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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 40
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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XXXIX

Tarnowski übersieht prüfend das Arrangement. Beim Kamin der elektrisch geheizte, silberne Teekessel, im Körbchen von Sèvresporzellan die Konfitüren, auf der Platte die Sandwiches, in der geschliffenen und geätzten alten Flasche der braune Malaga. Englische, parfümierte Zigaretten, ein diskreter Duft von Eau Russe. Keine Deckenbeleuchtung, sondern Stehlampen mit gelben Seidenabatjours. Die Portiere zum Nebengelaß gerafft, halb offen – drinnen das breite niedere Bett mit einer schwarzen japanischen Atlasdecke, auf der blaue Schmetterlinge und Vögel gaukeln. Ein Kristallfisch sperrt sein Karpfenmaul auf und trägt ein violettes Licht, das seinen magischen Schimmer durch den Raum wirft.

Der alte Wodak wird in der Dienstbotenkammer gegenüber dem Eingang unsichtbar bleiben – alles ist in Ordnung; Lilith kann kommen.

Richtig, der Gaskamin muß angedreht werden – es fröstelt doch schon ein bißchen gegen Abend.

Es läutet scharf und energisch.

Lilith ist da – wirklich gekommen.

Tarnowski fühlt etwas wie Zittern in den Knien.

Gar so einfach, wie sonst, ist diese Sache nicht ...

Er empfängt sie und beugt sich tief über ihre Hand.

Im Vorbeigehen schraubt er mit einem Griff die Glocke des Telephons ab; nur keine Störung.

Die Türe hat sich hinter ihm geschlossen – er will den Schlüssel umdrehen.

Lilith war darauf vorbereitet und merkt es.

»Bitte nicht! Der Gedanke, eingesperrt zu sein, macht mich nervös.«

Unwillkürlich fühlt sie leise tastend im Perlenbeutel – ja, der Revolver ist noch da.

»Sie haben wohl gezweifelt, daß ich komme, und das Ganze für einen Scherz gehalten?«

»Nicht doch! Sie sehen doch, der Tee erwartet Sie – dunkel oder hell?«

»Goldblond.«

»Ein oder zwei Stück Zucker?«

»Zwei.«

»Rum – Milch?«

»Nichts.«

Sie schlürfen beide.

Und betonen überdeutlich Manieren und Distanz.

Die Zigarette bringt Befreiung. Man lehnt sich in die brokatüberzogenen Berceusen zurück.

Der Kampf beginnt.

Vorpostengefechte.

»Möchten Sie nicht wenigstens Hut und Handschuhe ablegen? Es redet sich leichter und freier.«

»Wenn es Ihnen Spaß macht ...«

»Ich möchte Ihnen die teueren Fingerspitzen küssen und meine Augen an diesen brandroten Locken berauschen, die das Hütchen neidig verdeckt.«

»Sie haben heute Ihren poetischen Tag. Wer liefert Ihnen die Poesie?«

»Mein Gefühl.«

»Und wer liefert das Gefühl?«

»Sie – Madame!«

Lilith fühlt eine kleine Degenspitze auf der Brust.

Der Gegner notiert: getroffen.

Lilith lenkt ab:

»Also, so sieht das Interieur eines Pariser Frauenverführers aus? Sehr stimmungsvoll! Schade, daß es gerade ich sein muß, die Sie bei sich empfangen. Ich fürchte, Sie werden nicht auf Ihre Kosten kommen.«

»Ihre Gegenwart allein ist Glück.«

»Fabelhaft, wie Sie sich ausdrücken! Jedes Wort eine elegante Süßigkeit. Man sieht die ungeheure Technik und Routine.«

»Bin ich schon so alt, daß Sie bei mir nur mehr an Technik glauben? Trauen Sie mir gar keine ehrliche Empfindung oder Leidenschaft zu?«

Seine Stimme ist dunkel und weich geworden, was sie erbeben macht. Im Augenblick liegt unleugbar etwas in ihr.

