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Mädchenlose

Brigitte Augusti: Mädchenlose - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorBrigitte Augusti
titleMädchenlose
publisherFerdinand Hirt & Sohn.
printrunZweite, unveränderte Auflage
year1888
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid7372b597
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Siebentes Kapitel.

Kleine Freuden.

Einige Wochen waren verstrichen, Nora hatte sich mit ihrem neuen Leben und seinen Pflichten vollkommen vertraut gemacht. Sie und Erna waren ein unzertrennliches Paar und lebten größtenteils in einer kleinen Welt für sich, welche außer ihren Zimmern auch den schönen schattigen Garten umfaßte, in dem sie täglich manche Stunde zubrachten. Die Liebe und das Vertrauen des Kindes hatte sie sich schon am ersten Tage erworben, sie waren ihre größte Freude; mit Rührung sah sie, wie das verschlossene Gemüt sich allmählich aufthat; mit Staunen beobachtete sie die oft seltsamen Ideen, welche in der Stille des kleinen Köpfchens gekeimt waren und nun kraus und bunt ans Licht traten. So wenig die Natur für Ernas Äußeres gethan hatte, so reich hatte dieselbe sie mit innern Gaben ausgestattet; sie lernte mit einem Eifer und Verständnis, welche für Nora selbst ein energischer Sporn zum Weiterstreben wurden, und reichlich fühlte sich diese für jede Mühe belohnt, wenn Erna einmal nach Kinderart hell aufjubelte oder ihr leises musikalisches Lachen ertönen ließ. Frau v. Westheim war mit Noras Leistungen zufrieden und sagte ihr zuweilen einige anerkennende Worte über den günstigen Einfluß, den sie auf Erna ausübe; im übrigen aber blieb sie ebenso kühl und zurückhaltend gegen das junge Mädchen, wie in der ersten Stunde. Nur zu den Mahlzeiten erschien Nora im Familienzimmer, wo ihr der Herr des Hauses, ein stattlicher Mann, dem die rabenschwarzen Haare besser zu Gesicht standen, als seiner kleinen Tochter, stets mit großer Höflichkeit begegnete; doch selten entspann sich ein allgemeines Gespräch, an dem sie hätte teilnehmen können, und wenn geladene Gäste erschienen, wurde sie niemals zugezogen. Doch fehlte es ihr keineswegs an Zeiten der Muße; in der Morgenstunde, die Erna regelmäßig bei ihrer Mutter verbrachte, oder abends, wenn jene früh zur Ruhe gegangen war, traten keine Ansprüche an sie heran, sie konnte lesen, schreiben oder sonst treiben, was sie wollte.

Jeden Tag sagte sich Nora, daß sie Grund habe, dankbar und zufrieden zu sein, und doch wollte oft ein Gefühl tiefer Entbehrung, heißer Sehnsucht sie überschleichen. Sie hatte kein Herz, das an ihr selbst und ihren eignen Verhältnissen teilnahm, sie vermißte jede lebendige geistige Anregung, sie mußte immer nur geben und mitteilen, ohne dafür zu empfangen. Zwar war sie einigemale der Einladung der lieben Frau Pfarrerin gefolgt und stets mit großer Freundlichkeit aufgenommen worden, aber es blieb doch bei flüchtigen Berührungen, da längeres Entferntsein offenbar nicht gern gesehen wurde. Einmal hatte sie es versucht, mit Frau u. Westheim darüber zu sprechen, ob es nicht gut für Erna wäre, sie mehr mit andern Kindern verkehren zu lassen, »die rührende Innigkeit und tiefe Sehnsucht, mit der sie von der seligen kleinen Schwester spräche ...«, sie konnte nicht vollenden, denn die andere unterbrach sie mit einer hastig abwehrenden Gebärde und rief ihr heftig zu: »Sprechen sie nicht davon, die Wunde verträgt keine Berührung!« Da war Nora erschrocken verstummt, die Seelenqual stand zu deutlich auf dem Gesicht der beraubten Mutter geschrieben; sie hatte es auch nicht gewagt, diesen Gegenstand wieder zu berühren, von dessen Besprechung sie eigentlich einen regern Verkehr für sich und Erna mit dem Pfarrhause erhofft hatte.

