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Mädchenlose

Brigitte Augusti: Mädchenlose - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorBrigitte Augusti
titleMädchenlose
publisherFerdinand Hirt & Sohn.
printrunZweite, unveränderte Auflage
year1888
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid7372b597
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Sechstes Kapitel

Einquartierung

Den 12. Juli.

Das war gestern eine Überraschung! Das Militär rückte im Laufe des Vormittags in Quartier, die Offiziere wurden sogleich auf ihre Zimmer geführt und erschienen erst kurz vor Tische im Wohnzimmer. Ich kam erst etwas später hinein, und die Vorstellung mußte wiederholt werden.

»Herr Lieutenant von Lilienkron, Herr Dr. Mansfeld – Fräulein v. Westheim.« Wir sahen uns einen Augenblick erstaunt an, dann rief Axel: »Bei allen Göttern, es ist die kleine Cousine Erna! Aber allerdings wunderbar verändert in den fünf oder sechs Jahren, seit ich sie zuletzt gesehen!« Er reichte mir herzlich die Hand.

»Ich weiß nicht, Cousinchen, ob Arthur Mansfeld die Ehre Deiner Bekanntschaft genießt, obgleich er sich naher Verwandtschaft rühmen kann.«

»Ich glaube, ich hatte vor etwa acht Jahren das Glück«, sagte Arthur, »aber ich hätte die Cousine freilich niemals wiedererkannt.«

Beim Mittagessen saß ich zwischen beiden Vettern, doch war die Unterhaltung eine allgemeine; Axel erzählte eine Menge lustiger Geschichten, welche den ganzen Tisch in Heiterkeit versetzten; Arthur verhielt sich ziemlich schweigsam. Erst später im Garten kamen wir in ein ungezwungenes, lebhaftes Gespräch; auf meine Frage erzählte er mir viel von seiner Schwester Elly, für die ich durch Nora natürlich großes Interesse habe.

»Ich hätte nie geglaubt«, sagte er, »daß aus meiner heitern, etwas ungestümen Schwester jemals eine Frau werden könnte, die ihre Stellung im Leben so würdevoll ausfüllt. Sie ist eine vorzügliche Hausfrau und versteht es, ihrem Hause ein ideales Gepräge zu geben, welches höchst anziehend wirkt. Freilich hat sie eine ausgezeichnete Stütze an ihrem Mann, der ein äußerst liebenswürdiger Wirt und geistvoller Gesellschafter ist. Ich habe meinen Schwager Wietinghof eigentlich erst kürzlich bei meinem ersten längeren Besuch bei Elly kennen gelernt, denn als sie sich verlobte, war ich auf der Universität, und so habe ich auch erst jetzt erfahren, wie schwer sie sich eigentlich ihr Glück errungen hat.«

»Wirklich?« fragte ich erstaunt, »ich glaubte, es wäre ihr spielend in den Schoß gefallen, sie kam, sah, siegte und wurde besiegt?«

»Doch nicht; sie erzählte mir jetzt erst, wie es ihr ergangen sei. Sie lernte ihren Mann im Badeort kennen, als sie eben erst erwachsen war, und er machte gleich einen bedeutenden Eindruck auf sie, doch schien es nur eine vorübergehende Bekanntschaft zu sein. Vier Jahre lang hörte sie nichts von ihm, sie hatte mehrere Anträge, und meine Eltern konnten sich gar nicht erklären, warum sie sich so gleichgültig gegen alle Bewerber zeigte. Aber sie legte an jeden den Maßstab, den sie durch Wietinghof gewonnen hatte, und da konnte keiner die Probe bestehen. Ich glaube, dies waren sehr schwere Jahre für Elly, ihre Neigung war scheinbar gänzlich aussichtslos, und doch konnte sie dieselbe nicht aus ihrem Herzen reißen; meine Mutter war sehr unzufrieden mit ihr und drang oft in sie, die Partien, die sich ihr boten, nicht auszuschlagen. Endlich traf sie wieder mit Wietinghof zusammen, der inzwischen einer auswärtigen Gesandtschaft attachiert gewesen war, und die alte Bekanntschaft führte nun schnell zur Verlobung; auch er hatte das lebhafte junge Mädchen nie ganz vergessen, aber erst jetzt fand er in ihr eine ebenbürtige Gefährtin.«

Diese Geschichte gab mir viel zu denken; wie unrichtig beurteilt man doch oft Menschen und Verhältnisse, weil man sie nicht genügend kennt. Ich begreife jetzt Noras grenzenlose Liebe für Elly viel besser, als früher, wo ich diese für ein recht verwöhntes Glückskind hielt, der ein seltenes Glück zu teil geworden war, das meiner Nora versagt blieb. Jetzt denke ich ganz anders über sie und finde die Treue, mit der sie ihre Liebe in allen Stürmen bewahrt hat, wunderschön und liebenswert.

Ich sprach Arthur mein Erstaunen aus, ihn als Arzt im Vaterlande zu treffen, da ich gehört hätte, er wolle Naturforscher werden und arktische oder tropische Gegenden bereisen; er erwiderte darauf, die Medizin sei immer sein Hauptstudium gewesen, er habe auch seiner Militärpflicht als Arzt genügt, doch sei der Plan großer Reisen keineswegs aufgegeben, er bedürfe aber langjähriger Vorbereitungen und eingehender Studien, die noch nicht vollendet seien.

