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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 54
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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LIII

Wie der Wolf im Käfig geht Lobositz unermüdlich in seinem Zimmer auf und nieder.

Hat der Alte gelogen – oder nicht?

Er hat nicht gelogen. Er hat die Wahrheit gesprochen. Es wird so sein – es muß so sein.

Es hat ihn furchtbar getroffen.

Alles ist zusammengestürzt, niederkrachend auf einen einzigen Hieb wie ein morscher Baum.

Er hat geliebt. Er hat geglaubt, er hat in einer künstlichen Traumwelt gelebt. Die mitleidigen Vorhänge sind weggerissen, der graue Morgen sieht herein.

Das Phantom der wiedereroberten Jugend ist entlarvt und zerstört.

Komödie! Nichts als Komödie!

Sein Geld war es, das geliebt wurde – aber nicht er.

›Und ich alter Narr und Esel ...‹

Aber man wird es ihm nicht anmerken. Er hat gar keine Lust, eine komische Figur zu spielen. Aber spielen wird er! Wie die Katze mit der Maus, ehe sie ihr in den Nacken beißt, gerade dort, wo ihr der Angstduft des Opfers gefällig in die Nase steigt.

Nach einem bißchen Angstduft des Opfers sehnt auch er sich. Letzte Sehnsucht des Verhöhnten, der kein Schwächling ist und es liebt, heimzuzahlen!

Oh, er war immer ein guter Zahler und ein geduldiger Hasser. Er konnte warten, bis der Moment kam, der ihm sein Opfer auslieferte.

Tödlich verletzte Eitelkeit, beschämtes Gefühl eines Mannes, bei dem das Gefühl so selten, wie die kostbare Blüte der Aloë, verlangt Genugtuung. Ein Herz, das sich nicht panzern kann, zerbricht. Also Panzer angelegt: liebenswürdiges Lächeln, eisige Höflichkeit, unerbittliche Grausamkeit; Vernichtungswille im Konversationston – lautet das Programm.

Und vor allem – kein Wort glauben. Natürlich wird sie alles leugnen. Er hat sie nicht erwischt, es gibt keine Zeugen. Und wenn es Zeugen gäbe! Lilith wäre wahrscheinlich fähig, noch im Augenblick, wo er sie selbst in den Armen Tarnowskis gefunden hätte, zu sagen: »Ja, wenn du deinen Augen mehr traust als meinen Worten, da kann ich dir nicht helfen.«

Wer einen Menschen, wie ihn, in diese Sicherheit wiegen konnte, wer so den reinen Ton der Unschuld festhalten konnte – und dennoch schuldig war, der war reif, abgestoßen zu werden, ohne Rücksicht, Gefühl oder Mitleid.

Wie ein Raubtier auf der Lauer, gehalten und sprungbereit, sitzt Lobositz vor dem Schreibtisch und verfolgt den vorrückenden Zeiger der Uhr.

Drei Minuten nach fünf.

Die Schnalle der äußeren Tür wird niedergedrückt.

Das ist sie!

Lobositz schnellt auf.

Haltung und Ruhe.

»Verzeih, wenn ich mich ein paar Minuten verspätet habe ... Aber um Gottes willen, wie siehst du denn aus? Was ist dir passiert?«

»Oh, nichts von besonderer Bedeutung. Es hat sich nur ergeben, daß ich morgen allein nach Sao Paolo reise.«

»Du nimmst mich nicht mit? Ich soll allein hier bleiben? Und soll warten, bis du wiederkommst?«

»Du brauchst nicht zu warten. Und du brauchst auch nicht zu warten, bis ich wiederkomme – ich komme nicht mehr. Ich habe genug von Europa – und auch von dir«, fährt er plötzlich heraus und vergißt seine Haltung.

Lilith wird totenblaß.

