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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 14
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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XIII

Fast bis Mittag liegen Schlaf und Schweigen über beiden ...

Arm in Arm erscheinen sie lachend und übermütig zum Lunch in dem großen spärlich besuchten Saal des Hotels Imperial.

»Ist es immer so bei euch – so leer?«

»Mein Gott«, meint der alte Herzog, der sie bedient. »Wir sind stier hier in Wien. Wenn nicht ein paar Fremde kämen, die Einheimischen können es sich nicht leisten, bei uns zu essen. Na, und die Fremden fahren immer gleich weg; die haben bald genug von uns. Alleweil Bilder sehen kann man nicht. Und was das sonstige Leben bei uns anbelangt – es ist ja nichts mehr los in Wien. Wir sind ehrbar und fad geworden, weil wir kein Geld mehr haben und zuviel Steuer zahlen müssen. Die Theater sind hin und die Varietés und Tanzlokale und alles, was fesch war. Die Fremden, die sich unterhalten wollen, wissen nicht, was sie abends anfangen sollen ... na, und da fahren sie halt ab.«

Vom schwätzenden Herzog bedient, nehmen der Herr Graf und die junge Frau Gräfin den Lunch.

»Weißt du was, mein Schatz? Nachmittags zeige ich dir noch zwei Wiener Sehenswürdigkeiten. Die Demel-Konditorei, wo wir als junge Offiziere den schönen Wiener Frauen von damals den Hof gemacht haben – und das Burgtheater. Morgen fahren wir auf den Semmering ... Und noch etwas möchte ich dir vorschlagen, Lilith: du gehst doch mit mir von hier ins wirkliche Ausland. Du sprichst – verzeih – englisch und französisch nicht geläufig genug ... du bist vielleicht auch nicht ganz sicher, was die Manieren in allen Lebenslagen anbelangt – das soll kein Vorwurf sein ... deine Welt hat das nicht von dir gefordert – aber jetzt ist es nötig. Ich werde mich umsehen und eine Gesellschafterin für dich ausfindig machen. Irgendeine Dame, die alle erforderlichen Eigenschaften aufweist.«

»Du bist so gut und so reizend und denkst an alles.«

Die Demel-Konditorei erwies sich als arge Enttäuschung. Die Konfitüren waren zwar noch so exquisit wie ehemals, das Lokal war auch noch dasselbe – nur die Leute, die sich dort breit machten, vertrieben Lobositz rasch.

Zwar, Lilith hätte diese Empfindlichkeit nicht gehabt, aber Lobositz fand alles unmöglich.

Das Burgtheater verließen sie nach dem zweiten Akt.

Lobositz konstatierte, daß noch dieselben Leute spielten wie vor zwanzig Jahren – und dieselben Rollen.

Der Semmering, diese reizvolle Bergwelt, fast vor den Toren Wiens – in zweieinhalb Stunden Fahrt erreichbar und an tausend Meter hoch, war ein reines Vergnügen. Wälderluft und Sonne! Allerdings, ein Schritt ins Hotel und wieder nur jene Menschen, die es sich leisten können und die mit den vornehmen, gepflegten und zuvorkommenden Menschen der Vorkriegszeit nichts gemein hatten. Das ist eine Generation, die übersprungen werden muß. Die Kinder werden sich ihrer Eltern schämen und besser sein ...

Die Annonce, die von Lobositz in die Zeitung eingerückt war, hatte gewirkt. An vierzig Briefe und Offerten für den ausgeschriebenen Posten einer Gesellschafterin fanden sie bei ihrer Rückkehr vom Semmering vor.

Die Schrift eines einzigen Briefes fand Lobositz in ihrer eleganten Klarheit besonders sympathisch, und auch der ganze übrige Ton des Briefes gefiel ihm. Außerdem kam er von einer Dame von Welt; Feldmarschalleutnants-Witwe, stand in dem Brief.

»Die scheint mir die Richtige – die wollen wir uns ansehen und zum Tee bitten. Vielleicht werden wir mit ihr einig und nehmen sie mit.«

Der Einladung entsprechend, erschien am anderen Tag pünktlich zur angesetzten Stunde die Briefschreiberin; Baronin Irma Stoyanovic von Vermac, geborene Gräfin Keglevich de Buzin, Feldmarschallleutnantswitwe, stand auf der Karte, die sie hineinsandte.

Eine stattliche Dame trat ein.

