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Magie und Zauberei in der alten Welt

Kurt Aram: Magie und Zauberei in der alten Welt - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorKurt Aram
titleMagie und Zauberei in der alten Welt
publisherParkland
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Babylonien

Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden
Als eure Schulweisheit sich träumt

Shakespeare

 

Berosus und Danes

Zwischen 350 und 340 v. Chr., als Alexander der Große Herr über Babylonien war, wurde Berosus in Babylon (Babel) geboren. Er lebte noch unter Antiochus I. (293-280 v. Chr.), dem dritten Nachfolger Alexanders, denn ihm widmete er die »Babyloniaka«, sein Hauptwerk, und schrieb es griechisch, um Babylonien und seine Geschichte den Griechen näher zu bringen. Leider sind nur einige Bruchstücke der »Babyloniaka« auf uns gekommen, die antike Schriftsteller ausgeschrieben haben. Das Werk umfaßte (nach Schnabel) drei Bücher, von denen sich das erste mit Weltschöpfung und Astronomie abgab, das zweite mit den zehn Urvätern vor der Flut, mit der Flut, mit 86 Königen nach der Flut und schließlich mit den fünf historischen, babylonischen Dynastien (2232-732 v. Chr.). Das dritte Buch galt den Zeiten der Assyrerherrschaft 731-626 v. Chr., des neuen babylonischen Chaldäerreichs 625-539 v. Chr. und der Perserherrschaft über Babylon 538-331 v. Chr., die dann Alexander der Große vernichtete.

Berosus war Priester des Bel (Bal, Marduk) in Babylon. Seleukus I., der Vater des Antiochus I., der mit seinem Vater 14 Jahre gemeinsam und dann noch 19 Jahre allein regierte, baute zwar mancherlei babylonische Tempel wieder auf, aber sein Hauptinteresse galt doch seiner neuen Hauptstadt, die er am Tigris bauen ließ, Seleukeia. Die Einwohner Babylons mußten die neue Hauptstadt bauen helfen. So wurde das alte Babylon entvölkert. Und wenn auch die Priester mit ihren Angehörigen im Beltempel in Babylon bleiben durften und Seleukus für ihren Unterhalt sorgte, so waren die Einnahmen der Priester in der entvölkerten Stadt natürlich geringer als in früheren, für sie besseren Zeiten. So soll Berosus noch als Sechzigjähriger Babylon verlassen und sich in Kos als Leiter einer Astrologenschule niedergelassen haben, die sicher großen Zulauf hatte und gute Einnahmen brachte, denn Astrologie war die große Mode der Zeit. Fast könnte man glauben, sie sollte es heute wieder werden. Daß ein Sechzigjähriger sich noch zu solchem Umzug entschloß, nimmt den nicht weiter wunder, der weiß, daß Platon Sechsundsechzig Jahre zählte, als er zum dritten Mal nach Sizilien reiste, und daß Euripides mindestens zweiundsiebzig Jahre alt war, als er an den Hof der Mazedonierkönigs Archelaus übersiedelte.

Von den äußeren Lebensdaten dieses Belpriesters und Lehrers der babylonischen Geschichte und Astrologie wissen wir bis jetzt nicht mehr als das eben Angeführte. Wohl aber wissen wir, daß der Mann um seines Hauptwerkes willen in der griechisch-hellenistischen Welt hohes Ansehen genoß, wenn es auch schon der Zeit Alexanders märchenhaft und unglaubwürdig vorkam, daß nach ihm seit dem ersten babylonischen Urkönig Aloros bis zu Alexander dem Großen 468.000 Jahre vergangen sein sollten, Zahlen, die heutige Geologen und Paläontologen durchaus nicht mehr schrecken können. Namentlich um seiner Astrologie willen stand Berosus lange in hohem Ansehen. Ein Niederschlag dessen findet sich noch bei Seneca:

