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Magister Rößlein

Carl Wilhelm Salice Contessa: Magister Rößlein - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Wilhelm Salice Contessa
titleMagister Rößlein
booktitleFantasiestücke eines Serapionsbruders
publisherUnion Verlag Berlin
year1977
senderholgerko@web.de
created20050611
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Karl Wilhelm Salice Contessa

Magister Rößlein

In der Stadt Bamberg lebte vor Zeiten ein gelehrter Mann, namens Magister Rößlein, der in der griechischen und lateinischen Sprache wohl erfahren, auch in der Musik und andern freien Künsten nicht ungeübt war. Weil er aber, von Natur stiller und blöder Gemütsart, weder etwas aus sich selber zu machen, noch sich hohe Gönner und Freunde zu erwecken wußte, so hatte Fortuna, die als ein Weib nur kecken Gesellen hold ist, sich ihm nimmer freundlich erweisen wollen; er mußte vielmehr als Ratskopist und nebenbei mit Unterricht in alten Sprachen und Musik sich fast kümmerlich durch die Welt schleppen, und kam, der Ordnung und Sparsamkeit überdies wenig ergeben, und dem Weinglas etwas über die Gebühr zugetan, in seiner Wirtschaft von Tag zu Tage mehr zurück.

So geschah es denn, um solchem Übel auf einmal einen Riegel vorzuschieben, und weil ihn die grauen Härlein da und dorten auf seinem Haupte an eine Pflegerin im Alter erinnerten, daß er eine noch in frischen Jahren blühende Witwe, die in seinem Hause wohnte, zur Ehegenossin erkor, dadurch aber in der Wahrheit nur desto größerem und unleidlicherm Übel Tor und Tür öffnete. Frau Mathildis war gar hoffärtigen und herrischen Wesens und heftigen, unverträglichen Gemütes, wußte sich bald des Hausregiments dergestalt zu bemächtigen, daß er nichts ohne ihren Willen tun oder lassen durfte, hielt ihn in scharfer Zucht und schmaler Kost, setzte ihm auch unterweilen mit Eifersucht und argwöhnischen Gedanken hart zu, in summa sie brachte ihm den Rosenstock des Ehestandes aller Blumen und Blätter bar und ledig als kahlen Dornenstrauch ins Haus, und es war ihm in kurzem von seinem sonstigen frischen, frohen Mute kaum noch so viel überblieben, daß er sich zuweilen lachend mit dem Esel vergleichen mochte, dem zu wohl war, und der aufs Eis ging.

Da stellte sich einstmals, als er mit frühem Morgen durch ein enges Gäßlein schlich, ein zerlumptes Bettelweib ihm in den Weg und griff nach seiner Hand, und als er, sich unmutig von ihr losmachend, fürbaß seiner Straße ging, rief sie ihm mit heisrer Stimme nach: »Rößlein, Rößlein, wohinaus mit deinem schweren Sack? Wenn du mir ein gut Wort gibst, helf ich dir davon!« Darob schaute er einen Augenblick verweilend sich nach ihr um, und schnell war sie ihm wiederum zur Seite und sprach neben ihm fortgehend: »Es ist fast schade um dich, daß du um fremder Schuld willen sollst gehangen werden. Ich will dir einen Schatz verkaufen, um den wohl mancher Hab und Gut geben möchte. Verwahr ihn wohl und gebrauch ihn verständig.« Sie zog darauf ein Büchlein unter ihrem Brusttuch hervor und steckt' es ihm in die Hand, ließ auch nicht ab, in ihn zu dringen und ihm des Büchleins verborgene Kräfte anzupreisen, bis daß er endlich, da sie unterdes in eine volkreichere Gasse getreten waren, und er sich der Begleitung schämte, ihrer loszuwerden, einen Gulden aus dem Beutel langte, und das Büchlein dafür an sich nahm.

Es waren wenige Blätter Pergament mit halb verblichener uralter Schrift, untermengt mit wunderlichen Zeichen und Figuren, und da er am Abend im stillen Kämmerlein die altfränkischen Züge genauer anschaute und anfing zu lesen, war' ihm vor Schreck fast das Buch entfallen, denn da zeigte sich ihm klar, daß es nichts minder sei, als eine Anweisung und Formel, den Teufel zu beschwören und ihn zu des Menschen Dienst zu verpflichten.

Von da an war es um seine Ruhe geschehen. Es lag ihm Tag und Nacht nichts anders zu Sinne, als das verwünschte Büchlein, und wie er seine Kraft erproben möchte; in seinem Innersten erhob sich ein Tumult, als habe sich der Böse schon leibhaftig bei ihm ins Quartier gelegt, und wolle sein Gewissen, als den rechtmäßigen Wirt, unter Zanken und Streiten von Haus und Hof vertreiben. Wenn jener dann den zeitlichen Vorteil des Leibes mit lauter Stimme herrechnete, so schrie dieses desto jämmerlicher, doch lieber den ewigen Vorteil seiner Seele zu bedenken; wenn dieses ihm die Greulichkeit des Höllenpfuhls und die ewigen Qualen der Verdammten zeigen wollte, schlug jener ein teuflisches Gelächter auf, schalt das Gewissen ein altes Weib, und wußte den Genuß aller Erdengüter und Wollüste aufs herrlichste auszumalen, vergaß auch nicht, die Befreiung von Mathildens hartem Ehejoche als ein schweres Gewicht auf seine Waagschale zu legen, so daß dem armen Magisterlein bei diesem Streit oftmals der helle Angstschweiß an die Stirne trat, nicht Speise noch Trank ihm fürder munden wollte, und kein Schlaf sein Lager heimsuchte.

So hatte er es schon viele Tage getrieben, als er einst seinem guten Freunde und ehemaligen Zechgesellen, Meister Stumpfen, dem Maler, auf der Straße begegnete, dieser ihn um seines bleichen und trübseligen Ansehns willen aufzog, und unter allerhand lustigen Reden und Schwanken in ein Weinhaus nötigte, dort einen Schoppen miteinander zu leeren.

Dem Magister ging bei der langentbehrten Gottesgabe das Herz auf; aus einem Schoppen wurden bald zwei, drei und viere, und er ging endlich spät am Abend wohlgemut, mit aufgerichtetem Haupte und leuchtendem Antlitz seines Weges heim. Als er an sein Haus gelangte, war die Türe fest verschlossen; es regte sich kein Fußtritt im Hause. Weil er aber Licht sah und seine Frau darin wähnte, stieg ihm der Ärger je länger je mehr zu Kopfe, und in seinem Weinmut erraffte er einen Stein, schlug damit ein Fenster entzwei, und stieg also einem Diebe gleich in sein eignes Haus. Er sah sich aber vergebens nach Frau Mathilden um, die ausgegangen war, ihn zu suchen, und des Willkommens gedenkend, der sein bei ihrer Heimkehr harrete, begann ihm das Mütlein plötzlich zu sinken.

Indem erhub sich in dem Nebengemach ein greuliches Gepolter. Da er erschrocken mit der Lampe hinzulief, sah er, daß ein Brett, worauf viele Bücher standen, mitten entzweigebrochen war; das Teufelsbüchlein, welches er unter die andern Bücher versteckt hatte, kollerte ihm eben bei seinem Eintritt entgegen. Er hatte dessen den ganzen Tag nicht gedacht, jetzt aber stand er lange davor, es nachdenklich anschauend, hob es endlich auf, und setzte sich damit an seinen Tisch. Und wie er so darin blätternd die seltsamen Zeichen und Bilder betrachtete, wurde ihm nicht anders, als ob er in einem herrlichen Blumengarten voll Farbenpracht und Wohlgeruch sich erginge; es erwachte ihm eine unendliche Lust, sie anzuschauen, ja es deuchte ihm fast, als sprächen sie mit ihm und sagten: Jetzt ist es an der Zeit, jetzt ist der Augenblick kommen! Und es wuchs ihm das Herz, und er fühlte eine heftige Begier, ihre verborgne Kraft zu erproben, und sprang auf, holte aus seiner Frauen Wandschrank zwei gemalte und geweihte Wachskerzen und ein Stücklein geweihte Kreide herbei, zog einen Kreis auf dem Boden des Gemachs, brachte rundherum die Zeichen und Figuren an, wie das Büchlein es vorgeschrieben, stellte die brennenden Kerzen in den Kreis, trat endlich, den Weihkessel an der Tür mit sich nehmend, selber hinein, indem er das Zeichen des heiligen Kreuzes vor sich schlug, und hub an mit zitternder Stimme und wankenden Knien die Beschwörung zu lesen. Doch ermannte er sich bald, da alles ruhig blieb, und fuhr mit lauter und starker Stimme fort und immer lauter und stärker, je mehr er sich dem Ende nahete, und sich immer noch nichts zeigen wollte.

Jetzt war das Büchlein aus, die Beschwörung vollzogen; er harrte eine lange Weile, aber es blieb still und ruhig wie zuvor und war nichts zu vernehmen, als der Holzwurm, der in dem Wandgetäfel pickerte, und schon wollte er halb lachend, halb unwirsch aus dem Kreise treten, da fing es vor dem Fenster an leise zu rauschen, die Kerzen knisterten und brannten dunkel, das Rauschen war ihm bald zur Seite, ein heftiger Windstoß schlug an das Fenster, daß die Scheiben klirrten, die Zeichen um den Kreis herum zuckten in roten Flammen auf. Darauf ward es wiederum still, Meister Rößlein hämmerte das Herz hörbar an die Rippen, und draußen vor dem Hause erhub sich eine klägliche Stimme wie eines Hülfsbedürftigen und begehrte Einlaß. Er vermochte aber keinen Fuß zu regen, und war das ohne Zweifel zu seinem Glück. Über eine Weile klopfte es an die Tür und rief: »Magister Rößlein, macht auf! Ich komme von Eurer Frau!« Dieser aber, des Bösen arge List wohl merkend, der ihn nur aus dem Kreise locken wollte, sprach: »Wenn du der bist, den ich gerufen, so ist ja keine Tür für dich verschlossen; tritt herein!« – Da öffnete sich leise die Tür, und ein Männlein von geringem Wuchse, doch breit an Schultern, trat reich gekleidet, mit Federhut und Scharlachmantel, flink herein, trippelte auf eine seltsame Weise bis an den Rand des Kreises und rief mit krähender Stimme: »Guten Abend, Magister Rößlein; da bin ich! Was verlangst du von mir?« – Rößlein war keines Wortes mächtig. – »Sprich ohne Scheu«, fuhr jener fort; »ich bin den gelehrten Leuten wohlgeneigt, und sind mir von jeher aus den Wissenschaften der guten Freunde viele zugewachsen. Emoliunt mores. Ich hab' wohl vordem auch das meinige darin getan, doch mangelt unsereinem die Zeit, dem Studio obzuliegen.« –

Als der Magister ihn so reden hörte, wurde ihm ein wenig leichter ums Herz, ja wenn er den großen Kopf anschaute und die langen Arme, die bei jedem Wort die possierlichsten Bewegungen miteinander machten, wollte ihn fast das Lachen anwandeln.

