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Maiglöckchen

Alexandra von Bayern: Maiglöckchen - Kapitel 14
Quellenangabe
authorAlexandra von Bayern
titleMaiglöckchen
publisherVerlag von Ludwig Mayer
year1873
printrunZweite vermehrte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
projectid3ea0b779
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Die Heimkehr eines verwundeten Kriegers.

Ein armes, altes, in tiefe Trauer gehülltes Mütterchen saß mit ihrem Spinnrocken an einem Sommerabende unter dem Schatten der Kastanienbäume vor ihrer niederen Hütte. Während das Heimchen sorgenlos zwischen den blühenden Grashalmen zirpte und der kleine Zaunkönig fröhlich durch Rebzweige des nachbarlichen Weinberges schlüpfte, verbargen sich die Sonnenstrahlen hinter düstere Wolken und oftmals riß der Faden zwischen den abgemagerten Fingern der sonst so geübten, hochbetagten Spinnerin.

Warum riß der Faden? – Vermochten etwa ihre müden Augen denselben beim matten Dämmerscheine nicht mehr genau zu unterscheiden?

O nein! – eine schwere Thräne, welche langsam über die bleiche Wange herabfloß, verrieth einen tiefliegenden Kummer.

Doch horch! – welch' unerwartetes Geräusch in der Ferne? –

Bereits vernimmt man deutlich Fußtritte, die immer näher und näher kommen. Jetzt vermag man schon die Gestalt eines jugendlichen Kriegers zu unterscheiden, der eilig die letzte Strecke Weges zurücklegt.

Kaum hat ihn das Mütterchen erblickt, als sie freudig vom Sitze aufspringt und ruft: »Mein Sohn! mein Sohn!« doch im nächsten Augenblicke sinkt sie wie vernichtet auf die Bank zurück und verbirgt das ehrwürdige Gesicht mit beiden Händen. Vor ihrem lauten Schluchzen vermag man kaum folgende Worte zu unterscheiden: »Ach mein einziges Kind ist ja todt, seit Wochen todt!« Doch als sie ergeben beisetzte: »Herr, Dein Wille geschehe!« da liegt schon der sonnengebräunte Soldat in den mütterlichen Armen, die ihn fest umschlingen.

Sprachlos, aber in namenloser Wonne drückt sie den bereits als todt beweinten, wiedergeschenkten Sohn an das gute, treue Herz, während ihr Auge, das noch von einer zurückgebliebenen Schmerzensthräne glänzt, dankbar nach Oben blickt.

Erst nach einer Weile, als sie wieder ein Wort hervorzubringen vermochte, ruft sie den Vater aus dem Weinberge herbei, um ihm die Freudenbotschaft zu verkünden. Sobald er die glückliche Kunde vernommen, wirft er rasch Hacken und Spaten bei Seite, springt, den Weg abkürzend, über eine Maulbeerhecke und reicht seine Rechte schon von Ferne dem heimkehrenden Sohn zum Bewillkommnungsgruße entgegen.

Aber der Sohn legt in die dargebotene Rechte nur die linke Hand. Als die Eltern dies bemerken, wechseln sie sorgliche Blicke und fragen, wie aus Einem Munde: »Ist Dein rechter Arm verwundet?«

Der jugendliche Krieger antwortete: »Nachdem ich stundenlang im Kugelregen gestanden, kam plötzlich eine Granate geflogen und riß mir im selben Augenblicke, als ich abfeuern wollte, den rechten Arm weg. Hier könnt Ihr noch die Stelle sehen, wo die Kugel eingedrungen ist.« – Mit dieser Bemerkung zeigte er das Loch im Mantel, der bisher seine Verstümmelung den Augen der Eltern verborgen hatte.

Bei dieser Mittheilung verfielen Vater und Mutter in tiefe Betrübniß. Der gute Sohn aber sagte tröstend: »Wir wollen Gott danken, daß Er mich gesund heimkehren ließ, während viele meiner Kameraden, die mit mir unter klingendem Spiele ausmarschirten, theils noch schwer verwundet in der Fremde liegen, theils sogar ihr Leben verloren haben. Ich hoffe zuversichtlich, daß der barmherzige Gott meinen Einen Arm doppelt segnen werde, damit er Euch zur Stütze dienen kann.«

Nun setzte sich die ganze Familie auf die Hausbank nieder; der Sohn mußte von seinen übrigen Erlebnissen erzählen:

»Nach der erlittenen Verwundung,« fuhr dieser fort, »eilte ein Sanitätssoldat hinzu, um mir beizustehen. Im selben Augenblicke, als sich derselbe bückte, mich aufzuheben, traf auch ihn ein Streifschuß am Halse und auch er sank auf die blutgetränkte Erde nieder. Wie lange wir da neben einander gelegen, weiß ich nicht; denn nach und nach verlor ich aus Entkräftung unter dem lauten Kanonendonner mein Bewußtsein und erwachte erst im großen Saale eines Lazaretes, wo eine barmherzige Schwester meine brennende Wunde mit Eis kühlte. Zu meiner rechten Seite lag der verwundete Sanitätssoldat, zu meiner linken aber mein bester Freund, einstmaliger Schulkamerad, unseres Nachbars Sohn, dem man eben die heiligen Sterbesakramente reichte. Vor Schwäche vermochte ich kaum seine Hand zum letzten Abschiedsgruß zu drücken. Ach! das war ein schwerer Augenblick, den ich mein ganzes Leben hindurch nicht vergessen werde!

