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Mädchenlose

Brigitte Augusti: Mädchenlose - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorBrigitte Augusti
titleMädchenlose
publisherFerdinand Hirt & Sohn.
printrunZweite, unveränderte Auflage
year1888
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
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Drittes Kapitel

Licht und Schatten

Den 13. Juni.

Gestern haben wir einen reizenden Sonntag verlebt. Der Morgen war so köstlich frisch, die Vögel schmetterten so fröhlich in den blühenden Gebüschen, eine so festliche Stille lag über dem Hof ausgebreitet, daß mir auf einem kurzen Gange durch den Garten weihevoll und froh zugleich zu Mute wurde. Als wir beim Frühstück saßen, erschien Herr Klingemann auf der Veranda und fragte, ob wir Lust hätten, nachmittag eine Spazierfahrt zu unternehmen, er könne uns heute jede beliebige Anzahl Wagen zur Verfügung stellen. Ein betäubender Jubel erhob sich unter der jüngern Gesellschaft, und eine Unzahl von Vorschlägen schwirrte sogleich durch die Luft. Mühsam gebot Fräulein Lietzner Schweigen und schlug nun ihrerseits vor, auf den Johannesplatz zu fahren, dort Kaffee zu kochen und danach auf der Wiese Spiele zu spielen; einige Jugend aus der Nachbarschaft könne dazu aufgefordert werden. Nun entstand ein neues, jubelndes Entzücken, das aber plötzlich gedämpft wurde, als Frau Klingemann erklärte, sie werde mit Bruno zu Hause bleiben, aber gern dafür sorgen, daß zu dieser Partie alles aufs beste vorbereitet werde. Einige Stimmen riefen: Bruno muß mit! andere: ohne die Mutter ist es kein Vergnügen! Die kleinen Mädchen hängten sich liebkosend an ihre Mama und sahen mit feuchten Augen flehend zu ihr auf. »Ich denke, Mutter, es geht, daß ihr beide mitfahrt,« sagte Herr Klingemann, »wir nehmen für euch das Coupé; gewiß finden sich Freiwillige, die für Bruno Decken und Kissen vom Wagen bis zum Lagerplatz tragen, ihn selbst übernehme ich. Der arme Bursche ist ja ziemlich wohl, das Wetter sicher und schön, es wird ihm selbst Vergnügen machen, und du kannst mit ihm nach Hause fahren, wann du willst.«

Lauter Beifall folgte; jeder war bereit, etwas für Bruno zu thun, die liebe Frau Klingemann gab ihre Zustimmung, und alles eilte auseinander, um für die Unternehmung thätig zu sein; die Knaben liefen nach dem Stall, um ihre Pferde zu satteln und als Boten zu einigen Nachbarn zu reiten, nachdem sie ermahnt waren, zu rechter Zeit zur Sonntagsfeier zu Hause zu sein. Es war eine belebte Scene, und ich hatte den Eindruck, daß ein so großer Familienkreis doch auch seinen besonderen Reiz habe.

Ich schloß mich Nora an, die mit Fräulein Lietzner und Rose in die große Speisekammer ging, die ich noch nie betreten hatte. Welche Vorräte sind hier aufgehäuft, es schien mir genug, um ganze Regimenter zu bewirten. Da waren unabsehbare Reihen von langen, dicken Broten aufgeschichtet; da standen große Körbe mit feinerem Backwerk, riesige Kuchen lagen auf großen Blechen, eine ungeheure Schüssel war hoch mit goldgelber Butter beladen. Rose hörte nicht auf, über mein Staunen zu spotten und zu lachen, und fragte, ob ich denn gewöhnlich im Monde lebte und gar keinen Begriff davon hätte, daß in einem so großen ländlichen Haushalt jeder satt werden wolle. Ich solle nur fleißig wiederkommen, dann würde ich sehen, wie schnell diese Vorräte ein Ende nähmen und immer neu ersetzt werden müßten. Unterdessen waren ein paar Körbe geholt und mit allerlei Eßbarem gefüllt worden, nach meiner Ansicht genug, um uns während acht Tagen zu sättigen.