»Nun, so sage mir dann«, fing jener wieder an, »was ist die Ursach', daß du mich rufst? Zwar sollte man Euch nach der wahren Ursach' Eures Tuns keineswegs fragen. Wißt Ihr sie doch selber kaum? Oder Ihr mögt sie Euch nicht eingestehen, Euch selbst und andere mit gar schönen Worten belügend; und die andern tun als glaubten sie es, bloß damit sie bei Gelegenheit sich und andere wieder damit belügen können, nicht unähnlich einem Narren, der die Wände seines Gemachs mit seinem eignen Unrat ausstreicht und sich und andern weismacht, es sei echte Vergoldung. – Nichts für ungut, Meister«, – fuhr er fort, einen Sessel herbeiholend und sich setzend. – »Daß ich, trotz Euch, etwas auf den Schein gebe, siehst du an meiner Kleidung. Ich putze mich auch gern und wollte nur sagen, du möchtest es gewißlich nicht eingestehen, nur darum mit dem Teufel angebunden zu haben, weil du deiner Frau das Geld versoffen hast: ich soll dir die Strafpredigt ersparen. – Nun also sprich: du möchtest gern, daß ich deine Frau holte? Geht nicht, mein Rößlein! Auch ersparen mir böse Weiber auf Erden gar viele Mühe und Arbeit. Und was willst du? Jeder Mann, der ein böses Weib hat, ist doch nur selber schuld daran. Deins ist keine von den schlimmsten, und ich dächte wohl mit ihr fertig zu werden.« – »Das käme auf eine Probe an« – fuhr der Magister heraus, der jetzt aller Bangigkeit ledig geworden – »versucht es nur!« – Jener schaute ihn lange nachdenkend an, und lächelte dazu gar bittersüß. – »Höre, Würmlein«, sprach er endlich, »ich bin heute wohlgelaunt, wie du siehst, und möchte schier deine Ausforderung annehmen.« – »Topp! topp!« schrie Magister Rößlein. – »Doch nicht umsonst!« fuhr jener fort. »Ich setze ein Jahr; allein merk wohl auf, halte ich das Jahr bei deinem Weibe aus, so bist du mein auf ewig.«

»Wohlan« – entgegnete Rößlein mutig, denn er verließ sich auf seine Frau – »also sei es! Ich bin's zufrieden. Doch sollst du mir dann vorerst noch zwanzig Jahre auf Erden zu Diensten sein.«

Der Teufel, der ihn wohl dahin zu bringen gedachte, daß er selber sich diese Zeit verkürze, ließ sich den Vorschlag gefallen, und so wurden sie eins, Magister Rößlein solle hinreichend ausgestattet mit dem morgenden Tage die Stadt verlassen, und sich an irgendeinen andern Ort begeben, jener aber unter dessen Gestalt in seine Stelle treten, während dieser Zeit aber nicht allein gänzlich auf alle übermenschliche Macht verzichten, sondern auch allen Gebrechen, Leiden und Fehlern menschlicher Natur hingegeben und unterworfen sein.

»Was aber wird mir«, sprach Magister Rößlein, »so Ihr die Probe nicht besteht? Tausend Goldgülden wäre wohl das allerwenigste, als Schadloshaltung, daß Ihr indes bei meinem Weibe geschlafen!«

Das Scharlachröcklein nickte lächelnd mit dem Kopfe, schob ihm Feder und Papier in den Kreis, und hieß ihn dann sich in den Finger ritzen und mit seinem Blut den Vergleich aufsetzen und unterschreiben. »Es ist nun einmal also Form und Brauch«, fügte er hinzu, »und jedes Ding hat sein Recht.«

Nachdem alles geschehen, sprach er aufstehend: »Wohlan, in einer Stunde sollst du weiter von mir hören.« Darauf schlug er seinen Mantel auseinander, und unter einem heftigen Sturmwind, der durch das Gemach fuhr, verschwand er in einer Flamme, die auf der Stelle, wo er gestanden, aus dem Boden schoß.

Als Magister Rößlein sich nun wiederum allein sah, in seinem Kreise stehend, alles unverändert um sich her, und wieder den Holzwurm pickern hörte im Wandgetäfel, da wollte ihn fast bedünken, daß er nur geträumt oder ein betrügliches Spiel der Einbildung ihn geäfft habe. Indem er aber noch also wie zwischen Traum und Wachen dastand, vernahm er die Stimme seiner Frau im Nebengemach und bald darauf an seiner Tür, die sie ihm zu öffnen befahl. Der langen Dienstbarkeit gewohnt, gehorchten seine Hände und Füße dem Befehl, bevor er sich noch recht besinnen konnte; doch als nun seine Frau eintretend alsbald mit Vorwürfen und garstigen Worten auf ihn losfuhr, kehrte ihm schnell die Besinnung und Erinnerung zurück, und trieb ihn zu raschem Entschluß. Er machte die Tür eines anstoßenden dunkeln Kämmerleins weit auf, schob seine Frau, trotz allem Widerstand, hinein, verschloß hurtig und verriegelte die Tür von außen, und nichts mit sich davontragend als das Teufelsbüchlein, nahm er eiligst seinen Ausgang wieder durch das zerbrochne Fenster, wo er den Eingang gefunden, und lief, als ob die Hölle oder sein Weib hinter ihm wäre, die Straße hinab, tat auch seiner Eil' nicht eher Einhalt, als bis er vor die Tür des wohlbekannten Weinhauses gelangte, wo er, noch Licht und lustige Gesellschaft vermerkend, sich durch einen Trunk zu erfrischen beschloß, denn die Zunge klebte ihm am Gaumen.

Er fand beim Eintritt viel muntre Gäste hinter den Tischen; Meister Stumpf saß auch noch dabei und kam ihm sogleich jubilierend mit dem Becher entgegen. Es war große Freud und Herrlichkeit auf allen Zungen; der Wein blühte auf den Gesichtern wie eine Morgenröte des tausendjährigen Reichs; Meister Stumpf aber hieß den Wirt nach einer Weile einen Trunk Johannisberger aus Nummer 2 herbeischaffen, schenkte, da er gebracht wurde, alle Becher voll, und hub an zu singen:

»Laßt, Gesellen, euch erzählen,
was der Wirt mir anvertraut,
als ich kam, den Wein zu wählen,
den ihr in den Bechern schaut!

Jetzt, sprach er, laßt Lieder schallen:
was euch drückt, ist absentiert;
Sorge ist im Brunn gefallen,
Kummer ist vom Schlag gerührt.

Schmerz und Kompanie verdorben,
Leid von Freude arretiert,
selbst die Sünde ist gestorben,
und der Teufel ist kassiert!«

Alle wiederholten jubelnd die letzte Zeile und gaben dem Sänger ihren Beifall zu erkennen, da klopfte es dreimal an das Fenster, daß alle Köpfe sich stracks dahin wandten, und der Wirt trat herein, meldend, es sei jemand draußen, der den Magister Rößlein zu sprechen begehre. Dieser, wohl merkend, wer es sei, erbleichte ein wenig, doch erhub er sich, nahm ein Licht und ging hinaus. So vorbereitet er nun aber auch darauf war, wich er doch erschrocken zurück, da ihm hier sein eignes leibhaftiges Konterfei entgegentrat.

»Du erschrickst vor dir selber? « hub der Teufel an. »Wahrlich, könntet ihr Menschen euer Innerstes also, wie du dein Ebenbild von außen, vor euch sehen, ihr hättet wohl Ursach' zu erschrecken. Doch jetzt schicke dich zur Reise. Es ist an der Zeit. Ich hab' ein Fuhrwerk draußen für dich bestellt, welches dich windschnell dahin bringt, wohin deine Gedanken stehen. Ich will hineingehen und deinen Gesellen Bescheid tun.« – Darauf reichte er ihm einen Beutel mit Gold, nahm das Licht und schob ihn hinaus auf die Straße.

Als er nun in das Gemach unter die Zechgenossen trat, verlangten einige zu wissen, wer draußen gewesen sei. »Der Teufel war's«, entgegnete er, »von dem ihr gesungen; er bat um einen Zehrpfennig, da er jetzo mit Recht ein armer Teufel zu nennen.«

»Warum habt Ihr ihn nicht mit hereingebracht?« – rief Meister Stumpf. – »Wir hätten gern Brüderschaft mit ihm getrunken.« – Jener lächelte und sprach: »Kommt Zeit, kommt Rat! Ich denke, ihr alle sollt ihn einmal näher kennenlernen, als euch lieb sein wird.« Darüber erhub sich ein Gelächter; es wurde mancherlei über den Teufel gesprochen, wobei denn er selbst einige lustige Stücklein von sich zum besten gab, und nicht verfehlte, zum Trinken aufzumuntern und Gelegenheit zu geben, so daß die Kompanie in ihrer Lust bald gar überlaut und unbändig wurde.

Als er solches sah, wußte er unvermerkt den Zankapfel auszuwerfen, die Gemüter zu erhitzen, das Feuer von beiden Seiten geschickt zu schüren; es kam zu harten Worten, die Hände mengten sich endlich auch darein, Gläser und Kannen flogen endlich hin und wider, Fensterscheiben klirrten, und da er solchergestalt seine Aussaat in bestem Flor schaute, löschte er die Lichter und schlüpfte lachend aus der Tür.

