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Magie und Zauberei in der alten Welt

Kurt Aram: Magie und Zauberei in der alten Welt - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
authorKurt Aram
titleMagie und Zauberei in der alten Welt
publisherParkland
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Osiris und Isis

Keb und Nut hatten zwei Söhne miteinander, Osiris und Seth, und zwei Töchter, Isis und Nephthys. Isis ward das Weib des Osiris, Nephthys das Weib des Seth. Keb übergab Osiris das Königtum von Ober- und Unterägypten. »Er gab dieses Land in seine Hand. Sein Wasser, seine Luft, seine Kräuter, all seine Herden, alles, was fliegt, und alles, was schwebt, seine Würmer und sein Wild wurden dem Sohne der Nut gegeben, und die beiden Länder waren zufrieden damit. Er befestigte die Wahrheit in Ägypten, war ruhmreich, wenn er den Feind fällte, und kräftig, wenn er seinen Gegner tötete, die Furcht vor ihm war seinen Feinden eingeflößt, und er erweiterte die Grenzen.« Er herrschte aber nicht nur über die Menschen, sondern auch über die Götter. »Die große Neunheit der Götter lobte ihn, und die kleine liebte ihn.« Seth aber war seinem Bruder feindlich gesinnt und trachtete ihm nach dem Leben. Lange Zeit vermochte Seth nichts gegen seinen Bruder, denn Isis »war sein Schutz und wehrte die Feinde ab. Sie war klug mit trefflicher Zunge, ihr Wort fehlte nicht, und sie war vorzüglich in Befehlen.« Sogar dem alten Re, ihrem Urgroßvater, war sie überlegen. »Sie war die klügste aller Weiber, klüger als Menschen, Götter und Verklärte. Es gab nichts im Himmel und auf Erden, was sie nicht gewußt hätte.« Nur den geheimen Namen des Re wußte sie nicht. Aber auch ihn brachte sie durch List in Erfahrung.

Re war nämlich alt geworden, »sein Mund zitterte, und er warf seinen Speichel auf die Erde. Isis knetete ihn zusammen mit der Erde, die an ihm war. Sie formte es zu einem herrlichen Wurm. Sie ließ ihn nicht frei vor sich herlaufen, sondern legte ihn versteckt auf den Weg, den der große Gott zu spazieren pflegte, wenn sein Herz ihn zu seinen beiden Ländern hinzog«. Als sich nun der ehrwürdige Gott erging, stach ihn der Wurm. »Die Stimme Seiner Majestät drang bis zum Himmel. Seine Götter fragten: ›Was gibt es?‹ Aber er konnte nicht antworten. Seine Lippen bebten, und all seine Glieder zitterten, und das Gift ergriff seinen Leib, wie der Nil das Land ergreift.« Als er sich etwas beruhigt hatte, rief er sein Gefolge: »Kommt, die ihr aus meinem Leibe entstanden seid ... Etwas Krankhaftes hat mich verletzt. Ich fühle es, aber meine Augen sehen es nicht. Ich habe nie ein Leid gekostet gleich diesem. Ich bin der Große, der Sohn eines Großen. Mein Vater und meine Mutter haben mir meinen Namen gesagt. Er ist in meinem Leibe verborgen seit meiner Geburt, damit nicht Zauberkraft gegeben werde einem, der gegen mich zaubern will. Als ich ausging, verletzte mich etwas, das ich nicht weiß. Es ist nicht Feuer und ist nicht Wasser, aber mein Herz ist in Glut, mein Leib zittert, und alle meine Glieder frieren.« Mit den anderen Gotteskindern kam auch Isis, »deren Mund voll Lebensatem ist, deren Spruch die Krankheit vertreibt, und deren Rat den Lustlosen belebt.« »Was gibt es, was gibt es, göttlicher Vater? Siehe, hat dich ein Wurm verletzt, hat eines deiner Kinder sein Haupt gegen dich erhoben, so werde ich es durch einen trefflichen Zauber fällen.« Als Re erzählt hatte, was geschehen war, sprach Isis: »Sage mir deinen Namen, mein göttlicher Vater. Der Mann, dessen Namen genannt wird, bleibt leben.« Der greise Gott antwortete: »Ich bin der, der Himmel und Erde gemacht hat, die Berge knetete und schuf, was darauf ist. Ich bin der, der das Wasser machte und die Himmelsflut schuf ... Ich bin der, der das Jahr eröffnet und den Strom schuf. Ich bin Chepre am Morgen und Atum, der am Abend ist.« Aber das Gift wich nicht, und Isis sagte: »Dein Name ist nicht bei dem, das du mir gesagt hast. Sage es mir, so geht das Gift heraus, der Mann, dessen Name genannt wird, bleibt leben.« Weil das Gift wie Feuer brannte, konnte Re nicht länger widerstehen. Die Majestät des Re sagte: »Ich will mich durch Isis überreden lassen, mein Name soll aus meinem Leib in ihren Leib übergehen.« So erfuhr Isis den großen Namen des Re, den sie nun ihrem Sohn Horus mitteilte, und das Gift starb.

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So klug und zauberkundig war Isis und schützte Osiris, wie es auch bildlich oft dargestellt wird (siehe obenstehendes Bild).

Seth versuchte es mit List, und es gelang ihm, Osiris zu töten und seine Leiche in einem verschlossenen Kasten ins Meer zu werfen. Isis aber wußte nicht, wo sich die Leiche ihres Gatten und Bruders befand. Sie suchte ihn, ohne zu ermüden, kummervoll durchzog sie das Land und ruhte nicht aus, ehe sie ihn gefunden hatte. Dann ließ sie sich mit ihrer Schwester Nephthys bei der Leiche nieder und klagte:

» Komm zu deinem Hause, komm zu deinem Hause, o Gott On! Komm zu deinem Hause, der du keinen Feind hast. O schöner Jüngling, komm zu deinem Hause, daß du mich siehst. Ich bin deine Schwester, die du liebst, du sollst nicht von mir weichen. O schöner Knabe, komm zu deinem Hause. Ich sehe dich nicht, und doch bangt mein Herz nach dir, und meine Augen begehren dich. Komm zu der, die dich liebt, die dich liebt, Wennofre, du seliger! Komm zu deiner Schwester, komm zu deinem Weibe, zu deinem Weibe, du, dessen Herz stillesteht. Komm zu deiner Hausfrau. Ich bin deine Schwester von der gleichen Mutter, du sollst nicht ferne von mir sein. Die Götter und die Menschen haben ihr Gesicht zu dir gewandt und beweinen dich zusammen. Ich rufe nach dir und weine, daß man es bis zum Himmel hört. Aber du hörst meine Stimme nicht, und ich bin doch deine Schwester, die du auf Erden liebtest. Du liebtest keine außer mir, mein Bruder, mein Bruder!«

(Erman).

Der höchste der Götter aber hatte Mitleid mit ihr. Re sandte seinen Sohn Anubis vom Himmel, daß er Osiris bestatte. Anubis fügte die Leiche in ihren Knochen wieder zusammen und mumifizierte sie. » Isis aber ließ Luft entstehen mit ihren Flügeln.« Da lebte Osiris wieder auf, reckte den Arm, legte sich auf die Seite und erhob das Haupt. Und wenn er auch nicht mehr auf Erden König sein konnte, so war er fortan doch der König aller Toten.

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Aber auch auf Erden sollte er noch siegen durch seinen Sohn Horus und auch Isis durch ihn getröstet werden. Als sie sich nämlich in Gestalt eines Falken auf den Leichnam ihres Gatten niedergelassen hatte, wurde sie schwanger. Sie floh vor den Nachstellungen Seths in die Sümpfe des Delta, gebar dort den Horus und »säugte das Kind in der Einsamkeit, man weiß nicht wo«. Dies Bild, wie Isis den kleinen Horus auf dem Schoß hält, wurde zu einem ägyptischen Lieblingsbild in immer neuen Variationen, das Vorbild jeder Gottesmutter, wohl auch der späteren »Madonna mit dem Kind«. Hier zwei Beispiele.

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Im Verborgenen wuchs Horus heran, bewacht und betreut von Isis, beschützt auch von Buto, der Schutzgöttin des Delta. Als er mancherlei Gefahren glücklich entgangen und sein Arm stark war, kämpfte er gegen Seth. Ein furchtbarer Kampf, bei dem Seth verstümmelt wurde und Horus sein Auge verlor. Aber Thoth, von Re entsandt, brachte die Streitenden wieder auseinander und heilte sie. Er spie auf das Auge des Horus, und es wurde wieder gesund. Horus aber gab sein Auge seinem Vater Osiris zu essen, durch welches Opfer kindlicher Liebe Osiris neu belebt, beseelt und mächtig wurde.