Ein volles, blasses Gesicht, stark angemalt, die auffallend schmalen Lippen diskret hergerichtet, das Haar aschblond – ob gefärbt oder echt, war in der Geschwindigkeit nicht zu konstatieren. Ein etwas gedunsenes, verblühtes Gesicht, mit einem gewissen slawischen Reiz. Die Augen matt und ausdruckslos.

Gesamteindruck: trotz einfachster Kleidung distinguiert und Haltung.

Höflichste Begrüßung und Vorstellung.

Dann ein paar Phrasen, mit denen man nicht weiter kam.

Lobositz wurde ungeduldig.

»Liebe Lilith, laß uns einen Augenblick allein – die Baronin und ich werden uns leichter sprechen, da es sich um Geschäftliches handelt ... wenn auch ohne Formalitäten.«

Lilith erhebt sich, etwas gekränkt – wagt aber nichts dagegen zu erwidern.

»Also, liebe Baronin, ohne weitere Formalitäten, Sie wissen ungefähr, um was es sich handelt. Dieses junge Mädchen, kleinen Verhältnissen entstammend, soll meine Frau werden – später, wenn ich den Moment für gegeben erachte. Sie sollen ihr die Sicherheit des Auftretens geben, ihre Begleiterin und Freundin und Beschützerin sein – vor allem mit ihr zusammen wohnen. Ich wünsche vor der Welt einen gewissen guten Schein zu wahren. Es soll nicht so ohne weiteres heißen: ich habe meine Geliebte geheiratet. Das ist vielleicht eine Rückständigkeit von mir – aber ich bin das meiner Stellung schuldig. Sie sollen die Tante, Lilith die Nichte sein. Sie haben den Verkehr mit den Lehrern zu überwachen, denn Liliths Französisch und Englisch ist noch sehr mangelhaft. Sie haben dort mitzugehen, wo ich nicht mitgehen kann – oder will. Wir werden – übrigens selbstverständlich – offiziell gewöhnlich zu dritt erscheinen. Das wären Ihre wesentlichen Aufgaben. Jetzt bitte ich Sie, mir Ihre Ansprüche zu nennen und irgendeine Stelle, wo Sie bekannt sind und wo ich mich nach Ihnen erkundigen kann. Das soll kein Mißtrauensvotum sein, denn Ihr persönlicher Eindruck ist der beste – aber ich bin Kaufmann und lege auf Referenzen Gewicht.«

»Bitte wenden Sie sich an Graf und Gräfin Jahats und an Korvettenkapitän Ronka, dem intimsten Freund meines verstorbenen Mannes. Die Ordnung der finanziellen Seite unserer Abmachung überlasse ich Ihnen – ich bin nicht reich und bin darauf angewiesen, mich zu erhalten. Die Pension meines Mannes wird nicht ausgezahlt. Die Jugoslawen sehen ihn als Verräter in der nationalen Sache an, da er im ehemaligen österreichischen Heer gedient und schwarzgelber Offizier gewesen war. Ich kann infolgedessen nicht in Zagreb leben, sondern war bisher auf das Vermieten meiner Wohnung angewiesen. Das Wohnungsamt hat neuerdings den größten Teil meiner Wohnung beschlagnahmt und mir Zwangsmieter hineingesetzt. Ich bin der Kämpfe mit den Behörden müde und möchte infolgedessen diese Art des Broterwerbes aufgeben ...«

»Baronin, Sie werden auf alle Fälle von mir hören – ich glaube, Gutes.«

Lobositz begleitet sie bis zur Tür und verneigt sich respektvoll.

Dann ruft er Lilith.