» Berosus sagt, daß dieses (Erdbeben und Entstehung neuer Flüsse) durch den Lauf der Gestirne geschehe, und er behauptet es so fest, daß er für Verbrennung und Sintflut Zeitpunkte ansetzt. Er behauptet nämlich, daß die irdischen Dinge verbrennen würden, wenn alle jetzt verschieden laufenden Gestirne (Planeten) im Krebs (das Tierkreiszeichen der Sommersonnenwende) zusammenkommen, indem sie in der Weise an derselben Stelle stehen, daß eine gerade Linie durch die Kreise aller Planeten gehen kann (die Gestirne stehen also so, daß eine gerade Linie sie sämtlich schneidet). Dagegen wird die künftige Überschwemmung eintreten, wenn dieselbe Schar von Sternen im Steinbock (dem Tierkreiszeichen der Wintersonnenwende) zusammen käme. Dort nämlich findet die Sommersonnenwende, hier der Winteranfang statt; die Zeichen (die Tierkreiszeichen) sind von großer Bedeutung, weil sie Hauptpunkte in der Jahresveränderung darstellen.« (Nach Greßmann)

Auch in der gebildeten griechischen und lateinischen Welt des ersten nachchristlichen Jahrhunderts genoß dieser Babylonier große Wertschätzung, wie Josephus bezeugt:

» Zeuge hierfür ist Berosus, von Geschlecht ein Chaldäer (Babylonier), der denen bekannt ist, die wissenschaftliche Bildung besitzen, da er die Schriften über Astronomie und Philosophie der Chaldäer unter den Griechen bekannt gemacht hat

Die philologische Wissenschaft betrachtet, was von Berosus auf unsere Zeit gekommen ist, mit äußerstem Mißtrauen und mißt ihm im allgemeinen nicht mehr geschichtlichen und sachlichen Wert bei, als sie es trotz der Gebrüder Grimm allen Märchen, Sagen und Legenden gegenüber zu tun pflegt. Daß die alten Schriftsteller nur mit Respekt von diesem Babylonier reden, kommt für die heutige Zeit schon deshalb nicht sonderlich in Betracht, weil alte Schriftsteller überhaupt nicht so ernst genommen werden dürfen wie heutige Gelehrte, die in keinerlei Aberglauben befangen sind und eine weit höhere Bildung besitzen als jene Alten. Erst seitdem Spitzhacke und Spaten an Euphrat und Tigris so erfolgreich arbeiten, und seitdem die Keilschrift entziffert werden kann, erst seitdem merkt man wieder etwas ernsthafter auf den alten Berosus.

Zwei Bruchstücke aus dem Werk des Belpriesters, die der heutigen Wissenschaft völlig wider den Strich gehen, sind für uns besonders interessant, weshalb sie möglichst wortgetreu nach der Verdeutschung von Alfred Jeremias und Hugo Greßmann mitgeteilt seien:

» In Babylon hätten sich eine große Masse stammverschiedener Menschen, welche Chaldäa bevölkerten, zusammengefunden, die ordnungslos wie die Tiere lebten. Im ersten Jahre (nämlich des Urkönigs Aloros, 468.000 Jahre vor Alexander dem Großen) sei aus dem Erythräischen Meer, wo es an Babylonien grenzt, ein vernunftbegabtes Lebewesen (Schnabel übersetzt: furchtbares Untier) mit Namen Danes erschienen. Es hatte einen vollständigen Fischkörper. Unter dem Fischkopf aber war ein anderer, menschlicher Kopf hervorgewachsen, sodann Menschenfüße, die aus seinem Schwanze hervorgewachsen waren, und eine menschliche Stimme. Sein Bild wird bis jetzt aufbewahrt. (Siehe Abbildung rechte Seite.) Dieses Wesen, so sagt er (Berosus), verkehrte den Tag über mit den Menschen, ohne Speise zu sich zu nehmen, und überlieferte ihnen die Kenntnis der Schriftzeichen und

Wissenschaften und mannigfache Künste, lehrte sie, wie man Städte baut und Tempel errichtet, wie man Gesetze einführt und das Land vermißt, zeigte ihnen das Säen und Einernten der Früchte, überhaupt alles, was zur Befriedigung der täglichen Lebensbedürfnisse gehört. Seit jener Zeit habe man nichts anderes, darüber Hinausgehendes erfunden. Mit Sonnenuntergang sei dieses Lebewesen Danes wieder in das Meer hinabgetaucht und habe die Nächte in der See verbracht, denn es sei ein Amphibium gewesen. Später seien auch noch andere, dem ähnliche Wesen erschienen, über die er (Berosus) in der Geschichte der Könige berichten will. Danes aber habe über die Entstehung und Staatenbildung ein Buch (Logoi) geschrieben, das er den Menschen übergab