Es war schon lichter Morgen, da er vor Frau Mathildens Wohnung anlangte, und, die Tür noch verschlossen findend, durch das zerbrochene Fenster seinen Einzug hielt. Er sah sich indes überall vergebens nach Frau Mathilden um, bis ihn endlich ein greuliches Toben und Klopfen vor die verschloßne Kammertür führte. »Mach auf«, erscholl es darinnen, »mach auf, du Lump, du Trunkenbold!« Als er nun verwundert die Tür öffnete, flog ihm alsbald ein alter Topf entgegen und vor den Ohren vorbei; dabei schrie Frau Mathilde: »Gott zum Gruß, du Bärenhäuter!« Der Teufel dachte bei sich: der Willkommen ist nicht gar fein! Setzte sich aber gelassen nieder und sprach: »Schönen Dank, mein Schatz!« Da stürzte sie aus der Kammer, stellte sich vor ihn hin, und ließ ihn mit den allerhäßlichsten Worten an; er aber blieb ruhig sitzen, ihr lächelnd ins Gesicht schauend.

Nachdem sie ihren Zorn sattsam ausgesprudelt, hieß sie ihn, sich zu Bett zu legen, seinen Rausch auszuschlafen, und begab sich nach der Küche. Und weil er nach der Wahrheit einige Schwere in seinem Kopf vermerkte, dachte er ihrem Rate zu folgen, legte sich ins Bett und war dem Schlaf, der ihm auf die Augen drückte, bald zu Willen.

Es ging hoch zu Mittage, da er erwachte; die Sonne lag heiß auf den Fenstern, er verspürte große Hitze und Durst und einen redlichen Hunger, und wollte schnell aus dem Bett springen, allein er vermochte nicht sich zu rücken noch zu regen, denn ein starkes Seil war wohl zehnmal hinüber und herüber um das Bett geschlungen. So lag er nun durstend und schwitzend, voll Gift und Galle, denn er merkte wohl, von wem das ihm gekommen, und hub endlich an zu rufen und zu schreien, als wollt' er zum Jüngsten Gericht laden. Auf diesen Lärm kam Frau Mathildis herzugelaufen. »Binde den Strick los«, rief er ihr entgegen, »ich vergehe vor Hitze.« »Heut, steht im Kalender, ist gut Schwitzen!« erwiderte sie hohnlachend. »Weib«, schrie er, »komm' ich heraus, so ist's dein Unglück!« – Sie sah ihn lachend an: »Morgen ist auch ein Tag!« sprach sie und ging zur Tür hinaus.

Der Ärger wollt' ihm schier das Herz abdrücken, doch sah er wohl ein, daß hier mit Gewalt nichts zu erreichen stehe, rief daher Frau Mathilden mit der liebreichsten Stimme, die er aufbringen konnte, zurück, sprach sein peccavi reuig aus, gelobte Besserung und bat sie flehentlich, ihn loszubinden. Nach einer langen Strafpredigt, worin sie ihm das Register seiner Vergehen und Laster aufgestellt, ließ sie sich endlich bereit dazu finden, und er kroch rot wie ein gekochter Krebs, grollend und schmollend, murrend und knurrend, aus dem Bette.

Nach einiger Erwägung dachte er es indes doch vorerst in der Güte und Sanftmut mit ihr zu versuchen, kam daher von nun an überall ihrem Willen entgegen, war jedem ihrer Winke zu Diensten, ließ es auch an Liebkosungen und zärtlichen Worten nicht fehlen, wie sauer es ihm auch wurde, und also ging es einige Tage. Allein je nachgiebiger er sich bezeigte, desto größer wurden Frau Mathildens Forderungen. Wenn er von seinem Geschäft außer dem Hause, wozu sie ihn fleißig anhielt, des Mittags heimkehrte, trug sie ihm bald eine, bald die andere häusliche Arbeit auf, und hatte ihn in kurzem zu allen häuslichen Handdiensten gewöhnt und abgerichtet, wobei sie Besen und Holzaxt als die besten Ärzte anpries, besonders da sich seit einiger Zeit eine ganz ungebührliche Neigung zum Fettwerden an ihm spüren lasse.

Bei all dieser Willfährigkeit aber vermochte er dennoch nicht dem Zank und schlimmen Worten zu entgehen. Von jedem bösen Zufall, der die Wirtschaft heimsuchte, von jeglichem Ungemach war er sicher jedesmal die erste Ursach' und mußte es hart entgelten. Dabei gab sie ihrer Sorge für seine Gesundheit auch von einer andern Seite freien Lauf, und zog gegen die oberwähnte böse Neigung mit der magersten und sparsamsten Kost zu Felde.

Nun ging das zwar anfänglich wohl zu ertragen, denn er hatte sich auf alle Fälle mit einem guten Säcklein Geld vorgesehen, wodurch er Frau Mathildens schlechten Mahlzeiten heimlich nachhelfen konnte; allein eines Morgens, da sie, früher auf als er, seinen Taschen zusprach, fand sie das Säcklein, schalt ihn tüchtig aus, weil er solches vor ihr verheimlicht, nahm es darauf mit dem Vermerken unter ihren Gewahrsam, daß ihm als einem Unmündigen kein Geld weder zustehe noch fromme, und mußte er noch froh sein, als sie nicht zu wissen begehrte, auf welche Weise er dazu gelangt sei. – Also war ihm auch dieser Quell abgeschnitten, und er fiel in kurzem sichtlich vom Fleische, schrumpfte zusammen, wie ein Pflänzlein auf dürrer Heide, so daß ihn selber seines armen geborgten Leichnams jammerte, und fühlte sich sogar an seinem Geiste, trotz seiner diabolischen Natur, höchst niedergeschlagen und mutlos.

Als er daher eines Tages, den Besen in der Hand und eine Schürze um den Leib gebunden, die Stuben fegte, und Meister Stumpf, der eben vorübergehn wollte, ihn laut lachend durch das Fenster anrief, ihm eine Handvoll Geld zeigte, die ihm für eine Arbeit gezahlt worden, und ihn bat, eins mit ihm zu trinken, er wolle ihn freihalten, konnte er der Versuchung, sich mit einem Glas Wein zu laben und zu ermutigen, um so weniger widerstreiten, da er mit Rößleins Gestalt auch dessen Gemütsart und Neigung angenommen hatte, warf also den Besen in den Winkel, schlüpfte aus der Tür, ohne Mantel, wie er war, und folgte Meister Stumpfen ins Weinhaus.

Da sie nun dort in bester Lust saßen und einem Kännlein nach dem andern das Geleit gaben, erhub Meister Stumpf nach seiner gewohnten Weise die Stimme und sang ein lustiges Lied, daß alle guter Dinge wurden, und der unechte Magister Rößlein selbst hielt in seiner Fröhlichkeit das Glas hoch empor und stimmte mit ein. Indem fühlte er einen unsanften Rippenstoß, und eine Stimme ließ sich dicht vor seinem Ohr vernehmen und sprach: »Komm nach Haus, Trunkenbold!« Und als er sich erschrocken wandte, sah er Frau Mathilden mit zornigem Gesicht hinter sich stehen; doch blieb er in seinem Schreck gelassen sitzen und rief freundlich: »Willkommen, meine Taube! Laß dir's ein wenig bei uns gefallen; hier ist gut sein.« – »Schämst du dich nicht«, entgegnete sie ergrimmt, »schon am hellen Tage mit Saufen anzufangen?« – Er lachte und sprach: »Die Tage werden schon gar kurz, mein Schatz; drum muß man zeitig anfangen, wenn man noch vor Nacht etwas vor sich bringen will.« Sie aber schrie mit lauter Stimme: »Wie? Du liederlicher Lump, willst du deiner Frau das Ihrige auch durch die Gurgel jagen, wie du mit dem Deinigen längst getan? Ist das der Dank dafür, daß ich dich zum Mann genommen? Wärst du nicht längst elendiglich verdorben, hätt' ich Ärmste mich nicht dein erbarmt?« Und unter diesen Worten hatte sie ihn von der Bank gezogen, und da er überrascht und fast erschrocken an keinen Widerstand dachte, trieb sie ihn, zum Gelächter aller Gäste, vor sich her zur Tür hinaus und immer die Straße hinab nach Hause.

Hier fing sie von neuem an: »Ich allerunglücklichste! Ich allertörichtste! die ich mir in meinen besten Jahren einen solchen Stein an den Hals gehangen, der mich in den allertiefsten Pfuhl des Elends und der Schande mit sich hinabziehen wird! Hab' ich darum so viele ehrenwerte, reiche und kluge Männer von der Hand gewiesen, um mein ganzes Glück, mein Leben mit einem solchen blinden Würfel aufs Spiel zu setzen? Was bringt es mir denn für Ehre, die Frau eines liederlichen Tunichtgut, eines dummen Teufels zu sein, der mit aller seiner Gelehrsamkeit nicht drei zählen kann, und nun seinen verlornen Witz auf dem Boden aller Weinkrüge sucht?« – Der Teufel, der sich indes wieder ein wenig ermannt hatte, und den von allen Schimpfworten keins mehr verdroß, als wenn man ihn einen dummen Teufel nannte, er wollte jetzt, da sein bisheriges Spiel also schlecht angesprochen, auch einmal eine andre Weise anstimmen, und sprach daher: »Geliebter Engel, heiße deine Zunge schweigen, sonst werd' ich ihr sonder Verweilen Zaum und Gebiß anlegen.« Sie aber, durch diese Drohung noch mehr in Harnisch gebracht, trieb es nur um so ärger. Da ergriff er zornig einen Stock, willens durch solche oft erprobte Wunderwurzel die Heilung zu versuchen und ging mit bestialischen Worten und Gebärden auf sie los. Weil nun dabei seine innerste teuflische Natur erwachte und sich auf seinem Gesicht in seltsamen und entsetzlichen Zügen kundgab, Frau Mathildis auch so frevelhaften Mutes an dem armen Magister Rößlein gar nicht gewohnt war, so erschrak sie zwar heftig darüber, sprang aber gleich schnell gefaßt aus der Tür auf die Straße und schrie: »Zu Hülfe! Zu Hülfe! Mein Mann ist verrückt worden!« – Auf ihr Geschrei liefen alsbald einige Nachbarn herbei, und da der Schwarze in seiner Wut dann herausgesprungen kam, wollten sie ihn greifen, wobei Frau Mathildis immer schrie: »Haltet ihn fest! Haltet ihn fest!« Doch dies hörend, geriet er ganz außer sich und schlug um sich herum wie ein Rasender; darüber kamen mehrere Leute hinzu, und da er sich nicht geben wollte, trug er manchen Streich und Rippenstoß davon, bis sie endlich ihn überwältigten, festhielten, ihm Hand' und Füße mit Stricken banden, und ihn also ins Haus zurücktrugen, wo er auf das Bett gelegt wurde.