Als Isis den siegreichen Horus in die Halle des Keb führte, begrüßten ihn die hier versammelten Götter: »Sei willkommen, Osirissohn, Horus! Mutiger Gerechtfertigter, Sohn der Isis und Erbe des Osiris!«

Aber Seth verklagte ihn um das Erbrecht. Da hielten die Götter in der Halle des Keb Gericht ab, sie prüften die Anklage »und wandten dem Unrecht den Rücken zu«. Thoth, der Gott der Weisheit, nahm sich seiner besonders an. »Man fand, daß das Wort des Horus wahr sei, man gab ihm die Würde seines Vaters, und er ging hervor gekrönt nach dem Befehl des Keb. Er ergriff die Herrschaft beider Länder, und die Krone blieb auf seinem Haupt.« Seth wurde für besiegt erklärt, und Osiris konnte den Fuß auf ihn setzen. Seitdem herrscht Osiris über die Verstorbenen als »Erster derer im Westen«; als »Erster der Lebenden« aber herrscht Horus auf Erden, dessen Thron die Pharaonen als seine Nachfolger einnehmen. Ein Bild von Horus als König auf Seite 225 oben.

Horus hatte vier Söhne. Als Anubis sie suchte, weil er sie zum Schutz der Beerdigung des Osiris brauchte, konnte er sie nicht finden, denn sie befanden sich in einem Gewässer, wo Isis sie in einer Blume wachsen ließ. Da ließ man Sobk (Suchos), den Herrn des Sumpfes, kommen, sie zu fischen. Als er sie unter seinen Fingern im Wasser zappeln fühlte, zog er sie mit seinem Netz heraus.

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Dieser Mythos, der auch das Abendland bis in die neueste Zeit immer wieder beschäftigt hat (Mozart, Freimaurerlogen) findet sich nirgends bei den alten Ägyptern so zusammenhängend wiedergegeben, wie er hier nach Erman erzählt wird, sondern immer nur stückweise in Grabkammern oder Totenbüchern und Zaubersprüchen, nach den besonderen Bedürfnissen, die gerade vorlagen. Auch dies wieder ein bezeichnendes Beispiel für das geringe Interesse der Ägypter an logischer Darstellung selbst in den für sie wichtigsten Begebenheiten ihrer magischen Mythologie. Die erste logisch zusammenhängende Darstellung des Mythos von Osiris und Isis hat nicht ein Ägypter, sondern ein Grieche gegeben: Plutarch; und entsprechend der Wandlung des ägyptischen Kultes zu dem »alexandrinischen« durch Wirksamkeit der Ptolemäer, ist dabei Isis in den Vordergrund und Osiris in den Hintergrund getreten. Im alten Ägypten stand aber durchaus Osiris im Mittelpunkt des Interesses, denn sein Tod und sein Erwachen zu neuem Leben bot die »Entsprechung« für jeden Ägypter, der, als Toter durch Magie zum Osiris gemacht, nun auch wie Osiris auferstand zu neuem Leben. Bot in den ältesten uns bis jetzt zugänglichen Zeiten der Pharao eine solche Entsprechung, so sicher vom Mittleren Reich an fast ausschließlich Osiris und sein Schicksal. Und da die magischen Kräfte der Wandlung im Ritus der Mumifizierung wirksam wurden, sehen wir den Leib Osiris mumifiziert dargestellt:

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In der Rechten hält er den Wedel, genau wie ein altägyptischer Fliegenwedel, was zu einem Totengott sehr gut passen will, viel besser als eine »Geißel«, wie viele Ägyptologen das Instrument benennen. In der Linken hält er den Herrscherstab, hinter ihm hängt an einem Pfeiler ein Fell, das uns noch beschäftigen wird. Alle Totenmagie kristallisiert sich um die Mumifizierung und die Rechtfertigung des Osiris in der »Halle des Keb«, die zur Halle der beiden Wahrheiten wird. Im »Totenbuch« wird jeder Tote als Osiris angeredet. Immer wieder heißt es in ihm in unzähligen Variationen bei der Einbalsamierung: »O Osiris N. N., empfange den Festgeruch (das Öl), der deine Glieder schön macht. Empfange diesen Wohlgeruch, damit du dich mit dem großen Sonnengott vereinigst. Er vereinigt sich mit dir, und stärkt deine Glieder, und du vereinigst dich mit Osiris in der großen Halle« usw. Ist der Tote so in Osiris verwandelt, so helfen ihm und befreien ihn auch Isis und Horus, wie sie es bei dem Osiris des Mythos ebenfalls getan haben. Das hindert die Texte des »Totenbuches« aber durchaus nicht, daneben aus anderen Mythen auch ganz andere Entsprechungen zu verwenden. Sie lassen den Toten etwa die Gestalt einer Lotusblüte annehmen, an der Re mit Wohlgefallen riecht. Oder die Gestalt einer Schlange, wie die Göttin Uto (Buto), oder direkt die Gestalt des Re oder des Horus. Alles neben- und durcheinander, ein ständiger Bilderwechsel, wie wir es nur noch im Schlaf bei Träumen kennen, aber nicht mehr im Wachen. Und je unmagischer und damit theologischer die ägyptischen Priester werden, um so mehr Vorgänge werden zwischen die Zeit der Mumifizierung und der Rechtfertigung in der Halle der beiden Wahrheiten ausgetüftelt und eingeschoben, in der statt Thoth auch Osiris richtet, die bald in der Unterwelt, bald im Himmel lokalisiert wird, den man sich jetzt ebenfalls genauer ausmalt als in alten Zeiten. Sogar der Weg dorthin wird genau abgebildet im sogenannten »Zweiwegebuch«. Auch erhält das »Totenbuch« noch einen Anhang in dem »Buch vom Atmen«, das die Ägyptologen noch wenig behandelt haben und das nur deshalb hier erwähnt wird, weil die Lehre vom Atmen für die Magie in der indischen Yogaliteratur eine so große Rolle spielt und in den Zeiten neuer Magie sicher ebenfalls eine wichtige Rolle spielen wird. Wissen wir doch z. B. erst seit der Herausgabe von Swedenborgs »Diarium Spirituale«, 1843-46, welch entscheidende, ihm gar nicht bewußte Bedeutung seine Atemübungen hatten für seine magischen Phänomene, welche bekanntlich Kant in jüngeren Jahren außerordentlich beschäftigt und ihm viel zu schaffen gemacht haben. Ist doch das Atmen die einzige unbewußte Körperfunktion, die auch ein heutiger Rationalist durch den Verstand bewußt wenigstens vorübergehend beeinflussen, ja trainieren kann.

Der Mythos von Osiris und Isis wurde aber in Ägypten unzweifelhaft deshalb so volkstümlich, weil er an den großen Festen des Osiris für alles Volk fast theatralisch anschaulich gemacht wurde. Auch hier geht es nicht logisch zu, auch hier vermischen sich mit den Osiris-Mythen Stücke aus anderen Mythen; aber das, worauf es ankam, tritt doch auch für uns noch deutlich zutage, wenn auch über die Reihenfolge, in denen sich die einzelnen Akte vollzogen, keine befriedigende Sicherheit besteht. Es handelt sich, um es modern und damit allgemeinverständlich auszudrücken, um ein Mysterienspiel, das erste Mysterienspiel, das wir kennen. Ähnliches finden wir später bei den Griechen in Eleusis und auch im europäischen Mittelalter. Die Literaturhistoriker sehen in diesen Mysterienspielen die Vorläufer des Dramas. In den Osirisspielen wurde das Sterben und die Auferstehung des Gottes dargestellt. Am feierlichsten und prächtigsten wohl in Abydos, wo Osiris, oder wenigstens sein Kopf begraben sein soll. Aber auch an einer großen Anzahl anderer Orte, wo nach der Zerstückelung des Osiris einzelne Teile seines Leibes beigesetzt sein sollen. Es geht da mit Osiris nicht anders als im Mittelalter mit den berühmtesten Heiligen, deren Überreste nicht selten auch von den verschiedensten Kirchen reklamiert wurden.