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Danes

Das andere Bruchstück lautet:

»(Berosus) sagt, es habe eine Zeit gegeben, wo das All Finsternis und Wasser war, und darin wären merkwürdige und sonderbargestaltete Lebewesen entstanden: nämlich zweiflügelige Menschen seien entstanden, einige auch mit vier Flügeln und zwei Gesichtern, solche, die nur einen Körper, aber zwei Köpfe hatten, einen Männer- und einen Frauenkopf mit zweifachen Geschlechtsteilen, männlichen und weiblichen (Hermaphroditen, wie es scheint); ferner Menschen mit Ziegenschenkeln und Hörnern, solche mit Pferdefüßen, solche, die hinten Pferd, vorn Mensch waren, wie Hippozentauren gestaltet. Es seien auch Stiere mit Menschenköpfen und Hunde mit vier Leibern, die hinten Fischschwänze hatten, entstanden; ferner Pferde mit Hundeköpfen sowie Menschen und andere Lebewesen mit Pferdeköpfen und Pferdeleibern einerseits und Fischschwänzen andererseits und andere Lebewesen in mannigfachen Tiergestalten. Dazu Fische, Kriechtiere, Schlangen und weitere wunderbare Lebewesen mit untereinander vertauschten Gestalten, von denen Abbildungen im Heiligtum des Bel geweiht seien

Wir wissen u. a. aus einer Inschrift, daß König Agum II. (um 1650 v. Chr.) solche »Chaosungeheuer«, wie sie die Wissenschaft nennt, im Tempel des Bel-Marduk in Babylon aufstellte.

Was fängt die Wissenschaft nun mit solchen Bruchstücken aus Berosus an, wenn sie dieselben nicht ignoriert? Aus dem »vernunftbegabten Lebewesen« Danes, aus dem Amphibium des griechischen Textes wird einfach ein »Offenbarungsbuch«. Unseren Gelehrten ist es augenscheinlich so selbstverständlich geworden, daß alle Weisheit aus Büchern stammt, daß sie sich eine anders gewonnene Art des Wissens, eventuell durch das schauende Bewußtsein natursichtiger Zeiten, überhaupt nicht denken können. Und die Abbildung des sogenannten Danes? Da sie sich auf vielen babylonischen Siegelzylindern und auch sonst findet, wo man annimmt, sie stelle Priester des Ea dar, so sagt man, dieser Danes sei eben der Wassergott Ea, der bei den Babyloniern zugleich der Gott alles Wissens war und der einzige unter den großen Göttern der Babylonier, der den Menschen wohlgesinnt war. Ea als Wassergott hat hier eben wie seine Priester ebenfalls in feierlichen Augenblicken ein Fischgewand angelegt, wie der Pfarrer einen Talar anzieht, wenn er auf die Kanzel steigt.

Und wenn das Amphibium Danes ein »Offenbarungsbuch« ist, was sind dann die anderen, ihm ähnlichen Wesen, von denen Berosus spricht? Sehr einfach, es sind die »priesterlichen Kommentare des alten, heiligen Offenbarungsbuches«. Wie sollten auch amphibienartige Wesen Menschen lehren können. Man erlaubt höchstens, daß die Menschen vom Affen abstammen und von ihm allerlei gelernt haben.

Und die geflügelten Menschen, Menschen mit Ziegenbeinen und Hörnern, Zentauren und dergleichen? Sehr einfach. Die Wissenschaft stellt überlegen fest: »Die absolut sterile Phantasie dieser Legende erinnert an ähnliche Ausgeburten brahmanischer Priestergehirne« (Selzer), wobei es der Wissenschaft vorbehalten bleiben muß, zu erklären, wie eine sterile Phantasie, die also überhaupt nichts gebären kann, denn sonst wäre sie nicht steril, gleichzeitig doch solche »Fabelwesen« und »Mißgeburten« zu gebären vermag.

