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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 48
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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XLVII

Endlich schlug bei Tarnowski das Telephon an.

Es war Lilith, ihre Stimme klang müde.

»Deine Sache ist so gut wie in Ordnung. Morgen vormittag wird der Wechsel vor meinen Augen zerrissen sein. Ich werde dich gegen Mittag anrufen.«

»Ja, sehe ich dich denn heute nicht?«

»Die Aufregungen haben mich ein bißchen hergenommen; ich will heute früh schlafen gehen und morgen frisch sein, wenn Lobositz zurückkommt.«

»Bist du böse auf mich?«

»Aber nein, du großes Kind, gar nicht ... Aber ich brauche Ruhe. Ich muß klar werden.«

»Worüber?«

»Ob ich hinübergehe – oder dableibe.«

»Es ist eine Hoffnung? Du könntest ... Du würdest ...?«

»Dein Jubel ist zu früh – ich weiß noch gar nichts.«

»Wann wirst du das wissen?«

»Wenn ich gehe, gehe ich nicht, ohne dich ein letztes Mal gesehen zu haben. Also sei gescheit – und gehe schlafen, wie ich ... Es ist das Klügste. Und bleibe mir wenigstens treu, solange ich in Paris bin ...«

»Lilith ...!«

»Ach, bitt' dich! Ich kenne dich! Mir machst du nichts vor. Das traurige ist ja nur, daß ich dich trotzdem liebe ...«

»Ich schwöre dir, Lilith ...«

»Schluß, mein Liebling. Schluß – und gute Nacht für heute.«

Mit jener wundervollen Kraft des zu jeder Zeit und in jeder Situation Schlafenkönnens, hatte Lilith alle Gedanken und Entschlüsse weit von sich geschoben, alles Schwere und Entscheidende einfach wie mit einem Hebel, den man herumwirft, ausgeschaltet.

Jetzt vor allem Schlaf!

Sie wollte am nächsten Morgen erholt, frisch und klar, denk- und entschlußfähig sein.

Zum zweiten Male ging es ums Ganze.

Einmal, in Montreux, glaubte sie schon fertig zu sein.

Frisch und munter wachte sie gegen neun Uhr auf und ließ sich das Frühstück ans Bett bringen, dann legte sie sich noch einmal zurück und begann nachzudenken.

Ein Taumel hatte sie geschüttelt – der Taumel von Paris, der Taumel ihrer eigenen, niedergerungenen, begehrlichen Jugend, die sich ungehindert am liebsten in den Wirbel gestürzt hätte, wo er am tollsten brandete. Aber so ein Wirbel ist tückisch – den einen reißt er empor, und den andern schlingt er hinab.

Wenn sie noch das kleine Berliner Mädchen gewesen wäre, hätte sie nur zu gewinnen und nichts zu verlieren gehabt. Aber sie war ja eigentlich schon oben.

Zu früh oben – wie sie sich ehrlich sagen mußte. Sie hätte gar zu gerne noch vorher ein bißchen im Pfuhl geplätschert und wäre gar zu gerne noch vorher durch den berühmten Dreck gewatet. Sie hatte ein ordentliches Heimweh nach der Tiefe – aber nun war sie einmal oben. Es ist unsicher, ob man ein zweites Mal hinaufkommt. Wenn man es fertigbringt, sich unterzukriegen, so soll man es! Man kann ja hie und da ein kleines Ventil öffnen, um den Druck etwas zu lindern. Wollen wir die Sache Tarnowski als eine kleine befreiende, druckerlösende Episode betrachten.

Es war so schön gewesen, einmal ganz jung, ganz verrückt, ganz hemmungslos zu sein – aber jetzt Schluß damit!

Es wird eine Zeitlang höllisch weh tun, sie wird alle Energie nötig haben, um dieses immer wieder aufquellende, rasende Zärtlichkeitsbedürfnis, diese Sehnsucht nach gerade diesem Mann, zu unterdrücken.

Oh, sie macht sich keine Illusionen über ihn. Sie weiß, daß er treulos ist und faul und die anderen arbeiten und denken läßt, daß er ein Parasit des Lebens ist, ein schönes Tier ist, vom Triebe beherrscht, ohne Charakter, mit einem starken weiblichen Zug – gewissermaßen ein Luxusmännchen, so wie sich die reichen Amerika-Erbinnen die Männer auszusuchen pflegen – weil sie, müde ihrer Geschäftsbrüder und Geschäftsväter, einen Menschen wollen, der das reine Gegenteil ist und nur für die Frau und ihre Launen lebt.

Wenn sie so eine amerikanische Erbin wäre – diesen Tarnowski würde sie sich kaufen oder mieten. Aber da sie selber darauf angewiesen ist – oder war – aus einem Mann so viel herauszupressen, als nur möglich ist, kann sie sich den Luxus Tarnowski nicht leisten.