Unterdes hatte ein dienstfertiger Nachbar einen Arzt geholt, der mit dem Bader herbeikam, schleunig Klistier und Aderlaß verordnete und solches, wie sehr auch der Patient schimpfen und toben und seine trefflichste Gesundheit beteuern mochte, mit Beihülfe der Umstehenden auf der Stelle ins Werk setzen ließ. – »Sollte sotane des Deliranten Unruhe sich dadurch nicht kalmieren« – befahl er hierauf, eine Arzenei zurücklassend, dem Bader beim Weggehn –, »so müsse mit den besänftigenden Klistieren fortgefahren, auch nötigenfalls ein Blasenpflaster auf die Fußsohlen appliziert werden, die humores peccantes von dem Haupte abzuleiten.« Der Bader, sonder Zweifel in der Meinung, daß man des Guten nicht zuviel tun könne, griff alsogleich wieder zur Klistiersprütze, schritt ebnermaßen zu den Blasenpflastern und ließ zugleich von Zeit zu Zeit einige Löffel voll der Arzenei dem Kranken einflößen, welches, da dieser die Zähne zusammenbiß, nicht anders geschehen konnte, als indem sie ihm den Mund mit Gewalt aufbrachen.

Der Teufel, dem die Qualen der Verdammten in seiner Hölle als eitel Spiel und Lumperei vorkamen gegen das, was er jetzt erdulden mußte, hätte wohl längst schon die erborgte Gestalt abgeworfen und sich als der er war gezeigt, um seine Peiniger zu strafen und die Freiheit zu erhalten; allein die menschliche Natur hatte ihn in der Leidenschaft also übermannt und gefesselt, daß er gänzlich seiner selbst vergaß, jetzo aber lag er von der heftigen Gemütsbewegung, dem Aderlassen und Klistieren höchst ermattet und erschöpft und fast besinnungslos der Ohnmacht nahe. Als ihn die andern also still und regungslos liegen sahen, machten sie ihn seiner Bande vollends ledig und begaben sich hinweg, bis auf eine alte Nachbarin, die zu Frau Mathildens Beistand zurückblieb.

So war also des Teufels erste Probe mit der Wunderwurzel gar schlecht und zu seinem eignen Schaden ausgeschlagen. Er mußte einige Tage das Bett hüten vor großer Mattigkeit, und da er sich wieder erholte, schien ihm die Lust zu einer neuen Probe ganz vergangen, ja er war wiederum so zahm geworden, wie ein alter Tanzbär, der die Zähne verloren, und wagte, gleich diesem, seine Unlust bei Frau Mathildens Schelten und Befehlen nur durch ein manierlich leises Brummen kundzugeben. Doch hatte, was ihm widerfahren, sein jetziges Wesen und Treiben ihm sehr verleidet; er fing an, den Vertrag mit dem Magister Rößlein zu bereuen, und würde dem sicherlich alsogleich ein Ende gestellt haben, hätte nicht die Scham, vor einem armseligen Menschenwurm so schlecht zu bestehen, und die Hoffnung auf den Gewinn einer Seele ihn immer noch aufrecht und bei leidlichem Mute erhalten.

Da mußte es sich also fügen, daß Frau Mathilde eines Tages vor ihn trat und sprach: »Mir ist eben Nachricht worden, daß meine Base zu Bayreuth gefährlich erkrankt liegt, meinen Beistand in ihrer Krankheit, und so Gott will, in ihrem letzten Stündlein begehrt, und, kinderlos wie sie ist, mich ohne Zweifel in ihrem Testamente reichlich zu bedenken vorhat. Es ist keine Zeit zu verlieren; rüste dich also, mich morgen mit dem frühesten nach Bayreuth zu geleiten.« – Ihm war es willkommen, daß er auf diese Art das Haus eine Zeitlang allein haben sollte, sorgte also mit Freuden um das Benötigte, dingte ein Fuhrwerk, und so zogen sie am andern Morgen des Weges nach Bayreuth. Es liegt sechs Meilen von Bamberg.

Da er aber an ein hartmäuliges und statisches Pferd geraten und überhaupt des Fahrens nicht groß kundig war, ging die Reise unter mancherlei Widerwärtigkeit langsam vonstatten, er mußte manche Vorwürfe über seine Ungeschicklichkeit und manchen dummen Teufel hinnehmen, bis sie endlich selbst die Zügel ergriff. Dennoch langten sie erst des andern Tages zu Bayreuth an.

Es war grade Jahrmarkt im Orte, und in den Straßen und Wirtshäusern groß Gedränge. Als er nun vor einem derselben abstieg und hineinging, nach dem Unterkommen zu fragen, trat ihm der Wirt freundlich entgegen. »Ei, seid mir willkommen«, rief er; »ich meinte nicht, Euch so bald wiederzusehen. Mir liegt jetzt ein Fäßlein im Keller, von dem Ihr nicht so geschwind wegkommen sollt, als vor drei Wochen.« – Jener merkte auf der Stelle, daß wohl Magister Rößlein hier zugesprochen haben möchte, es ahnete ihm davon nichts Gutes, und er wollte wieder umkehren, einen andern Ort zu suchen, da kam auf einmal ein junges Weibsbild, das mit einer alten Frau seitab gesessen hatte, hinter dem Tisch hervorgesprungen, vertrat ihm den Weg und rief: »So seid Ihr es wirklich, herzallerliebster Magister? So hat sich denn der Himmel einer armen Verlaßnen erbarmt, daß ich Euch hier wiederfinde?« – Der arme Teufel, dem sein Unglück also auf einmal gleichsam wie ein Pilz vor seinen Füßen aus der Erde aufschoß, wich ein paar Schritte zurück, starrte sie an und konnte vor Schreck kein Wort über die Lippen bringen.

»Wir waren von Regensburg aus auf dem Wege, Euch aufzusuchen«, – hub die Alte an, die sich indes auch herbeigemacht. – »Mein armes, unglückliches Kind hat in den vierzehn Tagen keine ruhige Stunde gehabt, seitdem Ihr sie so böslicherweise verlassen.« –

Jener ermannte sich. »Weib«, sprach er, »laßt ab von mir! Ich kenne Euch nicht.« Und damit wollte er zur Tür hinaus. Die Alte aber erfaßte ihn beim Mantel und schrie: »Wie, du gottvergessener Bösewicht, du willst mich und meine Tochter verleugnen? O abscheulicher Judas, hast du nicht mein Kind durch satanische Ränke verführt und um zeitliches und ewiges Heil gebracht? Was? Hast du ihr nicht die Ehe versprochen? Hast du es ihr nicht schriftlich gegeben? Wie? Willst du auch deine eigne Handschrift verleugnen?« – Sie zog bei diesen Worten ein Papier hervor und hielt es ihm unter die Augen, worauf er wirklich Magister Rößleins Handschrift erkannte. Die junge Dirne aber hub an zu weinen und zu jammern, und indem sie ihn mit beiden Armen umhalsete, rief sie schluchzend: »Hast du denn meinen Tod beschlossen? Wenn du mich verstoßest, muß ich sterben!«

Im selben Augenblick trat Frau Mathildis, der auf dem Wagen die Zeit zu lang geworden, rasch in die Tür. Der Teufel wollte sich losmachen; das Mädchen hielt ihn scheltend und liebkosend nur um so fester, die Alte schrie, und Frau Mathilde war mit starren Augen und offnem Munde auf der Schwelle festgewachsen. Doch plötzlich sprang sie auf das Pärlein los, packte die Dirne mit der Linken beim Kragen, und schlug mit großer Schnelligkeit und Nachdruck wechselsweise bald auf jene, bald auf ihren Mann los. Dieser aber, da sich das Mädchen, ihn loslassend, wandte, dem unverhofften Angriff zu begegnen, und die Alte zu ihrer Tochter Beistand wiederum Frau Mathilden in den Rücken fiel, dachte bei dem Handgemenge unbemerkt zu entwischen, und rannte nach der Tür; allein die Alte ließ, seiner Flucht gewahrend, sogleich von Frau Mathilden los, rannte hinter ihm drein und schrie: »"Halt auf! Halt auf!« Als dies die Tochter hörte, lief sie ihrer Mutter nach und schrie ebnermaßen: »Halt auf!« Frau Mathildis aber rannte hinter allen dreien her und schrie nicht minder: »Halt auf! Halt auf!« Doch je mehr sie schrien, desto geschwinder setzte er über die Straße, und da er ein enges Gäßlein erschaute, lief er hinein. Das Gäßlein führte grade auf den Markt, und der Markt war voller Buden und Tische, Käufer und Verkäufer. Indem er nun daraus hervorplatzte, warf er einen Tisch mit Glaswaren über den Haufen; die Verkäuferin gesellte sich zu seinen andern Verfolgern, schrie gleichfalls: »Halt auf!« und trieb ihn nach des Marktes Mitte. Als die Leute so den Schwarzen ohne Mantel und Barett, vier Weiber hinter sich, gleich einem gehetzten Eber angerannt kommen sahen, lachten die meisten und machten Platz, andere aber verstellten ihm den Weg, willens ihn zu greifen. Da sprang er in seinem Schrecken seitwärts, wo sie das irdene Geschirr zum Verkauf ausgelegt hatten, und hier die Schüsseln zertretend, dort die Töpfe umwerfend, mitten hindurch. Die Töpferweiber huben nun auch an zu schreien: »Halt auf!« und setzten ihm nach; er sah seine Feinde von allen Seiten näher kommen, vor ihm aber stand ein Gerüst, auf welchem ein Marktschreier und Zahnbrecher hantierte, und da er sonst kein Entrinnen sah, sprang er dort hinauf.

