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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 51
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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L

Am Gittertor des Parkes hatten sich Lilith und Tarnowski getroffen ...

Tarnowski war blaß, und seine Augen glänzten fieberhaft. Die nervösen Finger bebten und waren kaum imstande, die Zigarette zu halten.

Er hatte es im ersten Moment aufgegeben, Ruhe oder Überlegenheit, ja auch nur Fassung zu markieren. Er war ganz hilfloses, verzweifeltes Kind, das angstvoll die Großen anstarrt, die sein Schicksal in der Hand haben, die es peinigen oder beglücken können, wie es ihnen beliebt.

Lilith wirkte weitaus überlegener, fast heiter und jedenfalls völlig klar und ihrer selbst sicher.

»Also, lieber Freund, vor allem: die Sache mit Arpell ist geordnet. Der Wechsel ist vernichtet – du bist frei – in jeder Beziehung! Also sei klug und nütze deine Freiheit richtig aus. Laß dich ja nicht wieder in solche Dummheiten ein, die dir den Hals brechen können. Du bist ein eleganter Bursche, ein süßer Kerl – schau zu, daß du dir eine kleine Dollarprinzessin kaperst – das ist der einzige Weg, der dir offensteht. Zum Geschäftsmann hast du kein Talent, dazu reicht weder deine Schlauheit noch deine Energie.«

»Und du willst mich wirklich allein lassen und hinübergehen ...?«

»Schatz, ich bin nicht reich genug für uns beide. Ich muß selbst weiterkommen und sehen, daß ich mir, unabhängig von der Gunst oder Mißgunst meines Mannes, einen finanziellen Rückhalt schaffe für alle Fälle, wenn es einmal schief geht. Jetzt hab' ich nichts als meinen Schmuck und einen kaum nennenswerten Betrag, der vielleicht für ein halbes Jahr reichen würde. Ja, mein Schatz, wenn du ein Mann wärst – und nicht bloß ein Liebhaber – nicht einen Augenblick möchte ich mich bedenken und den alten Lobositz laufen lassen – aber was möchte da aus uns werden? Du kannst mich nicht erhalten – und so müßte ich wohl dich erhalten ... Na, und für so dumm wirst du mich doch nicht ansehen, mein Schatz, daß ich mich dazu entschließe – das können alte Weiber, wie deine Berthe, machen, aber ich nicht.«

Tarnowski hatte wieder einmal die Hände vors Gesicht geschlagen und schluchzte herzzerbrechend.

»Ich möchte ja so gerne anders sein ... ich werde mich bemühen ... ich werde arbeiten ... verdienen ... alles, was ich nur für dich tun kann ...«

Lilith sah ihn spöttisch an.

»Verdienen! Was du schon unter verdienen verstehst! Mir machst du kein Theater vor, mein Schatz – dich durchschaue ich – wie mich selbst ...«

»Es tut ja so weh, verachtet zu werden – von einer Frau, die man liebt.«

»Ach Gott – daran bist du ja schon gewöhnt! Die Hauptsache bleibt, daß man trotzdem geliebt wird!«

»Ich bring' mich um, wenn du mich verläßt ...«

»Ach, was nicht gar! Du stirbst nicht daran – und ich auch nicht. Wir haben Stunden gehabt, die so schön waren, daß wir beide daran denken werden – und das ist für uns beide genug. Für mehr reicht es nicht. Bettelkinder sind wir ja schließlich beide, die von den Reichen gefüttert werden und so tanzen müssen, wie die anderen pfeifen, und keine schlechte Launen haben dürfen und keinen eigenen Willen, damit der Herr Gebieter nicht seinen Gefallen an uns verliert ...

Also sei gescheit! Ich bin nichts für dich und du nichts für mich, du geliebter Gauner und Schwindler und Grafenspieler ...«

»Oh, bitte, ich habe meine Dokumente, und die sind ganz echt.«

»Die Dokumente vielleicht – aber du – du bist es nicht ... Und deine Dokumente hast du bestimmt gestohlen!«

»Gekauft«, bekennt Tarnowski kleinlaut.

»Ja, und schuldig geblieben – aber lassen wir das! Wir haben uns heute zum letzten Male gesehen – und jetzt gib mir noch einmal deine Hand – oder einen Kuß, wenn du dich traust ... und dann adieu ... Ich muß nach Haus. Mein Herr Gemahl wartet auf mich.«

Tarnowski sah sich vorsichtig um. Der Park war verlassen und menschenleer.

Noch einmal zog er Lilith an sich ...

Er hatte das Gefühl: ›mein Herz bricht.‹

»Küssen kannst du! Das muß dir der Neid lassen«, seufzt Lilith. »Diese Küsse werden mir sehr fehlen – in denen liegt was! Aber mein Gott, man kann nicht alles haben, was man möchte.«

»Ich verstehe dich nicht, wie du so scherzen kannst, in einem Augenblick, der über unser Lebensglück entscheidet.«

»Ach, bitt' dich, laß die großen Worte! Lebensglück! Was ist dein Lebensglück? Nicht arbeiten zu müssen und doch gut zu leben – na, und das ist mein Lebensglück auch. Ich versuch's als Frau zu erreichen – und du als Mann. Nur nimmt man mir meine Methode nicht so übel, als dir die deine – obwohl es eigentlich dasselbe ist, wenn man genauer hinsieht.

Und jetzt bring' mich zu meinem Auto. Aber ich fahre allein – man kann nie wissen.«

Sie schritten die Vorstadtstraße hinunter, auf deren breiten Trottoirs sich das Leben abspielte.

Eine Schlächterfamilie ließ sich inmitten ausgehängter Ochsen photographieren. Der Photograph stand mitten auf der Straße, und alle Fuhrleute warteten lachend und geduldig, bis das Ereignis vorüber war, und machten ihre Witze. Bäckerläden und Verkaufsstellen für toten Kram von Blech und Porzellan wechselten. Haufen von Fischen, Muscheltieren, Crevetten und Gemüsen sperrten fast den Weg. –

Überall fröhliches, scherzendes Volk, trotz der Schwere der Zeit – kein Mensch nahm das Leben überflüssig ernst.

»Nimm dir ein Beispiel an diesen«, sagte Lilith zu Tarnowski, der trübselig neben ihr einherschritt. »Wie heißt es von Paris? Alles endigt schließlich mit einem Chanson. Gehe heute abend in ein Kabarett und vergiß die Episode! Es war ein Spaß. Glaub' mir, es war ein Spaß für dich und mich.«

Aber in diesem Augenblick standen auch ihr die dicken Tränen in den Augen.

Tarnowski merkte es und hielt den Moment für einen letzten Ansturm gekommen.

»Lilith, du darfst nicht fort – du mußt bleiben!«

»Unsinn«, sagt Lilith. »Barer Unsinn für dich und mich ... Übrigens bin ich schon fort ...«

Und sie winkte einem Taxi, das gerade vorbeifuhr – und sprang hinein.

Tarnowski stand fassungslos, wie angewurzelt.

Aus dem offenen Fenster winkte ein grüner Schwedenhandschuh Abschiedsgrüße zurück.

Tarnowski fühlte sich nicht imstande, jetzt irgendein Lokal aufzusuchen. Nach Hause! Allein sein ... Sich aufs Bett werfen und toben und heulen über das verfehlte Leben. Sonst war in diesem Augenblick nichts anderes zu machen.

Und er schlich trübselig bis zum nächsten Autostandplatz, den er erst in der Nähe des Bahnhofes fand.

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