Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dörmann >

Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 22
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
Schließen

Navigation:

XXI

Mit Umwegen und durch kleine Berggassen laufend, kam der Kammerdiener des Grafen Tarnowski atemlos und aschfahl und mit bösartig verzerrten Zügen im »Hotel des Alpes« beim hinteren Eingang an.

Das erste war, daß er die Fremdenliste verlangte und zu suchen begann.

Endlich fand er, was er suchte, und las: Graf Alfred Lobositz, Brasil; Baronin Anka Stoyanovic samt Nichte Lilith.

Also doch! Er hatte sich nicht geirrt.

Es war ein Lobositz, den er gesehen. Graf Alfred, den die Familie nach Südamerika abgeschoben hatte. Der allem Anschein nach nicht zugrunde gegangen war, sondern verhältnismäßig jung und wahrscheinlich auch wohlhabend und wohlbehalten noch lebte. In welchem Verhältnis aber standen die beiden Damen zu ihm?

Das mußte er unbedingt herausbekommen! Vorher war kein klares Denken und Disponieren möglich.

Er holte sich einen Boy heran, gab ihm ein paar Franken und versprach ihm denselben Betrag noch einmal, wenn er ihm von einem Kollegen im Palacehotel herausbekäme, was es für eine Bewandtnis mit dem Grafen und den zwei Damen, die mit ihm zugleich gekommen waren, hätte.

Dann setzte er sich in die getäfelte Stube im Souterrain, die für Chauffeure, Diener und das übrige Personal bestimmt war, ließ sich einen Whisky kommen und wartete nervös, eine Zigarette an der anderen anzündend ...

In einer halben Stunde wußte er alles.

Also Graf Lobositz war amerikanischer Millionär geworden und hielt sich eine wunderschöne junge Geliebte, die er eifersüchtig bewachte, und war allem Anschein nach höchst glücklich und zufrieden.

Diese Auskunft war schmerzlich.

Das Gesicht des alten Mannes verzog sich bösartig, und eine tiefe Furche legte sich zwischen die scharfen, feinen Brauen, die fast zusammenwuchsen.

›Da muß etwas geschehen! So gut darf es einem Lobositz nicht gehen! So darf es ihm nicht gehen auf dieser Welt – solange ich lebe!‹

»Ist der Herr Wodak hier«, klang plötzlich die weiche Stimme Tarnowskis durch den halbdunklen Raum.

Der Alte fuhr auf:

»Hier bin ich! Setze dich einen Augenblick zu mir! Ich habe mit dir zu reden. Ich bin auf etwas gekommen ... Weißt du, wer hier ist? Graf Alfred!«

Tarnowski wich entsetzt zurück.

»Wenn er mich erkennt!«

»Ausgeschlossen! Du warst doch damals – vor zwanzig Jahren – ein Bub! Aber mich ... mich hat er angestarrt – wie einen Geist! Und doch nicht gewußt, wo er mich hintun soll! Er darf mich auch nicht mehr zu sehen bekommen! Aber spüren soll er mich! Spüren! Und du wirst mir dabei helfen! Er zieht da mit einem Weibsbild herum – mit einer bildschönen Person. Er scheint sie zu lieben ... er ist eifersüchtig. Du wirst dich heranpirschen an sie – du wirst sie von seiner Seite holen ... du wirst sie zu deiner Geliebten machen ... Er soll es erleben, was das heißt, eine geliebte Frau verlieren ... Er hat es mir mit deiner Mutter gerade so gemacht! Und wenn die Kugel nicht von deiner Mutter aufgefangen worden wäre ... Noch im Sterben war sie von ihm nicht wegzubringen, so eisenfest umklammerten ihn ihre Hände, und mich hat sie verwünscht ...«

»Geh', laß doch diese alten Geschichten! Wozu wärmst du sie wieder auf? ... Überhaupt reisen wir wieder ab! Was geht uns dieser Lobositz mit seiner Geliebten an!«

Wie ein gereiztes Tier fuhr der alte Wodak auf.

