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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 33
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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XXXII

Tarnowski war vom Narzissenfest in Montreux kommend in Paris eingetroffen.

Die Nacht war schwül und dunstig gewesen. Er war müde und zerschlagen. Ihm graute vor der ersten Auseinandersetzung mit Madame Berthe, der strengen Herrin und Brotgeberin seines Lebens, von der er sich so gerne freigemacht hätte und die ihn maßregelte und kommandierte wie einen Schuljungen – belohnte und bestrafte, ja nach Laune und Verhalten, ihm bald den Brotkorb höher hängte, bald die Zügel locker ließ. Sie war es, nach der er sich ängstlich richten mußte, um ihre Gunst nicht zu verlieren. Mit Grauen dachte er an die Zeiten zurück, wo er noch in Lokalen niedrigster Sorte sein musikalisches Zigeunertalent verwerten mußte, um sich und seinen Vater durchzubringen, weil das kleine Vermögen des alten Wodak früher zu Ende gegangen, als die Erziehung seines Sohnes zum Gentleman und Hochstapler vollendet gewesen war.

Tarnowski hauste im vierten Stockwerk der Rue Taitbout, einer alten trübseligen Gasse, die vom Boulevard des Italiens ausgehend, sich nach Norden ins Viertel von St. Lazare verliert. Drei winzige Stuben war sein eigen: ein Mittelzimmer als Staatsraum, rechts und links je ein Kabinett als Schlafraum für sich und Wodak.

Tarnowskis Räume waren äußerlich ziemlich prunkvoll, wenn auch mit falschen Antiquitäten ausgestattet. Sie sollten ja doch Eindruck machen, wenn er Besuch erhielt. Das gehörte zum Geschäft.

Tarnowski war noch nicht recht umgezogen, als das Telephon schon anschlug.

Es war Madame Berthes flache und harte Stimme, die sich nach seinem Eintreffen erkundigte und ihn noch für den Vormittag zu sich bestellte. Längstens um zwölf Uhr hatte er anzutreten.

Mühsam zwang sich der Angerufene zu süßer Freundlichkeit und zu ein paar Phrasen über die Freude des Wiedersehens.

Kaum, daß er die Muschel hingelegt hatte, flog ihm ein ungezügeltes ›Psiakrew‹ über die Lippen.

Dann machte er sich hastig fertig.

Vor dem Hause zögerte er noch einen Moment, dann trat er in die kleine, schmierige Bar, die dicht nebenan lag, und stürzte zwei Gläschen Wermut hinunter, um sich Mut anzutrinken.

Einer jener plötzlichen Regenschauer, die in Paris so häufig sind, hatte eingesetzt. Er drückte sich die Häuser entlang bis zum Boulevard hinunter, kletterte dort in ein Auto und fuhr hinüber ins kleine Palais der Avenue Friedland, seinem Schicksal entgegen, dem er vorläufig nicht entrinnen konnte.

Mit bangen Gefühlen schlich er die roten Teppiche empor ins Entresol, wo Madame Berthe hauste.

Madame empfing ihn im Bette liegend, obwohl die Toilette schon vorüber war.

Die lachsrosa Seidenvorhänge waren noch herabgelassen, und das durchscheinende Licht färbte den Raum und auch Madame Berthe mit einem zarten Rosenschein, der die scharfen Umrisse wohltätig verschleierte und die grelle Deutlichkeit des Tageslichtes klug vermied.

»Jetzt kommst du daher – und nur weil ich dich angerufen ... Ist das ein Benehmen? Sieht so deine Liebe aus? Ich bringe dir Opfer über Opfer – und du ... Wo warst du heute nacht?«

»In der Eisenbahn.«

»Das ist nicht wahr.«

»Frage Wodak.«

»Der lügt, wie du willst.«

»Frage die Concierge.«

»Du bist gestern schon angekommen und hast die Nacht mit dieser Person verbracht.«

»Ich habe die Eisenbahnfahrkarte mit dem Stempel zu Hause – ich glaube wenigstens, wenn ich sie nicht weggeworfen.«

»Ich möchte diese Karte sehen! Ich glaube dir nicht ein Wort.«

»Berthe, du tust mir wieder einmal bitter Unrecht – und wirst es bedauern. Du treibst mich zur Verzweiflung mit deinen grundlosen Beschuldigungen.«

»War diese Geschichte mit der jungen Person in Genf vielleicht eine grundlose Beschuldigung?«

»Ich schwöre dir, ich habe nichts mit ihr gehabt. Sie ist mir nachgelaufen wie eine Hündin ...«