Inzwischen war es neun Uhr geworden; die Glocke, welche zu den Lehrstunden und Mahlzeiten ruft, ertönte; alle versammelten sich in dem großen Wohnzimmer. Erhitzt und atemlos traten die Knaben ein; die Herren, auch Herr v. Rothenburg, folgten; jeder fand seinen bestimmten Platz; die Kinder scharten sich um Fräulein Lietzner, die das Harmonium spielt; einige Dienstboten stellten sich im Hintergrunde auf. Ein vollstimmiger Gesang, der durch die tiefen Männerstimmen eine wohlthuende Grundlage erhielt, eröffnete die Feier, eine schöne Predigt wurde von Herrn Klingemann vorgelesen, jedes der Kinder sagte ein Lied oder einen Psalm auf, dann sprach Dr. Kron, der eigentlich Theologe ist, ein freies Gebet, und abermaliger Gesang machte den Schluß, nach welchem sich die kleine Gemeinde still und ohne viele Worte zerstreute. Es war sehr feierlich und ging mir tief zu Herzen; es schien mir, als ob danach jeder dem andern noch liebevoller und herzlicher begegnete, selbst die alte Frau Klingemann sah milder und freundlicher aus, als sie mir je vorgekommen war.

»Nun müssen wir etwas zum Schmuck der Tafel thun,« sagte Rose, »wir wollen die großen Schalen mit Blumen füllen, man muß gleich sehen, daß es Sonntag ist.« Wir nahmen unsere Hüte und liefen in den Garten; es war eine wahre Lust, denn man braucht die Hand nur auszustrecken, so hat man den schönsten Strauß voll duftender Blütenpracht. »Die kleinen Mädchen müssen Kränze aufsetzen«, sagte Rose, »suchen Sie mir noch feine Gräser dazu, und für uns vier junge Mädchen, Tante Emma eingeschlossen, machen wir Sträußchen ins Haar und zum Vorstecken.« Ich sah ihr bewundernd zu, wie sie flink und zierlich alles arrangierte; ich versuchte es auch, ließ aber bald davon ab, denn was ich machte, sah steif und schwer aus.

»Wo haben Sie das nur gelernt?« fragte ich.

Sie sah mich lachend an. »O Sie Stadtkind! Wenn man mit den wilden Blumen in Wald und Feld zusammen aufwächst, lernt sich das ganz von selbst.«

»Ich glaubte, Sie lebten auch in der Stadt und wären jetzt nur zur Erholung aufs Land geschickt.«

»Nein,« erwiderte sie mit einem Seufzer, und ein dunkler Schatten flog über ihr heiteres Gesicht, »mein Vater besaß ein kleines Gut, nicht weit von hier, und ich habe meine Kindheit in goldener Freiheit genossen. Niemand fragte viel nach uns, meinem Bruder und mir; wir wuchsen auf wie die Hühner und Lämmer, man gab uns Futter und ließ uns laufen. Meine Mutter war früh gestorben, eine Tante hielt Haus bei uns. Der arme Papa hatte kein Glück, es ging immer weiter bergab mit uns – und eines Morgens erwachten wir als Waisen. Nun wurde alles verkauft, mein Bruder kam zu Verwandten am Rhein; seit acht Jahren habe ich ihn nicht wiedergesehen. Ich zog mit der Tante nach der Stadt, sie hatte ihr kleines Vermögen glücklich geborgen, ich habe es nicht schlecht bei ihr gehabt. Jetzt bin ich achtzehn Jahre alt und muß auf eigenen Füßen stehen; zum Herbst suche ich mir eine Stelle zur ›Stütze der Hausfrau‹ – wenn Sie einmal heiraten, Erna, so denken Sie an mich, ich werde Ihnen Ihr Haus hübsch in Ordnung halten.« Sie lächelte beim Schluß schon wieder; ich aber war so tief erschüttert von dieser Erzählung, daß ich kaum sprechen konnte.

