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Madam Bäuerin

Lena Christ: Madam Bäuerin - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleMadam Bäuerin
authorLena Christ
year1993
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11670-6
titleMadam Bäuerin
pages3-133
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Tante Adele sitzt unterdessen schier verzweifelt in der Wohnstube und schreibt die Adressen für das Gepäck; denn nun soll es wirklich Ernst werden mit der Abreise. Rosalie selber wünscht es.

Die alte Dame grübelt vergebens darüber nach, wie denn dies möglich sein kann; die beiden Kinder, Franz und die Rosel, waren doch stets voller Lust und Liebe gewesen, und man konnte sich wirklich mit dem Gedanken vertraut machen, daß es bald zu einem Verspruch käme!

Was ist nur in das Mädel gefahren?

Riegelt sich das dumme Kind in ihr Zimmer ein, läßt die ganze Wirtschaft drunten stehen und liegen und überrascht einen mit der Mitteilung: »Morgen abend reisen wir!«

Natürlich ist das Wasser auf die Mühle der Frau Mama! Nun glaubt sie wohl, ihre Pläne durchführen zu können! Aber weit gefehlt!

Klarheit soll sein um sie!

Sie will sofort wissen, was los ist.

Gleich auf der Stelle.

Sie geht eilends an die Kammertür ihrer Nichte: »Roserl! – Roserl!«

Die erstickte Stimme des Mädchens erwidert leise: »Tante?«

»Ich möcht' was reden mit dir, Roserl.«

»Ich kann jetzt nichts reden, Tante. Vielleicht später.«

Man hört leises Weinen durch die Tür.

Die Tante ist voller Zorn und Mitleid – voller Neugier und Entschlossenheit.

»Roserl, ich muß dich bitten, daß du mir gleich aufmachst!«

Sie wartet eine kleine Weile.

Drinnen wird das Weinen mühsam unterdrückt.

Über die Stiege herauf aber kommt Franz.

Die Tante winkt ihm Schweigen zu und bedeutet ihm, er möge zu ihr treten. Dann wiederholt sie abermals: »Roserl, bitte, mach' mir sofort auf, wenn du nicht willst, daß ich dir ernstlich bös werd' und nicht mehr nach München mitgehe!«

Das hilft.

Langsam wird der Schlüssel umgedreht, und Tante Adele öffnet die Tür ein wenig.

Rosel steht am Waschtisch und ist bemüht, die Spuren der Tränen vom Gesicht zu entfernen.

Da zieht die Dame ganz unbemerkt Franz hinter sich ins Zimmer und schließt die Tür ab.

Durch das Geräusch des Schlüsselumdrehens aber wird Rosalie erst aufmerksam und schaut sich fragend um – und sieht sich Franz gegenüber, den sie doch nimmer treffen wollte und nimmer sehen!

Und der Bursch steht da und tut, als könnt' er nicht bis fünf zählen.

Ganz voller Verlegenheit ist er, und seine Augen hängen an ihr wie an einem Heiligenbild!

Und die Tante lächelt ihr feines Lächeln und sagt dann: »Soo. Also beisammen hätt ich euch nun. Und jetzt will ich wissen, was es gegeben hat, daß mir das Mädl nicht mehr hierbleiben will! Weißt du es, Franz?«

Sie wendet sich absichtlich zuerst an den Burschen; denn sie vermutet von ihm die Wahrheit zu hören, da sich so ein ungeschniegelter und etwas schwerfälliger Bauer doch sicher nicht so rasch herauswinden und – reden kann wie zum Beispiel ihre Nichte, die Rosel!

Aber was sie da erfährt, ist dergestalt, daß sie sich setzen muß!

Denn Franz sagt ihr ganz kurz und bündig: »Geben hats gar nix, Frailein. Aber geben tuats bald was. Und zwar a Hochzeit. I heirat d' Roserl, bals Eahna net unrecht is. Der Vater is net dawider, sagt er. Und d' Muatta muaß si halt damit abfinden. Und d' Roserl wird aa net naa sag'n, denk i. Was moanst, Roserl?«

Rosalie ist bleich geworden und wieder brennrot. Also da ist sie schon, die Frage! Ganz klipp und klar. Und ebenso klar wird ihre Antwort sein: Nein Franz! Sie würgt an dem Wort.

Aber es will nicht über ihre Lippen!

Da steht der Bub und sucht nach ihrer Hand – zieht sie ganz nahe an sich und schlingt seinen Arm um ihre Hüften und fragt nochmals leise mit zärtlicher Stimme: »Was sagst, Roserl? Magst mei liebe Schiermoserin werd'n? – Magst mi als dein Buam? – Geh, sag halt a Wörtl!«

Wie soll da ein Nein herauskommen!