Die einzige Abwechselung in Noras Leben bestand in den Briefen, die sie erhielt; die von ihrer Mutter sagten zwar noch nichts von einer nahen Heimkehr, klangen aber doch viel tröstlicher, als früher. Ihr Vater war hergestellt und konnte wieder seinen Geschäften obliegen; von ihrer Erledigung hing nicht nur die Rückkehr der Eltern, sondern auch die Sicherung ihrer Verhältnisse ab. Den hellsten Sonnenblick aber brachten Ellys Briefe, die ihr ganzes Wesen klar und lebendig wiederspiegelten. Einer derselben lautete:

Meine süße, heißgeliebte Nora!

Ach!! mit einem tiefen Seufzer muß ich beginnen. Könnte ich lieber mit Haut und Haaren in diesen Brief steigen, um auf eine einzige Stunde – nein, das würde doch nicht reichen – auf einen Tag zu Dir zu fliegen. Meine Gedanken gehen im Galopp davon und keuchend hinkt die lahme Feder hinter ihnen drein, ohne sie jemals einzuholen. Wie soll ich Dir dabei alles schreiben, was Dir Kopf und Herz erfüllt?

Meine Nora, ich vermisse Dich unbeschreiblich, der Gedanke an Dich steht mit mir auf und geht mit mir schlafen; die Menschen hier halten mich für eine melancholische junge Dame von gesetztem Wesen, und Mama fragt mich zuweilen, was mir fehle? Nora! seufze ich. Mitunter klagt sie über meine Schweigsamkeit, und Du weißt, das war sonst nicht der Fehler, den sie vorzugsweise an mir rügte.

Für Deinen Brief küsse ich Dich mit grenzenloser Zärtlichkeit, er ist wie Du selbst! nur einen Fehler hat er, daß er nicht zwanzigmal länger ist. Du schreibst mir viel, aber noch lange nicht genug; ich möchte Dich auf jedem Schritt begleiten, mich ganz in Dein Leben versetzen können. Du giebst mir zwar ein genaues Bild von Erna, aber Du sagst nichts von Westheims, nichts von neuen Bekannten, die Du doch sicher gewonnen hast. So eifersüchtig ich – trotz Tante Cäcilie – auf eine neue Freundin werden könnte, so sehr wünsche ich Dir doch angenehmen Verkehr, ohne den Dein Leben ja entsetzlich eintönig wäre. Du sagst auch kein Wort von Axel Lilienkron, der doch gewiß häufig in das verwandte Haus kommt. Ist der gute Junge Deiner Beachtung so gänzlich unwert geworden? Du konntest doch noch im Frühjahr so herzlich über seine Witze lachen. Werde mir nur nicht zu ernst, meine Herzens-Nora, zuweilen erfaßt mich eine Seelenangst, Du könntest mir in jeder Hinsicht so vollständig über den Kopf wachsen, daß Du Deine Elly nicht mehr so lieben könntest wie bisher – o Nora, wie sollte ich das ertragen?

Wenn nicht die Sehnsucht nach Dir und meinem lieben alten Papa, ja mitunter sogar nach dem braven Arthur über mich käme, so würden wir hier ein Götterleben führen. Die Gegend ist über alle Beschreibung schön, die dicht bewaldeten Berge mit ihren großartigen Felspartieen, die Schlösser und Ruinen mit ihrer Pracht und Romantik, die eleganten Promenaden mit ihrem bunten Gewimmel von Menschen aller Nationen – das alles bietet so unerschöpflichen Stoff zum Schauen, Staunen und Amüsieren, daß der Tag oft zu kurz erscheint, um alles recht zu genießen. Könntest Du nur mit mir beobachten, bewundern und – ein wenig medisieren, man kann wirklich nicht davon lassen, wenn man manche Gestalten erscheinen sieht. Da ist die schöne Französin, von der man sagt, daß der liebe Gott gar keinen Teil an ihrer Schönheit habe, sondern daß der Schneider, der Friseur und andere Toilettenkünstler sich in das Verdienst teilen. Aber der Effekt ist blendend, und die schwarzen Augen, die morgens am Brunnen so schläfrig aussehen, später aber so wunderbare Blitze schleudern können, die müssen doch echt sein, und die Grazie, mit der sie ihren Fächer handhabt und ihren Getreuen Winke erteilt – dem einen gnädiges Wohlwollen, dem andern kühle Abwehr – die ist jedenfalls unnachahmlich. – Ich könnte Dir zehn, zwanzig solcher Porträts charakteristischer Persönlichkeiten zeichnen, aber wozu? Bald scheiden wir von hier, die Schattenbilder erbleichen, es bleibt nichts davon, als eine bunte Erinnerung, die wohl nur für mich allein Interesse behält.