»Arme Rose,« sagte ich leise, »wie ist es nur möglich, daß Sie immer so fröhlich sind?«

»Was würde es mir helfen, wenn ich jammern und weinen wollte? Die Sonne scheint doch auch für mich so hell, die Blumen blühen zu meinem Besten, und gute Menschen giebt es überall. Der liebe Gott richtet es schon so ein, daß er uns irgend einen Ersatz giebt, wenn er uns auch manches nimmt; mir gab er ein fröhliches Herz und einen leichten Sinn, und ich bin ihm aufrichtig dankbar dafür.«

Ich küßte sie herzlich – zum erstenmal – und bat ihr im stillen mein vorschnelles Urteil ab. Mit wieviel Gaben und Gütern hat mich Gott überschüttet! Ich kam mir plötzlich so undankbar vor, als hätte ich noch nie den vollen Wert meines Glückes empfunden.

»Was für Blumen soll ich für Sie nehmen?« fragte Rosa, »welche Farbe hat Ihr Kleid?« Es fiel mir schwer aufs Herz, daß ich vergessen hatte, mein neues Batistkleid tags zuvor zum Plätten herauszugeben, obgleich mich Nora daran erinnert hatte. »Mein blaues Baregekleid,« sagte ich etwas kleinlaut, »denn ich fürchte, das andere ist nicht glatt genug.«

»Nein, das paßt nicht zu einer Landpartie,« erwiderte sie entschieden, »Sie müssen ein helles, luftiges Sommerkleid anziehen.« Ich gestand meine Vergeßlichkeit und fragte schüchtern, ob ich das Kleid jetzt noch einem Mädchen zum Plätten geben dürfe.

»Nein, das geht nicht, die haben genug zu thun, und wir dürfen den armen Dingern Sonntags keine Extraarbeit aufpacken. Sie müssen es selber plätten, Erna, das ist eine gerechte Strafe.«

»Aber das kann ich nicht,« sagte ich sehr erschrocken, »ich habe noch nie ein Plätteisen in der Hand gehabt.«

Sie brach in ein lautes Gelächter aus. »Sind Sie eine Prinzessin, die immer eine Kammerjungfer hinter sich hat? Dann müssen Sie sie aber auch auf Reisen mitnehmen, denn ein bürgerliches Haus kann Ihnen keine stellen. Aber ich will Erbarmen mit Ihnen haben und selbst Ihre Jungfer sein; tragen Sie die Blumen hinein, ich laufe auf dem kürzesten Wege nach der Küche.«

Ganz beschämt raffte ich Sträuße und Kränze zusammen und trug sie zu Fräulein Lietzner, die sehr entzückt davon war. Ich wies alles Lob zurück und eilte auf mein Zimmer, wo ich einige Thränen vergoß, aus vielen verschiedenen Gründen, die ich Dir nicht alle aufzählen will, vielleicht verstehst Du mich auch ohne Worte.

Nach einer Weile klopfte Rose an: »Die Bolzen sind rot, bringen Sie mir schnell das Kleid.«

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, liebe Rose?« fragte ich sehr niedergeschlagen. »Nein, nein«, sagte sie lachend, »nur setzen Sie keine Jammermiene auf und sehen Sie mir nicht auf die Hände. Lieber lesen Sie mir etwas vor, aber etwas Großes, Gutes.«

Ich hatte die Scheffelschen Bergpsalmen und las ihr die ersten Gesänge vor; Du weißt, wie ich sie liebe: die erhabenen Worte und Bilder übten ihren alten Zauber auf mich aus, ich hatte bald alles um mich her vergessen.