Du siehst, liebe Mama, wir haben sehr ausführliche Unterhaltungen miteinander gehabt; es ist wunderbar, was das Gefühl der Verwandtschaft thut: mit keinem fremden Herrn, den ich zum erstenmal sah, hätte ich so unbefangen und vertraulich plaudern können.

Nachmittag unternahmen wir einen Spaziergang zu verschiedenen schönen Punkten, die hier so zahlreich sind; Herr v. Rothenburg war auch dabei, er hatte aber seine unnahbarste Miene aufgesetzt und war äußerst zurückhaltend. Warum sind manche Menschen so wetterwendisch, heute freundlich und zuvorkommend, morgen fremd und unliebenswürdig? Man macht sich unwillkürlich Gedanken über den Grund für solch ein wechselndes Benehmen.

Die Soldaten brachen heute ganz früh auf; wir nahmen daher schon gestern abend Abschied von den beiden Vettern. Die andern sind alle sehr von Axel Lilienkron eingenommen, der freilich durch seine Witze und Geschichten viel zum allgemeinen Amüsement beitrug; Rose besonders ist ganz entzückt von ihm und citiert ihn beständig. Mir hat Arthur mehr zugesagt in seiner ruhigen Art, die etwas sehr Vertrauenerweckendes hat. Er ist gewiß ein gescheiter, gründlich gebildeter Mensch, obgleich er in Gesellschaft leicht verstummt.

»Darf jetzt auch ein Nichtvetter wieder auf gnädige Beachtung hoffen?« fragte mich heute Herr v. Rothenburg. Ich sah ihn erstaunt an. »Wie meinen Sie das? Ich verstehe Sie ganz und gar nicht.«

»Gestern hatte die Verwandtschaft eine so hohe Mauer um Sie gezogen, daß ein gewöhnlicher Sterblicher gar nicht wagen durfte, sie zu durchbrechen.«

»Sollten wirklich meine Vettern die Baumeister gewesen sein? und nicht vielleicht andere kleine Leute, welche die Engländer the blue devils nennen?«

Er biß sich auf die Lippen. »Halten Sie mich für launisch?«

»Das ist eine Frage, deren Beantwortung ich Ihrem eignen Gewissen überlasse. Mein Bruder, wenn ich einen hätte, dürfte so viele Launen haben, wie er wollte, aber es müßten lauter gute sein.«

»Ich will es auch versuchen«, versetzte er ganz treuherzig, »ich möchte Ihrem Herrn Bruder gern recht ähnlich werden.«

Ich berichte Dir diese kleinen Unterhaltungen, liebe Mama, nicht, weil ich sie für besonders geistreich hielte, sondern weil Du oft gesagt hast, daß gerade die kleinen Züge einem Bilde Leben und Ausdruck gäben. Das wirst Du längst bemerkt haben, daß Herr v. Rothenburg hier im Hause eine bedeutende Rolle spielt; man nimmt sehr viel Rücksicht auf ihn, wozu seine Stellung wohl einiges beiträgt. Mir ist er anziehend, weil er sein und klug ist; er ist viel gereist, hat viel gesehen und gelesen und weiß sehr hübsch davon zu sprechen. Unter den jungen Herren, die ich hier zuweilen sehe, glänzt er als ein Muster der feinsten Form, und sein vorteilhaftes Aussehen trägt natürlich zu dem angenehmen Eindruck bei. Ich könnte es mir sehr hübsch denken, solch einen Bruder zu haben.

Den 13. Juli.

Eben habe ich einen Brief von Nora erhalten und muß zu Dir eilen, geliebte Mama, um Dir davon zu erzählen. Ich bin ganz erfüllt davon und kann mich doch gegen niemand darüber aussprechen. Sie schreibt: Vor ein paar Tagen hatten wir einen Besuch, der uns zuerst in einiges Erstaunen versetzte: Regierungsrat Freyenstein stellte sich uns als Bekannter des Lindenhorster Hauses vor und brachte uns Grüße von Dir und Klingemanns. Wir haben sonst wenig Beziehungen zu den Beamtenkreisen, und sein Zusammenhang mit den lieben Verwandten scheint auch kein besonders enger zu sein, so daß ich mir vergebens den Kopf zerbrach, was ihn eigentlich bewogen habe, uns aufzusuchen. Doch erwies sich die Bekanntschaft als eine so anziehende, daß ich bald aufhörte, zu grübeln, und mich gern dem angenehmen Eindruck seiner Persönlichkeit überließ. Er scheint hier sehr fremd zu sein, hat uns schon mehrere Male besucht und einen Ausflug mit uns gemacht. Ich freue mich immer, wenn ich jemandem, der Sinn für die Natur hat, die Honneurs unserer schönen Umgegend machen kann. Herr Freyenstein erzählte, er habe eine Zeitlang als Assessor in M. gearbeitet, es muß gerade damals gewesen sein, als ich in Eurem Hause war, und wir tauschten mit Vergnügen unsere Eindrücke von dem lieben Städtchen aus.

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