Nun traf es sich, daß sie auf der Bühne eben die Geschichte vom Doktor Faust als ein Zwischenspiel tragierten, wie dergleichen auch wohl noch heutigestages gebräuchlich. Doktor Faust stand in seinem Zauberkreise und zitierte mit wunderlichen Worten und Gebärden den Teufel herbei; indem aber der arme Tropf, der diese Stelle zum erstenmal spielte, ein Gepolter auf der Treppe vernehmend, seine Augen zur Seite hin wandte, und eine schwarzgekleidete Gestalt mit wildfliegenden Haaren, glotzenden Augen und verzerrtem Gesicht die Treppe herauf auf sich zukommen sah, glaubte er nicht anders, als es sei der Teufel wirklich, wie er es freilich auch war, sprang voll Entsetzen aus dem Kreise, und fuhr unter einen großen rotbehangenen Tisch, der seitwärts stand. Der Schwarze, der indes heraufgekommen war, seine Verfolger auf der Ferse hatte, und vor sich nirgend einen Ausweg gewahrte, kroch in der Angst jenem nach, der nun ein jämmerliches Geschrei erhub, sich jedoch in der Verzweiflung mit Händen und Füßen gegen den Teufel wehrte, so daß dieser nicht ganz unter den Tisch kommen konnte, sondern nur mit dem Vorderteil des Leibes unter dem roten Tuche steckte, welche seltsame Positur Hanswurst als Famulus des Doktor Faust auf der Stelle zu benutzen wußte und das bloßgegebene Hinterteil zum großen Ergötzen der Zuschauer mit seiner Pritsche weidlich bearbeitete.

Darüber war die Alte mit ihrer Tochter samt Frau Mathilden herbeigekommen. Alle drei fielen über den armen Teufel her, zogen ihn unter dem Tisch hervor, und da jede Partei ihr Recht auf ihn behaupten wollte, rissen und zerrten sie ihn auf eine jämmerliche Weise hin und wider. »Er hat mein Kind verführt!« schrie die Alte, ihn beim linken Arm ergreifend. »Du lügst, alte Vettel!« entgegnete Frau Mathilde, ihn beim rechten wieder an sich ziehend. »Er hat mir die Ehe versprochen!« rief die Tochter. »Du lügst, liederliche Dirne!« wiederholte Frau Mathilde und geleitete ihr Wort mit einem tüchtigen Faustschlag nach seiner Behörde. Neue Stimmen aber erhuben sich hinter ihm. »Er hat meine Gläser zerbrochen!« schrie die eine; »er hat meine Schüsseln zertreten!« die andere; »meine Töpfe!« kreischte die dritte. Der Zahnarzt wollte die Parteien auseinanderbringen, und schrie und tobte nicht minder als die andern; Hanswurst lief um alle herum, hier einen guten Rat, dort einen Schlag mit der Pritsche austeilend und freute sich des Tumults, der mit jedem Augenblicke wuchs, ja von der Bühne aus sogar anfing unter den Zuschauern um sich zu greifen.

Unter diesen aber befand sich zufälligerweise auch Meister Stumpf, der Maler, der gleichfalls zum Markt nach Bayreuth gereist war, und jetzo zu größtem Erstaunen und Schrecken seinen alten Freund das wunderliche Spiel aus dem Stegreif zum besten geben sah. Er drängte sich alsbald durch den Haufen und stieg auf die Bühne; doch vermochte er weder vor dem unbändigen Geschrei zu Wort zu kommen, noch sich Platz zu machen, bis er endlich vernahm, daß von zerbrochenem Geschirr die Rede sei, worauf er, in der Meinung, die Sache also am schnellsten zu beendigen, einige von den schreienden Weibern beim Arm nahm und ihnen zurief: »Schweigt still. Ich bezahle Euch den Schaden.« Die Weiber wandten sich nach ihm, eine derselben kannte ihn wohl, und also schwiegen sie und wichen ein wenig; dadurch erhielt er Luft, bis in die Mitte des tollen Knäuels durchzudringen, und weil er dachte, es sei hier mit der Alten, die sich so wütend gebärdete, an dem wie mit den andern, nahm er sie eben auch beim Arm und rief ihr zu: »Schweigt still! Ich bezahle Euch den Schaden.« Doch nun kehrte sich ihre Wut gegen ihn. »Wie, Ihr Galgenstrick«, schrie sie, »Ihr wollt mir Ehre und guten Namen meines Kindes bezahlen wie einen zerbrochnen Topf? Wer seid Ihr denn, Ihr karfunkelnäsiger Heiland, daß Ihr Euch in fremde Händel mengt? Ihr denkt wohl den armen Sünder da mit zwei Batzen zu erlösen? Aber ich sage Euch, heiraten soll er meine Tochter! Er hat's ihr schriftlich gegeben; hier steht es schwarz auf weiß, wenn Ihr lesen könnt, Ihr Rettichschwanz!«

Da Meister Stumpf dies vernahm und Rößleins Handschrift erkannte, erschrak er und verstummte. Indem trat die Bürgerwache, die der Lärm herbeigezogen, auf die Bühne; die Weiber stürzten, ihr Recht auszuweisen, alle auf den Anführer derselben zu; dieser aber, der sich aus dem verwirrten Geschrei nicht finden konnte, befahl, sie allerseits wie sie da waren, nach dem Hause des Burgemeisters zu führen.

Auf dem Wege dahin stellte Meister Stumpf Frau Mathilden vor, wie es keineswegs ratsam sei, die Sache vor den Richter kommen zu lassen, sondern besser, sie vorher mit einem Stück Geld abzumachen, sonst könne sie ihrem Manne zu großem Schaden gedeihen, und, nach der Strenge genommen, wohl gar ans Leben gehen. Allein Frau Mathilde rief erbost: »Nicht einen Kreuzer! Sie sollen ihn verbrennen, den Ehebrecher; ich will's haben!« – Er machte sich also an den armen Delinquenten selber und fragte ihn leise, ob er Geld bei sich trage; so denke er ihn frei zu machen. Dieser, dem Frau Mathilde zur Bestreitung der Reisekosten ihren Beutel anvertraut, drückte ihm denselben heimlich in die Hand, und Meister Stumpf ging nun den Anführer der Wache an, den er kannte, und erhielt von ihm, daß er einen Versuch frei haben solle, den Handel mit der Alten in Güte abzutun. Als sie daher in des Burgemeisters Haus traten, zog er dieselbe samt ihrer Tochter ganz still beiseite, und gar bald innewerdend, welchen Gelichters, und auf welche Art sie zu dem Eheversprechen gelangt waren – denn schon aus den Schriftzügen ließ sich abnehmen, daß Magister Rößlein bei Abfassung desselben betrunken gewesen – wußte er nun seinerseits sie dergestalt in Angst und Schrecken zu setzen, daß sie, sonderlich da sie hörten, der Magister sei schon verheiratet, ohne weiters sich gegen eine geringe Summe zur Herausgabe der Handschrift willig bezeigten. Darauf ließ Meister Stumpf mit Beihülfe der Wache sie heimlich durch ein Hinterpförtlein wieder auf die Straße, nachdem sie versprochen, ohne Weile die Stadt zu verlassen.

Unterdessen standen die übrigen vor dem Burgemeister; Frau Mathilde mußte den andern Weibern den erlittenen Schaden vergüten, und da sich weiter kein Kläger zeigen wollte, wurde es sämtlichen frei gelassen, sich ein jeder wiederum seines Wegs zu begeben. Meister Stumpf nahm geschwind Frau Mathilden beim Arm und zog sie mit sich fort, da sie, die Dirne mit ihrer Mutter vermissend, noch ärger zu schimpfen und zu toben anfing und selber Klage gegen ihren Mann vor dem Richter erheben wollte. Zum Glück fiel ihr die kranke Base mit der Erbschaft ein. »Wenn sie nur noch lebt!« sprach der Teufel, der auf der Straße wieder Mut und Odem schöpfte. Und so schritten sie eilig nach der Wohnung derselben. Doch, o weh, du armer Teufel! Die Base war, nachdem sie noch zum öftern nach Frau Mathilden gefragt, vor einem halben Stündlein plötzlich ohne Testament verschieden.

Schreck und Wut hatten Frau Mathilden die Sprache genommen. Sie ging stumm, mit großen Schritten vor den Männern her, die gleich zwei gehorsamen Hündlein hinter ihr drein liefen. –

»Aber sagt mir doch in aller Welt«, sprach Meister Stumpf leise zu seinem Gefährten, »wie seid Ihr denn nach Regensburg gekommen?« – »Ach laßt mir doch Euer Regensburg!« fuhr dieser heraus. »Seit meiner Reise zum Baseler Konzilium vor 107 Jahren bin ich nicht wieder dorthin kommen.« Meister Stumpf sah ihn verwundert an und mochte wohl denken, die ausgestandne Angst hätte ihm ein wenig den Kopf verdreht.

Als sie in der Herberge angelangt waren, ließ Frau Mathilde das Ungewitter, welches lange in ihrem Innersten getobt und nur aus den Augen geblitzt hatte, endlich auch mit Sturm und Donner über die Lippen brechen; Meister Stumpf machte sich sacht beiseite; sie aber verschloß das Gemach, ihrem Manne das Entwischen zu verhindern, fuhr nun bald mit Lästern und Schimpfen, bald mit Tränen und Wehklagen, ohn' Unterlaß fort, rüttelte ihn, der sich drein ergebend zu Bette ging, sooft er einzuschlafen schien, gar unsanft wieder auf, und machte dem Unwesen nicht eher ein Ende, als bis ihr Hände, Fuß' und Zunge den Dienst aufsagten.