Erinnern wir uns dagegen der Dacquéschen Typentheorie und der Lehre vom Zeitcharakter, so werden wir in dem vernunftbegabten Lebewesen, dem Amphibium Danes des Berosus gewiß kein Buch sehen, sondern eher schon einen Menschen nach dem Zeitcharakter des Altmesozoikums (siehe Zeittafel Seite 18) mit verschwindendem Stirnauge und zunehmender Großhirnentfaltung, ohne daß seine Natursichtigkeit schon erloschen wäre. Es handelte sich dann nicht um ein Märchen, sondern um eine für Griechen bestimmte Niederschrift treu überlieferten Wissens aus uralten Keilschriften, das einem in Babylon geborenen Priester des Bel-Marduk kraft seines »Geheimwissens« zur Verfügung stand und vom Vater auf den Sohn vererbt wurde, letzte Niederschläge ältester Menschheitserinnerungen, deren treueste Hüter die Priesterschaft des Orients war. So berühren sich hier plötzlich neueste Biologie mit ältester Priesterweisheit, ein Phänomen, das sich im Ablauf dieses Buches noch öfter wiederholen wird.

Der neuen Hypothese, der Klaatsch und Dacqué den Weg bereitet haben, scheint sich nämlich jetzt auch der Kustos des Pathologischen Museums in Berlin, Professor Westenhöfer, zu nähern, wenn über seinen sensationellen Vortrag auf dem vorjährigen Anthropologenkongreß in Salzburg (Herbst 1926) zutreffend berichtet worden ist. Er führte da aus, daß die Lagerung der Nieren und die Einkerbungen der Milz beim Menschen sich sonst fast nur bei Wassersäugetieren finden. Er folgert daraus, daß man für den Typus Mensch einst ein zeitweiliges Wasserleben annehmen müsse. Er folgerte weiter, daß der Menschentypus um deswillen älter sein müsse als der Affe, bei dem sich keine dieser Besonderheiten der Wassersäugetiere findet. Ferner kam Westenhöfer bei den Versuchen, das dem Menschen eigentümliche Kinn entwicklungsgeschichtlich zu erklären, zu der Hypothese, das menschliche Kinn habe sich in der Entwicklungsreihe der Wirbeltiere an einer gewissen Entwicklungsstelle im Anschluß an gewisse Merkmale bei Reptilen lokalisiert. Wir würden nach Dacqué sagen, das Kinn gehörte nach Westenhöfer noch zum Zeitcharakter der Hauptzeit der Reptilien (siehe Zeittafel Seite 18), an deren Beginn die Großhirnentfaltung einsetzt, also in das Mesozoikum. Die anatomische Entwicklung des Gebisses, die bei fast allen Säugetieren zur Schnauze führte, der die Hauptblutzufuhr galt, gelte (nach Westenhöfer) nicht für den Menschen von dem Augenblick an, wo seine Hauptblutzufuhr der Entwicklung des Großhirns gilt. Das menschliche Gebiß blieb also zugunsten der Großhirnentfaltung hinter der Gebißentwicklung der übrigen Säugetiere zur Schnauze zurück, wofür das Kinn der Beweis wäre. Rein anatomisch gesehen, stellt der Mensch hier also längst nicht den »Fortschritt« dar, sondern ein Zurückbleiben hinter der Säugetierentwicklung. Erst vom Blickpunkt des Gehirnmenschen aus kann man gerade in diesem Zurückbleiben einen »Fortschritt« erkennen. Es ließe sich sehr gut denken, daß ein Menschenaffe beim Anblick eines Menschen mit ausgebildetem Kinn seinen Jungen die Geschichte von einem häßlichen, rückständigen, reaktionären Säugetier erzählte, sodaß alles, was Affe heißt, geringschätzig auf das scheußliche Kinnwesen, das ohne fortschrittliches Gebiß herumlaufen muß, herabblickt. Schon die Anatomie zeigt also, wie vorsichtig man mit dem Worte »Fortschritt« umgehen sollte, und daß nicht einmal anatomisch alles, was stehenbleibt, geringzuschätzen ist. Wie mit dem Menschenkinn hat sich Westenhöfer in jenem Vortrag auch mit dem Menschenfuß befaßt, besonders mit dem ihm eigentümlichen Sprunggelenk, bei dem die Fußwurzelknochen noch beweglich sind, weil die Muskeln und Bänder nachgeben. An Amphibien- und Reptilskeletten zeigt er die Entstehung der Ferse und des Fußgewölbes, als Amphibien und Reptile auf dem Lande zu leben begannen, und wie dies Landleben auf die hinteren Extremitäten einwirken mußte. Bei einem Lurchreptil findet sich (nach Westenhöfer) zuerst ein Sprunggelenk, die Voraussetzung des Stand- und Gehfußes, das heißt, des Menschenfußes. Da aber diese ersten Landsäugetiere viel älter sind als alle Greiffüßler, so hat der Mensch, wie Kinn, Stand- und Gehfuß zeigen, die weitere Säugetierentwicklung nicht mitgemacht, sondern ist auch in diesem Fall anatomisch bei einem früheren Typus stehengeblieben. Sogar die Schlange könnte hiernach, wenn sie fortschrittlich gesinnt wäre, ein wenig geringschätzig auf den Menschen herabblicken, denn sie hat sich die Extremitäten, die sie einst besaß, wie anatomisch längst feststeht, nach und nach überhaupt wegentwickelt zugunsten ihrer jetzt üblichen Fortbewegungsart. Die alten Sagen besaßen zwar schwerlich unsere anatomischen und entwicklungsgeschichtlichen Kenntnisse, sie wußten aber ganz gut (aus anderen Wissensquellen), besser als die meisten heute lebenden Menschen trotz aller Bildung, sogar über die Anatomie der Schlangen Bescheid, die nach alten Mythen ursprünglich auf vier Beinen gingen und (nicht nur nach dem Alten Testament) zum Auf-dem-Bauche-kriechen erst spät verurteilt wurden. Die Schlange, die auf dem Bauche kriecht, tritt tatsächlich als eine der letzten Reptiltypen in Erscheinung. Freilich hat die Schlange ihre Hauptblutzufuhr nicht für die Gehirnentfaltung, sondern für sie wichtigere Organe verbraucht, sodaß sie nicht in der Lage ist, sich über irgendwelchen Fortschritt oder Rückschritt Gedanken zu machen. Das ist und bleibt nun einmal Vorzug und Nachteil des eigentlichen Gehirntieres unter den Säugetieren, des Menschen.

