Hoffnung zu verwandeln, unsere Widerwärtigkeiten zu verscheuchen, unsere Wünsche zu erhören und uns schon hienieden einen Vorgeschmack des himmlischen Glückes kosten zu lassen, welches Jene erwartet, die als wahre Christen die irdischen Leiden zu tragen haben.

*

Die Versuchung.

Gleich dem Schiffer, welcher bei entgegenbrausendem Winde mit verdoppelter Kraftanstrengung seine Ruder einsetzt: – sollten auch wir mit erhöhter Inbrunst beten, wenn uns Versuchungen umstürmen, damit wir uns nicht von der Richtung entfernen, die zu unserer ewigen Heimat führt.

*

Vogelsang.

An einem Frühlingsmorgen erwachend, vernahm ich mitten durch das Brausen des Windes ein fröhliches Vogelgezwitscher.

Sollten wir, von Gefahren umgeben und von Widerwärtigkeiten umringt, nicht dem Beispiele der kleinen Sänger folgen, und auch unsere Stimme vertrauungsvoll zu Gott erheben? –

*

Das Veilchen.

Gleich dem bescheidenen Veilchen, das seine wohlriechenden Düfte unter dichtem Blätterwerke, im Walde und unter Hecken verborgen ausbreitet: – sollen auch wir unsere guten Werke unter dem Schleier der Demuth ausüben.

*

Die Kapelle im Herzen.

Einst saß ich an einem schwülen Sommermorgen auf einer ländlichen Bank, beschattet von einer ehrwürdigen Eiche, und beobachtete ein Heer Ameisen, emsig beschäftigt, Sandkörner herbeizutragen, von welchen sie ein Gebäude errichteten; dann sah ich, wie sie Samen suchten, welcher in dem Vorrathsgewölbe für den Winter aufgehäuft ward. Wie beschämen uns diese kleinen Insekten, dachte ich, die mit unermüdetem Eifer das vom Schöpfer ihnen auferlegte Tagewerk erfüllen, obgleich ihnen nach demselben keine Belohnung harret, da ja ihr Leben mit der Arbeit endet, während wir, welchen ewige Freuden verheißen sind, oft säumen, Gott, dem wir Alles verdanken, eine Kapelle in unserm Herzen zu errichten, deren Grundstein der Glaube ist, auf welchem sich das auf Säulen gestützte Gebäude eines die Gebote treu beobachtenden Lebens erheben soll.

Der Thurm ist die Hoffnung, die Glocke bedeute unsere Wachsamkeit zum Guten, der Eingang in das Innere der Kapelle sei die Demuth, die Wandgemälde seien die verschiedenen, christlichen Tugenden, mit welchen wir unser Herz zieren müssen, um unserem lieben Heiland eine ihm wohlgefällige Wohnung zu bereiten. Die Kanzel möge unser eifriges Bestreben sein, die Ehre Gottes zu befördern, indem wir unsern Nebenmenschen durch liebreiche Ermahnungen zu ihrem Seelenheile dienen.

Weder der Kniebänke noch der Beichtstühle darf ich vergessen, da ja Andacht, Reue und Buße dem Christen höchst nothwendig sind. Der mit Blumen geschmückte Altar versinnbildet unsere guten, mit den Verdiensten Christi vereinten Werke; endlich die ewige Lampe sei unsere nie erlöschende Liebe zu Gott und dem Nächsten.

*

Sonne und Wolken.

Es ist merkwürdig, die Kämpfe zwischen Sonne und Wolken zu betrachten, welche eine große Aehnlichkeit mit den mannigfachen Seelenkämpfen bieten.

Jetzt ist das Firmament mit Wolken bedeckt. Das sind die Augenblicke, in denen die Seele durch Angst verfinstert ist. Plötzlich erscheint ein blauer Punkt am Horizont; auch in die unglückliche Seele sendet Gott einen Hoffnungsschimmer. Aber die Sonne verbirgt sich wieder und das blaue Fleckchen ist verschwunden. Eben so hat die Hoffnung das beängstigte Herz verlassen und neue Sorgen haben sich darauf niedergesenkt.

Nun wagt die Sonne einen neuen Angriff, zerreißt die Wolken und in wenig Augenblicken erglänzen die goldnen Strahlen am weiten Firmamente.

Auch die Hoffnung hat über Zweifel, Aengste, Sorgen und Befürchtungen gesiegt; sie kehrt glorreich in die beruhigte Seele zurück und nimmt von ihr endlich wieder Besitz. –

*

Am Todtenbette.

Im Frühlinge 1848 befand ich mich am Todtenbette einer ehrwürdigen Dame, welche über siebzig Jahre zurückgelegt hatte und ehemals die Erzieherin meiner lieben Mutter gewesen, dann deren Freundin geworden war.

Tief betrübte mich der Tod dieser guten Frau. Sie hatte stets treuen Antheil an allen frohen und schweren Ereignissen in unserer Familie genommen.

Ich wünschte derselben vom Herzen Glück, das Ziel ihres frommen Lebens nun erreicht zu haben, denn schwere Prüfungen waren ihr zu Theil geworden, welche ihre Seele jedoch veredelten. Nun sah ich sie im Geiste mit ihrer einzigen Tochter vereint, der herbe Trennungsschmerz in seliges Wiedersehen verwandelt. Ich sah sie umgeben von zwei lieblichen, in der Jugendblüthe heimberufenen Enkelinen, unsern Gespielinen in diesem kurzen Jugendleben; von dem Urenkelchen, das sie schon verloren, als sie kaum die Freude der Urgroßmutter gekostet hatte.

Indem ich die entseelte Hülle der ehrwürdigen Dame betrachtete, sprach ich zu mir selbst: »Wie mag sich der Mensch über die kurzen Leiden des Erdenlebens so sehr beunruhigen, denen ewig dauernde Freuden folgen! Wie mag er über die zeitliche Trennung so bittere Zähren vergießen, – da seiner im Himmel ein so unvergänglich schönes Wiedersehen wartet!« –

*

Die Perle.

Der Mensch taucht bisweilen zum Meeresgrunde hinab, um eine Perle zu suchen, bestimmt, den Reichen zu schmücken. Und doch versäumt er oftmals die kostbarste aller Perlen, nämlich die Geduld, sich zu erwerben, welche eben so wohl dem Reichen, wie dem Armen zum Schmucke dient.

*

 

Druck von Carl Fromme.

 

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