Also Schluß mit ihm!

Heute vormittag geht sie noch zu Arpell, das will sie für ihn tun, so gerne hat sie ihn doch. Und außerdem – der anderen will sie es zeigen, was sie kann.

Nachmittag wird sie sich noch eine Stunde frei machen und mit ihm draußen im Arbeiterviertel im Park Buttes Chaumont noch einmal plaudern – und von morgen an ist sie bereit abzureisen.

Sie hat noch keine große Seereise gemacht. Sie wird ein neues Land, eine neue Welt sehen. Die Tage von Paris werden verblassen. Das ungestüme Fordern ihres Herzens wird zur Ruhe kommen, die Fülle der neuen Eindrücke wird ihre Schuldigkeit tun. Sie kennt die ungeheuere Elastizität ihrer Natur, wie rasch sie überwindet, wie rasch sie sich wieder einlebt, wie rasch bei ihr die Gegenwart jede Vergangenheit erschlägt.

Erledigt – fertig!

Armer Tarnowski! Bei ihm wird es länger dauern! Es scheint, daß er sie wirklich liebt – soweit er das eben vermag.

Aber das wird ihn nicht hindern, zehn Verhältnisse zu haben – und heimlich ein gebrochenes Herz spazieren tragen ...

Sie muß unwillkürlich lächeln.

Und sie selbst – gewiß, sie liebt Tarnowski – aber wird sie das hindern, die Ehe mit Lobositz ...

Mit einem Satz ist sie aus dem Bett und im Badezimmer. Gegen zehn Uhr kann Lobositz zurück sein. Sie will fertig sein, wenn er kommt. Er soll entzückt sein – sie will wirken.

Sie hat sich vorgenommen, seine Frau zu bleiben, folglich muß seine Verliebtheit erhalten werden. Aber eheliche Zärtlichkeiten möchte sie doch vermeiden, so lange als möglich. Sie will eine gewisse Distanz zwischen das Erlebnis Tarnowski und der Aufnahme der Ehe mit Lobositz legen. So ein bißchen ausrauschen lassen das Brausen des großen Stromes, ehe sie sich wieder an das sanfte Gemurmel des Bächleins gewöhnt.

›Ich bin neugierig, wie er mir vorkommt, wenn ich ihn wiedersehe. Welchen Eindruck er mir macht.

Mein Gott, er ist doch nur zwei Tage weg – und es kommt mir so lange vor. Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie er aussieht ... Ist das aber komisch. Mein Herz hat kein Gedächtnis. Wenn einer von mir fortgeht – so verliert er mich, weil ich ihn ganz einfach vergesse. Bin ich gut oder schlecht –? Ich weiß es nicht.‹

Es war gerade zehn.

›Wenn er nicht gleich kommt – kommt ein Telegramm, daß er mit dem Schiff gefahren ist. Ich will einmal in den Zeitungen nachsehen, wie das Wetter im Kanal ist.‹

»Ich bin im Lesezimmer, falls mein Mann kommt oder ein Telegramm.«

»Nun, erkennst du mich nicht«, sprach sie ein Herr an, der ganz in Leder gehüllt vor ihr auftauchte.

Lachend riß er die Kappe herab – wahrhaftig, es war ihr Mann.

»Wie soll ich dich erkennen, wenn du so vermummt daherkommst.«

»Ich habe einen ordentlichen Hunger, wir wollen etwas frühstücken. Hältst du mit?«

»Ich werde dir Gesellschaft leisten.«

»Das ist sehr lieb ... Und schön bist du – so schön habe ich dich wirklich nicht in Erinnerung gehabt.«

»Danke«, lächelt Lilith. »Übrigens muß ich dir sagen, du schaust in Sportdreß doch am besten aus. Wirklich vornehm – wie ein Graf.«

»Und hätte es doch nicht notwendig, wie ein Graf auszusehen – weil ich wirklich einer bin.«

»Allerdings«, meint Lilith nachdenklich. »Es ist eigentlich wahr. Ein Hochstapler muß aussehen wie ein Graf – sonst glaubt man ihm nicht. Ein wirklicher Graf hat ein so gutes Aussehen gar nicht nötig.«

Mit herzlichem Geplauder verging eine halbe Stunde.

»Jetzt nehme ich ein Bad und mache Toilette – dann bummeln wir ein bißchen, wenn es dir recht ist. Und morgen fahren wir nach Boulogne. Es geht nämlich von dort am 2. Oktober der ›Delfino‹ von der Hamburg-Südamerika-Linie. Das ist ein ausgezeichneter und prachtvoller Dampfer, der mir noch lieber ist, wie jeder holländische. Den können wir zur Überfahrt benützen.

