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Mädchenlose

Brigitte Augusti: Mädchenlose - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorBrigitte Augusti
titleMädchenlose
publisherFerdinand Hirt & Sohn.
printrunZweite, unveränderte Auflage
year1888
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid7372b597
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Fünftes Kapitel.

Eine Entscheidung.

Der Juli ging seinem Ende entgegen, im Mansfeldschen Hause war man eifrig mit den Vorbereitungen für die nahe Abreise beschäftigt, die eine vollständige Auflösung des Hausstandes bedingte. Der Oberst ging zum Manöver ab, Mutter und Tochter reisten ins Bad, Arthur sollte für einige Monate in eine Pension kommen. Elly jammerte laut, daß die schöne Zeit ein Ende nehmen solle, sie hätte am liebsten die ganze Reise aufgegeben, der sie doch früher mit brennender Sehnsucht entgegengesehen hatte. Nora schritt ernst und still umher, ihr war sehr weh ums Herz bei dem Scheiden aus diesem lieben Kreise, in dem sie vollständig wie eine Tochter und Schwester behandelt worden war; sie kam sich vor, wie ein losgerissenes Blatt, das vom Winde hin und her gewirbelt wird. Täglich erwartete sie den Bescheid ihrer Tante, wann ihr Kommen jener passend sei, aber ihr bangte vor dem Eintritt in ein Haus, das trotz der nahen Verwandtschaft ihr doch ganz fremd war. Doch wenn sie klagen wollte, dann trat das milde, freundliche Bild der Tante Cäcilie vor ihre Seele, und sie schämte sich ihres Kleinmutes; sie besaß ja noch alle ihre Lieben, die teuren Eltern, die lieben treuen Freunde, und all diese Trennungen sollten doch nur eine kurze Zeit dauern.

Eines Tages, als Elly in einer Lehrstunde und Nora mit Frau v. Mansfeld allein im Zimmer war, brachte der Diener mehrere Briefe, von denen er einen dem Fräulein überreichte. Sie erkannte die Handschrift ihrer Tante, aber als sie ihn las, entfuhr ihr ein Ausruf des Schreckens, und mit einem tiefen Seufzer ließ sie das Blatt fallen. »Was ist Ihnen, liebe Nora?« fragte Frau von Mansfeld und fügte, als sie die Blässe des jungen Mädchens bemerkte, teilnehmend hinzu: »Ich hoffe, Sie haben keine schlechte Nachricht von Ihren Eltern erhalten?«

»Der Brief ist von meiner Tante – sie schreibt, daß ihre verheiratete Tochter ernstlich erkrankt sei, sie müsse augenblicklich zu ihr reisen – auf unbestimmte Zeit – und könne mich daher ......« Große Thränen füllten Noras Augen, die Stimme versagte ihr.

»Und könne Sie daher nicht bei sich aufnehmen«, ergänzte die andere. »Das ist in diesem Augenblick störend, aber seien Sie unbesorgt, es wird sich schon ein Unterkommen für Sie finden. Haben Sie sonst keine Verwandten?«

»Keine«, war die Antwort. »Papa hat nur noch diese einzige Schwester, und Mama hatte nie Geschwister.«

Frau v. Mansfeld überlegte eine Weile, dann sagte sie bedächtig: »Ich habe eben einen Brief erhalten, der mir zuerst zu sehr unrechter Zeit zu kommen schien, der uns aber vielleicht einen passenden Ausweg aus diesem Dilemma eröffnen könnte. Meine Cousine, eine liebenswürdige junge Frau, bittet mich, ihr ein junges Mädchen vorzuschlagen, das sich, gewissermaßen wie eine ältere Schwester, ihrer sechsjährigen Erna annehmen möchte. Die Betreffende soll aus guter Familie, von feinem Benehmen und so gebildet sein, um den ersten Unterricht zu erteilen, jung genug, um an dem Umgange mit dem Kinde selbst Gefallen zu finden, und so zuverlässig, daß Frau von Westheim ihr dasselbe ohne Sorge überlassen kann, wenn ihre geselligen Pflichten sie in Anspruch nehmen. Das sind keine leichten Bedingungen, doch in Ihnen, liebe Nora, fänden sich alle vereinigt. Überlegen Sie daher, ob Sie geneigt wären, diese Stellung zu übernehmen.«

Eine heiße Röte war in Noras Wangen emporgestiegen, doch bezwang sie sich und erwiderte nur zögernd: »Ich weiß nicht, ob ich mich ohne Wissen meiner Eltern so binden darf, – wenn sie zurückkehren, würden sie mich sogleich bei sich zu haben wünschen.«

»Diese Umstände würde ich meiner Cousine klar legen«, entgegnete Frau von Mansfeld; »überhaupt bin ich gewiß, daß sie sich wie eine Mutter Ihrer annehmen und für all Ihre Bedürfnisse sorgen würde. Denken Sie ruhig über die ganze Sache nach, mein liebes Kind, sie bietet Ihnen viele Vorteile, doch haben wir keine Zeit zu verlieren, und ich muß noch heute Ihre Entscheidung haben.«