Aber eins muß ich Dir erzählen: ich habe neulich den ersten Ball mitgemacht! Eigentlich wollte Mama nichts davon wissen, ich sei noch viel zu jung und zu kindisch für solche Vergnügungen, meinte sie. Doch Tante Lilienkron ließ nicht ab, und so gab Mama endlich nach und schenkte mir eine reizende Toilette dazu. Duftiges Weiß, ganz mit zahllosen zarten Rosensträußchen übersät, ein Rosendiadem fürs Haar. Als ich den Anzug eines Tages auf meinem Bett liegen fand, mußte ich laut jubeln, er sah gar zu entzückend aus, und ich glaube, er stand mir nicht schlecht. Mir klopfte das Herz aber doch gewaltig, als wir in den Saal eintraten, der mehrere hundert Personen faßt. Welch eine bunte strahlende Menge erfüllte ihn! die deckenhohen Spiegel warfen den Lichtglanz und die Bilder der Personen vielfältig zurück. Wie sollte unter diesem Heer von eleganten Damen ich armes kleines Ding Beachtung finden? Es ging aber besser, als ich dachte; Herr v. W., der zuweilen an der table d`hôte mein Nachbar ist, und mit dem ich stets auf einem scherzhaften Kriegsfuße stehe, engagierte mich zum ersten Walzer und – zum Cotillon; mehrere andere, die ich kürzlich auf einer Partie nach dem alten Schlosse kennen gelernt hatte, folgten; Fremde ließen sich vorstellen, in wenigen Minuten war meine Tanzkarte gefüllt. Aber Nora – welchen Unsinn schwatzt man an solchem Abend zusammen; man kommt vor Lachen und Scherzen nicht zur Besinnung, man fliegt wie in einem wonnevollen Rausch dahin, aber wenn die bunte Seifenblase zerplatzt ist, bleibt wenig von ihr übrig. Ich glaube, im Grunde waren wir damals auf dem Karlsberg froher, als ich auf dem Ball. Ich muß übrigens bemerken, daß Herr v. W. immer klug und geistreich ist, auch wenn er scherzt. – Mama lobte mich nachher wegen meines Benehmens, was mir eine große Freude war.

Heute abend kommt Axel, ich erwarte ihn mit heißer Sehnsucht, nicht um seiner selbst willen, sondern um hundert Dinge von Dir zu hören. Ich will ihn ausquetschen wie eine Citrone, bis ich alles erfahre, was ich wissen will. Für heute lebe wohl, Nora, meine süße geliebte Freundin, morgen mehr.

Einen Tag später.

Axel kam erst heute an, ich konnte meine Ungeduld kaum noch bemeistern. Ich flog ihm entgegen und sagte ihm, wie sehnsüchtig ich ihn erwartet habe – der gute Junge wollte sehr geschmeichelt thun über den warmen Empfang, aber ich zerstörte schnell seine Illusion und machte ihm klar, daß er in diesem Augenblick nur deshalb Wert für mich habe, weil er aus deiner Nähe käme. Nora – wie soll ich meine Täuschung schildern – wie es fassen und begreifen, daß er versicherte, Dich noch nie gesehen zu haben?! er hätte mir am liebsten die Thatsache, daß Du bei Westheims bist, rundweg abgestritten. Ich zerbreche mir den Kopf um die Lösung dieses unerklärlichen Rätsels! Wirst Du so ganz als Kind des Hauses betrachtet, daß man Dich in die Kinderstube schickt, wenn Gäste kommen? oder wäre es möglich, daß Hochmut – nein, ich kann den unwürdigen Gedanken nicht ausdenken, er bringt mein Blut auf den Siedepunkt der Empörung, und ich wäre Axel beinahe ins Gesicht gesprungen, als er es wagte, so etwas anzudeuten. Es muß ja jeder vernünftige Mensch glücklich sein, Dich um sich zu haben, und einen lieblichern Schmuck kann er doch wahrlich seinen geselligen Kreisen nicht geben, als Deine liebe Gegenwart.

Lebewohl, meine Engels-Nora, schreibe mir bald wieder und sage mir, ob Du zuweilen eine Tarnkappe trägst, um Dich unsichtbar zu machen, oder ob Du Axel mit Absicht vermieden hast. Es grüßt und küßt Dich aus tiefstem Herzen

Deine

Dir bis in den Tod getreue Elly.

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