»Gefällt dir diese Frau, oder hat sie auf dich unsympathisch gewirkt?«

»Im Gegenteil.«

»Dann möchte ich sie dir als Gesellschafterin engagieren, wenn die Referenzen über sie gut ausfallen. Natürlich zuerst probeweise für drei Monate – und dann für länger ... Ich bin dafür, daß wir bald von Wien weggehen. Wien macht mich traurig und krank. Eine verfallene Stadt – eine Art Venedig. Jeder Mensch jammert einen an und erwartet, daß man ihm hilft. Die Stadt ist ganz auf Betteln und Mitleid eingestellt. Die Faulheit und die Minderwertigkeit drapieren sich mit Melancholie. Wien ist eine Stadt der welken Blätter. Sie lebt nur noch von ihrer Vergangenheit. Ich habe scharfe Augen bekommen, seitdem ich weg war und andere Menschen und ihre Energien kennengelernt habe ... Also fort aus dieser fauligen Stadtluft. Wir gehen in die Berge ... in die wirklichen Berge, in einen gesunden Frühling – in die Schweiz, nach Montreux, nach ›Les Avants‹, wo klare Luft und reiner Himmel und gesündere Lebensverhältnisse sind. Ich ertrage dieses Wien nicht mehr, solange es so ist, wie es ist. Ich schäme mich seiner unfruchtbaren politischen Zankereien, seiner Parteikleinlichkeiten. Da habe ich einen ehemaligen Regimentskameraden getroffen, der um des lieben Geldes willen in einem Ministerium sitzt; ein vornehmer, anständiger Mensch. Fast geweint hat er, als er mir einen Einblick in diese Dinge gab. Und nirgends ein Weg ins Freie. Ich will nichts mehr wissen von meiner Heimat. Hier ist der Frühling nicht, den ich gesucht habe.«

»Ich gehe mit dir, wohin du willst. Wir wollen einen anderen suchen. Wien und Österreich ist nicht die Welt. Ich habe diesen Boden bis heute nicht gekannt. Ich werde ihn rasch vergessen haben – und du auch, mein lieber Freund.«

»Also, wenn alles hier erledigt ist – in ein bis zwei Tagen – sind wir in der Schweiz.«

»Ein Herr aus Berlin möchte den Herrn Grafen sprechen«, meldete der Portier durchs Zimmertelephon. »Soll ich ihn heraufschicken?«

Lilith fuhr auf.

»Mein Papa ...«

Lobositz bleibt kühl.

»Ich lasse bitten«, gab er durchs Telephon zurück.

»Was werden wir machen, ohne die Ruhe zu verlieren?«

Ein Klopfen wenige Sekunden später, es öffnet sich die Tür, und Herr Leßner, der Exbräutigam, schiebt sich linkisch herein.

Lilith sagt nur: »Ach so ...«

Lobositz steht kühl, unnahbar und völlig selbstsicher gegen das Fenster gelehnt.

Lilith aber lauert, sprungbereit wie eine Katze. Ein böser, herber – ja tückischer Zug ist in ihrem Gesicht verräterisch an die Oberfläche getreten.

Lobositz sieht es nicht.

Stumme Verbeugung Leßners.

Stummes Kopfnicken von seiten der anderen.

Schweigen.

Leßner sieht, er muß beginnen.

Vorwurfsvoll wendet er sich an Lilith:

»Deine Mutter weint sich die Augen aus, und dein Vater rauft sich die Haare.«

»Und Sie haben keine Beschäftigung?« fragt Lobositz ein wenig bissig.

Leßner fühlt sich blamiert, verliert die Sicherheit und sucht zu retten, was zu retten ist.

»Ich habe es, ohne an mich zu denken, übernommen, dieses verirrte Kind in den Schoß der Familie zurückzuleiten und sie den Händen des gewissenlosen Verführers zu entreißen.«

Lobositz lächelt noch immer.

Aber Lilith kann sich nicht halten und fährt los:

»Er ist kein Verführer! Und gewissenlos waren meine Eltern, daß sie mich mit so einer Krämerseele zusammenbringen wollen. Er hat mich nicht verführt! Ich eher ihn! Ich bin zu ihm gelaufen und habe gebettelt: ›Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! Befreien Sie mich von meiner Vergangenheit, von meinem Anhange, der nur aus verängstigten Jammerlappen besteht, von diesem Armeleutegeruch, von dieser inneren Leerheit jedweden ehrlichen Gefühles!‹ Er hat nur meinen drängendsten Bitten nachgegeben und auch erst dann, als er einsah, daß er damit ein schiffbrüchiges Menschenleben retten konnte. Auf ihn wirf mir keinen Stein!«

Die Vergangenheit mit all ihrer beinahe schon vergessenen Lieblosigkeit steht weit vor ihr auf, als sie sich, wie in rasender Angst an Lobositz anklammert und ihn anfleht:

»Bitte, bitte, wirf doch diesem Hanswurst ein paar Mark hin, daß er geht und wieder in der Vergessenheit versinkt, aus der er kam. Ich will dieses feige Gesicht nicht mehr sehen, und nicht mehr an all das erinnert werden, das nun endlich hinter mir liegt.«

