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Mädchenlose

Brigitte Augusti: Mädchenlose - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorBrigitte Augusti
titleMädchenlose
publisherFerdinand Hirt & Sohn.
printrunZweite, unveränderte Auflage
year1888
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid7372b597
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Viertes Kapitel.

Friedliche Tage.

Schon längere Zeit war Nora im Mansfeldschen Hause, und niemand dachte an ihre Abreise. Ihr sanftes freundliches Wesen, das oft durch den Schatten einer rührenden Schwermut noch mehr gedämpft wurde, gewann ihr alle Herzen, und von Woche zu Woche erneuerte Frau von Mansfeld mit Wärme die Aufforderung, ihren Besuch noch länger auszudehnen, wobei allerdings stillschweigend der erste August als letzter Termin im Auge behalten wurde, da zu dieser Zeit eine längst beabsichtigte Reise angetreten werden sollte. Anfangs hatte Nora gehofft, ihre Eltern würden bis dahin schon zurückgekehrt sein, aber diese Aussicht verschwand; war auch die eigentliche Krankheit des Vaters überwunden, so schritt doch die Genesung unendlich langsam vorwärts, und immer wieder vertröstete Frau Diethelm Nora auf eine spätere Zeit, immer wieder ermahnte sie dieselbe, den Mut nicht sinken zu lassen, wenn ihr die Trennung unabsehbar lange dauern wollte.

Das Mansfeldsche Haus genoß den Vorzug eines kleinen Gartens, da es außerhalb des engen Wallgürtels lag, der die innere Stadt zusammenschnürt und die langen hohen Häuserreihen ohne namhafte Unterbrechung dicht zusammendrängt. Die Mädchen hatten sich mit Arthurs Hilfe ein lauschiges Plätzchen eingerichtet, wo sie manche ungestörte Stunde zubrachten, lesend oder plaudernd oder mit eifriger Arbeit beschäftigt; Frau v. Mansfeld war sehr erfreut über die ungewohnte Stetigkeit, welche Ellys Bestrebungen gewannen, über die Ausdauer, mit der sie ihre Studien betrieb, – sie hatte oft die ruhelose Flüchtigkeit rügen müssen, mit der die lebhafte Tochter von einem Gegenstande zum andern übersprang. Noras Gesellschaft und Teilnahme gab auch dem weniger Interessanten einen erhöhten Reiz, ihr Beispiel wirkte beruhigend und anregend zugleich. Elly erklärte oft, sie habe sich noch nie in ihrem Leben so glücklich gefühlt, wie jetzt, und drang scherzend ihrem Vater die Erklärung ab, daß zwei Töchter doch erst das wahre Glück eines Hauses ausmachten.

Der schüchterne Arthur, der im Gegensatz zu seiner muntern Schwester eine stille nachdenkliche Natur war, hatte von jeher eine geheime Verehrung für Nora empfunden, aber selten Gelegenheit gehabt, ihr einen Ausdruck zu geben. Jetzt bewies er sie dadurch, daß er sich auf jedem Spaziergange mit schweigender Entschlossenheit ihres Plaids bemächtigte und einen Schirm mitnahm, sobald sich nur ein Wölkchen am Himmel zeigte, um ihn bei ausbrechendem Regen über ihrem Haupte auszuspannen. Selten wagte er es, in Gegenwart anderer mit der Dame seines Herzens zu sprechen, und er errötete jedesmal, wenn sie ihn anredete, daher gab es Elly Stoff zu mancher Neckerei, als sie die beiden einmal in einer lebhaften Unterhaltung überraschte, die, wie es sich herausstellte, sich um Arthurs Steckenpferd, die Physik, gedreht hatte. »Du bist eine gefährliche Zauberin, Nora«, sagte sie und drohte ihr lächelnd mit dem Finger, »du verstehst es, die geheimen Lieblingspunkte aufzufinden, und wenn du sie berührst, verfallen die Herzen deiner Macht. Ich habe den guten Arthur früher zu manchem dummen Streich beredet, und manche Strafe hat er um meinetwillen getragen, aber stets hat er schweigend gehandelt und schweigend geduldet; erst du hast das Wunder vollbracht, seine Zunge zu lösen.«

Ein besonderer Liebling wurde Nora von Tante Cäcilie; die kleine feine Gestalt der alten Dame, ihr liebes mildes Gesicht, das stets im saubern Rahmen eines schneeweißen Häubchens erschien und Herzensgüte und Klugheit ausstrahlte, hatten immer schon Noras warme Sympathie erregt, und sie hatte oft gewünscht, der gütigen Frau näher zu treten, die so allein im Leben stand und sich doch einen freundlichen Humor, eine liebevolle Teilnahme für jeden bewahrt hatte, der in ihre Nähe kam. Jung und alt hing mit Zärtlichkeit an der alten Tante, die mehr durch das Band enger Freundschaft, als des Blutes mit dem Mansfeldschen Hause zusammenhing.