»Ist das ein schlechter Witz – oder ...«

»Nicht im entferntesten – es ist mein Ernst. Ich lege kein Gewicht mehr darauf, mit dir verheiratet zu sein.«

»Und du glaubst, ich werde mich so einfach wegschicken lassen? – Oder sagen wir rund heraus – hinauswerfen? Ich werde mich meiner Haut wehren – mit aller Kraft!«

»Das wird dir verdammt wenig nützen.«

»Du hast keinen menschlichen Grund zu diesem Vorgehen – eine bloße Laune. Ich kenne dich nicht von dieser Seite.«

»Ich habe dich eben auch von einer neuen Seite kennengelernt ...«

»Wieso?«

»Ich komme soeben von der Rue Taitbout 41 – dritter Stock ... Kennst du diese Adresse?«

Lilith ist einen Moment fassungslos.

Sie weiß nicht – was er weiß – und was nicht. ›Wer hat mich verraten? Und was?‹

»Gewiß kenne ich diese Adresse – aber ich habe mir höchstens vorzuwerfen, daß ich aus Rücksicht für dich geschwiegen habe. Ich wollte keinen Skandal. Ich habe einen armen, halbverrückten Menschen beruhigt – weiter nichts.«

»Du bist seine Geliebte geworden? Der alte Narr hat es mir selbst gesagt.«

»Vielleicht hat der alte Narr dich gehaßt und Gründe gehabt, dich niederschmettern zu wollen – und hat dich angelogen. Seit wann hört ein vernünftiger Mensch auf alte Narren? Wenn du dort gewesen bist, dann mußt du wissen – daß ich nicht dort war.«

»Du warst aber auch nicht bei Poiret – ich habe mich erkundigt.«

»Gewiß nicht! Ich war im Park Buttes-Chaumont – weil ich eben nicht in einen geschlossenen Raum gehen wollte, um jeden Verdacht zu vermeiden.«

»Du bist nie in der Rue Taitbout gewesen?«

»Doch – einmal ... Aber mit dem Revolver in der Tasche ...«

Und sie öffnete ihren Perlenbeutel und zeigte den Revolver.

»Und wer hat mir diesen Brief und diesen Schlüssel geschickt und mich geheißen, dort nach dir zu sehen?«

»Wahrscheinlich der alte Narr, von dem du gesprochen hast, der dich hinlocken wollte ...«

»Weißt du, wer der Alte ist?«

»Ich habe keine Ahnung – ich habe ihn noch nicht gesehen, nur von ihm gehört.«

»Und weißt du, wer Graf Tarnowski ist – wirklich ist?«

»Gewiß. Ein Hochstapler und Lügner und ein – verliebter Schwindler ... und eine komische Figur für mich.«

Lobositz schwieg betroffen.

Lilith erspäht blitzschnell ihren Vorteil.

»Glaubst du wirklich, daß ich mich mit einem Menschen, den ich so durchschaue, in etwas einlassen werde? Dich aufs Spiel setzen für einen – Tarnowski? Hältst du mich wirklich für so dumm oder so leichtsinnig – oder so undankbar? Glaubst du, ich weiß nicht, was ich dir danke? Du hast mich emporgehoben, du hast einen Menschen aus mir gemacht – ich bin dein Werk. Soll ich dein Werk zertrümmern – oder willst du es mit einem bloßen dummen Verdacht? ... Gehe doch der Sache nach! Bleiben wir hier, untersuche, prüfe – und komme zur Erkenntnis, wie bitter du mir unrecht getan hast.

Mein Gewissen ist rein ...