Voraus ging der Auszug Wep-wawets, des schakalköpfigen Gottes, »um seinen Vater zu schützen«. Das war der »Tag des ersten Auszuges«. Abends fand der »große Auszug« statt, um die Leiche des Osiris zu suchen, wie einst Isis sie gesucht hat, »das Suchen des Osiris«, an dem sich alle Festteilnehmer beteiligten. Der Weg führt natürlich zum Nil. Zwischen diesen beiden Auszügen lag der Tod des Osiris, über dessen Darstellung wir nichts wissen, denn darüber gleiten die ägyptischen Inschriften ebenso scheu hinweg wie später auch noch Herodot, wenn er von diesen Festen erzählt. Den »großen Auszug« schildert Herodot für die Spätzeit recht genau. Männer und Frauen schlagen sich dabei klagend die Brust. Auch die Götter, die zum Osiriskreis gehören und die von Priestern und Priesterinnen mit den Abzeichen der betreffenden Götter dargestellt werden, tun dasselbe. Dieser »große Auszug« hält mehrere Tage an. Es folgt ihm die »Auffindung des Osiris«. Der tote Osiris wird von einem zahmen Krokodil in seinem Sarg aus dem Nil an Land gebracht. Oder seine Krone wird aus dem Wasser aufgefischt. War der »große Auszug« eine Darstellung der Trauer und der Beweinung um den verlorenen Gott nach dem Muster der Klage der Isis, so schlägt jetzt die allgemeine Trauer in die große Freude um: »Wir haben ihn gefunden, wir freuen uns mit.« Es erinnert unwillkürlich an die demonstrative Freude, wie sie namentlich in der orthodoxen Kirche, vor allem in Rußland, zu Ostern ebenso anschaulich gemacht wurde. Dann wird Osiris einbalsamiert, aufgebahrt und vierundzwanzig Stunden von Göttern und Göttinnen, Priestern und Priesterinnen gemäß dem Ritual für die Mumifizierung bewacht, behandelt, beklagt und gepriesen. Das sind die »Stundenwachen«, über die wir aus Inschriften und Bildern in Tempeln von Edfu, Dendera und Philae recht gut Bescheid wissen. Die Leiche des Osiris liegt in einer Kapelle auf der Bahre. Isis und Nephthys treten als Klageweiber auf und stimmen Trauerlieder auf den Verstorbenen an. Jede Stunde ist dem Schutz eines bestimmten Gottes anvertraut, der dann ebenfalls auftritt, wie z. B. Horus, Anubis, Thoth usw. Jeder tut, was er nach dem Mythos zu tun hat. Auch die Priester treten in Aktion, der Cherheb, Sem, Schesmu, Udpu. Sie bringen Öle, Salben, Drogen zur Einbalsamierung, Wasser und Weihrauch zur Reinigung des Toten und der Kapelle. Das Ritual für die erste Stunde lautet nach Roeder ungefähr so:

Die erste Stunde des Tages, das ist die Stunde des Öffnens des ... in der Kapelle. Re geht aus dem Grab des Gottes hervor, und der Horus der Götter kommt, um Osiris zu opfern. Der Gott in dieser Stunde als Schutz dieses Gottes (Osiris) ist Amset.

Rede des Cherheb und des Sem: Die zauberische Schlange wird gezeigt. Mein Mund wird mit ihr berührt, mein Mund wird durch sie geweiht, mein Mund wird durch sie geöffnet. (Viermal.)

Rede (ein Spruch an Schu, den Sohn des Atum [Re], der so endet): Dieser dein Sohn ist Osiris. Atum hat ihn mit seinem Bedarf versehen. Du öffnest ihm den Mund und weihest ihm den Mund, du läßt ihn rein und lebendig sein. Du aber wirst gerechtfertigt, Osiris, Erster des Westens, du wirst gerechtfertigt. Amset (einer der vier Horussöhne) kommt, um dich zu sehen, er wirft dir den Feind auf deiner rechten Seite nieder.

Der Schesmu bringt Myrrhen dar. Rede: Osiris, Erster der Westlichen, nimm dir die Spezereien, die aus Punt kommen, damit dein Fleisch heil und deine Knochen stark seien durch seinen Namen »Myrrhe«.

Rede des Klageweibes: Heil dir! Die Sonnenscheibe Hor-achte grüßt dich ... Ich komme und klage vor dir; mein Herz wird nicht müde, dich zu beweinen ... Mein Erbe kommt, um dich zu begrüßen, nachdem er das Antlitz der Götterschaft erfreut hat. Wahrlich, du lebst, mein Herr, aber dein Herz ist betrübt. Stehe auf und fürwahr, dein Herz wird sogleich froh sein. Du wirst gerechtfertigt, mein Herr, du sollst gerechtfertigt werden. Wahrlich, deine Feinde liegen am Boden!

Ähnlich geht es durch die 24 Stunden dieser Stundenwachen. Dann wird die Mumie zu ihrem Grab in Peker geleitet, eine Stelle in Abydos, wo ein altes Königsgrab als Grab des Osiris gilt. Oder bei demselben Fest in einer anderen Stadt wird die Mumie vom Tempel zur Toteninsel geleitet. Besaß aber ein Osirisheiligtum keine Toteninsel im Nil, so schuf man ihm einen heiligen See oder einen künstlichen Nil für diese Fahrt, die so prunkvoll wie möglich vor sich ging. Die Götterbarke mit der Mumie des Osiris war umgeben von 34 Papyrusnachen mit Götterbildern, die dem Osiris das Geleit gaben. Da die Fahrt nach Einbruch der Dunkelheit angetreten wurde, wurden die Nachen mit zusammen 365 brennenden Lampions geschmückt. Auch um jedes Haus brannten viele Lampen, das »Fest der brennenden Lampen«. Wer dächte dabei nicht an das katholische »Allerseelenfest«? Das Grab des Osiris war von heiligen Bäumen umstanden. Das Betreten dieser Haine war außer für die Priester verboten. Es war ein Ort des Schweigens für den »Herrn des Schweigens«. Dieser Beisetzung des Osiris folgten vermutlich am nächsten Tag die sieghaften Kämpfe des Horus gegen Seth, der ja nach dem Tod seines Vaters den Thron Ägyptens bestieg. Nach anderen Texten scheinen diese Kämpfe an anderen Orten vor der Beisetzung dargestellt worden zu sein. Jedenfalls gehörten sie zu dem Festspiel. In ihnen wurden die Feinde des Osiris besiegt. Die Festteilnehmer gingen dabei mit Stöcken und mit Fäusten aufeinander los, je nachdem, ob sie zum Gefolge des Osiris oder des Seth gehörten. Am letzten Festtag wurde wohl auch der Dedpfeiler aufgerichtet und am Ende des Tages vier Herden von Ochsen und Eseln viermal um die Stadt getrieben. Das stellt das folgende Bild dar:

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In der obersten Reihe sehen wir den Pharao, wie er und vier Priester mit Hilfe von Seilen den Dedpfeiler aufrichten, während gleichzeitig ein kniender Priester ihm opferte. Hinter dem Pharao die Königin, Offiziere und der Hof. In der Reihe darunter rechts lebhaft gestikulierende Leute, dann solche, die miteinander kämpfen. Das sind die Leute von Pe und Dep, den beiden Stadtteilen von Buto, der alten Königsstadt von Unterägypten, welche die Kämpfe des Horus mit Seth darstellen. In der untersten Reihe sehen wir die Rinder (Tiere des Osiris) und Esel (Tiere des Seth), wie sie um die Stadt getrieben werden.

Der Dedpfeiler ist den Ägyptern die älteste, vertrauteste Personifikation des Sokaris-Osiris, denn Sokaris, der alte Totengott von Memphis, war längst eins geworden mit dem Totenkönig Osiris, der einst der Gott von Dedu in Delta war, das später Busiris hieß. Eine solche Personifikation nennt man bei heutigen Naturvölkern meist einen Fetisch. Dieser Dedpfeiler war ein besonders beliebtes Amulett, über dessen Bedeutung unendlich viel geschrieben worden ist. Nach einem Kapitel des Totenbuches sahen die Ägypter vermutlich in ihm das Rückgrat des Osiris. Man sollte das Amulett vermutlich an den Hals des Verklärten legen. Wenn man dies Totenbuchkapitel von einem vergoldeten Ded kennt, ist man ein vortrefflicher Verklärter in der Unterwelt, der nicht vor den Toren der Unterwelt zurückgestoßen wird. Ded verdeutschen wir mit »Beständigkeit«. Ganz offensichtlich veranschaulicht der bisher auf dem Boden liegende Dedpfeiler, der vom Pharao und seinen Priestern aufgerichtet wird, die Auferstehung des Osiris.