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Übrigens wird das, was Berosus von Danes berichtet, im Avesta ganz ähnlich dem Urmenschen Yma zugeschrieben, bei den Ägyptern dem Anubis, beziehungsweise Thot, bei den Phöniziern Taut und in der hellenistischen Zeit Hermes. Ein chinesischer Mythos berichtet, daß zur Zeit des Kaiser Fuk-Hi aus den Wassern des Flusses Meng-ho ein Ungeheuer mit Pferdekörper und Drachenkopf erschien, dessen Rücken eine mit Schriftzeichen versehene Tafel trug, aufgrund deren die Schrift erfunden wurde. Danes hat dann in der späthellenistischen Theologie noch eine wichtige Rolle gespielt bei der Lehre vom Gott Anthropos (Mensch), und im 4. Esrabuch ist vom »Menschen« die Rede, der vom Herzen des Meeres aufsteigt.

. Und nun betrachte der Leser einige babylonische »Fabelwesen« und »Chaosungeheuer«, wie sie aus einer großen Auswahl willkürlich herausgegriffen werden, einmal ganz unbefangen und ohne Vorurteile. Um eine gewisse Unbefangenheit des Auges zu erzielen, vergleiche er zunächst einmal einen rekonstruierten Riesensaurier vom Ende der Kreidezeit (nach Dacqué) mit einem jetzigen Rhinozeros (nach Brehm). Darauf den Schädel eines Schrecksauriers vom Ende der Kreidezeit mit vogelähnlichem Hornschnabel und kasuarartigem Hirnhelm, eine Art Ente, deren Skelett zehn Meter mißt (der Fund stammt aus Kanada): mit dem Drachen auf dem hier abgebildeten altbabylonischen Zylinder, der zum Siegeln benutzt wurde:

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Es folgt ein Bild von einem altbabylonischen Götterschrein oder einem Grenzstein (darüber sind sich die Gelehrten nicht einig) des Gottes Ea, von dem schon die Rede war. Sein heiliges Tier war der Steinbock. Wir sehen also auf einer Stange einen Widderkopf und ihm zu Füßen den » Ziegenfisch«, dem wir immer wieder auf babylonischen Bildern begegnen, ein Mischwesen, wie es Berosus beschrieben hat, dessen Ziegenkörper in einen Fischschwanz ausläuft.

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Es folgt ein » Hippozentaur« (siehe Berosus) als Schütze:

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Ein Schlangengreif aus reliefierten Emailziegeln.