Nora küßte Frau v. Mansfeld die Hand und eilte aus dem Zimmer; heiße Thränen stürzten aus ihren Augen. »O Gott,« schluchzte sie, »stehe ich denn so ganz allein in der Welt, daß man mich willenlos hin- und herstoßen und unter wildfremde Menschen schicken kann? Vater, Mutter, warum habt ihr euer Kind verlassen, warum sorgt ihr nicht mehr für mich? ach, ich bin eurer Liebe, eurer Fürsorge so bedürftig!«

Sie strengte ihre Gedanken an, um einen Menschen zu finden, an den sie sich in ihrer Not wenden könnte; sie dachte an den Geistlichen, der sie eingesegnet und ihr so viel väterliches Wohlwollen bewiesen hatte, an Tante Cäciliens liebevolle Teilnahme – aber es schien ihr undankbar gegen Frau v. Mansfeld, einen andern Rat als den ihrigen zu suchen. Sie konnte auch nicht an ihre Mutter schreiben, denn ehe deren Antwort aus England ankam, war längst der Tag der Abreise da. Dann dachte sie an ihren kleinen Schatz, den sie schon manchmal hatte angreifen müssen, was sollte geschehen, wenn er auf die Neige ging? Sie hatte keine Ahnung, wie die Verhältnisse ihrer Eltern ständen, ob nicht ihre Mutter selbst in Verlegenheit sei. Nein, nein, es mußte geschehen, wie schwer ihr der Schritt auch fallen mochte! Sie schickte ein Gebet empor um Licht und Kraft zu mutigem Entschluß. Als Elly nach Hause kam, war sie ruhig und gefaßt. Sie wußte es im voraus, daß die Freundin mit ihrer ganzen Lebendigkeit gegen diese Wendung ankämpfen würde, aber sie blieb fest dabei, daß es so am besten sei und kein anderer Weg ihr offen stände. So teilte sie denn Frau v. Mansfeld ihre Entscheidung mit und wartete mit zitternder Spannung auf die Antwort, die in wenigen Tagen einlief und Nora für den ersten August auf eine Station der Eisenbahn beschied, wo Herr v. Westheim selbst das junge Mädchen in Empfang nehmen wolle, um ihr die zweistündige Postfahrt bis M. zu ersparen.

Es war am letzten Abend vor der Abreise; die beiden Freundinnen saßen eng umschlungen in ihrem kleinen Zimmer und tauschten Abschiedsworte und Zärtlichkeiten miteinander aus. »Meine Elly«, sagte Nora, »nie, nie kann ich dir und den Deinen genug für die rührende Liebe danken, die du, die ihr Alle mir in dieser Zeit meiner Verlassenheit erwiesen habt. Für immer bleibt dieser Aufenthalt in eurem Hause ein Lichtpunkt in meiner Erinnerung, o wie oft werde ich daran denken, wenn wir getrennt sind!«

»Sprich nur nicht von Dankbarkeit, Nora, wenigstens nicht gegen mich; alles, was ich dir thun und erweisen kann, ist nur der notwendige Ausdruck meiner grenzenlosen Liebe für dich. Um wieviel ärmer wäre ich ohne deine Freundschaft! O Nora, Nora, ich möchte meine Fäuste ballen gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals, das mir alles Gute gewährt und dir alles Schwere auferlegt, das mich auf Reisen schickt und dich in die Verbannung!«

»Sprich nicht so, mein geliebtes Herz, es ist ja kein rauhes, fühlloses Schicksal, sondern der liebe Gott selbst, der uns auf verschiedene Wege führt. Wieviele Mädchen müssen meinen Weg gehen, wieviele würden mich beneiden um die leichte angenehme Stellung!«

»Du bist ein Engel von Sanftmut und Güte, meine Herzens-Nora; und ich wundere mich nur, daß dir nicht längst schon Flügel gewachsen sind, um dich über uns arme Sterbliche zu erheben. Wenn Tante Westheim, die ich fast gar nicht kenne, wenigstens den Schatz zu erkennen wüßte, den sie in ihrem Hause haben wird, aber ich hörte ...«

»Nein Elly, sage mir nichts über sie, laß mich ihr vollkommen unbefangen gegenübertreten. Ich gedenke, will's Gott, meine Pflicht an der kleinen Erna treulich zu erfüllen, und gelingt es mir nur erst, mir ihr und ihrer Mutter Liebe und Vertrauen zu erwerben, so soll alles übrige mir nicht zu schwer fallen. Ich möchte doch so gern der Empfehlung deiner Mama Ehre machen«.

Schmerzlich war am nächsten Tage der Abschied, und heiße Thränen flossen auf beiden Seiten. Frau v. Mansfeld schloß Nora zärtlich in ihre Arme und erklärte, sie wolle ihr stets eine mütterliche Freundin bleiben und ihr in jeder Not und Verlegenheit mit Rat und That zur Seite stehen. Der Oberst und die Geschwister begleiteten Nora auf den Bahnhof; es war, als könnten die beiden Mädchen sich nicht trennen, und erst der gellende Pfiff der Lokomotive endigte ihre Abschiedsworte. Ein letztes Nicken und Winken – wehende Tücher und eine hochgeschwenkte Mütze – dann flog der Zug dahin, Heimat und Freunde blieben hinter Nora zurück – sie war allein.

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