Wenn sogar in der heutigen, rationalistischen Zeit noch eine Fronleichnamsprozession auf katholische Zuschauer ihre Wirkung nicht verfehlt, so kann man sich vorstellen, von welch ungeheurer Wirkung so ein Mysterienspiel auf die alten, bildsichtigen Ägypter war, zumal sie der Handlung ja nicht nur zusahen, sondern teils als »Monatspriester«, teils als »Volk« direkt aktiv bei ihr mitwirkten. Mit dem Schwinden der magischen Fähigkeiten und dadurch natürlich auch des Vertrauens zu ihnen bot das Miterleben so heiliger Handlung und das Mitagieren bei ihr unzweifelhaft neue Gewißheit für das eigene: Schicksal als Entsprechung dessen, was der Ägypter am Osirisfest sehend und handelnd, mitklagend und mitjauchzend erfuhr.

Aber die Ägypter waren ein Bauernvolk, und so mischte sich echt ägyptisch mit diesem Mythos von Osiris und Isis und seinen Festen, wie sie bis jetzt erzählt wurden, ohne irgendwie zu stören noch ein Naturmythos, den der Ägypter jedes Jahr neu erlebte, wie jedes antike Volk, wie jedes »Naturvolk«, wie sogar noch heute jede bäuerliche Bevölkerung in Europa, soweit sie der rationalistischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts noch nicht völlig erlegen ist. Bei Osiris war das um so leichter, weil der Osiris von Dedu (Busiris) augenscheinlich als alter Bauerngott ein Erdgott war. Wenn die für die Existenz der Ägypter entscheidende Nilüberschwemmung kommt, ist er »das neue Wasser«, das alles grünen macht. Wenn alles welkt und stirbt, stirbt er auch. Aber nur scheinbar, denn im nächsten Jahr kommt er ja wieder als »das neue Wasser«, das alles grünen, blühen und Frucht bringen läßt.

So fand man im Tempel von Philae die folgende Darstellung:

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Links liegt Osiris auf der Bahre. Aber er bewegt sich, hebt die Hand zum Gesicht und lächelt, was sich bei dieser verkleinerten Reproduktion nicht erkennen läßt. Isis und Nephthys beleben ihn offenbar, und zwar spielen Armbewegungen dabei eine Rolle, die an magnetische, hypnotische Kuren erinnern. Viele Ägyptologen ärgern sich, wenn man das sagt. Selbst den längst verstorbenen Ennemoser, Professor der Physiologie, läßt man nicht ruhen, weil er auf ägyptischen Bildern häufiger solche Gesten bemerkt zu haben glaubte. Er war ein Anhänger Mesmers und wurde zu Lebzeiten weniger angefeindet, weil die oberste preußische Medizinalbehörde, nämlich Hufeland, ebenfalls zu Mesmer hielt. Heute hingegen kommt man häufig auf diesen Vorwurf gegen den alten Ennemoser zurück, ohne seine Ansicht sachlich widerlegen zu können, weil alles, was man gegen ihn vorbringt, den Kern nicht trifft. Rechts aber sehen wir zwei Göttinnen aus dem linken Bein des Gottes zwei Wasserstrahlen hervorlocken (wenn man lieber will: hervorzaubern), die zwei Nilquellen der Ägypter, »Ströme lebendigen Wassers«, wie es beim Evangelisten Johannes heißt.

Konnte man den toten Osiris in seinem Sarg irgendwo nicht aus dem Nil durch ein Krokodil an Land bringen lassen, so genügte es auch, das Nilwasser, das »neue Wasser«, in einen Krug zu schöpfen. Plutarch erzählt dazu von einem Osirisfest, bei dem man nachts mit dem heiligen Korb (der cista mystica), in dem sich ein goldenes Gefäß befand, zum Nil ging. Man schöpfte Wasser, goß es in das Gefäß, »und ein Jauchzen der Anwesenden entsteht, Osiris sei gefunden«. (»Wir haben ihn gefunden, wir freuen uns mit«) Auch der »große Auszug« (Seite 229) wird vielfach variiert. Auf der Suche nach der Leiche des Osiris wird Isis später nicht nur von Anubis begleitet, dem Hundsköpfigen (Anuth heißt »der auf dem Bauche liegende«, vgl. dazu den Abschnitt über den Tierkult), sondern auch von wirklichen Spürhunden, die Isis voranlaufen, wie Diodor erzählt. Und noch etwas berichtet Plutarch von dem schon erwähnten Osirisfest. Wenn die Anwesenden nämlich das Wasser in das goldene Gefäß getan und gejauchzt haben, Osiris sei gefunden, »vermischen sie fruchtbare Erde mit diesem Wasser, tun kostbare Gewürze hinzu und formen daraus mondförmige Bildchen«. Für Plutarchs Ansicht war Osiris auch Mondgott. Es werden aber wohl »mumienförmige Bildchen« gewesen sein, die er nur mondförmig nannte, weil das seinem Verständnis näherlag. In ägyptischen Gräbern haben sich häufiger zwischen den Beinen der Toten sogenannte »Kornmumien« gefunden, mit Getreidekörnern gefüllte Lehmfiguren von Mumiengestalt, in der die Körner natürlich keimen und grünen können. So konnte Jesus Sirach, der jüdischen Anschauung völlig fremd, aber von Ägypten her den Juden wohlvertraut, schreiben: »Mögen ihre Gebeine sprießen an ihrem Orte.«

Hierher gehört auch eine Zeichnung aus dem Osirisgrab in Philae:

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Wir sehen die Mumie des Osiris, aus der 28 Ähren sprießen, derweil der Priester die Wasserspende vollzieht, »die das Leben des Osiris erneuert«. Der Naturmythos neben dem Göttermythos und ohne Bedenken beide untereinander gemischt. Nur war bei den alten Völkern das Erlebnis vom Versenken des Korns und seinem Wiederaufleben keine naturgeschichtliche Beobachtung von rein wissenschaftlichem Interesse, sondern für die Seele jedes Jahr ein neues großes Ereignis von tief symbolischer Bedeutung und Wirkung, solange Mythen und Symbole noch nicht von der Dialektik entseelt waren. In einem der frühesten Texte des Totenbuchs aus dem Mittleren Reich lesen wir: »Die Götter leben wie ich, ich lebe wie die Götter, ich lebe als Korngott, ich wachse als Korngott, ich bin Gerste.« Beim ägyptischen »Fest des Hackens des Erdbodens«, das uralt ist, stimmt der Hirt zur Flöte dies Klagelied an:

» Habt ihr einen Hirten gesehen, wenn er auszieht? Er hat eine Rohrflöte gefunden am Wege und beweint mit seinem Flötenlied den, um dessentwillen der Erdboden gehackt wird von den Menschen und den die Götter neugeboren werden lassen, wenn die Menschen das Erdhacken nicht mehr ausüben (nämlich vor der nächsten Nilüberschwemmung). So beweint denn auch eurerseits den, der im Dunkel weilt ohne Licht, den Osiris

Plutarch sagt von den Ägyptern: »Wenn sie die Erde mit den Händen behacken und wieder darüber werfen und wenn sie den Samen streuen, ungewiß, ob er sich künftig vollenden und Ernte bringen werde, dann tun sie ähnlich denen, die begraben und trauern.« An dasselbe denkt Psalm 126, wo es heißt: »Weinend geht man und streut den Samen, jubelnd kehrt man heim und trägt die Garben.« Mit Osiris geschieht, was mit dem Korn geschieht. Man bettet beide in die Erde. Saatzeit ist Trauerzeit (Greßmann). Das ganze Mittelalter hindurch hat des »Roggens Pein«, des »Flachses Qual« auch im germanischen Märchen noch eine große Rolle gespielt. Ein Troll will ins Haus. Herein könne er schon kommen, aber er müsse auch des Roggens ganze Qual ausstehn. Was das sei? »Im Herbst wirst du gesät und kommst tief in die Erde, im Frühjahr gehst du auf, im Sommer dörrst du in der Sonne, wirst im Regen durchnäßt, dann geschnitten, getrocknet, in die Scheune gefahren und zum Schluß gedroschen.« »Was? Dreschen soll ich mich lassen?« »Ja, dann in die Mühle fahren und mahlen.« »Was?« »Ja, gemahlen und gebeutelt mußt du werden.« Als das der Troll hörte, zersprang er in Kiesel (Eisler). Christianisiert finden wir das im mittelhochdeutschen »Vaterunser« von Johann von Krolewitz (13. Jahrhundert), wo Christus vom Weltschöpfer »gesät wurde, entsprozen was, in blute stand, wuhs, gemeit wurde, gebunden als man ein Garben tut, gevuret in, gedroschen, mit besemen gekart, gemalen, in ein oven geschossen, drei Tage darin gelassen, dann uzgenommen und als Brot genosen wird«. Und wie dem Korn, der Rebe, geht es auch dem Flachs, worüber Andersen ein schönes, echt germanisches Märchen geschrieben hat, in dem es für den Flachs trotz aller Qual und Pein immer höher hinausgeht. Aus »Hans Gerstenkorn« ist in Schottland ein Heros geworden, weil sich Whisky (Lebenswasser) daraus machen läßt:

Man sott ihm auf der Flammen Rost
Das Mark aus dem Gebein;
Ein Müller quetscht – das ist zu arg! –
ihn zwischen Stein und Stein.
Man nahm sein innerst Herzensblut
Und trank es rund umher,
Je mehr man davon trinken tät,
Der Wonne ward je mehr.