Am nächsten Tage wurde mein zerschmetterter Arm abgenommen, wobei ich keine Schmerzen litt, da man mich vorher betäubt hatte. Die Wunde heilte erst nach Wochen, weil noch einige Splitter unter heftigen Schmerzen herausgingen. Ich litt sehr an Heimweh, bis ich endlich aus dem Lazaret entlassen wurde.«

Während dieser Erzählung hatten sich die finsteren Wolken zertheilt und eine herrliche Abendbeleuchtung zeigte sich am Horizonte.

»Jetzt ist es hohe Zeit, daß ich unser Abendessen koche«, – sagte das thätige Hausmütterchen, ließ den reinlich gefegten Tisch von der Wand herab, eilte in die Küche, stellte ihre schönsten röthlichen Kartoffeln an's Feuer, brachte einstweilen frischgerührte Butter und selbstgewonnenen Honig herbei, während der Vater aus dem Keller seine einzige Flasche Wein holte, die er vom Ertrag seines Weinberges für besondere Familienfeste aufgehoben hatte.

Bald saßen sie fröhlich beim einfachen Mahle vereint, bis sie von der einbrechenden Nacht überrascht wurden.

Nach gemeinschaftlichem Nachtgebet führte die gute Mutter selbst ihren Sohn in die Kammer, wo er bald in tiefen Schlaf verfiel. Im Traume befand er sich wieder von Rauch und Wolken umgeben mitten im Schlachtgewühle.

Als ihn die ersten Sonnenstrahlen aus seinem Schlummer erweckten, war er freudig überrascht, in der lieben Heimat, im trauten Elternhause zu sein. Aber bald bedrückte ihn der Gedanke, daß er schon im Alter von 23 Jahren den Eltern zur Last fallen müsse. Nachdem er lange hin und her gedacht hatte, welchen Erwerbszweig er noch auszufüllen im Stande wäre, kam ihm der Gedanke, Brod feilzubieten.

Doch – woher sollte er die hiezu nöthigen Mittel nehmen? Da wandte er sich vertrauend an die heilige Muttergottes und den heiligen Nährvater Josef, damit sie ihm als Fürsprecher bei ihrem geliebten Sohne beistehen möchten.

Und sieh! noch am selben Nachmittage erweckte sein krüppelhafter Anblick so herzliches, reges Mitleid, daß er am Abend die dazu nöthige kleine Summe beisammen hatte.

Schon beim Beginn der nächsten Woche saß der arme Krüppel in der Nähe des Marktplatzes vor einem hölzernen Tische, auf welchem die verschiedensten Brodgattungen, begonnen vom würzigduftenden Schwarzbrode, bis zur kleinen Bretzel und dem weißen Milchbrödchen ausgelegt waren. Gerne kauften von ihm, da er ein eben so ehrlicher Verkäufer als guter Sohn war, die Bäuerinnen, darunter viele Soldatenmütter, ihren Bedarf, als sie den Obst- und Gemüsemarkt besuchten.

Nach beendeter Weinlese füllte der Vater einen großen Korb mit den auserlesensten Trauben, damit sie der Sohn in die Stadt zum Verkaufe trage. Während nun daheim die emsige Mutter das Brodgeschäft besorgte, bot der jugendliche Invalide den Städtern und Städterinnen die guten Muskateller feil, wofür man ihm gerne das Doppelte gab, da der Verkäufer so treu für König und Vaterland gefochten und sogar seinen rechten Arm dafür geopfert hatte. In den geleerten Korb wurden noch wollene Socken, Stiefel und warme Winterjacken gelegt und der arme Invalide freute sich herzinnig, dieses Alles seinen dürftigen Eltern einhändigen zu können.

Am Tage nach seiner Rückkehr von der Stadt saß er wieder wie gewöhnlich vor seinem Brodladen und so verging ein Tag nach dem andern, bis »Allerseelen Gedächtniß« herangekommen war. O wie innig gedachte er in der Seelenmesse seiner gefallenen Kameraden und dankte dem barmherzigen Gott aus Herzensgrund für den reichlichen Segen, wodurch er in Stand gesetzt wurde, seinen armen Eltern mit Einem Arme größere Stütze zu gewähren, als er früher mit zwei Armen vermocht hatte.

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