Wenn du es vor dir verantworten kannst, mich wieder hinabzustoßen in die Tiefen, aus denen du mich heraufgeholt hast – dann bitte, tue es! Ich werde es ertragen müssen! Ich bin ja nicht die erste Frau, die von einem brutalen Mann zur unfreiwilligen Dirne gemacht wurde – und das wird mein Los sein. Nach Hause gehe ich nicht mehr. Bisher habe ich diesem lächerlichen Tarnowski widerstanden ... Aber wenn du mich in seine Arme treibst – bitte. Dann hast du mich eben nie geliebt und hast einen Vorwand gesucht, mich loszuwerden ... Oh, ich will es dir leicht machen! Ich habe früher gesagt: ich bestehe auf meinem Recht, deine Frau zu heißen. Ich verzichte darauf! Ich gehe – und verlange nichts. Nicht einen Sou. Ich werde mich selbst erhalten. Und den Schmuck, den du mir geschenkt hast, kannst du auch wieder haben. Arm, wie ich gekommen, will ich wieder gehen.«

In diesem Augenblick wurde hastig und energisch an die Türe geklopft und fast gleichzeitig geöffnet.

Der erste Sekretär des Hotels tritt mit verstörter Miene ein:

»Es ist ein furchtbares Unglück geschehen. In der Salle d'Attente hat sich ein Graf Tarnowski angeschossen – sein Leben zählt nur mehr nach Minuten. Er bettelt, man möge nachsehen, ob Frau Gräfin zu Hause sind – er möchte sie nur noch einen Moment sehen.«

Sekundenlanges Schweigen.

Lobositz' Augen liegen schwer auf Lilith.

Lilith weiß: diese Sekunde entscheidet.

Kühl und abweisend sagt sie dem wartenden Sekretär:

»Der junge Mann tut mir sehr leid – aber ich habe keine Ursache, seiner Bitte nachzukommen.«

Mit stummer Verbeugung verschwindet der Sekretär.

»Lilith, jetzt glaub' ich dir«, schreit Lobositz von einer ungeheuren Qual erleichtert auf. »Jetzt kann ich dir wieder glauben!«

»Gott sei Dank, mein geliebter Freund!«

»Und morgen schiffen wir uns in Boulogne ein – und dieses ganze Europa wird wie ein lästiger Traum hinter uns versinken!«

Und er will sie zärtlich in seine Arme schließen.

Aber sie weicht ganz plötzlich zurück – wie von einer unsichtbaren Gewalt gezogen, zu seinem grenzenlosen Erstaunen ...

Mit einem ganz fremden, fernen Blick bleibt sie an der Türe ihres Schlafzimmers angelehnt stehen.

»Was hast du, Lilith?«

»Also, hast du mir vergeben?«

»Ich habe dir doch nichts zu vergeben.«

»Nein, gewiß nicht ... Nicht in jenem Sinne, wie du es meinst.

Aber ich will dir nur sagen, daß ich es jetzt bin, die Schluß macht – du kannst morgen allein fahren ...«

»Bist du wahnsinnig geworden auf einmal? Was fällt dir ein?«

»Ich habe dir nur beweisen wollen, daß ich dich halten kann, wenn ich will. Daß ich dich unterkriegen kann, wenn ich will – daß es dir nicht gelingt, mich loszubringen, wenn ich nicht will ...«

»Aber ich will gar nicht!«

»Der arme Tote da unten war kein Held – alles andere aber. Aber einmal hat er ein echtes Gefühl gehabt, und für dieses Gefühl ist er eingetreten – für dieses echte Gefühl ist er in den Tod gegangen ...

Sterben will ich nicht – aber für mein Gefühl eintreten will ich auch ...

Ich mag dich nicht mehr!

Du warst der erste Mann, der mir in den Weg gekommen, das erste große lockende Abenteuer – es ist ausgelebt.

Du bist alt und müde und verbraucht – und ich bin jung und schön und heiß. Ich will noch Jugend um mich und brausendes Leben. Du bist fertig und hast genug gelebt, meine ich. Du hast mit mir nur ein letztes großes Abenteuer gehabt – wie ich mit dir mein erstes. Ich habe dir meine erste heiße Liebe geschenkt – du mir deine letzte – und noch ein paar Kleinigkeiten dazu ... Wir sind quitt.

Gräfin sein, eine gesicherte Existenz zu haben, reizt mich nicht, wenn ich gezwungen bin, sie mit dir zu teilen.