Hans Gerstenkorn, das war ein Held,
Von edlem, tapferm Blut;
Denn wenn ihr's nur getrunken habt,
Wächst euch sogleich der Mut ...
Drum lebe hoch, Hans Gerstenkorn!
Die Gläser nehmt zur Hand!
Sein edler Same fehle nie
Im alten Schottenland.

Und wie wir Osiris als Getreidemumie kennen, so auch das Martyrium Christi als des »Kornes Pein« dargestellt; und auf der auf Seite 236 abgebildeten Miniatur des 16. Jahrhunderts sehen wir St. Blasius, den Schutzheiligen der Garnspinner und Leineweber, als Märtyrer mit »eisernen Kämmen gehechelt werden« wie der Flachs. Auch an »das geistlich Weinbeer« (Mitte 16. Jahrhundert) aus Wackernagels »Deutscher Kirchenliedersammlung« sei in diesem Zusammenhang erinnert:

Der Weinbeer stund im Garten, vor Angst war ihm so heiß,
Er schwitzt von unserer wegen Wasser und blutigen Schweiß.
Sie legten ihm auf sein Rücken ein Creutz, war lang und breit.
Den Weinbeer wollt man pressen, als uns die Schrift tut sagen.
So that der edle Weinbeer den Preßbaum selber tragen.
Der Wein, der über die Preß herrann, daz war sein thewres Blut,
Daz sei uns armen Sündern an unserm end so gut.

Halten wir den Eindruck von dem allem einen Augenblick fest, so werden wir ein Gefühl davon haben (um etwas anderes handelt es sich nicht), was der Seele des Ägypters diese Osirisfeste bedeuten konnten, an denen jedermann ohne weiteres teilnehmen durfte.

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Es gab nun aber auch Osirisfeiern, die der Allgemeinheit nicht zugänglich waren, sondern nur einem engeren Kreis von Priestern und solchen Leuten, welche sie zuzogen, wobei wir nicht vergessen wollen, daß das Laienelement durch die Einführung der »Stundenpriesterschaft« sowieso schon stark an jedem Tempel vertreten war, worüber schon gesprochen wurde. Daß es solche Feiern gab, darüber herrscht unter den Ägyptologen kein Streit, soviel ich sehe. Die Griechen gaben ihnen den Namen »Mysterien«. Seitdem spielen die »Mysterien« in allen Kulten eine große Rolle. Nur über das, was in den Mysterien eigentlich vor sich ging, herrscht Streit und endlose Meinungsverschiedenheit, deren Ende überhaupt nicht abzusehen ist, sollten nicht wieder, wie schon so oft, aus der Erde selbst bei neuen Grabungen Funde gemacht werden, die deutlicher reden als aller Streit. Besonders die deutschen Gelehrten verhalten sich allem gegenüber, was von antiken Mysterien, nicht nur von ägyptischen, überliefert ist, sehr spröde. Ihnen erscheint das überlieferte Material, nicht nur das ägyptische, so unsicher, unklar, widersprechend, teilweise auch wohl gar zu phantastisch, so daß sie dem ganzen »dunklen« Gebiet möglichst aus dem Wege gehen. Zum guten Teil sicherlich aus Gewissenhaftigkeit, zuweilen aber doch auch offensichtlich aus innerer Abneigung gegen das, was einem Mann, der Gelehrter, heute also besonders stark auf Ratio eingestellt ist, meist nur intellektuelles Unbehagen erwecken kann, weil er diesem Forschungsgebiet nicht mit den ihm geläufigen Mitteln wirklich beizukommen vermag. Da uns hier aber gerade die Magie beschäftigt und was irgend mit ihr zusammenhängt, können wir das Gebiet der Mysterien nicht ignorieren. Ich halte mich, was Ägypten anlangt, da lieber an Maspéro und Moret, trotzdem ich namentlich vor letzterem wiederholt von deutschen Ägyptologen gewarnt worden bin, weil er nicht »zuverlässig genug« sei. Aber wenn die deutsche Zuverlässigkeit völlig im Stich läßt, muß man sich notgedrungen an andere halten, die auf die sich hier ergebenden Probleme wenigstens näher eingehen. Der Einfachheit halber stellen wir in den Mittelpunkt diese Abbildung.

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Osiris-Mysterien

Sie stammt von einer Stele, die sich im Louvre befindet und von Herman Kees noch der 11. Dynastie zugerechnet wird. Das wäre die Zeit kurz nach dem Zerfall des Alten Reichs, kurz bevor Amenemhet I. um 2000 v. Chr. wieder ganz Ägypten beherrscht. Von ihm an rechnet man das Mittlere Reich. Das Bild ist einem Totengebet beigegeben, das die Festfeier in Abydos, also das Osirisfest, schildert und wird allgemein als »Osirismysterien« bezeichnet. Einig sind sich alle Ägyptologen meist darin, daß Tod, Wiederbelebung und Begrüßung des Wiederbelebten durch die Götter dargestellt wird. Beschreiben wir zunächst das Bild von links oben nach rechts unten: Zwei Männer tragen ein Tier, wohl ein Opfertier. Kees vermutet in dem Tier ein Nilpferd, Moret einen Panther. Doch das ist Nebensache. Es folgt ein Mann mit einem anderen Mann auf der Schulter. Dieser erinnerte Kees an Königsbilder, wie sie sich bei einem anderen Leichenzug finden. Moret sieht in ihm den »Tikenu«, doch das später. Auf der Bahre liegt der Tote als Mumie. An der Bahre zwei Klageweiber mit herabhängenden Haaren, dem Zeichen der Trauer. (Isis und Nephthys sind bekanntlich das Vorbild dafür.) Über der Bahre der Schlitten, auf dem man die Mumie zum Grab zieht. Darüber zwei merkwürdige Instrumente, die, entsprechend denen zum »Öffnen des Mundes«, zum »Öffnen der Erde« bestimmt sein könnten. Die deutschen Ägyptologen bezeichnen sie als »Deichsel« oder »Dechsel« (ein Bildhauerinstrument von Haus aus), der französische Ausdruck dafür wäre mit »Hohlbeil« zu übersetzen. Es folgt die Darstellung der »Wiederbelebung«. Zwei Männer halten eine menschliche Büste, die statt auf zwei Beinen auf zwei Lebenszeichen steht, erklärt Kees. Moret meint, hier werde die Statue des Toten gebildet. Nach beiden stellt es nach dem Vorbild der späteren Osirismythe die »Vereinigung der Glieder« dar. Bei Osiris geschah das im sogenannten »Goldhaus«, der Werkstätte der Goldarbeiter und Bildhauer. Es folgen zwei groteske Figuren, die an Tänzer erinnern. Auf thebanischen Grabbildern umspringen sie den Tekenu. Das dann dargestellte Ding übergeht Kees, wohl weil er es nicht einwandfrei erklären kann. Moret deutet es als das Fell des inzwischen geopferten Panthers. Erinnern wir uns dabei an das Bild Seite 225. Es folgt ein Schiff, das in der Form an das uns schon bekannte Schiff auf dem Schlitten erinnert, auf dem die Mumie zum Grab gezogen wird. Eine »Götterbarke«. Das Schiff gleitet wohl nach Abydos und wird gesteuert von der Uräusschlange. Sie scheint schützend über einen Kopf zu blicken, der von einem knienden Mann auf einem Schild hochgehalten wird. Moret sieht in ihm eine Wiedergabe des Kopfes des Osiris, der über die Dämonen der Unterwelt Macht hat. Den zweiten knienden Mann und was er hochhält übergeht Kees. Für Moret trägt der Mann auf der Stange das aufgeblähte Fell, unter dem sich der Tekenu oder sein Abbild befindet. Ihm wendet ein kniender Mann, der einen Stengel mit einer Lotusblume hält, das Gesicht zu. Um den Stengel windet sich das leere Fell, das sich vorher um den Tekenu blähte. Was ist aus dem Tekenu geworden? Moret antwortet, es sei der kleinere Mann (der Jüngling) daraus geworden, über den zwei andere Männer die ausgestreckten Arme halten; eine magische Geste, wie sie bei Magnetiseuren und Hypnotiseuren heute noch vorkommt, wie ich dazu bemerken möchte. Für Kees ist der kleinere Mann, der ein Amulett in der Hand hält, die jetzt vollendete Figur, die vorher statt auf Beinen auf zwei Lebenszeichen stand. Für Moret ist diese kleinere Figur der durch das »Wunder des Fells«, wovon noch zu sprechen sein wird, wiederbelebte, neugeborene Tote. Er beruft sich dazu auf Isismysterien, bei denen die Priester nach der »Wiederbelebung des Gottes« ein Kind erscheinen ließen, das sie als den »wiedergeborenen Osiris« begrüßten. Auf unserem Bild wird der Wiederbelebte an einem Ufer von einem Zug begrüßt, der ihm die Götterstatuen entgegenträgt, wie wir es von den Götterumzügen an hohen Festtagen kennen. Sie nehmen dann also »ihren Bruder, der auf sie zukommt«, in Empfang. Kees läßt sich auf solche Deutung nicht ein. Am Ende des Zuges jauchzen die falkenköpfigen Seelen von Buto über einer Gruppe, die deutlich dem Ländervereinigungszeichen von Unter- und Oberägypten nachgebildet ist (Kees).

