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Maiglöckchen

Alexandra von Bayern: Maiglöckchen - Kapitel 13
Quellenangabe
authorAlexandra von Bayern
titleMaiglöckchen
publisherVerlag von Ludwig Mayer
year1873
printrunZweite vermehrte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
projectid3ea0b779
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Der Sonnenstrahl.

Aus erquickendem Schlummer ward ich von einem Sonnenstrahl geweckt, der freundlich durch ein gothisches Fenster drang und meine geschlossenen Augenlider sanft küßte. Herzlich erfreut durch diesen willkommenen Gruß, empfand ich den Wunsch, die Sonne geistiger Weise auf ihrer Rundreise zu begleiten.

Nun verabschiedete sich meine Phantasie von dem weichen Bette, wo ich während der Nacht sanft geruht hatte und erhob sich alsbald über blumenreiche, in Thau funkelnde Wiesen, die einen balsamischen Wohlgeruch verbreiteten; dann durchflog sie ein Nebelmeer, hierauf eine sehr reine, aber eisige Luftschichte.

Endlich langte sie im Rücken einer Bergkette an, wo die Sonne hinter einer schroffen Felswand hervortrat.

Bereits waren alle die unzählbaren Millionen von Lampen ausgelöscht, die noch vor Kurzem den nächtlichen Himmel beleuchtet hatten; sogar die kleine Venus war schon verschwunden und hatte ihren hohen Wachtposten beim Morgengrauen verlassen.

Nun wirft die Königin der Gestirne ihren weiten Purpurmantel über die nächsten Gebirge und sendet dann ihren ersten Strahl auf ein altes Kruzifix, das sie mit ihrem Glanze reich vergoldet.

Vor demselben kniet auf einem Felsenblock eine junge Bäuerin im Sonntagsgewande, das einen wehmüthigen Gegensatz zu ihrem blassen Gesichte bildet. Eine Thräne glänzt in ihrem Auge, welches beständig auf das Abbild Mariens geheftet ist.

Was denkt wohl dies junge Mädchen?

Diese Thräne, welche ihr blaues Auge wehmütig umschleiert, wie eine leichte, den Frühlingshimmel trübende Wolke, verräth ein Geheimniß, das ich aber nicht zu entdecken wage. Möge ein Strahl der göttlichen Gnade das innere Dunkel erhellen, wie der Sonnenstrahl die Thräne im Auge durchschimmert!

Meine Phantasie verließ das junge, in tiefe Trauer versenkte Mädchen, um die Sonne bis zum großen Weltmeere zu begleiten. Im selben Augenblicke, als die Strahlen auf dieser unabsehbaren Wasserfläche sich abspiegelten, erwachte an der Seeküste neues Leben, welches sich Anfangs durch dumpfes Getöse, dann durch lautes Rufen, endlich durch einen betäubenden Lärm kund gab.

Einige Schiffer sprangen, heitere Lieder singend und pfeifend, in ihre Nachen, die sie kräftig in's Meer hinein stießen; andere Schiffer, welche die Nacht auf der hohen See zugebracht hatten, kehrten heim mit dem nächtlichen Fischfange.

Die Frauen und Kinder beeilten sich, in ihren Gefäßen die Fische zu sammeln, um sie auf den Markt zum Verkaufe zu bringen. Schon naht sich von ferne eine Schaar munterer Knaben, die bald den Strand belagern wird, um Austern oder andere kleine Seebewohner zu entdecken, welche etwa aus den Netzen der Fischer gefallen sein würden.

Während die Sonne mit der Fülle ihrer Pracht das Meer, wie das Ufer beleuchtete, fiel ein Strahl in das Innere einer armen, mit Weinreben umkränzten Hütte, welche in der Nähe des Strandes gelegen ist.

Dieser Strahl war Zeuge einer rührenden Familienscene. Er sah eine Frau, die vor der Wiege ihres Kindes kniete, dessen Händchen sie faltete, während sie statt seiner das kurze, aber schöne Morgengebet sagte. Gleich einem wohlgefälligen Blicke beleuchtete die Sonne das Kindergesicht, dessen rosige Wangen glühten, als die Mutter ihr Mädchen küßte. Dann folgten die Strahlen der emsigen Frau, welche ihres Mannes Frühstück bereitete und emsig im kleinen Hause waltete.

Meine Phantasie zog nun mit den Sonnenstrahlen zu einem fernen, einsamen Garten. Hier sitzt auf der weichen Moosbank ein junges Mädchen, welches von vergangenen Tagen zu träumen scheint. Plötzlich steht sie auf, ergreift das geflochtene Weidenkörbchen und nähert sich einer Laube, von herrlich blühenden Rosen umrankt. Sie pflückt eine liebliche Moosrose, wählt dann von jeder Gattung Eine, fügt dazu noch mannigfaltige Blumen, kehrt zur Bank zurück und vereinigt sie zum lieblich duftenden Strauße. Wie die Sonnenstrahlen nun den Blumenstrauß durchleuchten, so glänzt auch ein Strahl der von Wehmuth und Freude gemischten Erinnerung im Augenpaare des jugendlichen Mädchens.

