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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 53
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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LII

Tarnowski fuhr nach Hause.

Es war ihm so wunderlich zumute wie noch nie. Er hatte das nie gefühlt, was er jetzt fühlte.

Er hatte Frauen gehabt, genossen, hatte bezahlt oder sich bezahlen lassen, war wie ein geliebtes Tier oder wie ein Lakai mit hochmütiger Herablassung behandelt worden – was ihn aber weiter nicht geniert hatte.

Er hatte sich im Grunde nichts aus Frauen gemacht. Sie waren ihm Genuß- oder Ausbeutungsmittel gewesen.

Aber diesmal war es anders.

Er schämte sich auf einmal so furchtbar, daß ihm Lilith geholfen hatte, daß er sich von ihr den Wechsel hatte auslösen lassen, der ihn von Berthe freigemacht hatte. Er muß irgendeine Form finden, daß er ihr das Geld zurückzahlt.

Er empfand seine Stellung ihr gegenüber als unendlich schmutzig und kläglich. Er schämte sich zum erstenmal in seinem Leben wirklich und ehrlich – ganz heiß wird ihm ...

Er muß irgendwo Geld aufreißen, einen großen Coup machen – und zahlen; er hält das nicht aus ...

Wenn sie sieht, daß er ihretwegen anders wird – wird sie an ihn glauben?

Er hat auf einmal eine geradezu lächerliche Sehnsucht, geachtet zu werden.

Vielleicht geht sie dann doch nicht hinüber mit dem alten Mann und bleibt bei ihm. Er kann sich ganz gut vorstellen, daß er alle anderen Frauen ihretwegen aufgibt ... Sie ist ja so schön und so gescheit ... Viel gescheiter als er.

Er hat nur Schliff und Manieren und kann die Sprachen, so wie sie jeder Oberkellner in einem eleganten Hotel kann.

Sie aber sieht den Dingen und den Menschen bis auf den Grund und weiß, wo sie zu fassen und aus den Angeln zu heben sind.

Er will nicht stolz sein, er will sich ihrer Leitung anvertrauen. Schon mancher Mann ist durch eine kluge Frau, mit der er sich beraten, in die Höhe gekommen ...

Aber sie soll nicht weggehen! Sie soll ihn nicht allein lassen!

Er ist so hilflos, wenn sie geht, so schwach, so verzweifelt. Dann hat er wieder niemand als den alten Wodak – seinen Vater und seinen Freund zugleich – der ihn liebt und peinigt, anbetet und mißbraucht zugleich. Der ihn zum sogenannten Grafen gemacht hat, und den er bisweilen mit der Faust ins Gesicht schlagen möchte, wenn er sich nicht gerade vor ihm fürchtet – oder kuschen muß, weil er ihn braucht.

»Lilith«, ruft er ganz laut im Auto vor sich hin. »Ich halte es nicht mehr aus ohne dich. Ich habe ja gar nicht gewußt, daß man jemanden so lieb haben kann. Schöne Lilith, kluge Lilith, süße Lilith ... Alles hast du in mir aufgeweckt ... Zu einem Menschen hast du mich gemacht – und jetzt willst du fortgehen und mich allein lassen ... Das ist nicht schön von dir – und auch nicht gut ...«

Und er beschließt einen letzten verzweifelten Ansturm auf ihr Herz – er wird ihr alles rücksichtslos und schamlos schreiben – eine Generalbeichte seines Lebens ablegen. Sie soll verstehen, wie er so geworden ist. Mitleid soll sie haben ... Mitleid ist die höchste Weihe der Liebe – vielleicht die Liebe selbst.

Er wird sich jetzt hinsetzen zu Hause und schreiben.

Der Bursch, der ihr immer seine Briefe zugesteckt hat, wird auch diesmal funktionieren.

Endlich hält der Wagen in der Rue Taitbout.

Er rast die Treppen empor ...

›Der Brief ... der Brief ...

Lilith soll ... muß ...‹

Er tritt in sein kleines Schlafzimmer ein, wo der Schreibtisch steht, und macht Licht.

Er stutzt.

Auf dem Bett liegen zehntausend Frank sauber ausgebreitet.

Wer kann das Geld hingelegt haben?

Wodak?

›Ich muß ihn doch gleich fragen.‹

Er geht in die Küchenkammer.

›Was ist das? Die Tür geht nicht auf?‹

Er stößt fester zu.

Ein Tisch hat sich vor die Tür geschoben – ein umgefallener Tisch.

Endlich kann er die Tür öffnen.

Im fahlen Licht, das durchs Fenster noch einströmt, sieht er am Fensterkreuz ...

»Um Himmelswillen! Was heißt das? Wodak ... Vater ...«

Er macht Licht.

»Schauerlich! Grauenhaft!«

Da ist nichts mehr zu wollen – oder doch?

Er schlottert, ganz kraftlos ist er.

›Abschneiden ... Wiederbelebung ... er soll ... er muß ...‹

Bebend rührt er die Hände an.

Eiskalt ... zu spät ...

Am Boden sieht er einen Zettel.

Er bückt sich.

Von ihm.

»Ich hab es ihm gesagt. Er war da, der Feind, er weiß, daß seine Frau Deine Geliebte war, und daß Du sie hinausgeworfen, als Du genug gehabt nach einer Nacht. Aber der Schuft hat mich verhöhnt – trotzdem. Er war der Stärkere von uns beiden.«

Da brüllt Tarnowski auf. Er packt den Toten bei den Armen. Er schüttelt ihn, als würde er es noch fühlen, als ob er noch von ihm Rechenschaft fordern könnte ...

»Du, du ... was hast du mir angetan? Du Narr! Du Schuft! Du Verbrecher!«

Und dann fällt er auf den Boden hin und legt den Kopf auf seine Arme, und ein wildes Schluchzen schüttelt ihn, und er beißt sich selbst in die Arme und wimmert:

»Lilith, ich kann nichts dafür ... Glaub' mir, ich kann nichts dafür ... Dir gegenüber bin ich nicht schlecht gewesen ... Lilith, das überlebe ich nicht ... Du mußt mir glauben ...«

Und er reißt seinen Körper zusammen, als ob er mit Fäusten geschüttelt würde.

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