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Magie und Zauberei in der alten Welt

Kurt Aram: Magie und Zauberei in der alten Welt - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorKurt Aram
titleMagie und Zauberei in der alten Welt
publisherParkland
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140605
projectid2b87fde0
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Die vier Weltbilder

»Die Betörung hat den Grad erreichen können, daß man ganz ernstlich vermeint, der Schlüssel zu dem Mysterium des Wesens und Daseyns dieser bewundernswerthen und geheimnisvollen Welt sei in den armseligen chemischen Verwandtschaften gefunden! – Wahrlich, der Wahn der Alchymisten, welche den Stein der Weisen suchten und bloß hofften, Gold zu machen, war Kleinigkeit, verglichen mit dem Wahn unserer physiologischen Chemiker ...

Solchen Herren vom Tiegel und der Retorte muß beigebracht werden, daß bloße Chemie wohl zum Apotheker, aber nicht zum Philosophen befähigt, wie nicht wenigen gewissen anderen, ihrem Geist verwandten Naturforschern, daß man ein vollkommener Zoolog seyn und alle sechzig Affenspezies an einer Schnur haben kann, und doch, wenn man außerdem nichts, als etwan nur noch seinen Katechismus gelernt hat, im Ganzen genommen, ein unwissender, dem Volke beizuzählender Mensch ist. Da werfen sich Leute zu Welterleuchtern auf, die ihre Chemie, oder Physik, oder Mineralogie, oder Zoologie, oder Physiologie, sonst aber auf der Welt nichts gelernt haben, bringen an diese ihre einzige anderweitige Kenntnis, nämlich was ihnen von den Lehren des Katechismus noch aus den Schuljahren anklebt, und wenn ihnen nun diese beiden Stücke nicht recht zu einander passen, werden sie sofort Religionsspötter und demnächst abgeschmackte, seichte Materialisten. Entweder Katechismus oder Materialismus ist ihre Losung.«

Arthur Schopenhauer:
Über den Willen in der Natur
.

Solange es auch schon eine Menschheit gibt auf Erden, sie hat noch nie mehr als vier Weltbilder hervorgebracht: das magische, das mystische, das mechanische und als viertes eine Synthese (Zusammenschau) der drei genannten.

Das magische Weltbild findet sich bei allen »Natursichtigen«, das mystische bei allen Religiösen und das mechanische bei allen Rationalisten. Bei den »Natursichtigen« herrscht die Beschwörung, bei den Religiösen die Versenkung (Meditation), bei den Rationalisten die Beobachtung. Der »Natursichtige« findet Namen und Formeln, der Religiöse Bilder und Gleichnisse, der Rationalist Begriffe. Der erste glaubt an Geister, der zweite an Gott, der dritte an das Gehirn.

Die »Natursichtigen« scheuen das Jenseits, die Religiösen erstreben es, die Rationalisten disputieren es aus der Welt. Den ersten ist der Tod ein schwieriger Durchgang, den zweiten ein erwünschter Übergang, den dritten der Untergang. Die ersten halten sich für Leben und Sterben an Priester, die zweiten an Propheten, die dritten an Professoren.

Magier und Mystiker forschen nach Grund und Zweck (Finalität), Rationalisten nach Ursache und Wirkung (Kausalität). Das magische Weltbild belebt den ganzen Kosmos, das mystische beseelt, das mechanische konstruiert ihn. Der Magier beruft sich auf Geister, der Mystiker auf Geschichte, der Rationalist auf Experimente. Der erste sieht überall Leben, der zweite Seele, der dritte Stoff.

Alle drei besitzen einen geographisch-geschichtlichen Ort, wo sie ihre edelsten und ihre tauben Blüten treiben. Für die Magie war es Babylonien und Ägypten, für die Mystik das mittelalterliche und für die Mechanik das moderne Europa. Das vierte Weltbild aber, das der Dreiheit von Magie, Mystik und Mechanik zu einer Einheit hilft und so Mensch und Welt (Kosmos) in Harmonie bringt, besitzt auf keinem der uns bekannten Erdteile einen geographisch-geschichtlich bestimmbaren Ort für seine höchsten Blüten. Es ist das Weltbild der »Vernunft«, die stets nur bei wenigen Weisen aller Zeiten und Kontinente zu finden war. Dieser Weise lebt nicht nur in Begriffen, sondern auch in Formeln und Bildern. Er lehnt Magie und Mystik nicht ab, weil beide nicht im Gehirn zu Hause sind, wie der Rationalist es tut. Er mengt aber auch nicht Magie, Mystik und Mechanik wild durcheinander, sondern gibt in seinem Weltbild jedem den Platz, der ihm zukommt. Er sucht nicht Grund und Zweck (Finalität), wo nur Ursache und Wirkung (Kausalität) zu finden sind. Er leugnet aber auch nicht die Finalität, weil der Verstand nur Kausalität erkennt. Das Gehirn ist nicht der Mensch und die Maschine ist das bedürftigste aller Bilder, welches der Mensch je auf den Kosmos angewandt hat. Es kann auf die Dauer nicht einmal den Materialisten von heute befriedigen, der nur noch ein Drittelmensch ist, aber kein Vollmensch mehr.

