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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 52
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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LI

Mit den zehn Tausendfrankscheinen in der Hand war Wodak stehengeblieben, als die Türe hinter Lobositz zugefallen war. Wütend ballte er die Scheine zu einem Knäuel und warf sie achtlos zur Erde.

Es war anders gekommen, als er erwartet hatte.

So hatte er sich den großen Tag seiner Rache, der ihn für diese langen Jahre voll Groll und Qual entschädigen sollte, nicht gedacht.

Lobositz war aufrecht fortgegangen – er hatte einen Moment gewankt – aber nur einen. Umgeworfen hatte ihn die Enthüllung nicht.

Und dieser letzte infernalische Zug, ihn zu entlohnen für seinen Verrat – zu ihm zu sprechen, nach allem, was er erfahren – wie zu einem Diener. Kein Wort zu finden, das ihn als Bruder, als Mensch irgendwie anerkannte. Dieses kalte Zurückstoßen auf die Stufe der Lakaien – es war ein unerträglicher Gedanke.

Der Tag seines Triumphes war für ihn der Tag seiner tiefsten Demütigung geworden.

Wäre er ihm doch an die Gurgel gefahren für den Schimpf, für den Schlag, den er ihm versetzte ... Aber bezahlen ... bezahlen und bedanken ... und aufrecht weggehen ...

Das war zuviel.

Wie ein wildes Tier heulte Wodak auf in seiner ohnmächtigen, hilflosen Wut und ballte die harten dürren Fäuste mit den gekrümmten, langen Nägeln. Dann hockte er auf seinem alten Platz nieder.

Was jetzt?

Ein Gefühl ungeheuerer Leere war über ihn gekommen. Leere und Kälte und Zwecklosigkeit des Daseins.

Der Brand in seinem Innern, der ihn warm gehalten hatte, war plötzlich erloschen. Wie eine nackte, kalte Trümmerstätte lag sein Leben plötzlich vor ihm.

Es gab kein Morgen mehr, keinen Tag, auf den man warten, von dem man träumen, den man sich vorstellen und im Geiste durchleben konnte.

Die Zukunft war tot – die Vergangenheit abgeschlossen – die Gegenwart sinnlos.

Weiter Kammerdiener seines Sohnes spielen?

Überhaupt, wenn er erfährt, daß er trotz des Verbotes die Gräfin verraten und sie ihrem Mann ausgeliefert hat. Der Jan ist nicht mehr so fügsam, wie er ehemals war. Ihm gegenüber traut er sich. Ihm gegenüber wird er brutal und tobt seine Wut aus. Seitdem der Jan den Alten erhalten muß, ist er wie umgewandelt. Und wenn er jetzt erfährt, daß der Alte seine Rache genommen hat, ohne Rücksicht auf den Jungen – oh, da wird es etwas absetzen. Der dumme Bub hat sich ja in das Frauenzimmer vergafft – statt sie hinauszuwerfen oder auszuplündern.

Dem Alten wird auf einmal unheimlich.

Der Junge wird nach Hause kommen, wird merken, was geschehen ist, wird die Faust erheben, wie er sie neulich schon einmal erhoben hat ... oder wird ihn hungern lassen ... oder auf die Straße setzen ...

Eine entsetzliche Lebensangst packt auf einmal den Alten, die ihn schlottern und schwitzen macht. Allerdings, zehntausend Frank hat er ja – aber das ist das Geld, um das ihm der andere seine Rache abgekauft hat.

Wütend spuckt er dorthin, wo er den Knäuel hingeschmissen hat.

»Hund – verfluchter ...«

Aber dann überlegt er sich's doch wieder, kniet nieder und sucht die Franken.

Er legt sie auf seinen fleckigen Tisch, er rollt sie auseinander, er glättet, streicht ihre Runzeln und Falten wieder weg, befeuchtet sie, holt ein Plätteisen und bügelt sie glatt.

Lange starrt er das Geld an.

›Schmutziges Geld ... Judaslohn ... Meine Rache habe ich haben wollen ... und meinen Buben habe ich unglücklich gemacht ... Ganz recht, wenn er mich prügeln wird und mir die Knochen im Leib zerschlagen ... Ganz recht geschieht mir! Aber Prügel tun weh ...‹

Er weiß es noch aus alten Zeiten vom Schloß her, wenn ihm der Stallmeister eine mit der langen Reitpeitsche ›geschmiert‹ hatte.

Wieder packt ihn die Lebensangst.

Er beginnt zu wimmern.

›Mut! Mut! Man muß mutig sein!‹

Er holt die Flasche hervor: ›Schnaps gibt Mut ... Besoffenheit ist gut – da lacht man zu allem.‹

Aber wenn er besoffen ist und Jan merkt es – gibt es ja wieder Prügel ...

Sein alter wirrer Kopf hielt es nicht mehr aus.

Wohin man sich wendet – alles ist verstellt. Er ist für nichts mehr da – die Rache ist dahin, dem Sohn ist er eine Last ...

Jan wäre froh, wenn er ihn los wäre ...

Er soll froh sein! Er soll ihn los sein! Gleich jetzt ... sofort ... Und wenn er nach Hause kommt, soll er eine Freude haben ... Das kann er noch tun für seinen Buben – das ist das letzte ...

Er legt ihm die zehntausend Frank aufs Bett – ausgebreitet, einen neben den anderen ...

Dann torkelt er in seine Küchenkammer zurück und kritzelt ein paar Worte auf einen Zettel.

Dann schiebt er den Tisch ans Fenster, holt den Hosenträger hervor – und bindet die Schlinge ums Fensterkreuz ...

Mit den Füßen stößt er den Tisch fort ...

Schwer fällt der Körper herab ...

›Lachen wird der Jan ... lachen ...‹ das war sein letzter Gedanke.

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