Das heilige Tier Marduks, Körper und Schwanz mit Schuppen bekleidet, die Vorderfüße katzenartig, die Hinterfüße raubvogelartig:

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Die Abbildung auf Seite 41 zeigt einen » geflügelten Stierkoloß mit Menschenkopf«. Er ist aus Kalkstein, hat eine Höhe von über vier Metern und wurde in Khorsabar gefunden. Ähnliche Figuren hat man auch an Palasteingängen in Nimrud gefunden. Die Wissenschaft betrachtet sie als Schutzdämonen. Sie erklärt sich diese Mischgestalten aber nicht als irgendwie biologisch bedingt, sondern etwa so (nach Jastrow) »Eine solche Darstellung darf wohl in Zusammenhang gebracht werden mit der phantastischen Vorstellung einer Urzeit, in der angeblich solche Mischgestalten, wie sie Berosus beschreibt, vorkamen. Eine derartige Vorstellung, die offenbar auf Mißbildungen bei Menschen- und Tiergeburten (!) zurückgeht, bei denen man mit Hilfe einer naiven Phantasie allerlei Vergleiche mit tierischen und mit Menschenzügen anstellte ...«

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Stierkoloß mit Menschenkopf

Einem unbefangenen und unverbildeten Auge müßte, wie mir scheint, an all diesen Gebilden vor allem auffallen, wie natürlich, wie wenig konstruiert sie trotz ihrer Stilisierung aussehen. Das wird noch deutlicher, wenn man zum Vergleich etwa das auf der nächsten Seite abgebildete Relief aus späterer Zeit heranzieht, das in Persepolis gefunden wurde. Die Anlehnung an babylonisch-assyrische Vorbilder ist auch für den Laien ohne weiteres sichtbar.

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An dieser Figur ist alles konstruiert und stilisiert. Nicht für einen Augenblick kann man sich dieses Wesen »lebendig« vorstellen. Es geht nicht mehr von einer Anschauung aus, wie sie altbabylonischen Künstlern trotz aller Stilisierung noch möglich war, sei es durch Überlieferung bestimmter Formen, sei es durch geniale Innenschau, sondern es ist wirklichkeitsfremde Imitation einer herrschenden Mode zuliebe. Auch in der Geschichte der modernen Kunst stoßen wir häufiger auf allerhand Fabelwesen, mit denen es nicht anders bestellt ist als mit dem Wesen auf dem Relief von Persepolis. Da erscheint dann ganz unerwartet und ganz außerhalb jeder »Zeittradition« ein Künstler wie Arnold Böcklin. Seine »Fabelwesen« haben mit denen uralter Zeit das gemein, daß sie nicht konstruiert, sondern geschaut sind, daß sie leben, trotzdem das moderne Europa sonst keine Natursichtigkeit mehr kennt. Wir sprechen dann von einem Genie, wenn wir nicht wie die meisten Zeitgenossen nur lachen und die Achsel zucken, »weil es so etwas nicht gibt«.

Jetzt ist dieser oder jener Leser hoffentlich ein wenig mißtrauisch geworden gegen die landläufige Betrachtung und Wertung von Erzählungen, Überlieferungen und Bildern aus der Antike, denen möglichst gar kein Wirklichkeitswert zugesprochen wird, und die gemeinhin nur als wirklichkeitsfremde Gedanken- und Kunstspielereien rückständiger und abergläubischer Zeiten behandelt werden. Ein drastischeres Beispiel für die Unzulänglichkeit solcher, rein rationalistischer Betrachtungen als dies Beispiel von Berosus, seinem Danes und den »Chaosungeheuern« läßt sich nicht finden. Deshalb wurde es etwas ausführlicher behandelt. Wir müssen uns geistig ein wenig umstellen und dürfen die rationalistische Tradition des 19. Jahrhunderts nicht als der Weisheit letzten Schluß betrachten, sondern nur als eine zeitbedingte Hypothese, die sich als immer unzulänglicher erweist, wollen wir uns mit dem, was älteste Kulturen überliefert haben, wozu vor allem die Magie gehört, überhaupt ernsthaft beschäftigen. Und das ist die Absicht dieses Buches. Das Vertrauen zu dieser Absicht soll zunächst noch durch ein zweites Beispiel gestützt werden.

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