Am andern Morgen trieb sie frühzeitig zur Abfahrt. Unterwegs begann das arge Spiel von neuem und wurde bald noch ärger, da sie ihren Beutel von ihm zurückbegehrte und inne ward, welch feines Loch Meister Stumpf darein gemacht. Sie tat, als fiele ihr unversehens ihre Reisekappe vom Wagen; der arme Teufel mußte absteigen, sie zu holen; indem aber trieb sie rasch das Pferd an, und wie sehr er auch hinterdreinlaufend rufte und schrie, kam sie ihm doch bald aus dem Gesicht. Es waren wohl noch drei gute Stunden bis zur Stadt; die Nacht brach ein, es fing an zu regnen, und da ihm sein leerer Säckel versagte, irgendwo einzukehren, mußte er es seinen Füßen anheimstellen, ihn samt seinem hungrigen Magen durch Kot und Regen nach Hause zu bringen.

Von dieser Zeit an hatte der Teufel nun vollends keinen Augenblick Ruhe und Frieden mehr im Hause. Frau Mathilde wußte ihn auf so vielerlei und sinnreiche Weise zu quälen und zu peinigen, daß er selber gar manches Kunststücklein von ihr erlernen und zu künftigem Gebrauch merken mochte. Das unerträglichste aber war ihm, ihre giftigen und unvernünftigen Reden ohne Unterlaß vom Morgen bis zum Abend anzuhören, wie denn überhaupt auch der tapferste Mann gegen eine Weiberzunge nicht besteht.

Er hatte sich bei seinem letzten unfreiwilligen Spaziergang einen Schaden am Fuß zugezogen, daß er das Haus nicht verlassen konnte; so mußte er nun ruhig in seinem Sessel alles über sich ergehen lassen. Ärger und Ungeduld zehrten an seinem Fleische wie zwei gefräßige Geier, und er durfte seinem Zorn nicht einmal, weder durch Worte noch Gebärden, Luft machen, denn Frau Mathilde zog gleich bedenkliche Gesichter und wollte nach Arzt und Bader schicken. – Dabei fühlte er sich mit jedem Tage hinfälliger an seinem Leibe, und – menschlicher Natur und Schwachheit unterworfen, höchst kleinmütig und niedergeschlagen in seinem Gemüte. Und so kam es endlich, daß er, unfähig, solchen erbärmlichen Zustand länger zu ertragen, demselben schleunig ein Ende zu setzen beschloß. Doch wollte er zu gleicher Zeit sich an dem Magister Rößlein rächen, als an dem Urheber aller Schmach und Unbill, die er erduldet.

Nach einer Zeit, da er wieder aus dem Hause gehen konnte, fand er eines Tages vom Rathaus kommend groß Leben und Zusammenlaufen auf dem Markt, denn es hieß, kaiserliche Kriegsvölker lägen draußen vor den Toren. Zwei Hauptleute mit einigen Reitern hielten vor dem Rathaus, und als er nach Haus gelangte, saß ein stattlicher Degen bei Frau Mathilden, der ihn, ohne vom Platz zu rücken, mit einem Blick zur Seite maß. Frau Mathilde sprach freundlich: »Schau doch, mein Kind, da ist ein Herr Vetter aus Sachsen, der mich hier aufgesucht und einige Tage bei uns fürliebnehmen will.« Und damit kehrte sie sich wieder zu diesem und fuhr fort nach der Verwandtschaft in Sachsen zu fragen. Der Teufel musterte währenddessen den Herrn Vetter, der mit seinem geschlitzten und bebänderten Wams und großen Pluderhosen sich wie ein Truthahn auf dem Sessel blähte, und sein Gesicht und ganzes Wesen kam ihm schier unleidlich vor. Doch Frau Mathilde schien an ihm nicht übel Behagen zu finden, horchte ihm aufmerksam zu, da er von seinen Kriegstaten erzählte, und war gegen ihre Gewohnheit geschäftig und bemüht, den Gast zu bewirten und zu bedienen, so daß der Teufel, dem es nimmer so gut geworden, mit scheelen Augen dreinsah.

Der Kriegsmann, der bald merkte, wie die Sach' im Hause stand, ging Frau Mathilden mit Worten und kleinen Diensten überall zur Hand, und da sie immer noch von feinem Aussehen war, fiel es ihm nicht schwer, weidlich um sie herum zu lecken und zu scherwenzen. So setzte er sich immer fester in ihrer Gunst, fing allgemach an, den Herrn im Hause zu spielen, und betrug sich gegen den vermeinten Magister Rößlein aufs aller hoch- und übermütigste. Der arme Teufel, dem also statt eines Herren deren zwei zugewachsen waren, fuhr dabei am schlimmsten; auch stieg ihm der Groll und Grimm immer höher an das Herz und wollte ihn ersticken, wenn er ihn nicht zum Ausbruch ließ. Die Gelegenheit dazu sollte sich indes bald ergeben.

Es war ihm besonders verdrießlich, wenn er den eiteln Gecken von seinen Taten mußte erzählen hören, welche gefährliche Abenteuer er bestanden, wie er dort und da seine ungemeine Tapferkeit erwiesen und allerwegen die unglaublichsten Dinge verrichtet. Nun brachte der Held einstmals auch, während er sich's bei der Flasche wohl sein ließ, ein gar ergötzlich Stücklein auf die Bahn von einem Kapuziner, der einst in seinem Beisein den Teufel zitiert, und wie derselbe wirklich in entsetzlicher Gestalt erschienen sei, worauf er selbst aber ohne weitere Waffen, als einen Kessel mit Weihwasser und ein geweihtes Skapulier, mit ihm kecklich angebunden, ihn bezwungen und zum Erstaunen und Schrecken des Kapuziners in einen Sack gesteckt habe, woraus er nur gegen Herbeischaffung eines ansehnlichen Lösegeldes entkommen.

Der Teufel ergrimmte im Innersten; doch sprach er lächelnd und mit einfältiger Miene: »Wieviel Fäden hatte denn wohl Euer Sack, Junkherr?«

»Ich hab' nicht darin gesteckt, sie zu zählen!« – lachte dieser. – »Doch war er groß genug, daß ich Euch noch als Zugabe mit hineingepackt hätte.«

»Das laß ich gelten!« entgegnete der Teufel, ging hinaus und »da bring' ich einen!« – sprach er, mit einem Sack unter dem Arm zurückkehrend –, »der möchte Euch wohl auch gerecht sein. Bitte, Ihr wollet mir ihn messen helfen.«

Frau Mathilde wußte nicht, was sie von ihrem Manne denken sollte und befahl ihm, den Sack auf der Stelle wieder hinauszutragen, allein er ließ sich nicht irren, sondern rief: »Kriecht nur hinein, Junkherr! Ich will Euch das Kunststücklein lehren.« –

Da sprang der Kriegesheld zornig empor. »Wer ist der verfluchte Wicht«, schrie er, »der also mit mir zu spaßen wagt? So wahr ich kaiserlicher Majestät mit Ehren diene, schwöre ich dir, Magisterlein, nun sollst du mir in den Sack!« – Und damit, willens, seinen Spruch ins Werk zu setzen, faßte er ihn mitten um den Leib, doch behend entwand sich ihm der Teufel, und ihn mit beiden Händen ergreifend, schüttelte er ihn mit solcher Macht, daß ihm alle Gebeine krachten, und er, an den entsetzlichen Blicken und der ungeheuern Gewalt wohl merkend, mit wem er's zu tun habe, sich erbleichend und voll Entsetzen losmachte, den Degen zog und schrie: »Bleibt mir vom Leibe! Ich habe nichts mit Euch zu schaffen.« Frau Mathilde wollte dem Teufel mit Schimpfen und Toben von hinten in die Haare fallen, wie einen Federball aber warf er sie zur Seite, daß sie weithin taumelnd zu Boden fiel, rang seinem Gegner mit einer geschickten Bewegung den Degen aus der Hand, packte ihn, den der Schreck und das Entsetzen stumm und starr gemacht hatten, und nicht anders, als wär's ein Bündel schmutzige Wäsche, steckte er ihn gelassen in den Sack. Drauf schnürte er den Sack fest zu, lud ihn auf den Rücken, und ohne weder Frau Mathildens Zetergeschrei, noch das Strampeln des Gesackten, noch auch das Zusammenlaufen des Volks weiter zu beachten, trug er ihn schnell über die Straße nach der nahen Brücke, und warf ihn dort über das Geländer hinab ins Wasser. Da er nun bei dem Tumult, der darüber entstand, nicht ans Entwischen dachte, sondern sich an dem Auf- und Untertauchen des Sacks zu ergötzen schien, so ergriffen ihn einige Soldaten, die eben des Weges kamen. Ohne allen Widerstand ließ er sich fortführen, und so brachten sie ihn unter großem Zusammenlauf vor ihren Obersten.

Obgleich nun der gesackte Eisenfresser von einigen Gerbergesellen aufgefischt und mit geringer Mühe wieder zum Leben gebracht worden war, so wußte der Teufel doch beim Verhör die Sache so geschickt zu wenden und zu verdrehen, bald einfältig, bald geheimnisvoll, bald verlegen erscheinend, sich so verdächtig zu machen, daß eine Haussuchung befohlen ward, und da man hier unter Magister Rößleins Büchern mehrere Schriften, die neue Lehre betreffend, fand, gegen die der Kaiser damals überall zu Felde zog, konnte der Oberste nicht anders, als ihn unter starker Bedeckung nach dem Hauptquartier zu senden.

Hier machten sie gering Federlesens mit ihm, und der General, ein hitziger Katholik, und von rauher Gemütsart, wie er war, meinend, es sei an der Zeit, auch in hiesiger Gegend ein Exempel zu statuieren, befahl ihn ohne weiters aufzuknüpfen. Weil indes die Nacht schon hereinbrach, verschoben sie die Exekution bis zum andern Morgen und führten den Teufel indes zur Haft. Als es aber mitten in die Nacht kam, siehe! da warf dieser, in einer zornigen Flamme auflodernd, die geborgte Menschengestalt von sich, daß sie in ein Häuflein Asche zerfiel, schlug in heller Lohe durch den Schornstein hinaus und fuhr in einem greulichen Sturm und Ungewitter, das er schnell zusammengeballt, nach Wien, wo Magister Rößlein sich eben damals aufhielt. Diesen nun, der einen tüchtigen Rausch ausschlief, ergriff er leise und behutsam, fuhr mit ihm durch die Lüfte den Weg, den er gekommen, wieder zurück, und noch ehe der Morgen graute, lag Magister Rößlein schnarchend auf dem harten Lager in demselben Gefängnis, woraus der Teufel vor kurzem erst entschlüpft.