Die jungen Mädchen saßen an einem warmen Sommertage auf ihrem grünen schattigen Plätzchen, Tante Cäcilie hatte sich zu ihnen gesellt, Arthur war im Garten beschäftigt. Hoch errötend erschien er plötzlich am Eingang der kleinen Laube; er stutzte zwar, als er die Tante erblickte, trat aber auf Nora zu und überreichte ihr auf einem Blatt einige schöne große Erdbeeren. »Es sind die ersten von meinem Beet«, sagte er, »möchten sie Ihnen gefallen.«

»Wie freundlich, lieber Arthur, haben Sie besten Dank! Aber nun bleiben Sie hier und helfen sie uns, dieselben zu verzehren, dann werden sie uns sicher am besten schmecken.«

»Ich danke sehr – sie sind für Sie allein bestimmt«, stammelte er und eilte in großen Sprüngen dem Hause zu.

Elly lachte ausgelassen. »Die Leidenschaft dieses Knaben lodert immer heller empor«, rief sie lustig, »er brachte dir sein Geschenk so feierlich, wie ein Spendopfer, das ein Gläubiger auf dem Altar seiner Schutzgöttin niederlegt, und wären wir beide nicht als störende Zeugen dabei gewesen, er hätte dich sicher mit Versen angesungen, in denen sich Nora auf Aurora gereimt hätte.«

»Ich glaube, Elly wird eifersüchtig«, bemerkte die Tante schalkhaft, »der Tribut der Erdbeeren schneidet ihr ins Herz.«

»Liebe Tante, welche niedrige Meinung hast du von meinem Herzen! Ich gönne Nora das Schönste und Beste, was es auf Erden giebt.«

»Da thust du Recht daran, mein Herzchen; möchtest du nie eine so ungroßmütige, seelenverbitternde Regung, wie die Eifersucht, kennen lernen.«

»Es müßte doch schwer sein«, meinte Nora nachdenklich, »zu erfahren, daß ein Herz, auf dessen Liebe und Treue wir den höchsten Wert legen, sich von uns abwendet, um seine Neigung und sein Vertrauen einem andern zu schenken.«

»Schwer?« rief Elly, »ich könnte es nie ertragen; der, den ich liebe, soll mir stets sein ganzes Herz dagegen geben!«

»Und was würdest du thun,« fragte Tante Cäcilie, »wenn einmal das Gegenteil einträte?«

»O, ich würde schäumen, toben, mit den Füßen stampfen ....«

»Würde dir das ein Herz zurückgewinnen, die erkaltete Liebe wieder anfachen? O Kind, mit Toben und Schäumen kommt man nicht durchs Leben, und der liebe Gott fragt nicht danach, wieviel wir glauben ertragen zu können, er hat sein eigenes Maß. Ich glaubte auch, ich könnte den Jammer nicht ertragen, als mir mein Mann nach zweijähriger Ehe starb, und ich, ganz jung noch, mit meinem Knaben zurückblieb – meine Mutter war schon lange tot, mein Vater bald nach meiner Heirat gestorben, Geschwister hatte ich nie gehabt. Mein Sohn war meine Welt – und als er zwanzig Jahre später von mir genommen wurde, er, die einzige Stütze, der einzige Trost seiner Mutter, und ich ganz einsam dastand, da habe ich wieder gedacht, ich könnte es nicht ertragen – und mußte es doch und fand auch wieder den Mut, weiter zu leben. Das ist nun lange her, viele Jahre habe ich Zeit gehabt, mit meinen Schmerzen, meinen Entbehrungen vertraut zu werden; sie thun auch nicht mehr weh, aber sie lehrten mich alles im Leben mit andern Augen ansehen und füllten mir das Herz mit Heimatssehnsucht.«

Die Mädchen waren tief ergriffen von der einfachen Erzählung; Nora beugte sich herab, um in schweigender Ehrfurcht die kleine Hand zu küssen, und Elly rief aus: »Dein Leben, meine geliebte Tante, kommt mir vor, wie eine rührende Illustration zu dem tief ergreifenden Verse:

Anfangs wollt' ich fast verzagen,
Und ich glaubt', ich trüg' es nie.
Und ich hab' es doch getragen –
Aber fragt mich nur nicht, wie.«

»Ganz richtig, liebe Elly, bis auf den Schlußsatz; ich will dir's genau sagen, wie ich es ertragen habe, und wie wir überhaupt die Schmerzen des Lebens allein tragen und überwinden können: indem wir sie aus Gottes Hand nehmen und auch in den dunkelsten Stunden unverbrüchlich an dem Glauben festhalten, daß Gott die Liebe ist und es unmöglich böse mit uns meinen kann. Geduld und Ergebung, das sind die heilsamen Kräuter, die zwar anfangs bitter schmecken, aber mit der Zeit uns Genesung bringen von allen Leiden dieser Erde.«

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