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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 42
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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XLI

Am anderen Tage bekam Tarnowski einen Brief, der nichts weiter enthielt als die Zeilen:

»Und dabei war der Revolver nicht einmal geladen!«

Seine Wut und Beschämung kannte keine Grenzen. Ein solcher Reinfall war ihm wirklich noch nicht passiert. Dieses Weib hatte den Teufel im Leib, es machte ihn verrückt und unfähig, seinem Berufe nachzugehen.

Er ertappte sich dabei, daß er in der Zerstreutheit sogar korrekt spielte. Also, das war schon das letzte.

Das durfte nicht so weitergehen! Aber was anfangen? Wo anpacken? Ins Haus zu mir bringe ich sie kein zweites Mal – aber reden muß ich mit ihr.

Aber wo und wann – und wie?

Wieder mußte der Diener herhalten und Lilith einen Brief überbringen.

 

»Ich habe mich benommen wie ein dummer Bub. Das macht die Liebe aus einem Menschen, der sonst leidlich vernünftig ist. Kennen Sie den Park Buttes-Chaumont? Er liegt im Arbeiterviertel – weit draußen. Es ist wunderschön, dort in der Mittagszeit ein bißchen spazieren zu gehen. Von morgen ab, gehe ich jeden Mittag dort spazieren. Wollen Sie nicht kommen und mich ein bißchen auslachen?«

 

Am zweiten Tag kam Lilith wirklich.

Sie hatte es nicht ausgehalten. Das Unerlebte, nicht zu Ende Erlebte ließ ihr keine Ruhe – und dann wollte sie sein Gesicht sehen und ihre Macht fühlen. Sie war die Diktatorin, das fühlte sie, und das mußte sie ihm zu kosten geben.

Tarnowski hatte nahe beim Gittertor gewartet.

»Also – doch gekommen ...«

»Ich muß doch Ihr Gesicht sehen! Hassen Sie mich – jetzt ...«

»Wenn ich es könnte – wie gern!«

»Das klang fast ehrlich.«

»Ist es auch«, klang es ruhig und ohne die übliche Süßlichkeit von seinen Lippen.

Die slawische Sentimentalität und eine selbstquälerische Bekennersucht kam plötzlich über ihn. Sich demütigen, sich klein machen, die Fetzen herunterreißen, sich blutig schlagen, in den Staub wälzen, die Brust zerfleischen – all das Unwäg- und Unfaßbare, immer zu Gewärtigende der slawischen Seele brach plötzlich wie eine Sturzflut aus ihm heraus.

»Was sind Sie, und was bin ich! Ein herrliches, reines, schönes, göttliches Weib voll Kraft und Klugheit – und ich ein Lump, ein Lügner, ein Hochstapler, ein Bettler, ein ausgehaltener Spieler, der vom Betrug lebt – ich bin nicht wert, die Sohlen Ihrer Füße zu küssen – und trotzdem liebe ich Sie ... und kann Sie nicht halten ... Ich kann Sie nicht nehmen und muß Sie wieder ziehen lassen – mit dem andern, weil er reich ist und eine Stellung in der Welt hat. Oh, dieses verfluchte Geld! Wie ich es hasse! Warum bin ich nicht reich geboren? Ich bin so gut ein großer Herr, wie hundert andere – mit mehr Recht, weil ich das Leben besser verstehe und alle Schönheit, an der die anderen stumpf vorbeigehen ...«

Und er weinte echte Tränen und hatte unendliches Mitleid mit sich und haßte in diesem Augenblick alle Gemeinheiten, die er jemals begangen hatte.

Aber auch Lilith war unwillkürlich ergriffen.

Ein weinender Mann – das war etwas Neues.

Vorsichtig tupfte sie mit dem Spitzentüchlein die großen, heißen Tropfen fort, die aus den schönen Augen des jungen Mannes flossen.

»Sie närrisches, großes Kind! Wie kann ein erwachsener Mensch nur so kindisch sein!«

Heimlich aber genoß sie seinen seelischen Ausbruch wie einen feinen, alten Likör und freute sich, daß seine Lebenslage so war, daß er unmöglich irgendeinen Zwang versuchen konnte, sie aus ihrer gesicherten Position herauszureißen. Es mußte dadurch unter allen Umständen ihr Pariser Erlebnis bleiben.

Dieser Einblick in Tarnowskis inneres und äußeres Leben, so nebelhaft es auch war, gab ihr doch immerhin ein Gefühl der Sicherheit, das ihr erlaubte, sich ihm gegenüber ein bißchen mehr gehen zu lassen.

Unwillkürlich wurde ihr Ton eine Schwebung zärtlicher.

»Lieber Freund, Sie sind in einer Lebenslage, die Sie unfrei macht in Ihren Entschlüssen – und ich bin es auch ... Vielleicht ist das sogar gut für uns beide ... Wir werden ein paar Stunden erleben voll Zärtlichkeit und Glück und uns dann als gute Freunde die Hand schütteln und auseinandergehen ... Und uns hie und da eine Ansichtskarte schreiben«, fügt sie hinzu, um wieder den leichten Ton in die Konversation zu bringen.

»Und jetzt passen Sie gut auf, Sie süßer Lump und Hochstapler: morgen fliegt mein Mann nach London und bleibt zwei Tage und zwei Nächte drüben – am dritten fliegt er wieder zurück, wenn das Wetter danach ist, sonst fährt er mit dem Schiff.

Morgen abend werde ich Sie zum Diner um acht Uhr bei Ihrem Haustor im Auto erwarten. Wir dinieren ganz versteckt, dann fahren Sie mich wohin, wo es Musik gibt und Tanz und Lustigkeit ... und dann ... dann will ich mir bei Ihnen das andere Zimmer ... in das ich nur einen ganz flüchtigen Blick von der Schwelle geworfen habe ...«

»Der Revolver bleibt diesmal zu Hause ...«

»Schwören?«

»Schwören!«

Sie waren beide wieder ganz heiter und unbefangen geworden und erfüllt von einem jungen, starken Lebensgefühl.

Wie die Kinder rannten sie die hügeligen Wege vom Park Buttes-Chaumont auf und nieder, kletterten zum kleinen Tempel empor, der den hübschen Blick über Paris hat, und stiegen die Felsentreppe, die sich durch kleine Tunnels windet, vorsichtig herab. Und bei jedem Winkel, der halbwegs Sicherheit bot, küßten sie sich.

Der selige Rausch der Jugend umhüllte sie wie ein goldener Schleier.

Lilith hatte Lobositz vergessen, und Tarnowski Berthe und Wodak, und daß seine Bekanntschaft mit Lilith nur dem lange genährten Rachegefühl eines ausgestoßenen und getretenen Dieners entsprang, der es nicht verwinden konnte, kein Herr geworden zu sein – und überdies die Schmach der ehebrecherischen Liebe seiner Frau zu seinem heimlichen Halbbruder als fressendes Gift in seinem alten Körper trug ...

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