»Und du hast sie nicht erhört! Tugendhaft wie du bist!«

»Ihr Freund war ein Freund meiner Familie. Es wäre unritterlich gewesen.«

»Willst du mir auch vielleicht einreden, daß du ein wirklicher Graf bist und eine Familie hast? Hältst du mich wirklich für so dumm, daß ich dir darauf hineinfalle? Und wenn du wirklich einer bist – ein Graf, der kein Geld hat, ist gerade so eine Null wie jeder andere Mensch. Und du hast kein Geld – und wirst nie eines haben, weil es dir immer wieder durch die Finger läuft. Du brauchst ein Weib, das dich liebt, das auf dich aufpaßt, das dich hält und für dich sorgt. Du bist ein Kind ... ein leichtsinniges Kind ... ein undankbares Kind. Ich habe so viel für dich getan, und du benimmst dich so! Aber wenn ich sie erwische, diese Genfer Kanaille, die dich mir wegnehmen will – Vitriol schütte ich ihr ins Gesicht. Das Gericht wird mich freisprechen. Ich werde schildern, wie ich dich geliebt und was du mir angetan hast. Die Richter werden mit mir weinen und dich hassen, weil du mich so gemartert und zur Verzweiflung getrieben hast, daß ich mir gar nicht anders helfen konnte, als dieser Person einen Denkzettel zu geben, die dich mir rauben will, dich, mein süßes Putzi, meinen Chéri, meinen Liebling. Warum stehst du denn so wortkarg? Warum kommst du denn nicht näher? Fürchtest du dich vor deiner Berthe? Oder bin ich dir wirklich so zuwider? Bin ich denn schon so alt, so häßlich, daß du mich nicht mehr lieben kannst?«

Und er kniete am Bettrand nieder – kämpfte seine Wut hinab und erging sich in Ausrufen und Zärtlichkeiten.

Berthe hatte ihre Hand in sein Haar verkrampft, als ob sie ihn nimmer loslassen wollte, und schrie hysterisch lachend und schluchzend:

»Ich habe ihn! Ich habe ihn wieder, mein Bebe, meinen süßen Chéri!«

*

»Du bleibst natürlich zum Lunch?«

»Und dein Freund?«

»Ach, Arpell ist in London.«

›Auch das noch‹, knirscht Tarnowski heimlich.

Aber dann fiel es ihm ein: Vielleicht kann ich ihr in dieser Versöhnungsstimmung doch den Wechsel herauslocken, den sie eingelöst hat, und der Arpells nicht ganz sichere Unterschrift trägt – und mit dem sie mir immer droht, wenn sie ganz böse wird.

Der Lunch ist vorüber. Tarnowski hat es sich bequem gemacht und einen Pyjama von Madame angezogen, sitzt im Fauteuil und raucht seine parfümierte englische Zigarette.

Madame macht wieder einmal Toilette. Sie will ins Bois fahren. Tarnowski soll sie begleiten.

Die Kammerzofe hilft Madame. Vor der Kammerzofe kann man nicht reden.

Verfluchte Situation!

Jetzt ist Berthe noch weich. Jetzt gibt sie vielleicht den Wechsel heraus. So eine gute Stimmung kehrt nicht so bald wieder.

Vielleicht geht's noch auf der Fahrt ins Bois. Äußerstenfalls muß er wilde Leidenschaft markieren und möglichst lange bei ihr bleiben, um Berthe nicht aus den Händen zu verlieren.

Langsam entschließt sich auch er wieder, Toilette zu machen. Er sieht, vor der Ausfahrt kommt es mit Berthe zu keinem intimen Gespräch mehr.

Das Wetter ist rasch wieder schön geworden.

Das Auto wartet vor der Türe.

Berthe lenkt natürlich selbst, Tarnowski sitzt zur Linken.

Sie wollen die Avenue Friedland hinunter, am Are de Triomphe vorbei, ins Bois hinein und nehmen als Endziel Chateau de Madrid, wo sie den Fünf-Uhr-Tee einnehmen wollen.

Paris ist übervoll von Fremden. Autokolonne neben Autokolonne. Wie eine endlose Kette ziehen sie sich die ›Champs Elisées‹ herauf bis tief ins Bois hinein, um sich erst dort etwas zu lichten und zu zerstreuen. Aber kaum ein französisches Wort auf der ganzen Strecke, nur englisch.