Als Magister Rößlein damals mit des Teufels Gelegenheit seine Vaterstadt verlassen hatte, sah er den Himmel kaum vor lauter Geigen. Er war seines Ehejoches ledig, führte einen wohlgespickten Beutel, die ganze Welt voll Kurzweil und Weinfässer lag zu Wahl und Lust vor ihm, und wie ein Vogel, der dem Bauer entwichen ist, ohne Zweck und Ziel, nur um die neuerworbene Freiheit zu proben, hin und wider fliegt, bald da, bald dort, wo ihm ein Beerlein winkt, sich niederlassend, so benagte es ihm gleichfalls, bald rechts, bald links von einem Orte zum andern zu ziehen, und wo er ein gutes Beerlein spürte, da kehrte er ein.

So war er denn auch nach Regensburg gekommen und dort einer verschmitzten Dirne und ihrer Mutter ins Netz gegangen, die, gleich den Vogel an der Stimm' erkennend, ihm nicht allein den Beutel gefegt, sondern auch in der Trunkenheit ein Eheversprechen abgelockt hatte. Er ließ sich's wenig kümmern, was daraus entstehen möchte, ja die Schadenfreude kitzelte ihn vielmehr weidlich, wenn er dachte, welch feines Stück Flachs er vielleicht dem Teufel auf den Rocken gelegt, daß er daran zu spinnen haben würde.

Von Regensburg zog er in einem Strich nach Wien, willens, vor der Hand dort zu bleiben. Doch indem er hier wieder anfing zur Ruhe zu kommen, hub sein Gewissen an sich zu regen. Es stellte ihm die Sündlichkeit seiner Teufelsbeschwörung, die Verruchtheit des geschlossenen Vertrags und die entsetzlichen Folgen desselben in hellen Farben auf. Immer näher legte sich ihm die Reue ans Herz, daß er das ewige Heil seiner Seele auf ein so freventliches Spiel gesetzt; seine Angst wuchs mit jedem Tage, der Teufel möchte das Probejahr bestehen, und es war ihm oft, als sähe er schon den greulichen Höllenrachen, der mit tausend Flammenzungen nach ihm emporleckte, besonders seitdem er in einer Kirche ein großes Bild getroffen, wo die Qualen der Verdammten in der Hölle auf die mannigfaltigste und erschrecklichste Weise dargestellt waren. Das Bild lag ihm Tag und Nacht zu Sinne; er fand nirgend Ruhe, und wagte es in dieser Not und Bekümmernis nicht einmal, seine Zuflucht zum Gebet zu nehmen, da er sich als einen von Gott Abgefallenen und Abtrünnigen ansehen mußte.

In solchem erbärmlichen Zustande wandte er sich endlich an einen Kapuzinermönch, der wegen seiner Frömmigkeit großen Zulauf hatte. Diesem vertraute er unter dem Siegel der Beichte seine ganze Geschichte. Doch hatte er dessen auch nur geringen Gewinn; denn der Mönch befahl ihm, außer andern strengen Bußübungen, auf der Stelle heimzukehren, den Vertrag mit dem Teufel aufzuheben, und alles was daraus für ihn entstehen möchte, als eine gerechte, obwohl noch immer zu gelinde Züchtigung für sein fluchwürdiges Verbrechen in Demut auf sich zu nehmen, ja selbst wenn es an sein Leben gehen sollte, es freudig als ein Sühnopfer darzubringen, auf daß die unsterbliche Seele gerettet werde. Allein hierzu fehlte dem Magister Rößlein der Mut, obwohl er sich oft mit Tränen unter Frau Mathildens Herrschaft zurücksehnte; auch wußte er nicht, wie er dem Teufel das vorgeschoßne Geld erstatten solle. Und so brachte er nun, gleich unfähig, sich seines Zustandes zu entledigen, als dessen froh zu werden, sein Leben hin in schmählicher Unentschlossenheit, Trübsal und täglich wachsender Angst, die ihn wie einen Geächteten umhertrieben. Nur sein alter Freund Bacchus wollte ihm zuweilen noch als ein freundlicher Tröster erscheinen, und dann ergab er sich ihm auch so gänzlich und ohne Rückhalt und hörte nicht eher auf, in den Becher zu schauen, als bis er darin ein vollständiges Vergessen der ganzen Welt und seiner selbst gefunden.

Nach einem solchen Bacchusbesuch war es nun auch, als der Teufel ihn, der im tiefsten Schlafe lag, aus seinem Bette holte, durch die Luft davontrug und statt seiner auf das harte Lager des Gefängnisses zu einem nicht geahneten, unerfreulichen Erwachen niederlegte. Es waren just zwei Monden, nachdem Magister Rößlein seine Frau verlassen.

Die Sonne kam hinter den Bergen herauf und lugte freundlich in das Gemach, da trat der Gefangenwärter herein, und als er seinen Delinquenten so trefflich schnarchen hörte, verwunderte er sich darüber, wie einer, dem das letzte Stündlein so nahe, noch eines so ruhigen Schlafes pflegen könne, ging hin und rief, ihn beim Arm ergreifend: »Steht auf, steht auf! Ihr habt keine Zeit zu verlieren, wenn Ihr Euch rüsten wollt zur letzten Reise!« – Dem Magister träumte eben von einem herrlichen Gastmahl, von dem ihn der Teufel abrufen lasse, und er sprach, sich im Traum an Meister Stumpfens Lied erinnernd: »Faule Fische! Faule Fische! Ich bleibe hier! Der Teufel ist kassiert!« – Doch da jener nicht abließ, schlug er die Augen auf, und den Gefangenwärter neben sich erblickend, glaubte er, es sei sein Diener, schalt ihn einen einfältigen Tropf und hieß ihn zu Bette gehen; er wolle auch schlafen. Jener wußte nicht, ob er lachen oder sich ärgern sollte. Indem trat die Wache herein, welche kam ihn abzuholen. »Da sind sie schon!« schrie der Gefangenwärter. »Wenn Ihr auf Erden noch etwas zu bestellen habt, so macht geschwind; ich will's Euch ausrichten.«

Die Soldaten stießen ihre Hellebarden auf den Fußboden; Magister Rößlein fuhr erschrocken empor, rieb sich die Augen und schaute voll Verwunderung umher. »Wird's bald?« rief der Gefreite. Der Magister starrte ihn an. »Was wollt Ihr von mir?« sprach er, »und wo bin ich denn?« – »Beim Meister Haltunsfest«, entgegnete jener, »und wollen wir Euch sofort dem Meister Hämmerlein überliefern, auf daß Ihr in der Familie bleibt.« Die Soldaten lachten. »Es ist heut Euer Geburtstag«, sagte der eine – »er will Euch anbinden.« – »Das Halsband liegt schon bereit« , der andre. Darauf würde er sich nicht wenig einbilden, meinte der dritte, und gewißlich heut die Nase höher tragen, denn alle andere ehrliche Leute. Der vierte sprach, er solle sich nur in acht nehmen, daß er nicht damit an die Ewigkeit stieße, seine Füße möchten sonst leicht die Zeitlichkeit nicht wiederfinden können. – Da sprang Meister Rößlein entsetzt von seinem Lager auf, faßte sich an die Stirn, lief ans Fenster: »Was ist mit mir vorgegangen?« schrie er, »wo bin ich? Warum bin ich in diesem Loche?« – Die Soldaten meinten, er müsse noch schlaftrunken sein und lachten; der Gefangenwärter, der etwas im Kamin liegen sah, lief hin, genauer nachzusehen. Siehe, da lag auf einem Häuflein fetter Asche ein Beutel Geld und ein mitten durchgerissenes Papier.

»Er hat sich einen Zehrpfennig zurückgelegt auf die Reise«, sprach der Gefreite. Die andern meinten, der sei ihm nicht vonnöten, da er unterwegs freigehalten werde, und in der Ewigkeit andere Münze gelte, sie wollten daher das Geld nur lieber unter sich teilen und eins auf seine glückliche Ankunft jenseits trinken. Der Wärter las die Schrift auf dem Beutel und schüttelte den Kopf: »Fünfhundert Goldgülden! Ei, ei! Das Geld kann diesem nicht gehören. Wäre er so reich, so würde er heute nicht gehangen.«

Magister Rößlein, den gleich eine wunderliche Ahnung überlaufen hatte, nahm ihm das Papier aus der Hand und erkannte den mit seinem Blute geschriebenen Vertrag mit dem Teufel mitten entzweigerissen. – Es war also klar, der Teufel hatte seine Probe nicht bestanden, gab ihn wiederum frei, und der Beutel enthielt das bedungene Strafgeld ehrlichermaßen, obwohl mit Abzug der vorgeschossenen Reisekosten.

Wie sehr es ihn nun auch erfreute, auf diese Weise mit einemmal seiner Sorge und Angst ledig geworden zu sein, und er in seinem Herzen Gott dankte, der sich seiner erbarmt, so warf ihn doch die Lage, in welcher er sich befand, in neuer Unruh' und Bestürzung umher. Er begriff nicht, was mit ihm vorgegangen, konnte nach den Reden der Soldaten nicht anders als des Schlimmsten gewärtig sein, und mußte mit Schrecken eine Hinterlist des Teufels vermuten. So wandte er sich also nochmals an die Soldaten, bittend, sie wollten ihn doch bescheiden, wo er sei, wie er hiehergekommen, und endlich was sie von ihm begehrten. Allein da sie eben dabei waren, sein Geld zu zählen und unter sich zu teilen, hörten sie nicht auf ihn, sondern nachdem sie ihr Geschäft geendigt, befahl der Anführer, ihn in die Mitte zu nehmen, und sprach: »Mit solchen Ausflüchten kommst du nicht los, Gesell; nun ist's zu spät und du mußt hängen.« –Und damit führten sie ihn fort, hinaus vor das Tor, und als sie vors Tor gelangten, sah er das Heerlager vor sich liegen und erkannte nun alsbald die Gegend, wo er war. Zur Seite aber zeigte ihm einer der Soldaten den Galgen und sprach: »Da ist Meister Hämmerleins Werkstatt, wo er Euch das ewige Leben anmessen soll. Er steht schon auf der Leiter und wartet auf Euch.«

Als nun Magister Rößlein dies sah, begann er jämmerlich zu wehklagen, rufte den Himmel zum Zeugen an seiner Unschuld, und sträubte sich mit Händen und Füßen gegen seine Wache, die ihn weiterführen wollte. Darüber liefen mehrere Soldaten aus dem Lager zusammen, die sich bei Rößleins Beteuerungen des lauten Gelächters nicht erwehren konnten, dadurch immer wieder eine neue Menge herbeiziehend, und so das halbe Lager in Aufruhr brachten.