Während also Kees nirgends auch nur andeutungsweise vom Tekenu spricht und dadurch jedes Hinweises auf »Mysterien« im eigentlichen Sinne enthoben ist, sieht Moret hier überall in verschiedenen Varianten den Tekenu und hält deshalb das Bild für die Darstellung einer osirianischen Geheimfeier.

Bei der Leichenüberführung nach der Totenstadt spielt auf älteren Abbildungen überall das eine Rolle, was der Ägypter Tekenu nennt. Der Tekenu zieht meist unmittelbar dem Sarg voran. In der Regel neben dem Kasten, der die vier Krüge mit den Eingeweiden enthält, von denen schon gesprochen wurde. Der Tekenu sieht so aus:

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Hier ist er also ein auf einen Schlitten gedrückter Mensch. Oder er sieht so aus:

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Hier hockt der betreffende Mensch auf einem Schlitten und ist in ein Tuch eingehüllt, das nur das Gesicht frei läßt. Oder aber der Mensch ist ganz unter dem Tuch verschwunden, und das Tuch ist so gesprenkelt, daß es ein Tierfell darstellen soll. Wie auf dieser Abbildung:

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Der Tekenu vereinfacht sich dann immer mehr, um schließlich so dargestellt zu werden:

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Daß der Tekenu mit den Schlachtopfern am Grab zu tun hat, darüber sind sich alle Ägyptologen einig. Daß in vorchristlichen Zeiten nicht nur Tier-, sondern auch Menschenopfer (Gefangene) am Grab dargebracht wurden, nimmt man allgemein an, zumal man auch bildliche Darstellungen dafür zu besitzen glaubt. Der Tekenu hat nämlich auch einmal wie auf der folgenden Seite abgebildet ausgesehen.

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Von Menschenopfern an ägyptischen Gräbern in irgendeiner uns zugänglichen historischen Zeit wissen wir nichts. Daß solche Opfer aber einst überall bei Begräbnissen eine große Rolle gespielt haben, ist allgemein bekannt. Es liegt kein Grund vor, die vorgeschichtlichen Ägypter von diesem tief sakralen Brauch auszuschließen. Daß die Erinnerung daran bei einem so bildsichtigen Volk wie dem ägyptischen im Totenkult noch lange seine bildlich-symbolische Rolle spielte, ist sozusagen selbstverständlich. Man opferte den Menschen nicht mehr, aber führte ihn vor dem Sarg wie einen Gefangenen noch mit zum Grab. Als die Tieropfer an die Stelle der Menschenopfer traten, führte man wohl immer noch einen Menschen mit zum Grab und behängte oder verbarg ihn unter einem Tierfell, das nun für das Opfer bezeichnend war. Das Fell wurde auch durch ein Tuch ersetzt. Wenn man es entsprechend bemalte, so galt es immer noch als Tierfell. Daß das Tierfell beim Kult eine große Rolle gespielt hat, wissen wir auch aus Inschriften, in denen es z. B. heißt: »Gehen lassen zu der Stadt des Fells als Tekenu, unter ihm (dem Fell) schlafen im See des Chepre.« Denken wir nun wieder an den Tierkult, an den Tierschwanz der alten Pharaonen, an die Tierfelle bei mancherlei rituellen, priesterlichen Funktionen, so vermag ich Masperos Ansicht von der »Wiedergeburt des Toten unter dem Tierfell« doch nicht so phantastisch zu finden wie manche Agyptologen. Zumal ein ähnlicher Ritus bei allen Mysterien, sogar noch unter dem römischen Imperium, seine Rolle gespielt hat. Und wenn der spätere Abscheu des Ägypters vor dem Tierfell mit dem Hinweis auf die Sinuhegeschichte begründet wird, in welcher der Pharao den Helden zur Heimkehr nach Ägypten mit den Worten bewegen will: »Nicht wirst du dann in der Fremde sterben, nicht werden dich Asiaten bestatten, und man wird dich nicht in ein Widderfell legen«, so hat das nichts mit dem Tekenu zu tun, sondern mit der längst unägyptisch gewordenen alten Nomadensitte, den Toten einfach und primitiv, in ein Fell eingenäht zu begraben, statt ihn, wie in Ägypten, zu mumifizieren. Für jeden echten Ägypter mußte diese alte Nomadensitte direkt seine Unsterblichkeit gefährden, die ja an die Erhaltung des Körpers, und wenn auch nur in Mumienform, gebunden war. Mir scheinen also die französischen Ägyptologen mit dem Bezug auf den Tekenu den richtigeren, den ägyptischeren Weg zu gehen. Daß aber gerade die Mysterien älteste Kultbräuche wieder für sich beleben, beobachten wir überall. Daß man bei ihnen in Ägypten gerade wieder auf den Tekenu verfiel, liegt sehr nahe. Der Tekenu verschwindet aus den Bildern, auf denen dargestellt wird, wie der Sempriester sich in das Grab begibt, sich dort wie ein Tekenu niederlegt, um auf den Anruf des Cherhem wieder aus dem Grab zu treten. (Siehe S. 212.) Eine symbolische Handlung, die es der Allgemeinheit noch sichtbarer werden ließ als der Tekenu, wie der Tote wieder lebendig wird. Die Mysterien können aber sehr wohl auf den Tekenu zurückgegriffen haben. Die Teilhaber begraben sich unter entsprechenden magischen Riten und Formeln unter das Fell respektive unter das durch seine Bemalung als Fell charakterisierte Tuch, unter dem sich die Wiederbelebung vollzog. Bei gar zuviel Mysterien spielt das Tierfell eine ähnliche Rolle, als daß man es für die ägyptischen Mysterien einfach ablehnen könnte.

Werfen wir nun noch einen Blick auf den immer mehr stilisierten Tekenu (siehe Bild S. 241), wie ihn auch der Mann im Schiff offensichtlich auf seiner Stange trägt (Abb. S. 238), so läßt sich sehr wohl verstehen, wie die Form eines solchen Tekenu nicht nur für Moret, sondern schon für die Ägypter der Mysterien zu einem neuen Symbol werden konnte und zu einem Mythos aus der Natur, nicht weniger wirksam als die Kornmumie. Diese letzte Form des Tekenu erinnert in ihren Umrissen an die Form des Embryos im Mutterleib.

