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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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VII

Lobositz war ins Adlon zurückgekehrt.

Was sollte er mit dem Abend beginnen? Berlin ist ihm nach diesem tragikomischen Erlebnis verleidet. Am liebsten möchte er noch einen Nachtschnellzug benützen, um fortzukommen; aber der Portier sagt ihm, daß es unmöglich sei, so spät noch einen Platz im Schlafwagen zu bekommen.

So setzt er sich an den Schreibtisch, akkreditiert Herrn Leßner, dessen Visitkarte er eingesteckt hat, beim Hause Mendelsohn und gibt genaue Anweisungen, was zu geschehen hat.

Plötzlich holt ihn der Boy zum Telephon:

»Eine Dame wünscht den Herrn Grafen zu sprechen ...«

Verärgert steht er auf: Das kann nur Anna sein ... Was will sie noch?!

»Hier Lilith«, klingt es durchs Telephon.

Lobositz ist wie elektrisiert.

»Lilith? Sie? Sie? Auf einmal?«

»Wollen Sie noch heute abend mit mir ausgehen?«

»Selbstverständlich!« antwortet Lobositz eifrig.

»Also gut. Ich werde Sie um acht Uhr vom Adlon abholen.«

Lobositz ist ein anderer – die schlechte Laune ist verschwunden.

Was soll das? Was bedeutet das? Was wird er hören?

Er beeilt sich, den Frack anzulegen. Um acht Uhr ist er bereit.

Lilith ist pünktlich zur Stelle.

Ihr Kleid ist ganz billiger Crepe-Georgette, hellgrün. Aber sie sieht reizend aus.

Die blauen Augen leuchten fieberhaft, von dunklen Schatten umzogen.

»Sie wundern sich, daß ich gekommen bin? Aber ich mußte Sie noch sehen ... und da Sie morgen abreisen, gibt es keinen anderen Weg als diesen. Ich muß mich mit Ihnen aussprechen ...«

»Also, dann wollen Sie kein Theater?«

»Gott bewahre! Ich habe gar keine Geduld, mir fremde Schicksale vormachen zu lassen, wo mich mein eigenes nicht zur Ruhe kommen läßt – nur kein Theater!«

»Also vielleicht nehmen wir das Diner hier im Hause und gehen dann noch in irgendeine Bar – oder Diele, wie Sie hier sagen ... Sie verzeihen, ich muß mich erst in die deutschen Ausdrücke gewöhnen ...«

»Ich bin mit Ihrem Vorschlag einverstanden.«

Im verborgensten Winkel des Restaurants nehmen sie Platz.

Ein Paravent und grüne Blattpflanzen sorgen für möglichste Isolierung.

»Bestellen Sie zum Speisen, was Sie wollen – mir ist alles egal – und einen Tropfen von irgendeinem schweren Wein – mir ist so schwach und elend ...«

»Ein Glas Malaga«, befiehlt Lobositz.

Weder Lobositz noch Lilith hatten Appetit. Die nervöse Spannung bei beiden war übergroß. Das Diner war eine Qual, die überstanden werden mußte.

Lilith fühlte den bohrenden, fragenden Blick ihres Gegenüber, der in ihrer Seele lesen wollte. Sie sah die dunkle Röte der Erregung unter der Tünche seiner tiefgebräunten Wangen. Sie sah das nervöse Beben seiner hageren, sehnigen Hände – und war zufrieden.

Schauernd empfand sie, wie sein Kennerblick über ihre Schultern und Arme wegglitt, wie er den zarten festen Busen zärtlich streifte.

Allmählich begann dieses Fieber auch sie anzustecken, und sie empfand, daß ihr Gegenüber ihr auch als Mann, nicht nur als Millionär, ein gewisses Interesse einflößte.

Ein Blick verriet ihn – und verriet sie ... und eine Sekunde lag seine Hand zärtlich und besitzergreifend auf ihrer – ohne daß noch ein Wort gefallen wäre.

Die Erinnerung an die Mutter war in ihm völlig erloschen.

Er liebt die Tochter mit einer Liebe, die er der Mutter nie entgegengebracht hatte: heißer, wütender, begehrender.

Und das junge Mädchen verstand ihn, wie ihn die Mutter nie verstanden hat und hätte.

Es wirbelt ihm durch den Kopf ... Was soll da werden? Was geschehen? Was durfte er? Was durfte er nicht? Durfte er seinem Verlangen nachgeben? Jede Hemmung verlachen? Oder gab es eine Pflicht der Anständigkeit für ihn, der Rücksichtnahme auf bürgerliche Ansichten und Vorurteile? Sollte er sich zurückziehen, ehe das erste verhängnisvolle Wort gesprochen war? Sollte er nur den väterlichen Freund spielen und sie gütig auf die Bahn der Bürgerlichkeit zurückführen?

Endlich war das Diner zu Ende, und man konnte sich erheben.

Ich glaube, wir haben einiges zu besprechen ... hier in dieser Umgebung geht das nicht gut ... Lilith, Sie sind in Berlin zu Hause – machen Sie einen Vorschlag, wohin wir gehen könnten.«

»Drüben im Westen, in der Nähe des Kurfürstendammes, weiß ich eine kleine Diele, die sehr behaglich ist, mit Nischen und Winkeln und einer gedämpften Beleuchtung. Dort würden wir gewiß noch ungestörter reden können.«

»Also gut; fahren wir hin! Sagen Sie dem Chauffeur die Adresse!«

Im Auto lehnt jedes in seiner Ecke, als ob er vor dem andern am liebsten fliehen würde, in der unendlichen Angst einer Hochspannung der Nerven, die sich jeden Moment elementar auswirken konnte.

Dann fanden sich die Hände zu einer bebenden Brücke.

Er fühlt die Eiseskälte ihrer Erregung und sie das Brennen seines fiebernden Blutes.

Und er liebt ihre Kälte – und sie seine erlösende Wärme ...

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