»Fertig!« sagte Rose auf einmal und hielt mir mein Kleid vor Augen, so frisch und duftig, daß ich ihr um den Hals fiel und ihr aufs wärmste für ihre Freundlichkeit dankte.

»Ich habe Ihnen auch zu danken, Erna,« sagte sie herzlich, »Sie haben eine Stimme, die zum Herzen geht, und es thut dem Menschen wohl, sich so ganz über das Alltägliche zu erheben. – Sie müssen mir mehr davon vorlesen.«

Wie niedrig taxierte ich Rose, und wie sehr beschämt sie mich fortwährend! Ich glaube, ich werde sie noch sehr liebgewinnen.

Ich wollte, liebste Mama, Du hättest unsern Tisch am Sonntag sehen können, es war ein reizender Anblick; Blumen auf der Tafel, Blumen in den Haaren, auch die altern Herrschaften fanden jeder ein Sträußchen auf seinem Teller, die Herren steckten es ins Knopfloch. Jeder war in bester Sonntagslaune, und es herrschte eine vergnügte Unterhaltung; nur wenn es unten gar zu laut werden wollte, sandte Herr Klingemann einen mahnenden Blick herab und räusperte sich bedeutungsvoll – das wirkte wunderbar beschwichtigend.

Nachmittag, als die älteren Personen ihre Siesta beendet hatten, fuhr eine stolze Reihe von Equipagen vor; Herr Klingemann verteilte selbst die Glieder der zahlreichen Gesellschaft in die einzelnen Wagen. Einer nach dem andern fuhr mit seiner Ladung ab, zuletzt blieben Rose und ich allein übrig; eine allerliebste leichte Droschke fuhr vor, Herr v. Rothenburg schwang sich aus den Bock und ergriff selbst die Zügel. Es war eine lustige Fahrt; ich habe selten so viel gelacht, Rose war gar zu spaßhaft, ohne jemals unzart zu werden, auch Herr v. Rothenburg machte viele harmlose Scherze. An einer verabredeten Stelle trafen wir mehrere Wagen aus der Nachbarschaft, einige junge Mädchen mit Brüdern und Vettern, Kinder in allen Abstufungen gesellten sich zu uns, wir waren wohl dreißig Personen im ganzen. Nach kurzer Wanderung erreichten wir ein kleines Plateau, grün umkränzt von jungen Birken und dichtem Gesträuch, von einem Halbkreis von Rasenbänken umgeben. Der Hügel fällt steil ab zum Thal, inmitten grüner Wiesen fließt ein kleines Flüßchen, gegenüber erhebt sich wieder dichter Wald – ein reizender, idyllischer Punkt. Nun ging's an große Thätigkeit; einige machten einen bequemen Ruhesitz für Bruno zurecht, den sein Vater so lange auf seinen Armen trug, andere packten die Körbe aus und stellten alles zum Imbiß zurecht; die Knaben sammelten Reisig und fachten seitwärts ein riesiges Feuer an; mehrere Herren kletterten mit Kesseln zu Thal, um Wasser zu holen. Fräulein Lietzner kommandierte die ganze Schar, jeder mußte ihrem Wink gehorsam sein; und in nicht zu langer Zeit brodelte der Kaffee auf dem Feuer, lagen die Kuchenberge auf weißen Tüchern ausgebreitet, war die ganze Gesellschaft rund umher gruppiert. Die älteren Personen saßen auf der Rasenbank, die Jugend lagerte sich auf dem grün bewachsenen Boden; Rose eilte geschäftig von einem zum andern, schenkte Kaffee und Sahne ein, scherzte und lachte mit Großen und Kleinen. Ich sah sie mit andern Augen an, als früher, fand sie sehr hübsch und anmutig und freute mich zu sehen, daß mancher bewundernde Blick ihr folgte.