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Es ist doch mehr als naheliegend, daß den bildsichtigen Ägyptern die äußere Ähnlichkeit der beiden Formen auch eine »Entsprechung« des Vorgangs kundtat, zumal wir wissen, wie beim Ägypter schon eine äußere Wortähnlichkeit genügte, um daraus für uns wunderliche, zuweilen aber auch tiefsinnige Sachbeziehungen zwischen Gegenständen herzustellen. Man muß erst sterben, um wiederbelebt, neu geboren werden zu können. Man muß sich erst dem Tod unterwerfen, um das wahre Leben gewinnen zu können. Der Gedanke ist genauso alt wie die antiken Mysterien und tritt in ihnen allen als besonders wichtig hervor. Eine sinnfälligere Form für die »neue Geburt«, das neue Leben, ließ sich für die Ägypter gar nicht finden als die des stilisierten Tekenu. Sowenig es mir einleuchten will, daß die Hockstellung der meisten Toten, auf die wir überall bei Ausgrabungen aus ältesten Zeiten stoßen, schon einen Hinweis auf die Lage des menschlichen Fötus und damit auf eine neue Geburt gäbe, wie nicht wenige Gelehrte annehmen, so einleuchtend erscheint mir dieser Hinweis für den Tekenu. Der tiefste Sinn aller Mysterien besteht ja darin, dem Teilnehmer die Gewißheit des Lebens nach dem Tod zu verschaffen. Aristoteles sagt das Treffendste darüber: »Die Einzuweihenden sollen nicht etwas lernen, sondern an sich erfahren und in eine Stimmung gebracht werden, nachdem sie dafür empfänglich geworden sind.« Magische Riten und Formeln werden bei allen Mysterien angewandt. Auch heute noch. Aber nachdem die Natursichtigkeit längst verschwunden war und auch die Bildsichtigkeit der Menschheit immer mehr abhanden kam, genügte die Magie allein nicht mehr, um den Menschen die erstrebte Gewißheit zu verschaffen. Zu der Magie trat das, was wir Mystik nennen, und trat später häufig an die Stelle der Magie, ja verdrängte sie zeitweise vollständig, während sie in der alten Welt nur zur Verstärkung der Magie und ihrer Wirkung diente, soweit wir überhaupt über die Vorgänge bei den verschiedenen Mysterienkulten einigermaßen zuverlässig urteilen können.

Bei den großen öffentlichen Osirisfesten sah in jedem Jahr alles Volk, wie der tote Osiris gesucht, wiedergefunden, neu belebt wurde, und erlebte so den alten Mythos schauend und handelnd mit. Neben den anderen Kulthandlungen, an denen es das Jahr über teilnahm, wird das der großen Masse für ihre Diesseits- und Jenseitsbedürfnisse für sehr lange Zeit durchaus genügt haben. Großen Massen genügt ähnliches auch heute noch. Solange die Masse der Ägypter an die Kraft der Magie noch »glaubte«, auch wenn sie selbst nichts dergleichen mehr ausübte, bedurfte sie gewiß nichts weiter. War doch der kleine Mann, der sich keine regelrechte Mumifizierung leisten konnte, in seinen Jenseitsbedürfnissen sogar mit einigen Amuletten zufriedengestellt, und wenn er sich nur einen kleinen Platz für eine kleine Puppe mit seinem Namen in einem alten Mumiengrab verschaffen konnte.

Aber die Herrschaft des Großhirns über alle anderen Fähigkeiten ließ auch die magischen immer mehr verkümmern, bis ihr Gebrauch, ja die Kenntnis von ihnen nur noch einem immer kleiner werdenden Kreis von Priestern und ihren Getreuesten erhalten blieb. Das vollzieht sich nicht in Jahrhunderten, sondern in Jahrtausenden, ja Zehntausenden von Jahren, was wir nie vergessen dürfen. Die wenigen Jahrtausende vor Christus, in die wir jetzt dank Hacke und Spaten etwas genauer hineinsehen können als noch vor sechzig Jahren, zeigen ja nur das Endstadium dieses Vorgangs. Sowohl bei Babyloniern und Ägyptern wie erst recht bei den Griechen. Und selbst von diesem Endstadium würden wir heute so gut wie gar nichts verstehen, wenn wir nicht von den Mystikern aus und neuerdings vom Studium der Träume (Freud) und des Somnambulismus, langsam und ein wenig mühselig, aber nach und nach doch immer deutlicher, den Weg zu ihm zurückfänden, was nichts mit »Spiritismus« zu tun haben muß.

Gerade der Osirismythos, der in Ägypten populärste, der dann in der ganzen alten Welt den Ägyptern den Ruf eines besonders frommen Volkes eingebracht hat, konnte sich auf die Dauer bei tieferen und sensibleren Naturen an mechanisierter Magie nicht mehr genügen lassen. Alle Totenmagie konzentrierte sich, wie wir sahen, um die Mumifizierung und die Rechtfertigung des Osiris in der Halle des Keb, die für jeden Toten zur Halle der beiden Wahrheiten geworden ist. Gerade der durch rituelle Mumifizierung zu einem Osiris gewordene Tote entging dieser Halle nicht, wo sein Herz auf der Waage der Wahrheiten gewogen und beurteilt wurde. Im Totenbuch finden wir immer wieder magische Sprüche zur »Erhaltung des Herzens«. Aber wenn nun dies durch Magie erhaltene Herz in der Halle der Wahrheit vor den 42 Totenrichtern wirklich gewogen wird? Im Totenbuch finden wir Sprüche für das Herz wie diesen: »Herz von meiner Mutter! Herz meiner Gestalt! Tritt nicht gegen mich auf als Zeuge, widersetze dich mir nicht im Gericht, übe deine Feindschaft nicht gegen mich aus vor dem Wägemeister! Du bist mein Ka, der in meinem Leibe ist. Laß unseren Namen nicht stinken. Sage keine Lüge gegen mich bei dem Gotte.« Also auch hier muß eine magische Formel helfen. Aber wenn die Kraft der Magie und damit auch das Vertrauen zu ihr nachläßt, was dann?

Manche Ägyptologen wundern sich darüber, daß trotz aller magischen Riten und Formeln immer wieder die Sorge um den Tod und das Schicksal nach dem Tod zum Ausdruck kommt. Mir scheint, das heißt die natürliche Verfassung des nicht mehr somnambulen oder natursichtigen Menschen verkennen, dem nur so lange von solchen Sorgen nichts anzumerken ist, als er sich überhaupt nicht um Riten und Kulte kümmert, mögen sie nun magischer, mystischer oder christlichkirchlicher Art sein. Je mehr ein Mensch solchen Dingen zuneigt und ihnen verbunden ist, um so intensiver beschäftigen ihn solche Sorgen. Der Kultlose mag leicht ein stumpfes Gewissen haben, dem magischen wie dem mystischen Menschen ist das auf die Dauer unmöglich, es sei denn, daß er sich endgültig von jedem Ritus und Kult losreißt. Deutlich erweisen das schon alle ägyptischen Hymnen. Jeder Kult ist immer noch besser geeignet, das Gewissen nicht einschlafen zu lassen, sondern wacher und empfindlicher zu machen als ein menschliches Leben ohne ihn. Selbst wer Wissenschaft oder Kunst zu seinem einzigen Kult macht, ist in dem Punkt immer noch feiner und empfindlicher organisiert als ein Mensch, der auch solchem Kult abgeschworen hat und sich nur noch an die sogenannten Realitäten, an das Leben, wie es wirklich ist, hält. Binsenwahrheiten, die man zur Zeit aber wieder aussprechen muß, weil ihre Nichtbeachtung immer wieder das Verständnis trübt für alles, was natürlich und menschlich ist. Die Weisheit eines halben Jahrhunderts kann da nichts gegen die Erfahrung vieler Jahrtausende ausrichten. Höchstens bei solchen, die von der Geschichte dieser Jahrtausende nichts wissen.

Es ist nur natürlich, daß wir trotz aller Magie auch beim ägyptischen Menschen in vielen Inschriften, Gebeten, Hymnen immer wieder solche Sorgen und Nöte treffen. Und je unsicherer man der Magie gegenüber wird und je mechanisierter sie gehandhabt wird (Zauberei), um so mehr stoßen wir sogar in den leider nicht sehr zahlreichen Inschriften kleinerer Leute im Neuen Reich auf diese Unruhe und Sorge. Da steht auf einem Denkstein des Nebrê, Schriftzeichner des Amon in der Totenstadt Thebens aus der Zeit Ramses II. (1292-1235 v. Chr.), also eines Steinmetzen sozusagen, zu lesen:

» Du bist Amon, der Herr des Schweigenden, der auf den Ruf des Armen herbeikommt. Ich schreie nach dir in meiner Bedrängnis – und du kommst, damit du mich rettest und dem Schwachen Atem gibst und mich rettest, der ich in Not bin. Du bist Amon-Re, der Herr von Theben, der den in die Duat (Unterwelt) Geworfenen befreit. Wahrlich, du bist der Erretter. Ruft man nach dir, so kommst du von ferne herbei ... Wenn ein Diener geneigt ist, Sünde zu tun, so ist der Herr geneigt, Gnade zu üben. Der Herr von Theben (Amon) verbringt keinen vollen Tag im Zorne, sondern erzürnt nur einen Augenblick und trägt nicht nach. Das Unheil verwandelt sich uns in Gnade, und Amon wendet sich um auf seinem Winde

(Roeder).

Der Sohn des Nebrê und seiner Hausfrau Pschâd, der Maler Nacht-Amon, lag nämlich auf den Tod krank, und der »Herr von Theben« hat ihn wieder gesund gemacht. Zum Dank dafür hat der Vater Nebrê, der Schüler des Schreibers Chaj, dem Gott diesen Denkstein errichtet, dessen Worte zuweilen schon an den Ton der Psalmen erinnern.