In dem Augenblicke fügte es sich, daß der Herzog Alba, der den Oberbefehl über das aus Sachsen nach Augsburg ziehende Heer führte, das Lager besuchend, eben vorüberritt und, des Zusammenlaufs ansichtig, einen aus seinem Gefolge abschickte, sich nach der Ursach' zu erkundigen. So wurde er denn berichtet, es sei der Delinquent, der wegen versuchter Ersäufung eines kaiserlichen Soldaten zum Strang verurteilt worden; er stelle sich aber jetzt nicht allein ganz unwissend in Ansehung seines Verbrechens, sondern behaupte geradezu, gestern noch in Wien gewesen, und nur durch die Gewalt und Hinterlist des Teufels in der vergangenen Nacht hieher und in solche betrübte Lage versetzt worden zu sein.

Der Herzog stieg vom Pferde, und in eines Hauptmanns Zelt eintretend befahl er, den Delinquenten vor ihn zu führen, redete ihn auf lateinisch an und befragte ihn nach seiner Herkunft und wie er zu einem solchen Verbrechen gekommen sei. Magister Rößlein, dem alsobald die Hoffnung wieder aufschoßte, hub nun an seine Lebensgeschichte zu erzählen mit kurzen Worten, und wie er endlich Frau Mathildens schwerem Joche sich entzogen und nach Wien begeben habe, wo er gestern noch gewesen. Auf welche Art er nun plötzlich wieder hiehergekommen, davon wisse er ebensowenig, als von dem Verbrechen, welches er begangen haben solle. Seines Vertrags mit dem Teufel aber mochte er keine Meldung tun.

Da trat der Oberst aus Bamberg hervor, ließ ihn hart an, daß er sich unterfange, vor dem durchlauchtigsten Feldherrn also mit Lügen zu spielen, und sprach zu letzterm: »Dieser Mann ist seit Jahren nicht aus seiner Vaterstadt gewichen; ich bin des sattsam unterrichtet.« Doch einer aus des Herzogs Gefolge unterbrach ihn: »Vergebt mir, daß ich Euch widerspreche! Dieser Mann war vor acht Tagen noch in Wien. Ich hab' ihn dort gesehn und kann's bezeugen.« – Indem sich nun Magister Rößlein umschaute nach dem, dessen Worte ihn wie eines Engels bedünkten, und einen Hauptmann erkannte, mit dem er in Wien zum öftern beim Becher gesessen, waren aller Blicke voll Verwunderung und Neugier auf ihn gerichtet; Herzog Alba aber, nachdem er eine Weile nachsinnend gestanden, befahl, ihn mit dem Magister allein zu lassen.

Als sich alle hinwegbegeben hatten, warf sich dieser vor dem Herzog auf die Knie, ein treues Bekenntnis seines Verbrechens angelobend, des einzigen, dessen er sich schuldig wisse, und ihn anflehend, er wolle es mittelst seiner Gnade möglich machen, daß er sich durch Reue und lange Buße mit Gott versöhnen könne, den er allein beleidigt. Darauf erzählte er alles, wie es sich begeben, wie er zu dem Büchlein gelangt, seine Teufelsbeschwörung, seinen Vertrag mit dem Teufel und seine Reise nach Wien.

Der Herzog hörte ihm mit großer Aufmerksamkeit zu und da der Magister ihm am Ende das Teufelsbüchlein, das er zu seinem Glück bei sich getragen, überreichte, nahm er es hastig in seine Hände, blätterte darin hin und her, seine Augen funkelten und über sein blasses Angesicht zuckte mehrmals eine flüchtige Glut. Er legte ihm noch einige Fragen vor, die Beschwörung betreffend, dann sprach er nach einem kurzen Nachdenken: »Gehe hin, ich schenke dir dein Leben! Das Büchlein bleibt in meiner Hand; doch hüte dich wohl, einem zweiten zu vertrauen, was du mir vertraut.« Darauf den Zeltvorhang zurückschlagend und jenen hinauslassend, zu den draußen stehenden Herrn: »Er ist frei. Laßt ihn aus dem Lager geleiten.«

Nun hätten zwar einige von den Herren gern gewußt, was der Herzog mit ihm gesprochen, und was er ihm erzählt, allein Magister Rößlein hatte wohl Besseres zu tun, als ihnen Rede zu stehen. Er eilte nur aus allen Kräften, das Lager hinter sich zu bringen, so daß ihm sein Begleiter kaum folgen mochte, und wo sie vorbeikamen, riefen die Soldaten einander zu: »Das ist er, der in einer Nacht von Wien hergelaufen!« blieben lachend stehen und ließen ihren Witz an ihm aus, und so gelangte er aus dem Lager. Doch setzte er auch hier seiner Eil' noch kein Ende, sondern lief nur um so schneller, bis er endlich von einer Anhöhe die Türme seiner Vaterstadt erschaute. Da warf er sich auf seine Knie, die Hände zum Himmel erhebend, und dankte Gott inbrünstiglich, daß er ihn aus so schrecklicher Gefahr des Leibes und der Seele gnädig errettet, gelobte, sich nimmer hinfüro gegen seinen Ratschluß aufzulehnen, sondern alles, was er ihm etwa fürder noch an Ungemach und Trübsal durch Frau Mathildens Hand auferlegen wolle, in Geduld und Demut zu ertragen, auch des Weines sich an Wochentagen zu enthalten, nur des Sonntags möchte ihm ein Kännlein oder zwei gestattet sein. – Damit erhob er sich gestärkt und freudig und wanderte nach der Stadt hin.

Als er an sein Haus kam, stand Frau Mathilde mit etlichen Nachbarsleuten vor der Tür. »O heiliger Hieronymus«, schrie sie ihn erblickend, »da ist mein Mann!« rannte ihm entgegen und umhalsete ihn zärtlich. Die Nachbarn liefen herzu, sich seiner Rückkehr freuend, und jeder wollte wissen, was ihm begegnet und wie er seine Freiheit wiedererhalten. Er erzählte ein Märlein, das er sich unterwegs ausgedacht, wie er mit großer Kunst und Schlauheit seine Verteidigung zu führen und den Herzog Alba dergestalt zu rühren gewußt, daß dieser ihn auf der Stelle begnadigt habe.

Als er aber mit Frau Mathilden ins Haus getreten war, ließ sie alsbald ihre große Zärtlichkeit zu Boden fallen, und indem sie ihm ein weitläufiges Register aller seiner Sünden und Gebrechen vor Augen hielt, zeigte sie ihm deutlich, daß er auch hier wiederum mehr Glück als Verstand gehabt, und wohl eine derbe Züchtigung verdient hätte. Magister Rößlein ließ sie reden und schwieg, nahm auch von nun an alle harte Worte in Demut hin, widersprach niemals, sondern war ihr, als die doch lediglich allein seine arme Seele aus des Teufels Krallen gerissen, allzeit freundlich und untertänig und dachte nur immer: es ist doch besser, als in der Hölle brennen, so daß nirgends ein vortrefflicherer Ehemann gefunden werden mochte.

Damit er aber täglich der Gefahr und Rettung seiner Seele, sowie seiner getanen Gelübde sich erinnern möchte, wandte er einiges Geld, welches er noch von Wien her in seiner Tasche gefunden hatte, dazu an, sein Haus neu abputzen zu lassen, und bat dann seinen Freund, Meister Stumpfen, den Maler, dem er sein Abenteuer anvertraut, er wolle ihm ein Gemälde darauf setzen, wie es zu seiner Absicht schicklich sei.

So malte ihm dann dieser oberwärts an das Haus ein Rößlein, welches nach abgeworfener Last mit zerrissenem Zaum und Zügel und wild fliegender Mähne bergabwärts einem Abgrund zurannte, aus welchem greuliche Flammen emporschlugen; weiter unten war dasselbe Rößlein zu schauen, wie es, einen schweren Sack auf dem Rücken, gar demütig und geduldig durch Disteln und Dornen einen hohen steilen Berg hinanklimmte, zuoberst über dem Berge aber öffnete sich der Himmel in seiner Glorie und die Engelein saßen darin, auf mancherlei Instrumenten lustig musizierend.

Unter diesem Gemälde dicht über der Haustür stand geschrieben:

Ein'm jeglich Ding ist auf der Welt
sein Ordnung und Gesetz bestellt,
die es mit scharpfem Zaum regier'n,
ein jeder auch sein Kreuz tut führen.
Wer solcher Zucht sich bar will machen,
rennt leicht dem Teufel in den Rachen.
Wer aber, was ihm auferlegt,
den schweren Sack ohn' Murren trägt,
in Einfalt, fromm, demütigleich,
der geht gradaus ins Himmelreich
zu ew'ger Lust und Freuden ein.
Das woll' uns allen Gott verleihn!

Als Meister Stumpf nun eines Morgens, die letzte Hand anlegend, auf der Leiter stand, stellte sich ein Männlein mit Federhut und Scharlachmantel bei ihm ein und sah ihm aufmerksam zu, und da jener einen Augenblick ins Haus gegangen war, fand er bei seiner Rückkehr zu seinem Schrecken das unterste Rößlein auf dem Gemälde durch Ansetzung zweier stattlicher Ohren in einen Esel verwandelt; das Scharlachröcklein war verschwunden. So viele Mühe er nun auch daran verwandte, diesen schimpflichen Zusatz wieder zu vertilgen, war doch alles vergeblich; wenn er kaum den Pinsel weggelegt hatte, waren auch die Eselsohren wieder da, und Magister Rößlein sprach, andächtig die Hände faltend: »Laßt's nur sein! Er mag wohl recht haben.«








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