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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 36
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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XXXV

»Jetzt bin ich eigentlich froh, daß dieser Tarnowski nicht zu uns nach Zermatt gekommen ist.«

»Wieso? Warum?« fragt Lobositz erstaunt, denn das hat er nicht erwartet.

»Nun ich finde«, erklärt Lilith seelenruhig, »er ist ein Bluff. So schön er ist, seine ganze Hübschigkeit ist furchtbar weiblich – und außerdem ist er ein höchst lästiger Schwätzer, der nicht aufhört, immer wieder das banalste Zeug vorzubringen. Er ist mir direkt auf die Nerven gegangen. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten bei euch beiden und bin auf und davon gegangen.«

»Also deshalb?« sagt Lobositz erleichtert.

»Ja, deshalb. Hast du etwas anderes geglaubt?« fragt Lilith im Ton vollkommener Unschuld.

»Nein«, erwidert Lobositz ausweichend, »– eigentlich nicht. Ich hatte nur einen Moment den Eindruck, du denkst noch oder wieder an die alte Geschichte, weil er doch einmal so getan hat, als sei er in dich verliebt ...«

»Ach, bitt' dich! Wer nimmt schon solche galante Schwätzereien ernst! Ist das schon ein Mann, dieser Tarnowski!? Du bist ein Mann – aber der ...«

»Lilith, meine süße Lilith ...«

Lobositz reißt sie wieder einmal an sich. Wie erlöst atmet er auf. Alle Schreckgespenster seiner Phantasie sind mit einemmal verscheucht, er wird wieder ruhig, sicher, gläubig – und überlegen.

Er ist überzeugt, daß er nichts zu fürchten hat. Beinahe übermütig wird er. Jetzt braucht man sich mit der Abreise nicht allzusehr beeilen und kann Paris noch genießen.

Lächelnd und spielend hat Lilith erreicht, was sie wollte, und Lobositz in absolute Ruhe und Vertrauensseligkeit eingewiegt. Jetzt hat sie freie Hand zu ihrem Schlag gegen Tarnowski.

In ihrem grün-goldenen Schuppenkleid mit ihrem brandroten Locken, den ganz hellen blau-grünen Augen, dem blassen Gesicht und den stark gefärbten Lippen, steht Lilith im Zimmer mit lächelnder Miene, eine Siegerin und spielende Überwinderin – aalglatt und berückend – ganz Klugheit und Nerven, voll hitziger Kälte, der vollendete Typus einer neuen Generation, die keine Dämmerung der Seele und keine dunklen Winkel kennt, wo elementare Kräfte lauern, die zu fürchten sind, weil man sie nicht beherrscht. Der Dämon der Neuen Sachlichkeit. –

Sie speisten im weißen Rokokosaal des Ritz, lustig und übermütig – aber jedes Heiterkeit hatte andere Gründe, die doch im Grunde dieselben waren. Beide glaubten, daß sie keine Gefahr für die kommende Zeit zu fürchten haben, und freuten sich, den anderen dort hingebracht zu haben, wohin sie ihn haben wollten.

In den Theatern ist nichts Besonderes los – die Theatersaison hat noch nicht recht begonnen, man pflegt noch den Spielplan der verflossenen Saison.

Lobositz und Lilith fahren über die Seine hinüber ans andere Ufer, ins Viertel Montparnasse, drängen sich in das bunte, schreiende, internationale Tanzlokal ›Jockey‹ und erhaschen zwei Plätze an der Wand, wo man wenigstens von den Tanzenden nicht umgeworfen werden kann. Die Wände sind voller genial und wüst hingehauener Malereien und Plakate von den Jüngsten der Jungen.

Dazu eine tobende Jazzbandkapelle und junge Künstler aus aller Herren Länder, Schweden, Engländer und Holländer, alle mit Weibern, die zu ihnen gehören und auf dem Zwischendeck von Kunst und Liebe stehen. Man modelliert, man malt – man liebt. Alles ist wie in einem Rausch in Whisky, Liebe und Kunstbegeisterung getaucht.

Stimmung – große Stimmung.

Grazie, Frechheit und Übermut sind die Regenten der Stunde. Echtestes Paris, Noblesse und Bohème gemengt, – alle Sprachen werden gesprochen – nur nicht französisch.

Verhältnismäßig früh kehren Lobositz und Lilith nach Hause.

Seinen Zärtlichkeiten weiß sie sich geschickt zu entziehen.

Dann liegt sie noch lange mit offenen Augen und denkt an Tarnowski. ›Warte nur, du süßer Schuft, mit deiner verdammten Art, mich zu übersehen, du wirst mich noch zu fühlen bekommen ... Und wenn du nicht mehr ohne mich zu leben glaubst ... dann ... dann ... dann stoß' ich dich weg ... oder vielleicht – auch nicht.‹

Und mit einem seltsamen, unergründlichen Lächeln entschlummert sie.

Lobositz ist froh, einmal etwas früher nach Hause gekommen zu sein. –

Und auch er entschlummert befriedigt.

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