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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 41
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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XL

Unterwegs hat Lilith ihr Hütchen von Fentre Sollil aufgestülpt und den Miniaturrevolver wieder in den Perlbeutel getan. An der Kreuzung der Rue Taitbout und Boulevard Haussmann nimmt sie ein Auto.

Im Wagen holt sie den Spiegel, die Puderquaste und den Lippenstift hervor, und binnen weniger Sekunden sind alle Spuren der letzten aufregenden Minuten verwischt.

Man wird ihr zu Hause nichts anmerken.

Jetzt erst beginnt sie nachzudenken und sich Rechenschaft zu geben. Hat sie klug oder dumm gehandelt? Mit Bewußtsein hat sie jedenfalls nicht gehandelt. Eine instinktive Abwehrstimmung war über sie gekommen – sie konnte nicht anders, sie mußte sich zur Wehr setzen – wenn auch der Gedanke, einmal; ein einziges Mal nur, dem Zauber, der von diesem Menschen ausging, zu erliegen – etwas ungeheuer Verlockendes für sie hatte.

Aber sie mußte wollen! Und heute hatte sie sich dagegen gesträubt.

Sie hatte die dunkle Empfindung: je länger ich die Sache hinauszögere, desto eindringlicher wird das Glück dieser Stunde sein. Je näher dem Tag meiner Abreise, desto ungefährlicher und unwahrscheinlicher, daß es sich wiederholt und zur Gefahr wird, die mein Leben beunruhigt und bedroht.

Aber wie wird er sich zu mir stellen nach dieser mehr oder weniger deutlichen Blamage? Wird er den Sturm auf mich aufgeben – oder verdoppeln? Haßt er mich seit heute, weil er lächerlich wurde, als er plötzlich stolperte und durch meine jähe Bewegung das Gleichgewicht verlor? Oder ist seine Tollheit gestiegen und sagt er sich: jetzt erst recht?

Wenn wir wieder zusammenkommen, darf es in keinem geschlossenen Raum sein – das ist sicher – sonst stellt er mir eine Falle. Das traue ich ihm ohne weiteres zu ...

An diesem Abend war Lilith von einem Übermut und von einer Fröhlichkeit wie seit vielen Tagen nicht: sie hatte etwas, was ihre Nerven wundervoll spannte, etwas, worauf sie wartete ... ein Kampf, eine aufregende Szene, eine Möglichkeit, alle Kräfte, die in ihr brachlagen, auszuprobieren. Wenn man schon selbst nicht beim Theater ist, so muß das Leben zum Theater werden und die großen Affekte lösen, die sonst zur unerträglichen Last werden.

»Heute gehen wir bestimmt nicht schlafen«, erklärte sie Lobositz kategorisch. »Überhaupt, wir führen ein Leben ... Wie die Einsiedler! Deswegen sind wir in Paris? Nur damit wir gut essen und spazieren fahren, Schmuck und Toiletten einkaufen? Das ist zuwenig. Nach dem Diner gehen wir los!«

»Ist das nicht ein bißchen zu viel?«

»Wenn es dir zuviel ist – dann, bitte, bleiben wir natürlich zu Hause.«

Und ein höhnisches Zucken um ihre Lippen wurde sichtbar, zwar nur für Sekunden. Und das entging ihm nicht!

»Vielleicht bestellst du dir Kamillentee und nimmst Aspirin.«

Es klang ganz ruhig und teilnahmsvoll.

Lobositz wurde es für Sekunden schwarz vor den Augen.

Er wurde mit einem Male sehend. Sie begann Vergleiche zu ziehen, den Altersunterschied zu erwägen! Was wußte er! Aber er wollte sich nichts merken lassen. Darum klang es ganz gelassen, als er darauf sagte:

»O nein, meine Liebe, ich bin nicht müde – ganz und gar nicht. Und wenn es dir Spaß macht, ich halte mit, solange es dir beliebt.«

In dieser Nacht besuchten Lobositz und Lilith mindestens acht Tanzlokale und ebenso viele Kabaretts. Überall ein Tanz, ein paar Vorträge – und weiter.

Lilith war rastlos, nervös, von lauter Heiterkeit und unermüdlich.

Und von Zeit zu Zeit gab's einen Seitenblick auf Lobositz: ›Hast du noch nicht genug? Leidest du, mein Lieber? Möchtest im Bett liegen und schlafen? Ja, wenn man sich eine junge Frau nimmt in deinem Alter, muß man dafür büßen.‹

Mit heimlicher Schadenfreude sah sie, wie Lobositz zusehends verfiel, wie die Schatten um die Augen tiefer wurden, seine Sprache mühsamer und die Falten von den Nasenflügeln abwärts schärfer.

Und im Geiste sah sie den anderen vor sich: die schlanke Gestalt, die feuchten, dunklen Augen und fühlte, wie er sie mit starken Armen hochhob und wie wundervoll wehrlos sie gewesen – die paar Sekunden, die sie von dem Augenblick getrennt hatten – der sie hingeworfen hätte als seine Beute ... wenn sie sich nicht im letzten Augenblick besonnen und aufgerafft hätte ...

Herrgott, war das alles schön gewesen!

Und dann wachte sie auf und sah plötzlich Lobositz an ihrer Seite, und es stieg bitter und widerwillig in ihr auf ...

»Du wirst müde sein – gehen wir.«

»Ganz und gar nicht«, log er tapfer. »Wir bleiben, so lange du willst.«

»Nein, nein; es wird schon hell.«

Ein naßkalter, grauer Nebeltag brach an.

Der goldene Herbst war unwiderruflich dahin ...

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