»Es scheint, daß jener Mann einen verhängnisvollen Einfluß auf dich ausübt und deine Gedanken verwirrt. Solange ich dich kenne, hast du nie so gesprochen, hast Vater und Mutter geehrt und bist auch mir mit liebender Achtung entgegengekommen.«

»Weil ich schweigen, weil ich mich ducken, weil ich warten mußte, bis der Augenblick kam, der mich befreit. Oh, wie gerne wäre ich oft euch allen ins Gesicht gesprungen ...«

»Ich bestehe darauf, noch einmal mit dir unter vier Augen zu sprechen. Ich will dich retten, ehe es zu spät ist und du seinen Lockungen erlegen bist.«

»Streng' dich nicht an – du kommst zu spät! Also verachte mich! Und bitte meine Eltern, mich auch zu verachten und zu vergessen.«

»Lilith, ich erkenne dich nicht wieder. Das hätte ich nicht von dir erwartet!«

Er war mit einer schmerzlichen Pose in einen Stuhl zusammengebrochen, drückte das Taschentuch an die Augen und machte keine Miene aufzubrechen.

Lilith sah Lobositz mit einem hilflosen Blick an:

»Was soll man da tun – er geht nicht!«

Lobositz lächelte noch immer und gab Lilith einen stummen Wink.

Sie versteht ihn sofort und verschwindet lautlos.

Lobositz stellt sich, die Hände in der Hosentasche, breitbeinig vor Leßner auf und betrachtet ihn.

Leßner fühlt die Blicke und wird nervös.

»Also, was wollen Sie eigentlich wirklich? Machen können Sie und die Eltern nichts. Rein gar nichts! Die Lilith ist majorenn. Also, warum sind Sie eigentlich gekommen?«

Leßner schweigt sich aus.

Lobositz nimmt abermals das Wort:

»Ich werde Ihnen sagen, warum Sie gekommen sind: Sie haben sich gedacht, vielleicht läßt sich aus dem Trümmerhaufen meiner Hoffnungen doch noch irgend etwas retten. Wenn schon nicht die Braut – so doch das Geschäft, das mir mit der Flucht dieses Mädchens aus den Händen geglitten ist. Das ist nicht sehr nobel, aber praktisch gedacht. Ich kann diesen Standpunkt würdigen. Ich selber habe schon daran gedacht, die Familie für die getäuschten Lebenshoffnungen in irgendeiner Weise schadlos zu halten. Wissen Sie was? Sehen Sie zu, daß Sie das Geschäft erwerben, das Sie ins Auge gefaßt haben – und statt, daß es auf den Namen der Frau geht, gehen Sie mit Liliths Vater in Kompagnie. Das scheint mir eine gerechte Lösung. Sind Sie damit einverstanden?«

»Herr Graf, Sie sind wirklich ein Gentleman.«

»Anfangs waren Sie anderer Ansicht! Aber – – na, ja – –. Natürlich ist es Ihre Aufgabe, Liliths Vater alles, was nötig ist, plausibel zu machen und die Mutter zu beruhigen. Ich wünsche keinen Skandal und kein Geschrei. Ich wünsche, daß man Lilith und mich ungeschoren läßt – wir wissen beide, was wir wollen.«

»Herr Graf können sich auf mich verlassen. Ich werde alles aufbieten.«

»Ich glaube Ihnen und werde alles Nötige in Berlin veranlassen ... Hier –« und dabei reichte ihm Lobositz aus seiner Brieftasche einige hohe Scheine – »haben Sie eine kleine Anzahlung und Reisevergütung!«

Leßner strahlte über das ganze Gesicht und schob sich mit einem Kompliment hinaus.

Die Hand hatte ihm Lobositz nicht gereicht. Das war ihm doch überflüssig erschienen.

»Er ist schon fort! Du kannst schon wieder hereinkommen«, sagt er, die Türe zu Liliths Zimmer öffnend.

»Großartig, wie du ihn abgefertigt hast!« ruft ihm Lilith entgegen und wirft sich Lobositz an den Hals. »Du bist doch ein prachtvoller Mensch! Man muß dich lieben und bewundern und küssen auch!«

»Also, jetzt haben wir keinen Pfeil mehr aus dem Hinterhalt zu befürchten. Die drohende Wolke Berlin hat sich die Drohung abkaufen lassen! Erledigt!«

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