»Diese verdammten Fremden«, zischt Madame Berthe. »Wir sind ja hier nur mehr geduldet, Paris ist zu einer englisch-amerikanischen Kolonie geworden! Wenn sie nur insgesamt zum Teufel gingen! Alles kaufen sie uns weg, die schönsten Autos haben sie; die Hotels und die Paläste gehören ihnen. Wir können nicht mehr mit, wir sind die armen Verwandten, die man unwillig duldet. Und das sind unsere Verbündeten! Unsere Freunde, die uns so behandeln!«

»Was willst du? Wir leben von ihnen – und das lassen sie uns fühlen. Man ist nie dankbar, wenn man jemandem auf Gnade und Ungnade ergeben ist. Das macht manchmal bitter und ungerecht – trotz aller Liebe ...«

»Soll das eine Anspielung sein?«

»Nein ... oder ... ja, – vielleicht doch ...«

»Was willst du?«

»Du hast noch immer ein Papier in der Hand, das ich einmal in einer leichtsinnigen Stunde unterschrieb ... Es macht mich rasend nervös ... Es könnte vielleicht in unrechte Hände kommen ...«

Berthe lächelt malitiös und wirft Tarnowski einen Blick von der Seite zu.

»Du bist schlau, mein Lieber! Aber ich – bin noch schlauer. Das Papier liegt in meinem Safe im Crédit Lyonnais wohlverwahrt. Und nervös brauchst du nur zu sein, wenn du etwas Garstiges gegen mich vorhast. Da du mich aber liebst, wie du sagst, und mir bedingungslos ergeben bist – brauchst du dich gar nicht zu sorgen, daß dort ein gewisses Papier liegt – es bedeutet keine Gefahr für dich. Freilich – wenn du dich eines Tages von einer anderen Seite zeigen würdest – Gott, wir Frauen sind so unberechenbare Geschöpfe ... und was heute Liebe war, kann morgen in Haß umschlagen. Und was dann geschieht ... Wer kann für sein Temperament bürgen?!«

Tarnowski tobte innerlich und hätte ihr gerne mit der Faust in das unverschämte Gesicht geschlagen. Der süße Ton ihrer Rede machte ihn rasend. Aber er mußte schweigen, lächeln, begütigen und kapitulieren – wie die Franzosen vor dem Pfund und dem Dollar.

Und überdies durfte er sich die Enttäuschung nicht merken lassen.

Aber lange wird er heute nicht bei ihr bleiben – dazu ist er fest entschlossen.

Er wird im Claridge oder im Meurice allein dinieren, dann in eine schicke Bar gehen und sehen, daß er ein paar lukrative Bekanntschaften macht, um sie in eine Spielhölle zu schleppen, damit sie ein bißchen erleichtert werden.

Der Croupier wird ihm einen Vorschuß geben, wenn die Fremden danach sind. Von Berthe verlangt er heute nichts – das ist einmal sicher.

Als ob sie seine Gedanken erraten hätte, fragte sie ihn plötzlich:

»Was hast du für heute abend vor?«

»Nichts Besonderes ... Arbeiten ... fürs Geschäft.«

»Gleich heute? Am ersten Tag?«

»Ich hab's nötig.«

»Ach so! Bist du wieder einmal fertig?«

Tarnowski zuckt schweigend die Achseln.

»Du wirst heute bei mir bleiben. Wir werden zusammen dinieren. Dann sehen wir ein bißchen hinunter in die Bank – und ziehen uns früh zurück. Morgen abend kommt ohnedies Arpell zurück.«

Tarnowski macht ein mürrisches Gesicht.

»Ich habe Sorgen.«

»Ich werde sie dir abnehmen«, meint Madame Berthe kurz. »Im übrigen bleibt's so, wie ich gesagt habe. Und jetzt sei wieder freundlich und mache mir kein Gesicht. Du weißt, daß du am hübschesten bist, wenn du lachst, du süßer Schuft ... du ...« und sie klopft ihm derb auf die Schulter, obwohl die Terrasse des Chateau de Madrid dicht gedrängt von Leuten war und einer dem anderen fast in den Magen sah.

Aber Madame Berthe liebte es, ihr Eigentumsrecht an Tarnowski förmlich zu plakatieren.

Tarnowski zuckte zusammen. Er war wieder einmal ganz mutlos. Weit und breit keine Aussicht zu entrinnen. Es war einfach trostlos.

Langsam leerte sich die Terrasse, und die Fülle der Wagen rollte durch die grünen, üppigen Alleen, in denen die weißen Kugeln der Lichter aufflammten, der Stadt zu.

Der Taumel des Genusses ging für die Fremden weiter. Hunderte von Theatern und Varietés und strahlend erleuchtete Restaurants, Jazz und Shimmy und dollarwütige Weiber warteten in den Mittelpunkten des Vergnügens von den Boulevards bei der großen Oper bis hinauf nach Clichy und Montmartre, wo die Pariser Nacht ihre blaugeschminkten lockenden Augen aufschlug.

Für Tarnowski hatte die Nacht nichts Verlockendes – trotzdem er in der Seitentasche seines Mantels ein dickes, knisterndes Kuvert fühlte, das früher nicht darin gewesen war.

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