Rosalie spürt, wie sie ein Zittern befällt, wie alle ihre Vorsätze gleich einem Kartenhaus zusammenfallen, und sie kann's nicht ändern: ihre Augen, ihr Mund, ihre Hände – sie sagen ja!

»Ja, Franzl. In Gottsnam. Recht is's ja net. Aber i kann net anders. Bei dir is mei Hoamatl. Bei dir ganz alloa.«

Tante Adele sitzt still und mit weitgeöffneten Augen auf ihrem Stuhl.

Das Glück hat sie sich nicht geträumt, heute! – Aber Gott sei Dank – die Hauptsach' ist, daß sie sich gefunden haben, die beiden!

Sie faltet unwillkürlich die Hände und murmelt einen Segenswunsch.

Und sie erhebt sich zufrieden und schließt die Tür auf, um hinüberzugehen zu ihrer Schwägerin und ihr die Verlobung ihrer Tochter mitzuteilen.

».So schonend, als mögliche meinte sie lächelnd; »denn wenn deine Mutter ihren Assessor so sang- und klanglos in die Versenkung fahren sieht, wird sie wohl die Kränke kriegen.«

Sie nickt Franz freundlich zu, indem sie seine Hände schüttelt, küßt Rosalie mit mütterlicher Zärtlichkeit auf die Wangen und geht.

Und Franz nimmt Rosel bei der Hand und geht mit ihr zum Vater, um ihm das liebe Bräutl vorzustellen und sein »G'segn dirs Gott« zu hören.

Tante Adele öffnet nicht ohne Herzklopfen die Tür zum Zimmer der Schwägerin. Ein wenig erfaßt sie doch die Angst, da sie sich die Szene ausmalt, die wohl folgen wird, wenn die Rätin von der Verlobung ihrer Rosalie hört. Daher geht sie ziemlich gedrückt und zögernd gleich einem Kinde, das einen schlimmen Streich gemacht hat und sich nun seine Strafe dafür holen soll.

Ganz lautlos schließt sie die Tür hinter sich und wirft einen unsicheren Blick durch die Stube.

Aber sogleich verfliegt ihre Beklemmung, denn die Rätin sitzt friedlich schlafend inmitten ihrer Körbe und Pakete, ihrer Koffer und Sofakissen. Und sie gewährt einen so erheiternden Anblick, daß Adele unwillkürlich ein leises Lachen ankommt.

Zugleich aber empfindet sie eine kleine Schadenfreude darüber, daß die Schwägerin, die gerade in den letzten Tagen der Hochmut und Dünkel selber war, nunmehr so hübsch von ihrem Thronsessel herabgesetzt und auf den Boden rauher Wirklichkeit gestellt werden soll.

Und aus dieser Freude heraus kann sie die alte Dame nicht mehr schlafen lassen, sie muß etwas tun, um sie aus ihrem Schlummer zu schrecken.

Daher stößt sie schmunzelnd in scheinbarer Unachtsamkeit einen niederen Hocker um, auf dem allerhand Fläschchen und Gläser stehen, und wartet auf die Wirkung.

Diese ist dem Einschlag des Blitzes gleich: die Rätin fährt mit einem lauten Schrei in die Höhe, ist einen Augenblick wie betäubt und wimmert dann wie ein erschrecktes Kind: »Was war das? Was ist passiert? Hilf mir doch, Adele! Was ist mit mir geschehen?«

Erst allmählich, da sie das spitzbübische Lächeln der Schwägerin bemerkt, weicht der Schreck, und sie wirft einen suchenden Blick in der Stube herum.

Da, ein neuer Aufschrei.

»Adele! Um Himmels willen! Meine Tropfen! Und die Hautcreme! Und das Kölnische Wasser! Das liegt ja alles auf dem Boden! Um Gott! Und das Bitterwasser fließt ja aus! Was hast du bloß gemacht!«

Sie steht gar nicht erst lange auf, sondern kriecht auf allen vieren, um alle Fläschchen zu retten und die Scherben aufzulesen.

Dazu jammert sie laut über das Unheil und redet sich in einen ordentlichen Zorn auf die Schwägerin hinein.

Diese hat sich immer noch schmunzelnd auf einen Stuhl gesetzt und denkt: jetzt ist die Stimmung günstig; jetzt lassen wir die Bombe platzen!