Nach dem Kaffee stieg die junge Welt ins Thal hinab, die Knaben in tollen Sprüngen voran, die Erwachsenen vorsichtiger hinterdrein; ein paarmal reichte mir Herr v. Rothenburg die Hand und half mir über schwierige Stellen hinweg. Aus der Wiese wurden allerlei lebhafte Spiele unternommen: »Bock, Bock schiele nicht,« »Katze und Maus« und dergleichen; doch fühlte ich mich bald ermüdet und zog mich auf ein halb verstecktes Plätzchen hinter einem blühenden Dornbusch zurück, von wo aus ich das bunte Treiben übersehen konnte.

»Sie lieben es nicht, sich unter eine so lebhafte Menge zu mischen, gnädiges Fräulein?« sagte plötzlich eine Stimme neben mir – es war Herr v. Rothenburg.

»Ich liebe es, dem wilden Lauf der Welt, wie von dem Ufer ruhig zuzusehen,« erwiderte ich unwillkürlich.

»Das habe ich gleich bemerkt, daß Sie einen Zug der Prinzessin Leonore in sich tragen. Ich kann es immer in Ihren Augen lesen, wie etwas Sie berührt, diese Sterne reden eine sehr verständliche Sprache.«

Ich fühlte, daß ich errötete, und ärgerte mich darüber. »Wenn Sie dieselbe nur nicht mißverstanden hätten! Jetzt eben z. B. steht darin geschrieben, daß es viel tapferer wäre, dort unten den Dritten abzuschlagen, als hier vor der Zeit auf Ihren Lorbeeren zu ruhen.«

»Seien Sie doch nicht so grausam, gnädiges Fräulein«, sagte er bittend und machte es sich noch behaglicher auf seinem grünen Sitz, »dies Plätzchen ist wirklich zu schön, um es wieder aufzugeben.«

»Ja,« versetzte ich, »ich bin auch täglich aufs neue von der Lieblichkeit der Gegend überrascht und entzückt.«

»Sie ist mir bisher noch gar nicht so anziehend erschienen, ich messe die Schönheit einer Umgebung am liebsten an dem Wiederschein, den sie auf ein empfängliches Auge, ein anmutiges Antlitz wirft.«

»Dann müssen Sie in Fräulein Rosas sonnigem Gesicht schon lange ein reizendes Spiegelbild gefunden haben.«

»Ach, der ewige Sonnenschein ermüdet; ich liebe einen Himmel, der mit Wolken umzogen ist, aus denen in einzelnen Augenblicken die Sonne um so siegender hervorbricht.«

Schilt mich nicht thöricht, liebe Mama, weil ich diese Unterhaltung so sorgfältig aufzeichne, sie soll Dir nur ein Pröbchen von Herren v. Rothenburgs Art und Weise geben. Natürlich spricht er in dieser Manier zu allen jungen Mädchen und sieht sie mit eben solchen Blicken aus seinen schönen ernsten Augen an; das erklärt den Zauber, den er allgemein ausüben soll. Für den Augenblick klingt es sehr schmeichelhaft, aber es ist nichts dahinter, und ich will mich nicht so leicht durch ein paar Schmeicheleien fangen lassen, wie die andern.

Inzwischen hatte sich die Gesellschaft auf der Wiese in einzelne Gruppen aufgelöst, die Knaben trieben Turnkünste, die kleinen Mädchen spielten Reifen, die Erwachsenen lustwandelten und kehrten allmählich zum Plateau zurück. Ich nahm meinen Platz neben Bruno ein, dessen Augen noch größer und lebendiger zu sein schienen, als sonst, und plauderte vergnügt mit ihm und Dr. Kron, der mein sehr guter Freund ist. Er beschäftigt sich viel mit polnischer Sprache und Litteratur und hat mir schon manchmal recht Interessantes davon erzählt. Jetzt klagte er, daß ihm jede poetische Ader versagt wäre, er würde sonst gern einige polnische Gesänge und Balladen, die viel Eigenartiges hätten, in deutsche Verse übersetzen. Ich bot ihm meine Hilfe an, er möge mir nur eine genaue Übersetzung liefern, ich wollte dann versuchen, sie in eine poetische Form zu gießen. Er nahm es mit Freuden an, und ich bin recht begierig, ob es mir gelingen wird.