Lilith ist nicht ganz sicher: entweder fabelhaft echte Komödie oder – doch vielleicht? Na, wir werden ja sehen.

Tarnowski hat sich erhoben: Die Distanz zwischen ihm und Lilith muß verringert werden.

Er hat ein niedriges Tabourett an sie herangerückt und sitzt wie ein Page halb zu ihren Füßen.

Die Situation ist bewährt. Hat sie die Hände auf der Lehne des Sessels, kann er mit einer leichten Beugung des Hauptes sie küssen. Er kann auch das Knie küssen, das sich durch den Krepp ihres Kleides scharf und schön abzeichnet. Er kann auch ganz leicht sein Haupt in ihren Schoß legen, wenn er sich dann etwas aufrichtet, ist er in der Höhe des Stuhles.

Liliths Kopf ist im Schatten – seiner im Licht der tiefstehenden Lampe.

›Schöner Bursch'‹, denkt Lilith unwillkürlich. ›Jung und stark – ein Rassetier, mit bösen Instinkten. Gewiß kein Kavalier.‹

Er erweckt eine so angenehme Unsicherheit. Man muß immer auf etwas gefaßt sein, und das peitscht die Nerven auf. Man fühlt, daß man lebt. Es ist ein Überschuß von Vitalität in ihm, der die Formen sprengt. Mein Herr Gemahl wird sich das nie gestatten – vielleicht nicht mehr gestatten. Ist Zartheit nicht vielleicht schon eine Form von Schwäche und Alter ... Jugend ist brutal, wenn sie ehrlich ist und nicht die Komödie der Erziehung spielt.

Tarnowskis Kopf ist plötzlich auf Liliths Hände gesunken. Er küßt ihre Finger mit langen, inbrünstigen Küssen.

Eine Weile läßt es sich Lilith, angenehm durchrieselt, gefallen – dann besinnt sie sich.

»Nicht, lieber Freund! Wir wollen vernünftig bleiben. Ich bin doch nicht gekommen, damit etwas geschieht, was wir beide bereuen würden. Es ist ein Fest der Erinnerung, das wir feiern – an ein Glück, das an uns beiden vorbeigegangen ist. Warum haben wir es nicht festgehalten?«

»Warum halten wir es nicht fest? Warum ist es zu spät – noch ist es Zeit ...«

»Nein – es ist nicht mehr Zeit! Wenn man vernünftig bleiben kann – soll man es bleiben ...«

»Ich kann's nicht – ich liebe Sie zu sehr ...«

Tarnowski ist aufgesprungen.

»Oh, lieber Freund, das ist gegen unsere Vereinbarung.«

»Wer kann vernünftig bleiben, wenn Sie so schön sind und so nah ...«

»Setzen Sie sich und zünden Sie sich eine Zigarette an und erzählen Sie mir, wie vielen Frauen Sie diese Komödie der Leidenschaft in diesem Raum, bei dieser Beleuchtung, die gewiß etwas Verführerisches hat – schon vorgespielt haben.«

»Sie sind entsetzlich grausam und von einer bösartigen Härte ...«

»Wenn die Liebe stirbt und die Vernunft regiert ...«

»Ich beneide Sie um Ihre Vernunft ...«

»Stellen Sie sich vor: eine Frau wagt es in Ihrer Gesellschaft vernünftig zu bleiben ... Ja, einmal bin ich weich gewesen, ganz weich und hilflos – und habe gewartet, daß ein gewisser Jemand kommt. Jetzt kann ich es Ihnen ja ohne Gefahr sagen.«

»Also doch, also doch, es war die Wahrheit: ich hätte dieser Anka folgen sollen damals ...«

»Ach, was höre ich da? Meine Gesellschafterin hat Ihnen etwas erzählt? Was denn, wenn ich fragen darf? Es würde mich ungemein interessieren.«

»Nichts ... So gut wie nichts ...«

»Was immer sie gesagt hat – es wird auf keinen Fall stimmen, lieber Freund. Anka war eine der größten Lügnerinnen und hat immer Dinge gesagt, die nie gewesen sind. Was immer sie Ihnen erzählt hat – es war Phantasie. Ich habe nie ein Wort über Sie mit ihr gesprochen. Nie ein Wort – sie hat gelogen. Vielleicht kombiniert – erraten, geglaubt – aber nichts gewußt ...«

»Und das Zeichen, das Sie mir geben sollten – und auf das ich gewartet habe wie ein Verzweifelter – deswegen bin ich doch abgereist und nicht wiedergekommen ...«

Lilith ist frappiert.