Doch die freundlichen Strahlen begnügen sich nicht, einen Garten zu verschönern, sie ziehen fort zum finstern, dumpfen Gefängnisse, um dort einen wohlthätigen Besuch abzustatten. Nicht ohne Hinderniß gelangen sie in dasselbe, indem sie zwischen starke Eisengitter hindurch dringen müssen. Noch schlief der Gefangene; seine lang herunterhängenden Haare waren gebleicht durch nagende Gewissensbisse, Todtenblässe bedeckte das abgehärmte Antlitz; aber nichts war im Stande, die letzten Spuren der Schönheit desjenigen auszutilgen, welcher bereits zehn Jahre in dieser traurigen Zelle geschmachtet hatte. Jetzt erwacht der Gefangene vom Strahl der Sonne und greift nach der Bibel, welche ihm seine alte Mutter vor der Einkerkerung schluchzend übergeben hatte. Er schlägt die Blätter auseinander und der Sonnenstrahl zeigt wie ein Finger aus dem Himmel auf die Stelle: »Er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten.«

Da stürzen Thränen aus seinen Augen, Thränen der bitteren Reue. Aber wie er weiter liest in dem heiligen Buche, verwandelt sich die Bitterkeit seines Leidens in die süße, wohlduftende Hoffnung, daß ihm Gott seine schweren Sünden vergeben werde.

Während das Gefängniß nur spärlich erhellt war, brannte die Sonnenglut auf eine große Wiese, wo zwei Heerden weideten. Der ältere der Hirten, ein ehrwürdiger Greis, nahm soeben sein mäßiges Frühstück ein, während der andere, ein in Lumpen gehüllter Knabe, auf einem Apfelbaume saß, wo er die beiden Heerden übersah und ihre Angriffe, sowie den geschlossenen Waffenstillstand betrachtete.

Die Sonne leuchtete in den Zweigen und schien wohlgefällig den Knaben und den Greis bei ihrer Arbeit zu betrachten.

Und weiter begleitete meine Phantasie die Sonne auf ihrer Rundreise. Nun beschien sie mit freundlichem Strahle einen Friedhof im Gebirge und vergoldete daselbst ein unansehnliches schwarzes Kreuz. Es bezeichnete die Stelle, wo die ärmste und zugleich reichste Inwohnerin des Marktfleckens zur Erdenrast gelegt worden war. Schon als schwaches Kind hatte sie und ihre beiden jüngeren Schwestern die sorgenden Eltern durch den Tod verloren; sie stand einsam auf dieser Erde, welche sie erst im hohen Alter, nach einem arbeitsamen Leben, nach beständigem Kampfe zwischen Mangel und körperlichen Leiden verlassen sollte.

Nachdem die fromme Dulderin ihre beiden Schwestern in schweren Krankheiten gepflegt und deren Augen zugedrückt hatte, nahm sie ein verwaistes Mädchen in ihre ärmliche Hütte auf, lehrte dieser nützliche weibliche Handarbeiten und theilte mit ihrer kleinen Pflegetochter das Brod der Armuth, während sie guten Saamen in ihr kindliches Gemüth ausstreute. Die Hingeschiedene hatte sich trotz Armuth und Leiden glücklich und reich gefühlt, denn sie besaß weit köstlichere Schätze als die vergänglichen, irdischen: sie besaß Tröstungen der heiligen Religion.

In diesem Augenblicke nähert sich ein armes Mädchen, das Vaterunser halblaut betend, diesem Grabhügel und legt auf denselben einen Strauß Immortellen, der im Sonnenstrahle wie Gold schimmert und die herabfallenden Thränen leuchten wie Perlen darin. Im Immortellenstrauße sah ich ein Bild der geistigen Blumen, welche die treue Magd des Herrn während ihres mühsamen Erdenlebens pflückte, indem sie Leiden geduldig ertrug, und obgleich selbst arm, noch andern Dürftigen geistliche und leibliche Werke der Barmherzigkeit erwies. Der Anblick des dankbar betenden Kindes erweckte in meinem Herzen Gefühle des Lobes gegen Gott, der uns die Gnade verleiht, durch Gebet und andere gute Werke, vereint mit dem unendlichen Verdienste Jesu Christi, unsern hingeschiedenen Brüdern und Schwestern noch Liebe und Dankbarkeit bezeigen, und Jenen ihre Leiden lindern zu können, die sich noch im Reinigungsorte befinden und sich nach dem Anblicke des Allerhöchsten innigst sehnen.

Endlich pochte die Sonne an die großen Fensterscheiben eines stattlichen, von einer reichen Dame bewohnten Palastes. Lange vermögen die Strahlen nicht in das Innere der Gemächer zu dringen, denn dicht verschlossene Läden und rothe, schwer damastene Vorhänge verwehren denselben den Eingang.

Nach langem Harren wird endlich der Sonne der Eingang gestattet; aber als diese die noch brennende Lampe und die kaum vom Schlummer erwachte Dame erblickt, scheint sie dieselbe zu bemitleiden und an sie freundliche Vorwürfe zu richten, ja meine Phantasie vernahm folgende Worte: »Wie vermagst du beim Glanze der Lichter die Nächte zu durchwachen, während meine Strahlen längst die Erdoberfläche verlassen haben; hingegen bei Tageshelle des Morgens mit geschlossenen Augen im Bette zu liegen, statt dich meines Grußes in kühler Morgenluft zu erfreuen, und leibliche wie geistige Erquickung zu genießen?«

Bereits steht die Sonne hoch am Firmamente und sendet den glühenden Strahl in einen kleinen Garten der Bonifazius-Pfarrei zu München, das mit Blumen geschmückte Kreuz vergoldend.

In diesem Augenblicke vertheilt eine treue Tochter St. Vinzenz die Krankenkost mit echt christlicher Liebe an die sie umdrängenden Armen. Obgleich die barmherzige Schwester erst die verflossene Nacht im Krankendienste geopfert hatte, übte sie unverdrossen die neue Pflicht und bereitete in der glühenden Ofenhitze diese Speisen, denn die Freude, Jesu in den Armen und den Kranken zu dienen, ist gleichsam ein Sonnenstrahl in unserm oft düsteren Erdenleben.

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