»Das ist der Dank, daß ich dich zum Grafen gemacht, daß ich dich erzogen und dir Manieren beigebracht, daß ich ein armseliges, verachtetes Leben als Diener führe! Ich, der ich das Recht gehabt hätte kraft meiner Geburt – so gut wie Graf Alfred und, so gut wie sein Bruder, der Majoratsherr – ich war der Erste, der Älteste ... und wenn der alte Graf einen Funken von Ehrgefühl gehabt hätte, hätte er meine Mutter heiraten müssen – und dann war ich – ich ... Aber sie sind alle kaltherzige Schufte gewesen – der Vater und die Söhne – und haben herabgesehen auf mich – auf den Sohn des Bauernmädels ... die man abfertigt, wenn sie ein Kind kriegt – aber die man auslacht, wenn sie verlangt, daß der hochgeborene Graf auch sein Wort hält ...«

»Aber jetzt ist es vorbei mit den Grafen! Und die Lobositz sind auch nicht mehr als wir! Und wenn einer von ihnen glaubt, er kann sich was erlauben, so muß man ihn eben erinnern, damit er klein und arm und elend wird ...«

»Jan, lieber Jan, laß deinen alten Vater nicht im Stich! Schau, ich bitt' dich mit aufgehobenen Händen ...«

Und der Alte begann zu schluchzen.

»... sein Vater hat an meiner Mutter gesündigt – und er selbst an deiner Mutter. Im Zuchthaus bin ich gesessen als Mörder – und habe doch nichts getan, als meine Ehre geschützt gegen meinen leiblichen Bruder, der in mir nur den Stallknecht gesehen hat, mit dessen Frau man sich was erlauben darf und dem man Geld hinschmeißt, um ihm das Maul zu stopfen ... Aber gegen dich kämen sie nicht an ... Du bist ihresgleichen! Da gibt's kein Herabsehen und kein verächtliches Lächeln und kein Abtun mit einer Handbewegung! Du kannst aufrecht mit ihnen verkehren: Aug' in Auge! Du kannst ihnen alles zurückzahlen, was sie mir angetan haben! Du bist schön, du bist elegant – die Weiber fliegen dir zu – nimm sie dir, raub' sie aus – und wirf sie weg ... und lach' dazu! ... Arm machen kannst du den Grafen Alfred nicht – aber elend ... und das verlange ich von dir! ... Ich habe dir immer gesagt, wenn ich noch einmal einem, einem von diesen Menschen begegne, wird das mein schönster Augenblick sein. Da werde ich zurückzahlen ... Und du wirst für mich zahlen ... Hörst du? Du wirst ...?«

In der halbdunklen Bar, die um diese Zeit ganz leer war, steht der alte Wodak hochaufgerichtet, und die Augen bohren sich wie glühende Nadeln in den weichen, hilflosen jungen Mann hinein, der im Frack und tadellosem Abenddreß, rittlings auf einem der glänzenden Holzstühle, den Kopf auf die Lehne aufgestützt, sitzt und den Alten hilflos anstarrt.

»Ich habe geglaubt, ich soll mich um irgendeine reiche Amerikanerin umsehen ... und jetzt auf einmal ...«

»Das hat Zeit! Zuerst dieses Frauenzimmer losreißen von Lobositz! Verrückt machen! Das verstehst du ja! ... Und dann – aufs Pflaster schmeißen ... aber so, daß er es hört und sieht, was aus seiner Geliebten geworden ist – dann ... dann ... dann kann er sie ja wiederholen – wenn es ihm paßt ... Es ist nur die Frage, wie er sie wiederfindet. Sein Ideal – etwas gelitten dürfte sie ja schon haben – wenn sie aus deinen Händen entlassen wird, mein lieber Sohn.«

»Also, was habe ich zu tun?« meint Tarnowski ergeben. »Du läßt mich ja nicht früher in Ruhe.«

»Du wirst heute abend im Palacehotel dinieren, wirst zum Dancing bleiben ... Alles andere ist deine Sache. Da hast du Übung genug, um zu wissen, wie man einem Frauenzimmer den Kopf verdreht. Aber sei vorsichtig! Die Lobositz sind keine dummen Grafen, die haben eine gute Witterung für jede Gefahr. Also laß dir Zeit! Du darfst dir keine Niederlage holen. Halte dich am Anfang mehr an ihn und an die Alte, die sie da mitschleppen, und – ignoriere die Junge ... bis sie auf den Köder angebissen. Vor allem aber: sei nobel, nobel, und wieder – nobel! Ein wirklicher Graf darf ordinär sein – aber ein Hochstapler muß so wirken, wie ein wirklicher Graf – und muß nobler als nobel sein.«

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.