Die mächtigen Körbe hatten sich von neuem geöffnet – es ist erstaunlich, wieviel man auf einer Landpartie zu seines Lebens Nahrung gebraucht – und nachdem sich alle erfrischt hatten, wurde der Wunsch nach Gesang laut. Die musikalischen Kräfte waren zahlreich vertreten; Quartette und zweistimmige Lieder, Chorgesänge und einzelne Stimmen ertönten und klangen wunderlieblich durch die reine balsamische Luft, während das Echo von den gegenüberliegenden Hügeln leise, leise nachhallte. Wir wurden nicht müde, zu singen und zu lauschen, bis Herr Klingemann energisch zum Aufbruch mahnte. Auf der Rückfahrt waren wir viel ruhiger, als auf dem Hinweg, aber mir war innerlich so recht froh und befriedigt zu Mute. Nach dem Abendessen ging ich noch lange mit Nora im Garten spazieren; der Mond warf zauberische Lichter über die Wege, tief unten am Mühlenteich schlug eine Nachtigall ihre elegischen Weisen. Ich hatte viel zu erzählen, manches zu beichten, und Noras eingehendes Verständnis, ihre milde Art, die so fern von jeder Weichlichkeit ist, bildete einen harmonischen Schlußaccord zu diesem schönen, inhaltreichen Tage, der neben aller Heiterkeit mir so manche Lehre ans Herz gelegt hat, die ich hoffentlich nicht vergessen werde.

Den 16. Juni.

Gestern hat meine geliebte Nora uns verlassen! Ich hatte schon in unserm Zimmer von ihr Abschied genommen und konnte sie draußen dem Ansturm der übrigen Hausgenossen überlassen. Es schien, als sollten die Küsse und Umarmungen, die letzten und allerletzten Worte kein Ende nehmen, bis Herr Klingemann dem Kutscher heimlich ein Zeichen gab und der Wagen plötzlich abfuhr. Mir war recht wehmütig zu Mut, als er hinter dem Hofthor verschwand. Die Knaben, die sich eine Freistunde erbeten hatten, warfen sich auf ihre Pferde und jagten ihm nach, um die liebe Tante bis an die Grenze zu begleiten; wir andern eilten auf den Schloßberg, um ihr von dort die letzten Grüße zuzuwinken. Es war ein hübscher Anblick, als die ganze Kavalkade unten auf der Chaussee sichtbar wurde; Herrn v. Rothenburgs Schimmel sprengte auch noch heran zum Geleit des geehrten Gastes, und wie eine Fürstin, welche die Huldigungen ihrer Unterthanen empfängt, fuhr unsere Nora davon.

Mit mütterlicher Güte legte Frau Klingemann ihren Arm um meine Schulter und sagte liebevoll, sie fürchte, ich werde mir ohne meine Freundin sehr verlassen vorkommen. Ich versicherte ihr, daß ich mich in ihrem Hause schon sehr wohl fühle, nur anfangs hätte mich das völlig Ungewohnte und Fremdartige etwas beängstigt, aber das sei längst überwunden. Darauf meinte sie, es könne ja nicht anders sein, als daß in einem so großen Haushalt der einzelne sich dem Ganzen füge und unterordne, wenn ich aber einen besondern Wunsch oder eine Klage hätte, so möchte ich mich nur vertrauensvoll an sie wenden. Ob mir Roses Art und Weise auch nicht störend sei? Dem widersprach ich lebhaft und sagte ihr, wie freundlich Rose immer sei und wie lieb ich sie schon gewonnen hätte, besonders, seit ich durch ihre traurige Lebensgeschichte einen Einblick in ihr ganzes Wesen erhalten habe. Wie froh war ich, das alles mit voller herzlicher Überzeugung aussprechen zu können! – Ich gewann durch dies Gespräch ein rechtes Vertrauen zu der sanften, gütigen Frau, die mir als das Ideal einer Mutter und Hausfrau erscheint – das heißt, meine einzige Mama, als ein Ideal in ihrer Sphäre; für unsere ganz abweichenden Verhältnisse bist und bleibst du mein höchstes Vorbild! –

Heute beim Frühstück fragte mich Rosa neckend, ob ich Lust habe, tüchtig zu helfen, es sei großer Arbeitstag.