Irgend etwas scheint da doch zu stimmen. Jetzt ist seine Erregung echt. Er hat sie also doch geliebt und auf sie gewartet.

Ihre Haltung ihm gegenüber wird um eine Nuance milder.

»Lieber Freund, wer kennt sich in diesem Wirrwarr aus, den diese Frau angerichtet. Wer weiß, wieviel wahr, wieviel gelogen war. Lassen wir die alten Geschichten und verderben wir uns nicht die eine Stunde, die uns gehört in diesem Leben, ehe es uns wieder auseinanderreißt.«

Tarnowski entzündet sich an der Situation und an seinem eigenen Temperament wie ein guter Schauspieler, der sich in Stimmung spielt und echte Komödiantentränen weint.

»Lilith, das darf nur ein Anfang sein – aber kein Ende. Ich liebe Sie heute noch wie damals. Die Klatschereien, die uns damals getrennt haben – müssen weggeräumt werden. Wir müssen einander gehören!«

Er hat sie mit einem jähen Ruck von dem Sessel empor und in seine Arme gerissen. Er küßt ihr die Haare, die Stirne, die Augen und saugt ihr den Atem aus.

Ihre Arme liegen den Körper entlang. Er hat sie eisern umklammert. Sie windet sich wie eine Schlange und kommt nicht los – wie unter den Fängen eines Adlers fühlt sie sich eingeschnürt, hilflos ... und verloren.

Schon hat er sie emporgehoben und trägt sie zum Nebenzimmer.

Da, eine ungestüme Bewegung von ihr, und er stürzt mit seiner Last zu Boden.

Ein wilder Fluch von seinen Lippen – aber sie ist ihm schon entkommen.

Sie hat den Perlbeutel erreicht, sie reißt den Revolver heraus und hält ihm die Waffe entgegen.

»Nicht anrühren – oder ich schieße!«

Er klappt zusammen.

Sie rafft Handschuhe und Hut mit der Linken und rückwärts gehend, öffnet sie mit dem Ellenbogen die Tür und drängt sich hinaus. Mit dem Fuß wirft sie diese dann krachend zu.

Im Laufschritt zur Haustüre und schon steht sie auf dem Flur und eilt die Treppe hinab.

Gerettet!

Ins nächste Auto ...

Mit verzerrten Zügen schwankt Tarnowski in die kleine Küche, wo Wodak beim Ofen hockt und wie gewöhnlich trinkt.

Er fährt auf.

»Gelungen?«

»Im Gegenteil ... entwischt ... ohne ...«

»Verdammte Kanaille!«

»Aber sie kommt noch in meine Gasse! Jetzt erst recht! Dieses Weib muß ich haben! Dieses Weib will ich haben – und wenn meine Existenz daran scheitert! Die wird nicht nach Brasilien gehen – die wird meine Geliebte ...«

»Jan! Um Himmels Willen, was heißt denn das? Wie siehst du denn aus? So hast du ja nie gesprochen von einer Frau.«

»Freilich nicht ... diese rote Kanaille hat es mir angetan – in die bin ich verliebt.«

»Herr des Himmels! Welch ein Unglück auf meine alten Tage! Der Bursche ist verliebt ...«

»Und warum nicht? Warum soll gerade ich nicht verliebt sein und immer nur schuften und mich verkaufen und ans Geld denken? Ich bin ja auch jung und hab' ein Recht auf mein Herz.«

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