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Madam Bäuerin

Lena Christ: Madam Bäuerin - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleMadam Bäuerin
authorLena Christ
year1993
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11670-6
titleMadam Bäuerin
pages3-133
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Andern Tags. Es mag so gegen drei Uhr morgens sein.

Die Schiermoserin steht sonntäglich angekleidet in ihrer ehelichen Schlafkammer und überrascht ihren Gemahl mit dem Morgengruß: »He du! Daß d' es woaßt, i fahr heunt auf Reisertal ume. – Werds scho firti werdn ohne mi. Habts ja a so die ganz Gscheite da – enka Stadtmadam!«

Der Schiermoser vermeint, er hätte nicht recht gehört, dreht sich ein paarmal hin und her, wischt sich mit der Hand über die Augen und sagt: »Jetz hat mir traamt, glaab i.«

Aber die Bäuerin läßt ihn nicht aus den Zähnen.

»Daß i auf Reisertal umefahr, hab i gsagt!« wiederholt sie. »Da braucht dir gar nixn z'traama! Und bals enk hungert, werd enk d' Stadtfrailein scho aufwartn! Schmeckt enk a so nimmer recht, bal i koch!«

Jetzt wird er allmählich munter, ihr Eheherr.

Und er beginnt langsam mitzudenken mit ihrer Rede.

Aber es fällt ihm keine Gegenrede ein; bloß das Wort »Rindviech« kreist in seinem Hirn herum und plagt ihn so lange, bis er es endlich laut und gewichtig ausspricht: »Rindviech!«

Und nachdem er es ausgesprochen hat, kann er weiterdenken und sich zur Frage aufraffen: »Zu was muaßt jetz du mitten in der Arnt auf Reisertal? Mitten an ein' hellichten Werktag?«

Es wird ihm aber nur der kurze Bescheid: »Halt aa. Weils mi gfreut.«

Und so muß er sich mit der Tatsache abfinden, daß heute einmal ohne Schiermoserin hausgehalten werden soll.

Er tut's auch, sagt gähnend: »Ja no; balst moanst, du muaßt, nachher fahrst halt. I halt di net auf!«, steht langsam auf und zieht sich gemächlich an.

Dann geht er hinüber zur Schlafkammer seines Sohnes und berichtet ihm die Neuigkeit mit den Worten: »Dei Muata muaß auf Reisertal heunt. Sie moant, ob d' Rosl net kocht. Eppan sagst es eahm. Du konnst besser umspringe mit dene Stadtleut.«

Franz ist zwar nicht wenig erstaunt, zu hören, daß seine Mutter unter der Erntezeit und noch dazu an einem Werktag fortfährt; weil aber der Reisertaler ein sehr guter Freund der Schiermoserischen ist, und besonders die Weiberleut immer Leid und Freud miteinander trugen, so denkt er weiter nichts dabei und erwidert bloß: »I werds ihr sagn, der Rosel.«

Da es aber erst gegen vier Uhr morgens ist, wird ihm der Weg zur Schlafstube der Sommergäste doch hübsch sauer, und er überlegt, ob er nicht lieber eine von den Mägden daheim lassen soll, damit sie koche und melke und sich ums Haus kümmere.

Die Schiermoserin ist derweil drunten in das kleine Gäuwägerl gestiegen, hat sich von einem Knecht die Zügel reichen lassen und treibt nun den alten Schimmel zur Fahrt an: »Wüah! Ziag o, Alter! Werst wohl d' Schiermoserin vo Berganger no vom Fleck bringa!«

Im selben Augenblick öffnet sich in der Kammer der Großmutter ein Fenster, und die Alte streckt ihren mit einem geblümten Tuch umwickelten Kopf aus demselben: »Ja, was is's denn?«

»A nixn!« tönt's abweisend zurück.

»Wo fahrst denn hi?«

»Zum Reisertal.«

»Ja, warum denn dös?«

»Weils Zeit zum Zuabaun... bevor a Unkraut wachst auf insan Acka!«

Die Alte horcht auf.

»Moanst du dee ander?«

Sie deutet mit dem Kopf nach der Seite, wo die Sommergäste wohnen.

Die Schiermoserin nickt hastig: »Mhm. – Es kimmt ma a so vür, als wenn anorts wo a kloans Feuer auskemma waar. Und da muaß i eppan hol'n zum Löschen, bevor's z'groß werd.«

»Du moanst oane vom Reisertaler...?«

Die Schiermoserin schlägt dem Gaul die Peitsche über die Schenkel.

»Vielleicht... Wern mir's scho sehgn... Wüah, sag i, alter Teifi...«

Und dahin ist sie.