Ich habe mit meinem englischen Geschäftsfreund gesprochen. Es wird doch gut sein, wenn ich selbst ein wenig im Geschäft nachsehe. Meine Leute sind tüchtig – aber es fehlt die Kühnheit der eigenen Disposition. Sie sind ängstlich und kleinlich.«

Lilith musterte Lobositz kritisch, während er so vor sich hinsprach und mit den Augen ins Weite starrte.

›Wie ein Raubritter‹, dachte Lilith – ›kühn, interessant; man hat so das Gefühl: der Mann war wer. Schade, daß ich ihn nicht vor zwanzig Jahren kennengelernt oder vielmehr – daß er nicht zwanzig Jahre jünger ist. Der muß einen Teufel im Leib gehabt haben – damals – wenn die Reste noch so respektabel sind. Als Vater oder uninteressierten Freund, oder platonischen Verehrer, dem man alles erzählen kann, hätte ich ihn ganz gern – aber gerade als Ehemann ... Nun, man muß eben schlau sein und sich seine kleinen heimlichen Freuden schaffen. Wenn er klug ist, bemerkt er nichts – auch wenn er es bemerkt. In so einem Alter muß man eben tolerant sein oder verzichten.

Ja, ja, mein Lieber, du wirst dich daran gewöhnen müssen, betrogen zu werden, wenn du mich halten willst.‹

»Und was machst du einstweilen, während ich mich umkleide?«

»Gott, man hat noch eine Menge Kleinigkeiten zu erledigen, wenn man morgen von Paris abreist. Ich bin in einer Stunde zurück. Wir treffen uns im Foyer – wer zuerst da ist, wartet.«

Lobositz fuhr hinauf.

Lilith, die ohnehin im Straßenkleid war, verließ das Hotel. Sie hatte nicht weit zu gehen. Arpell war vis-à-vis.

Er hatte Madame erwartet.

»Hier ist das gewünschte Papier.«

»Hat es Ihnen Mühe gemacht, es mir zu verschaffen?«

»Ach nein – es ist ganz leicht gegangen.«

»Hier ist das Armband.« Sie holte es aus ihrem Täschchen.

»Madame bekommen noch zehntausend Frank heraus.«

»Danke, Herr Arpell – das ist für Ihre Liebenswürdigkeit und Mühe.«

»Bitte, hier – disponieren Sie ...« er reichte ihr das Papier.

Lilith warf einen flüchtigen Blick darauf, dann einen zweiten zu Arpell.

»Es ist doch der richtige und einzige Wechsel?«

»Madame, ich bin ein reeller Kaufmann.«

»Ich will es Ihnen glauben.«

Lilith zerriß den Wechsel.

Arpell hatte überdies eine brennende Kerze hingestellt. Die Unterschrift wird an der Kerze verbrannt.

»Darf ich bei Ihnen telephonieren?«

»Selbstverständlich, Madame. Bitte treten Sie in diese Koje.«

»Bitte, verbinden Sie mich 16-11 ... Hier Lilith«.

»Hier Tarnowski.«

»Ich bin soeben bei Arpell. Die Sache ist erledigt ... Außerdem reise ich morgen.«

»Lilith, das kann nicht sein!«

»Es muß sein! Wir müssen scheiden, lieber Freund.«

»Aber ich möchte noch einmal mit dir reden – vielleicht überlegst du dir's noch.«

»Alles ist überlegt und beschlossen. Die Karten sind bestellt.«

»Kommst du heute nachmittag wenigstens noch einmal.«

»Vor deiner Wohnung habe ich eine gewisse Scheu, und außerdem ist es vielleicht besser, wenn es an einem dritten Ort geschieht. Ich werde um vier dort sein, wo wir uns das erstemal getroffen ...«

»Buttes-Chaumont ...«

»Am Parktor – vier Uhr.«

»Lilith, ich bin verzweifelt.«

»Sei stark, mein Freund – ich muß es auch sein ... Leb wohl – auf Wiedersehen ...«

Sie hing die Muschel auf und sah auf die Uhr.

Jetzt muß man wirklich noch ein paar Kleinigkeiten kaufen.

»Und noch eins, Herr Arpell – es wäre mir lieb, wenn Sie dieses Armband erst in vier Wochen verwerten würden – wenn ich schon drüben bin. Ich sage natürlich meinem Mann, daß ich es verloren habe.«

»Madame, ich verstehe vollkommen, ich werde ein halbes Jahr warten. Ich weiß, was ich meinen Kunden schuldig bin.«

Mit einem graziösen und dankbaren Nicken des schönen Kopfes verschwand Lilith.

»Glück hat der Tarnowski«, sagt der alte Arpell und sah ihr wohlgefällig nach. »Was mir die lieber ist, als meine alte Berthe.«

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