Ich habe geglaubt, ich werde mich überwinden können und vernünftig sein können – aber es scheint, daß ich doch noch zu jung bin, um bloß vernünftig zu sein ... Vielleicht später einmal – jetzt freut es mich noch nicht. Im Augenblick, wo es ernst werden soll, fühle ich es. Hinüber in die Neue Welt – auf dich allein angewiesen, eingesperrt, bewacht ... Vogel im Käfig ... mich in Sehnsucht verbluten?

O nein!

Paris hat mich aufgeweckt. Ich werde hier meinen Weg machen – legitim oder illegitim ...

Also, bitte, gib mich frei!«

»Nein!«

»Du – ich zwinge dich! Du wirst es bereuen ... Ich sag' dir, gib mich frei!«

»Niemals! Du bleibst meine Frau – und ich lasse dich nicht ...«

»Auch nicht, wenn ich dir sage, daß der alte Narr doch recht gehabt hat.«

»Du lügst mich jetzt an.«

»Nein. Früher habe ich dich angelogen. Jetzt sage ich dir die Wahrheit: ich war die Geliebte des Tarnowski ... da ... da ... drüben, in meinem Zimmer – hat er mich besessen ... Eine ganze – glückselige Nacht ...«

»Kanaille!!«

Er will sich auf sie stürzen.

Lilith steht reglos und lächelt höhnisch.

»Nein, wie komisch du bist – in deinem Zorn!«

Und sie lacht ein böses Lachen.

Lobositz ist entwaffnet.

»Geh!! Ich halte dich nicht ... Mein Rechtsanwalt wird alles weitere mit dir in Ordnung bringen ... Ich wünsche, dich nicht mehr zu sehen ...«

Lilith ist verschwunden.

Ein Schlüssel knackt.

»Allein – aus, fertig ... Glück und Jugend vorbei ...«

Lobositz hat das Gefühl, als wären ihm Ziegelsteine auf den Kopf gefallen ...

War das ein hysterischer Anfall – oder war das ein unerschütterlicher Entschluß? Wann hat sie die Wahrheit gesprochen? Das erste- oder das zweitemal?

Soll er hierbleiben? Forschen und fragen? Noch einmal zu dem alten Narren gehen – seinem Bruder und Feind? Er wird gebrochen sein – sein Sohn ist tot ... er wird so unglücklich sein, wie er selbst ... Er wird weich sein, er wird seine Rache begraben ...

Er könnte ihn mit hinübernehmen zu sich. Die zwei wunden Seelen könnten sich noch finden in ihrer tiefen, verlorenen Einsamkeit.

Aber er zögert noch.

Er fühlt nicht mehr die Kraft, Geduld zu haben und Anpassung zu üben. Der alte Wodak wird ihn ja doch nur quälen. Es ist besser, jeder trägt allein sein Schicksal ...

Aber Geld wird er ihm schicken – Geld hat er ja genug. Für Geld kann man ja so viel haben. Selbst für eine Zeitlang – eine junge Frau und den Glauben an die eigene Jugend.

Bis dann der Moment kommt, wo einem das Leben den Spiegel vorhält und man entsetzt sein wahres Gesicht erkennt – gefurcht und verwüstet –, so jung das Herz auch innen fühlt und brennt ...

Die ganze Nacht horcht Lobositz, ob er von drüben einen Ton hört ... ein leises Weinen ... oder ein schüchternes Klopfen ... oder sonst ein Zeichen ...

Aber alles schweigt.

Frühmorgens erfährt er, daß die Gräfin noch abends weggefahren und die Nacht über nicht nach Hause gekommen sei. Die Koffer seien noch da.

Ganz zeitig geht sein Zug nach Boulogne.

Er hat abgeschlossen mit seiner kurzen Ehe – und mit Europa auch ...

Das Heimweh hat ihn betrogen.

Er ist europamüde für immer ...

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