Erst seit dem Weltkrieg und dem Zusammenbruch Europas wird das weiteren Kreisen wieder einmal bewußt. Der mechanisierende Verstand hat Europa so unendlich viel erarbeitet, daß dem Europäer der vergangenen Jahrhunderte für seine übrigen zwei Drittel zum Vollmenschen fast gar nichts mehr zu tun übrigblieb. Erst seit dem europäischen Zusammenbruch genügt Tausenden das mechanische Weltbild nicht mehr. Das Sterben nahm plötzlich einen so gewaltigen Raum ein, daß es alle rationalistische Genügsamkeit wie eine Sprengbombe in Fetzen riß. Der Mensch von heute erkennt plötzlich, wie er als Rationalist zu zwei Dritteln leer geworden ist.

So können wir in der Gegenwart beobachten, daß der Bogen, lange Zeit nach einer Seite maßlos überspannt, jetzt nach der entgegengesetzten Richtung gebogen wird, um überhaupt wieder brauchbar zu werden, ein Ziel, das über dem Alltag hinausliegt, zu treffen. Der Rationalismus schlägt in Okkultismus (Spiritismus) um. Man versucht, das mechanische Weltbild von heute zu dem magischen von einst umzubiegen, denn die okkulten Phänomene der Gegenwart gehören, wenn auch in stark abgeschwächter Form, durchaus dem Erlebniskreis an, den die alte Welt Magie nannte; und ein neues Medium beschäftigt die europäische Öffentlichkeit ja schon fast so sehr wie eine neue Maschine.

Der unentwegte Rationalist, der Materialist also, wehrt sich ein wenig krampfhaft gegen alle »Magie«, die er nur noch bei den sogenannten Naturvölkern zu finden glaubt, welche er die »Primitiven« nennt, eine Bezeichnung, die eine Geringschätzung enthält. Er hat nämlich keine Zeit, sich darum zu kümmern, daß nach den Ausgrabungen des letzten Jahrhunderts und nach dem heutigen Stand der Erdkunde und Vorweltkunde sowie der vergleichenden Völkerkunde und Religionswissenschaft seine »Naturvölker«, die er Rousseau entlehnt hat, meist gar keine Naturvölker sind, sondern vielfach nur noch verkümmerte Reste einstiger Kulturvölker. Die heutigen Indianer sind ebensowenig Naturmenschen wie die Fellachen Ägyptens. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, wird es mit der oberflächlichen Ansicht über den heutigen »Schwarzen« ähnlich gehen, je mehr wir durch wissenschaftliche Expeditionen aller Art über seine Vergangenheit erfahren.

Das, worüber der heutige Rationalist beim heutigen Schwarzen, Roten, Gelben als über Magie die Nase rümpft, ist meist nur noch Zauberei, eine Entartung der Magie, die uns noch beschäftigen wird. Wäre hingegen Magie nur das Kennzeichen der »Primitiven«, dann müßte man die Ägypter der Pharaonenzeit unter den uns geschichtlich noch einigermaßen zugänglichen Völkern das primitivste Volk nennen, das wir überhaupt kennen, denn sie waren viel »magischer« als heutige Neger, Kulis und Indianer. Dem widerspricht aber schon die hohe Kultur der Pharaonenzeit, die nur verkennen kann, wer Technik und Kultur verwechselt, oder seelisch schon so verarmt ist, daß ihm Zivilisation als Kultur gilt. Magie und Kultur schließen sich sowenig aus wie Zivilisation und Rationalismus.

Das magische Weltbild gehört also durchaus nicht »primitiven« Völkern zu, was die meisten immer noch Naturvölker zu nennen belieben, sondern es gehört zu allen Natur- und Kulturvölkern, die noch irgendwie »natursichtig« sind. Das aber waren die großen Kulturvölker des Altertums noch in ihren Anfängen, wenn auch schon längst nicht mehr in der ganzen Fülle, die das Wort umschreibt.

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