»Es wird ein Schwein geschlachtet, und wir machen Wurst; Sie können recht froh sein, Erna, daß Sie es so gut treffen, sonst ereignet sich das kaum im Sommer, es geschieht zu Ihrem speziellen Besten.« Ich sagte, ich wolle kommen, es mir anzusehen, meine Hilfe könne ich nicht versprechen. Rose lachte.

»Das nenne ich vorsichtig, kleine Prinzessin! Aber wenigstens können Sie mir beistehen, das zweite Frühstück zu besorgen, damit Tante Emma sofort an die Arbeit gehen kann. Binden Sie Ihre tüchtigste Schürze um und kommen Sie mit in die Speisekammer.«

Rose hat eine Art zu kommandieren, die zwar scherzhaft klingt, aber keinen Widerspruch aufkommen läßt; ich legte mein Geschichtsbuch hin und that gehorsam, wie sie befahl. Sie schnitt die zahllosen Brotstücke, und ich mußte sie streichen. Aber wieviel Lehren bekam ich dabei! »Für die Kinder dickes Brot und dünne Butter, das thut der Jugend gut und stärkt die Zähne. Bruno erhält ein feines Scheibchen und ein Stück Fleisch dazu; Großmama liebt grobes Brot und reichliche Butter, sie ist immer für das Solide. Herr v. Rothenburg schätzt Klappbrötchen, der Schinken dazwischen muß in feine Streifen geschnitten werden, er ist ein Aristokrat in allen seinen Gewohnheiten. Dr. Kron ißt gern Käse, die Beamten brauchen energische Stullen gegen einen ehrlichen Hunger.« Mir wurde ganz schwindlig. »Wie können Sie das nur alles behalten, Rose? Ich würde alle nach dem gleichen Zuschnitt behandeln.«

»Ja, Sie würden einen reizenden Haushalt führen,« sagte sie lachend, »friß Vogel oder stirb! ist eine bequeme Losung. Aber wer sich sein Brot unter Fremden erwerben will, muß lernen, auf ihre Eigenheiten zu achten, und mir macht es Spaß, den Leuten ihre kleinen Liebhabereien abzulauschen.« Endlich war alles fertig, mir that ordentlich die Hand weh, doch hütete ich mich, es zu gestehen.

Wir gingen in die Küche, wo Fräulein Lietzner mit einigen Mägden schon in voller Thätigkeit war, während Frau Klingemann der Wirtin ihre Anordnungen gab. Rose streifte sofort ihre Ärmel in die Höhe, ergriff ein Messer und fing an zu schneiden; mir graute, als ich die fetttriefenden Hände, die blutigen Fleischstücke sah, und ich konnte mich nicht überwinden, es ihr gleichzuthun. Frau Klingemann hatte Mitleid mit mir und gab mir einige Gewürze zu stoßen, das war wenigstens eine reinliche Arbeit. Nach einer Weile, die mir sehr lang erschien, hörte ich draußen meinen Namen wiederholt und mit steigender Ungeduld rufen. »Da sind die Kinder,« sagte ich, »sie suchen mich im ganzen Garten und werden nicht wissen, wo ich stecke.«

»Gehen Sie nur zu ihnen hinaus,« meinte Fräulein Lietzner gutmütig, »wir wollen hier schon ohne Sie fertig werden.« Als ich an der Thür war, rief mich Rose; ich sah, wie die andere eine abwehrende Bewegung machte, sie aber sagte schnell: »Wollen Sie nicht die Übestunde mit Max übernehmen, Erna? Dann könnte Tante Emma hier ungestört dabei bleiben.« Ich sagte mit Freuden zu, es war mir äußerst lieb, mich nützlich zu machen und doch dieser schrecklichen, fettigen Atmosphäre zu entfliehen.