Und gerade, als die Rätin den verstreuten Puder mit zwei Glasscherben sorgsam zusammenstreift und wieder in die Büchse faßt, sagt sie: »Ich hab eine Neuigkeit, Schwägerin!«

Die aber hört kaum vor Grimm und Ärger. Eben schickt sie sich an, ein paar Stäubchen aus dem Puder zu blasen.

Da fährt Adele fort: »Unsere Roserl wird  n i ch t  den Assessor heiraten. Sie hat sich eben  h i e r  verlobt...«

Weiter kommt sie nicht mit ihrer Neuigkeit, denn die Rätin hat vor Schreck so stark in den Puder geblasen, daß sie aussieht wie ein Mühlknecht, was Adele so sehr zum Lachen bringt, daß sie momentan nicht mehr sprechen kann.

Ihre Schwägerin aber ringt nach Luft: »Waa...as sagst du da... Adele...?«

»Daß Roserl sich eben hier verlobt hat, liebe Schwägerin!«

»Das ist doch Unsinn! Rosalie ist doch längst verlobt!«

Aha. Jetzt kann's losgehen! denkt sich Adele nicht ohne Bosheit. Und sehr laut und bestimmt wiederholt sie noch einmal: »Es ist, wie ich dir sagte: Rosalie hat sich  h i e r  verlobt.«

Die Rätin rappelt sich vom Boden auf und versucht, eine hoheitsvolle Haltung einzunehmen.

»Das glaube ich nicht!« sagt sie, »davon hätte mich meine Tochter bestimmt vorher verständigt!«

Adele schmunzelt.

»Und wenn deine Tochter einmal ausnahmsweise dich nicht verständigt hätte?«

»Dann würde ich einfach entschieden nein sagen!« braust die alte Dame auf, »und wenn's ein Prinz wäre!«

»Das ist er gar nicht einmal!«, fährt's Adele heraus, »nicht einmal ein Assessor!«

Die Rätin wird unsicher.

»Du willst doch nicht etwa sagen, liebe Adele, daß meine Rosalie...«

»Sich mit Franz Schiermoser soeben verlobt hat!« ergänzt diese lachend; »und zwar ganz ohne alle Zeremonien!«

Die Wirkung ihrer Worte ist furchtbar.

Die Rätin stößt einen heiseren Schrei aus, ihre Arme fuchteln wild in der Luft herum, und dann bricht ein wahrer Sturm der Entrüstung, des Schmerzes und Zornes los.

Sie zertrümmert ein Glas ums andere, ein Parfümfläschchen ums andere, rauft sich das Haar und rennt wie toll geworden in der Stube hin und her.

»Das ist eine Infamie!« ruft sie aus, »das ist eine himmelschreiende Infamie! – Mit diesem Bauern hat sie sich... Ohne Rücksichten! – Ohne Grundsätze! – Ohne Stolz und Standesgefühl! – Das ist hahnebüchen! – Das ist einfach unglaublich! – Aber daraus wird mir nichts! Und wenn ich mich auf den Kopf stellen sollte...«

»Was du aber gescheiter bleiben läßt!« meint Tante Adele nicht ohne Spott. »Denn es würde erstlich deiner Frisur schaden und zweitens sich doch gar nicht schicken... für eine Dame von Stand...«

Sie muß sich ducken, denn eine Blumenvase kommt geflogen.

Und die Rätin tobt wie eine gereizte Tigerin.

Aber mittendrin schaut sie in den Spiegel und besieht sich.

Und der Anblick ihres mehlbestäubten, halb aufgelösten Ichs bringt ihr plötzlich wieder ihre gute Erziehung in Erinnerung.

Sie entfernt hastig den Puder vom Gesicht, ordnet das wirre Haar, bürstet das Kleid ab und sagt dann mit theatralischer Geste: »Ich reise sofort ab. Ich sage mich los von euch. Ich werde das ungeratene Ding schon strafen. Ich enterbe sie.«

Leider übt auch dies keine Wirkung auf die lächelnde Schwägerin aus. Adele meint nur, wo nichts ist, hätte auch der Kaiser das Recht verloren, zu erben.

Worauf die Rätin schluchzend das Taschentuch an die Augen führt, den unglücklichen Assessor beklagt, ihren Reisemantel anzieht, den englischen Hut mit dem Schleier aufsetzt und sich danach trotz Gicht und Altersschwäche auf den Weg zur Bahn macht.

Tante Adele läßt sie ruhig gehen, lacht leise in sich hinein und murmelt: »Das wär gscheh'n. Das ist leichter gegangen, als ich gehofft hab. – Jetzt geht's hinter sie selber – hinter die Schiermoserin.«

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