Die Großmutter schaut ihr noch einen Augenblick sinnierend nach und schließt danach das Fenster, indem sie murmelt: »I hab mir's ja glei denkt! – Epps Guats ham die gar nia net im Sinn, dee Stadterer. – Aber auf insern Hof, da spitzens umasinst. – Da san mir aa no da und ham a Wörtl zu reden.«

Und mit dem Seufzer: »Ha, daß denn der Franzl gar so dumm is!« legt sie sich nochmals aufs Bett.

Franz hat inzwischen immer überlegt, ob er nicht doch lieber eine Magd zum Melken kommandieren soll; da hört er die Tür der Schlafkammer Rosaliens knarren.

Im Augenblick ist er draußen und steht vor dem verlegen lächelnden Mädchen, das fix und fertig angekleidet ist und leise sagt: »Dei' Muatta is furtg'fahrn, und da denk i, es könnt net schaden, wenn i a bissl dazuhilf zur Arbeit. – Wer melcht denn?«

In Franz gärt's und wurlt's: Herrgott ist das ein Maidl! Wär das eine Bäuerin!...

»I hab mir denkt, d' Nanndl oder d' Lies werd scho melcha«, lügt er vor Verlegenheit, denn er weiß, daß keine von den Weibsbildern, weder von den Töchtern noch von den Mägden, gern melkt.

Aber Rosalie sagt fest: »Dees braucht's net. Nehmt's es nur mit aufs Feld naus, alle. Bloß zum Füattern soll oans dableiben.«

Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als mühsam die übermächtigen, närrischen Gefühle zu unterdrücken und heiser zu murmeln: »Is scho recht.«

Da sie aber so flink über die Stiege hinabtrippelt, packt's ihn aufs neue, und er ist mit ein paar Sprüngen bei ihr.

»I bleib selber da zum Füattern!»sagt er, und mit einem Gesicht, als hätte er eben zwölf Bauern unter den Tisch geschlagen, geht er in den Stall, gefolgt von Rosalie.

Und so beginnt die Rechtsratstochter diesen Tag gleich einer jungen Bäuerin mit schwerer Arbeit.

Aber nicht lange währt es, da kann Franzl sich nimmer bezwingen.

Mittendrin, während sie draußen in der Speis'kammer den Rahm und die Milch verwahrt, ist er bei ihr.

»Rosel!«

»Franzl?«

»I muaß dir epps sagn!«

»Was möchtst denn?«

Sie muß achthaben, daß sie nichts aus den Schüsseln danebengießt.

Aber der Bursch weiß sich immer zu helfen.

Auf Ja und Nein hat er ihr die große Kanne aus der Hand gerissen, hat Rosel wild und fest in seine Arme gepreßt und in närrisch auflodernder Leidenschaft geküßt – ein, zwei, drei, ungezählte Male.

Und er nennt sie seine Bäuerin, sein liebstes Weib.

Faßt sie mit seinen Armen und trägt sie hinein in die Stube:... »Rosel... Madl... mei Madl...« Rosalie ist wie betäubt, wie von einem Traum umfangen.

Plötzlich aber besinnt sie sich – erwacht.

»Franzl! Ums Christi Willen! Bist denn du narrisch wordn. I... und... du! – Dees gibt a Unglück, Bua! Denk an dei Muatta und denk an die mei... und... denk... daß i ja scho oan... versprocha bin...«

Mit einem wilden Aufweinen stößt sie ihn von sich und rennt davon – hinaus in die Tenne – hinauf in den Heuboden. Aber der Bursch ist rasch hinter ihr und läßt sie nimmer aus den Händen.

Und sein Werben um sie wird immer heißer, seine Stimme immer leiser, seine Arme umschließen das erbebende Mädchen, und er hört nicht auf, zu bitten und zu betteln, bis endlich der Widerstand Rosaliens gebrochen, bis sie damit einverstanden ist, ihm anzugehören als sein liebes Weib, seine Bäuerin.

Und da die beiden endlich daran denken, ihr Tagwerk in Haus und Hof wieder aufzunehmen, da lacht ihr Mund und lachen ihre Augen.

Rosalie aber vermeint, die Sonne wär' nie schöner aufgegangen als an diesem Morgen, da der Franzl mitten unterm Füttern einen langen Juchzer ausstößt und sie danach lachend seine Madam Bäuerin nennt.

Und sie denkt, es möcht wohl gut sein, mit dem kernfrischen Burschen hier zu hausen als das, was er sie lachend eben nannte: als Madam Schiermoserin von Berganger.

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