Die Kinder empfingen mich mit einem Freudengeschrei. »Gut, daß Sie endlich kommen, Erna,« rief mir der zehnjährige Max entgegen, »ich dachte schon, Sie würden die ganze Pause vertrödeln.« – »Aber Max,« sagte seine Zwillingsschwester Marie vorwurfsvoll, »es ist doch sehr gut von Erna, wenn sie uns erzählt, du darfst sie nicht schelten.« – »Ach was!« versetzte er, »gut oder nicht, sie hat's einmal versprochen, und sein Versprechen muß jeder halten. Ich kann doch unmöglich in die langweilige Klavierstunde gehen, ohne zu wissen, was aus dem Ritter Telramund geworden ist.«

Ob ich wohl in spätern Zeiten jemals ein Publikum finden werde, das mit solcher Spannung auf die Fortsetzung meiner Geschichten wartet? –

Die Klavierstunde war nicht so angenehm, als ich erwartete; ich kam mehreremale in große Gefahr, alle Geduld zu verlieren und energisch dreinzuschlagen, wenn die ungeschickten Finger immer denselben Fehler machten. Und Fräulein Lietzner erträgt diese Qual alle Tage, und noch nie habe ich sie darüber klagen hören! Mir wurde es auf einmal ganz sonnenklar, daß ich noch nie etwas geleistet habe, daß mein ganzes Leben bisher nur Vorbereitung war. Gott gebe, daß einmal ein recht gutes Resultat davon zu sehen sein wird.

Nach der Vesper bat mich Frau Klingemann, ihrer Schwiegermutter etwas vorzulesen; dieselbe sei unwohl und könne ihr Zimmer nicht verlassen. Natürlich war ich gern bereit und las wohl eine Stunde aus der Zeitung vor – gerade keine anmutige Lektüre! Welch eine verschiedene Physiognomie können doch die Tage in demselben Hause und unter denselben Menschen tragen! Über dem letzten Sonntag lag ein unbeschreiblich festlicher, poetischer Hauch ausgebreitet, das Landleben erschien von seiner anziehendsten, sonnigsten Seite, – der heutige Tag dagegen stellte die nüchternste Prosa dar und wirkte sehr abspannend. Freilich fehlte uns Nora, die vielleicht auch diesem Tage einen Reiz verliehen hätte. Übrigens würde Rose meiner Ansicht nicht beistimmen; sie kam eben, um sieben Uhr abends, glühendrot von der langen Arbeit in der heißen Küche, zu mir gelaufen. »Wir sind fertig!« rief sie triumphierend, »nun kommen Sie, unsere Leistungen zu bewundern.« In der Speisekammer lagen in langer Reihe die verschiedenen Sorten von Würsten; sie klopfte dieselben mit einer wahren Zärtlichkeit und fragte, ob sie nicht prächtig wären; Tante Emma erkläre, so gut wären sie lange nicht geraten. »Aber warum kauft man die Wurst nicht lieber beim Fleischer?« wagte ich zu fragen, »und erspart sich all die häßliche Arbeit und Mühe?« Sie sah mich mit entsetzter Miene an. »O Sie eingefleischtes, unverbesserliches Stadtkind! Wenn dieser Anblick Ihr Herz nicht bewegt, so gebe ich Sie auf, Sie werden nie, nie eine echte Landfrau werden! – Aber es muß freilich auch solche Käuze geben«, setzte sie lachend hinzu, »denn was sollte aus uns armen Stützen werden, wenn niemand unsere Unterstützung brauchte?«

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