Oder der Denkstein des Nefer-abu, eines Aufsehers in der Totenstadt von Theben, also eines Friedhofswärters. Auf ihm wird Nefer-abu im Gebet dargestellt vor der Göttin Merit-seger (die von dem Schweigenmacher geliebte), einer Freundin des Osiris. Sie ist als Schlange mit drei Köpfen, dem einer Frau, eines Geiers und einer Schlange dargestellt und führt auch den Beinamen »die westliche Spitze«. Dort findet sich auch folgendes Gebet des »reuigen« Nefer-abu:

» Ich war ein unwissender Mann, ein törichter, und wußte nicht, was gut und böse ist. Ich tat Sündhaftes gegen die Bergspitze. Sie züchtigte mich, und ich war in ihrer Hand bei Tag und bei Nacht und saß da (auf dem Ziegel) wie eine Schwangere. Ich schrie nach Luft, aber sie kam nicht zu mir ... Seht, ich sage zu Groß und zu Klein in der Arbeiterschaft: Hütet euch vor der Westspitze, denn ein Löwe ist in der Spitze ... Sie schlägt, wie ein wilder Löwe schlägt, und verfolgt den, der sich gegen sie vergeht. Als ich dann zu meiner Herrin rief, fand ich, daß sie zu mir kam mit süßer Luft, und sie war mir gnädig, als sie mich ihre Hand hatte sehen lassen, und wandte sich mir friedlich zu. Sie ließ mich meine Krankheit vergessen, die an mir gewesen war. Ja, die Westspitze ist gnädig, wenn man sie anruft. Höret alle ihr Ohren auf Erden, hütet euch vor der Westspitze

(Erman).

Andere bauen ihr Haus möglichst dicht beim Tempel, »damit sie das Lobpreisen aus dem Munde der Priester hören«, und ein Bürger von Memphis sagt: »O Ptah, ich habe dich in mein Herz geschlossen, und mein Herz ist voll von deiner Liebe, wie ein Feld voll ist von Blumenknospen.«

Ähnlichen Stimmungen begegnet man noch häufiger in den höheren Schichten, und schon früh findet man bei den Weisen die Bitte: »Strafe mich nicht wegen meiner vielen Sünden.« Oder: »Dem Heiligtum Gottes ist Geschrei ein Abscheu ... Bete du mit einem wünschenden Herzen, in welchem alle seine Worte verborgen sind, so tut er deinen Wunsch und hört, was du sagst, und nimmt dein Opfer an.«

Am berühmtesten wurde da ein Hymnus an Thoth aus dem Neuen Reich. Thoth war ja der Sachwalter des Osiris gegen Seth. Thoth ist es, der das Ergebnis beim Wiegen des Herzens vor den Totenrichtern aufschreibt. In diesem Hymnus heißt es:

»Komme zu mir, wenn ich vor die Herrn des Rechts (die Gottheiten des Totengerichts) eintrete, dann will ich gerechtfertigt hinausgehn; du große Dumpalme von sechzig Ellen, an der Früchte sind. Kerne sind in den Früchten, und Wasser ist in den Kernen ... Du süßer Brunnen für den Durstenden in der Wüste. Er ist verschlossen für den, der da redet, er ist offen für den, der da schweigt. Kommt der Schweigende, so findet er den Brunnen, aber dem Hitzigen bist du unzugänglich

Die kursiven Schlußzeilen könnten geradesogut bei einem christlichen Mystiker des Mittelalters stehen.

Auf solchen Denksteinen, in solchen Hymnen blüht vor unseren Augen aus der Magie etwas auf, das unserer Vorstellung von Religiosität plötzlich näher kommt, erste Spuren des mystischen Weltbildes. Entfernt sich schon im Naturmythos der Ägypter ein wenig, wenn auch für den Beteiligten noch nicht sehr merkbar, von der die Göttermythen durchaus beherrschenden Magie, so geschieht dies schon viel merkbarer in den Mysterien, die im ganzen Altertum ein eigenartiges Gemisch von Magie und Mystik darstellen, bei dem die Magie aber immer noch vorherrscht, soweit wir bis jetzt darüber urteilen können. Die geheimen, geheimnisvollen Osirisfeste im kleinen Kreis von Berufspriestern und Stundenpriestern, also Laien, welche die Griechen »Mysterien« nannten, unterschieden sich darin gewiß nicht prinzipiell von allen anderen Mysterien der alten Welt. Die Gewißheit, unsterblich zu sein und den Göttern auch nach dem Tod genehm, wurde nicht mehr nur durch magische Formeln erlangt, sondern durch individuelles Erleben erstrebt. War die Natursichtigkeit längst dahin, und waren alle magischen Kräfte im Schwinden, so wurden andere Kräfte, Seelenkräfte, dafür frei, und die innere Schau, wo die äußere zu der erstrebten Wirkung nicht mehr ausreichte, trat an ihre Stelle.

Neuere Ausgrabungen haben ein »Osireion« aus der 19. Dynastie (1300 v. Chr.) bloßgelegt. Es liegt tief unter dem Erdboden. Man steigt zu ihm durch einen langen Gang wie in ein Grab hinab. Es ist reich mit Darstellungen und Inschriften aus dem Totenbuch geschmückt. In dem »Osireion« wird durch einen kreisförmigen Graben eine Plattform gebildet. Mit dem steigenden Nil, wenn das »neue Wasser« kam, stieg natürlich auch im Graben das Grundwasser, und so wurde die Plattform auf natürlichste Weise zu einer Insel, wie sie bei allen Osirisfeiern eine Rolle spielte. Von solchen »Osireien« hören wir auch sonst. Sie waren die gegebenen Stätten für die eigentlichen »Mysterien«; und ich möchte annehmen, auf sie bezieht es sich, wenn wir lesen vom »Gehenlassen zu der Stadt des Fells als Tekenu, Unter-dem-Fell-Schlafen im See des Chepre«. Von diesen ägyptischen »Mysterien« wurde seit Herodot und Plutarch unendlich viel in den Endzeiten der alten Welt gefabelt und zusammengeheimnist. Was wirklich daran war, können wir trotz aller Ausgrabungen bis jetzt nicht kontrollieren. Welche Vorgänge sich aber auch im einzelnen bei den ägyptischen Mysterien abspielen mochten, sicher ist, daß sie, um wieder das Zitat aus Aristoteles anzuwenden, den Einzuweihenden, was die Griechen den Mysten nannten, nicht etwas lernen, sondern etwas erleben (erleiden) lassen wollten, nämlich die Gewißheit der Unsterblichkeit. Darüber kann kein Zweifel bestehen. Was uns der römische Rechtsanwalt Apulejus im letzten Kapitel seiner »Metamorphosen« (das Buch wird bei uns gewöhnlich »der goldene Esel« genannt) um 150 n. Chr. über seine Einweihung in die ehemaligen Isismysterien erzählt, wovon noch die Rede sein wird, bestätigt das nur.

Daß die Abbildung auf der Louvrestele »Osirismysterien« darstellt, darüber herrscht keinerlei Meinungsverschiedenheit. Soviel aber hat jeder Leser nun schon über die ägyptische Art erfahren, die logische Bedenken nicht kannte, daß man neben der Erklärung, wie Kees sie gibt, ruhig die Morets bestehenlassen kann. Es ist echt ägyptisch, wenn wir in der Abbildung neben und zwischen den Darstellungen aus altbekannten Mythen, wie Kees sie erklärt, Darstellungen aus einer neuen Erlebnisweise finden, wie sie sich besonders leicht an den Tekenu knüpfen konnte, unter dessen Fell oder fellartiger Decke sehr wohl der Tod zur »Wiege des Lebens« werden kann. In dem auf den Tekenu unter dem Dunkel des Fells in sich selbst versunkenen ägyptischen »Eingeweihten« konnten Seelenkräfte wirksam werden, von denen alle Mystiker zu berichten wissen. Namentlich seit den Experimenten von de Rochas und Durville mit Sensitiven, die sie in somnambulen Tiefschlaf versetzten, wobei ausdrücklich immer wieder betont wird, daß keiner von ihnen, auch die Sensitiven nicht, Anhänger des Spiritismus sind, fängt man seit der Jahrhundertwende allmählich an, auch für diese Kräfte wieder Verständnis zu finden, obwohl sie sich nicht auf reine Gehirnfunktionen zurückführen lassen, also auch nicht auf die immer noch vorherrschende »Psychologie«.

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